Anna ist Single und Minijobberin. Anna ist armutsgefährdet, sagt das Statistische Bundesamt.

Das ist Quatsch. Anna ist arm.

Warum das Statistische Bundesamt, eine Behörde des Innenministeriums, das nicht beim Namen nennt, hat mehrere Gründe. Armutsgefährdet, so erklärt eine Mitarbeiterin, sei das bessere Wort, weil klar werde, dass es sich nicht um einen Dauerzustand handeln muss: Wer heute wenig Geld hat, dem kann es morgen schon wieder besser gehen.

In seinen Berichten nennt das Statistische Bundesamt deshalb alle Menschen, deren Einkommen unterhalb der Armutsschwelle liegt, "armutsgefährdet". So auch im aktuellen Bericht über die Situation von Kindern in Deutschland.

Man könnte dem Destatis also wohlwollend unterstellen, dass mit dem Begriff eine Diskriminierung verhindert werden soll. "Arm" ist eine soziale Brandmarkung.

Aber genau deshalb muss das Wort benutzt werden. Wer aus Rücksicht auf die Betroffenen deren Situation schönredet, hilft ihnen nicht. Ganz im Gegenteil: Er verhindert, vielleicht auch unbewusst, dass sich etwas ändern kann.

Über ein Drittel aller Kinder von Alleinerziehenden sind armutsgefährdet? Das klingt, als sei ja gerade noch alles in Ordnung, so lange sich ihre Lage nicht weiter verschlechtert. Tatsache aber ist: Ein Drittel aller Kinder von Alleinerziehenden ist arm! Die Armutsgefährdeten in den Statistiken sind nicht nur bedroht, sie leiden bereits unter der Armut.

Das Statistische Bundesamt gibt auch freimütig zu, die Begriffe synonym zu verwenden . Die Bundesregierung benutzt "armutsgefährdet" in ihrem Armutsbericht , auch die Medien verwenden den Begriff gern. Nur der Duden ist in diesem Fall Hüter der Sprache und auch des gesunden Menschenverstands: "Armutsgefährdet" definiert er als "von wirtschaftlicher Armut bedroht".

Es gibt keine universelle Definition von Armut. Man kann nicht nur arm an Geld sein, sondern auch an sozialen Kontakten oder an Aufstiegsmöglichkeiten. Doch wenn sich an dem wichtigsten Faktor, nämlich dem zu geringen Einkommen, etwas ändern soll, darf der Euphemismus der bloßen "Gefährdung" nicht mehr die Tatsache verschleiern: Anna ist arm.