Zwangseinweisungen"Seelisch Kranke nerven"

Der Psychologe Matthias Seibt hält den Einsatz von Betreuern für psychisch Kranke für eine gute Idee. Zwangseinweisungen führen die Idee jedoch ad absurdum. von Annika Joeres

ZEIT ONLINE: Herr Seibt, sie kritisieren, dass gesetzliche Betreuer zunehmend ihre Schützlinge in Psychiatrien zwangseinweisen. Trauen sie den Betreuern nicht zu, zum Wohle ihrer Klienten zu handeln?

Matthias Seibt: Die Betreuung an sich ist ein guter Gedanke. Eine Gesellschaft muss sich um ihre schwächeren Mitglieder kümmern. Aber bei einer Zwangseinweisung wird die ganze Idee ad absurdum geführt: Bei seelisch Kranken wird ausgehebelt, was jeder Körperkranke darf: eine ärztliche Behandlung abzulehnen. Die meisten Menschen werden eingewiesen, weil sie Psychopharmaka nicht mehr nehmen wollen, die ihr Arzt verschrieben hat. Ob sie sich ohne diese nachweislich gesundheitsschädlichen Pillen besser fühlen oder nicht, spielt keine Rolle mehr. Und selbst wenn: Zur gesellschaftlichen Freiheit gehört es auch dazu, das Falsche wählen zu dürfen.

Matthias Seibt

Matthias Seibt ist im Vorstand des bundesweiten Verbandes der Psychiatrie-Erfahrenen. Er ist Psychologe, war selbst einmal Patient in einer Psychiatrie und berät heute seelisch kranke Menschen.

ZEIT ONLINE: Seelisch kranke Menschen können sich in einem Ausnahmezustand befinden, Wahnvorstellungen haben oder schwer depressiv sein. Würden Sie da nicht einschreiten?

Seibt: Solange dieser Zustand nur mich betrifft, ist es erst einmal meine Sache. Wenn ich mich verfolgt fühle, aber niemandem etwas tue, gibt es keinen Grund, gewaltsam gegen mich vorzugehen. In Deutschland darf ich mich ja auch zu Tode saufen oder rauchen. Da kommt niemand auf die Idee, mich einzusperren. Aber natürlich müssen wir leidenden Menschen helfen. Diese Menschen brauchen meist nur einen freundlichen Zuhörer oder Hilfe bei einem akuten Problem. Manchmal reicht es auch schon aus, die Stereoanlage eines lautstarken Querulanten zu konfiszieren. Viele Gründe für Zwangseinweisungen werden wegen Ordnungswidrigkeiten wie Lärm oder Dreck vorgenommen. Das geht dann den Nachbarn, Vermietern oder Angehörigen auf die Nerven.

ZEIT ONLINE: Der Betreuer ist verpflichtet, im Auftrag des Betreuten zu handeln, da sollten die genervten Nachbarn keine Rolle spielen.

Seibt: Aber natürlich tun sie das. Denn auch für den Betreuer ist es immer einfacher, sich auf die Seite des Stärkeren zu schlagen und zum Beispiel den Kündigungsgrund des Vermieters zu bejahen. Menschen, die seelisch leiden, sind lästig. Jemand, der sich in seiner eigenen Wohnung auf bizarre Weise selbst verwirklicht, nervt vielleicht die Nachbarn. Aber das ist zivilrechtlich zu klären. Wenn jemand gewalttätig wird, ist das mit dem ganz normalen Strafrecht zu lösen. Nur für die seelisch Kranken wird hier ein nahezu unbeachtetes System aufgebaut.

ZEIT ONLINE: Warum ist das so?

Seibt: Es wurde mehrfach untersucht und befunden, dass psychisch Kranke nicht häufiger Verbrechen begehen als Gesunde. Aber vor ihnen wird Angst aufgebaut, die dabei hilft, sich abzugrenzen: Seht her, der Nachbar ist verrückt geworden und musste eingesperrt werden, das kann mir ja zum Glück nicht passieren. In Wirklichkeit kann jeder in persönlichen Krisen in die Lage kommen, aufzufallen, betreut zu werden und dann in der Psychiatrie zu landen. Aber die Angst vor dem Verrücktsein und den Verrückten ist der Motor für alle diese Abschiebegesetze.

ZEIT ONLINE: Wie würden Sie die Zahl der Zwangseinweisungen begrenzen?

Seibt: Jeder Mensch sollte in einer Patientenverfügung verbriefen, wer als Bevollmächtigter die Rolle des Vormunds übernehmen soll. Und das am besten sofort und nicht erst im höheren Alter. Außerdem sollten die Betreuer höchstens zwanzig Personen betreuen dürfen – manche von ihnen kümmern sich heute um mehr als vierzig Menschen, das kann nicht gut gehen. Generell müssen Betreuer über die lebensverkürzende Wirkung von Psychopharmaka aufgeklärt werden, davon verstehen sie meist gar nichts. Und der Betroffene muss mich gegen diesen Weg entscheiden können. Das menschenrechtswidrige Einsperren in die Psychiatrie müssen aufhören.

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Leserkommentare
    • clair11
    • 02. September 2011 20:35 Uhr

    Da zeigt sich die Stigmatisierung wieder.

    In der Überschrift ist vom "Psychologen M.S." die Rede. Das soll Fachkompetenz ausstrahlen.

    Und dann ganz klein der Hinweis, dass er selbst Psychiatrie-Erfahrener ist, und Vorstandsmitglied des Psychiatrie-Erfahrenen-Selbsthilfegruppeverbandes.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich sehe das ehrlich gesagt genau andersrum: Man hätte Herrn Seibt groß und breit als "psychiatrieerfahren" darstellen können und irgendwo im Kleingedruckten als "Psychologen" bezeichnen; dies wäre für mich stigamtisierender, da der Schwerpunkt hier auf der Psychiatrieerfahrung statt auf der (fachlichen) beruflichen Kompetenz liegt.

  1. Zwangseinweisungen
    "Seelisch Kranke nerven"

    Der Psychologe Matthias Seibt hält den Einsatz von Betreuern für psychisch Kranke für eine gute Idee. Zwangseinweisungen führen die Idee jedoch ad absurdum.

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    Noch vor der Bewertung sog. "kranker" Menschen, ist es ein Ausweis eines Unrechtsstaates Deutschland, dass in Deutschland
    auch völlig gesunde Menschen - ausweislich etlicher Medienberichte seit Jahren und Jahrzehnten - in Psychiatrien verschwinden.

    Das erinnert doch sehr an Deutschlands Vergangenheit und an Vorgänge, wie diese der ehem. DDR nachgesagt werden.

    Die Zuordnung eines Betreuers auch bei völlig normalen Menschen ist ein weiterer Skandal.

    Die Medien berichten hierzu ebenfalls seit Jahren und Jahrzehnten - jetzt erst aktuell wieder bei Report Mainz -
    von Betreuern, welche ihre als hilfsbedürftig erklärten Personen - buchstäblich und nachweislich ausrauben. Da werden von den Betreuern Häuser und Grundbesitz verkauft, ohne die Eigentümer zu informieren, bei denen der Verbleib des erzielten Geldes ungeklärt bleibt. So verschwinden oft 100 000ende von Euros auf Nimmerwiedersehen, wie das leider oft genug von den Medien des recherchierenden Journalismus immer wieder bewiesen wird.

    zB der Fall eines gerichtlich bestellten Betreuers mit 30 Betreuungsfällen bei dem solche "Verbrechen" nachgewiesen worden sind, die Betreuer aber keinerlei Strafe erfahren haben und auch ihr Amt weiter ausführen, so als ob nichts gewesen wäre.

  2. "Jeder Mensch sollte in einer Patientenverfügung verbriefen, wer als Bevollmächtigter die Rolle des Vormunds übernehmen soll. Und das am besten sofort und nicht erst im höheren Alter."

    Das ist nicht ganz korrekt. Eine Patientenverfügung dient dazu, bestimmte medizinische Maßnahmen zuzulassen bzw. abzuwehren für den Fall, dass man sich nicht mehr äußern kann bzw. die eigene Einwilligungsfähigkeit in Frage gestellt wird.

    Gegen eine Entmündigung (aufgezwungene "Betreuung") durch ein Vormundschaftsgericht kann man sich mit einer Vorsorgevollmacht schützen und darin eine Person des Vertrauens wählen, die im Notfall den in der Patientenverfügung formulierten und festgelegten Willen durchsetzt.

    Eine Patientenverfügung mit integrierter Vorsorgevollmacht, die speziell dazu bestimmt ist, erzwungene Aufenthalte in der Psychiatrie, psychiatrische Diagnosen und Behandlungen sowie Entmündigungen zu verhindern, ist die "PatVerfü": http://www.patverfue.de/formular.html

    Sie wird herausgegeben von mehreren Betroffenenorganisationen, unter anderem dem Landesverband Psychiatrie-Erfahrener, zu dessen Vorstand Matthias Seibt gehört.

  3. Ich sehe das ehrlich gesagt genau andersrum: Man hätte Herrn Seibt groß und breit als "psychiatrieerfahren" darstellen können und irgendwo im Kleingedruckten als "Psychologen" bezeichnen; dies wäre für mich stigamtisierender, da der Schwerpunkt hier auf der Psychiatrieerfahrung statt auf der (fachlichen) beruflichen Kompetenz liegt.

    Antwort auf "Stigmatisierung"
  4. Es gibt übrigens eine Gruppe psychisch Kranker, die gefährlicher sind als der Bevoelkerungsdurchschnitt, das sind junge männliche Schizophrene, die sich von ihrer Umwelt bedroht fühlen und dann nach dem Motto " mach kaputt was Dich kaputt macht" versuchen die im Wahn erlebte Bedohung auszuschalten.

    in den USA hat übrigens die massive Einschränkung von Zwangsbehandlungen und Entpsychiatrisierung mit massivem Abbau von Psychiatriebetten dazu geführt, dass viele psychisch Kranke da landen, wo sie überhaupt nicht hingehören, auf der Straße und im Knast.

    aus meiner Sicht gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen der Einschränkung von Zwangsbehandlungen und der Zunehmenden Anzahl von langfristig in Forensischen Kliniken untergebrachten Patienten, die dort landen, wenn dann wirklich etwas passiert
    Ist.

  5. der Mann hat einfach recht

    Eine Leserempfehlung

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Ausnahmezustand | Lärm | Motor | Patientenverfügung | Psychiatrie | Strafrecht
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