Eva Erdinger meldete bei der Polizei den Verlust ihrer Brieftasche, als der Beamte überrascht von seinem Computer aufsah. Ihr Betreuer hätte einen Einlieferungsbeschluss in die psychiatrische Klinik erwirkt, sagte der Beamte. Begründung: Die 56-Jährige hätte im Streit einem Bekannten gedroht und stelle daher eine "Gefahr für sich und andere" dar. Sofort wurde die gelernte Erzieherin mit der Streife in die Erlanger Psychiatrie gebracht. Mehrfach war sie schon wegen einer schweren Depression freiwillig in der Klinik, aber nun galt ihr Wille nicht mehr. Zwar räumt sie ein, einen ehemaligen Freund beschimpft zu haben, aber "nur so, wie jeder einmal heftig streitet". Die zuständige Ärztin befand, sie müsse mindestens eine Woche unter Beobachtung bleiben und verabreichte ihr starke Neuroleptika wie Haldol. Ihren Betreuer hatte Eva Erdinger das letzte Mal vor zwei Jahren gesehen.

Jedes Jahr werden in Deutschland rund 200.000 Menschen gegen ihren Willen in die Psychiatrie eingewiesen, schätzungsweise die Hälfte davon nach dem bundesweiten Betreuungsrecht. Eine mittlere Kleinstadt landet so nahezu unbemerkt in den geschlossenen Abteilungen der Psychiatrien. Eine aktuelle Antwort der nordrhein-westfälischen Landesregierung auf eine parlamentarische Anfrage der FDP zeigt: Das Betreuungsrecht wird sehr unterschiedlich angewandt. So werden in Niedersachsen oder Schleswig-Holstein 80 von 100.000 Bürgern jährlich gegen ihren Willen eingewiesen, in Thüringen sind es dagegen nur fünf von 100.000.

Denn das Gesetz ist schwammig: Nach Paragraf 1906 im Bundesgesetzbuch kann ein betreuter Mensch zwangseingewiesen werden, wenn die Gefahr besteht, dass er sich selbst tötet, oder erheblichen Schaden zufügt. Oder aber weil eine medizinische Untersuchung notwendig ist, deren Notwendigkeit er aufgrund seiner psychischen Erkrankung nicht erkennen kann. Welche Untersuchungen dies umfasst, führt das Gesetz nicht aus. In der Praxis aber ist die Frage nach dem Wohl und der Zurechnungsfähigkeit eines Menschen nur sehr schwer zu beantworten.

Auch die gesetzlich geschaffenen Hürden schrumpfen in der Praxis oft zu Durchwinkstationen. Das kontrollierende Amtsgericht stimmt nach der NRW-Statistik in rund 99 Prozent der Fälle umstandslos zu. Auch das Gutachten eines Sachverständigen muss eingeholt werden. Doch auch hier schützt das Gesetz den Betreuten nur unzureichend: "Häufig schreibt derselbe Arzt, der die Betreuung veranlasst hat, auch das notwendige Gutachten für die Zwangseinweisung. Und selbstverständlich bestärkt er darin seine vorherige Meinung. Das ist ein Unding", sagt Stefan Romberg von der FDP. Er sitzt im Düsseldorfer Landtag und ist einer der wenigen Psychiater in bundesdeutschen Parlamenten. Seit Jahren setzt er sich für die Rechte von psychisch Kranken ein.

Die Betreuung spielt bei Zwangseinweisungen eine immer größere Rolle. Das 1992 verabschiedete Betreuungsrecht löste die Entmündigung ab. Es werden inzwischen rund 1,3 Millionen Menschen in Deutschland betreut, also rund jeder fünfzigste Volljährige. Zum ehrenamtlichen Betreuer kann sich allerdings jeder beim Amtsgericht melden, auch um Berufsbetreuer zu werden, benötigt man bis heute keine spezielle Ausbildung. Betreuer sollen vor allem das alltägliche Leben organisieren, also zum Beispiel Rechnungen begleichen, Amtsgänge übernehmen und Hilfen für den Haushalt organisieren. Die zwangsweise Unterbringung sollte eine absolute Ausnahme sein.

Eva Erdinger sah ihren Betreuer in der Klinik nicht ein einziges Mal. Er habe zwar in den vergangenen zehn Jahren immer gewissenhaft ihr Konto gepflegt, persönlich getroffen hat sie ihn aber nur selten. Seit der qualvollen Scheidung von ihrem Mann vor 18 Jahren ist Eva Erdinger depressiv, aber "vollkommen selbstständig", sagt sie. Trotzdem hat ihr damaliger Arzt ihr 2001 einen Berufsbetreuer vorgesetzt. "Dieser Mann hat mein Leben in der Hand, und ich habe es verloren", sagt sie. In der Klinik habe sie stark unter den Nebenwirkungen der Neuroleptika gelitten. "Mir rann der Speichel aus dem Mund, die Beine wurden taub, ich hatte eine Thrombose", erzählt sie.

Auch der Bundesverband der Berufsbetreuer (BdB) sieht die vom Patienten abgelehnten Einweisungen kritisch. Klaus Förter-Vondey, Vorsitzender des BdB, sagt: "Vielen unter Zwang Eingewiesenen geht es nach der Psychiatrie schlechter als vorher. Sie haben ein zusätzliches Trauma erlitten." Der Sozialpädagoge kennt zwar Situationen, in denen der Zwang zur Behandlung unvermeidlich ist, zum Beispiel wenn das Leben der Betreuten bedroht ist, "aber besser geschulte Betreuer würden dramatisch weniger Zwangseinweisungen veranlassen". Anfänger würden häufig aus Angst zu schnell einliefern lassen, viele ehrenamtliche Betreuer hätten "keinen blassen Schimmer, mit welchen Erkrankungen sie es zu tun hätten".