ZEIT ONLINE: Herr Seibt, sie kritisieren, dass gesetzliche Betreuer zunehmend ihre Schützlinge in Psychiatrien zwangseinweisen. Trauen sie den Betreuern nicht zu, zum Wohle ihrer Klienten zu handeln?

Matthias Seibt: Die Betreuung an sich ist ein guter Gedanke. Eine Gesellschaft muss sich um ihre schwächeren Mitglieder kümmern. Aber bei einer Zwangseinweisung wird die ganze Idee ad absurdum geführt: Bei seelisch Kranken wird ausgehebelt, was jeder Körperkranke darf: eine ärztliche Behandlung abzulehnen. Die meisten Menschen werden eingewiesen, weil sie Psychopharmaka nicht mehr nehmen wollen, die ihr Arzt verschrieben hat. Ob sie sich ohne diese nachweislich gesundheitsschädlichen Pillen besser fühlen oder nicht, spielt keine Rolle mehr. Und selbst wenn: Zur gesellschaftlichen Freiheit gehört es auch dazu, das Falsche wählen zu dürfen.

ZEIT ONLINE: Seelisch kranke Menschen können sich in einem Ausnahmezustand befinden, Wahnvorstellungen haben oder schwer depressiv sein. Würden Sie da nicht einschreiten?

Seibt: Solange dieser Zustand nur mich betrifft, ist es erst einmal meine Sache. Wenn ich mich verfolgt fühle, aber niemandem etwas tue, gibt es keinen Grund, gewaltsam gegen mich vorzugehen. In Deutschland darf ich mich ja auch zu Tode saufen oder rauchen. Da kommt niemand auf die Idee, mich einzusperren. Aber natürlich müssen wir leidenden Menschen helfen. Diese Menschen brauchen meist nur einen freundlichen Zuhörer oder Hilfe bei einem akuten Problem. Manchmal reicht es auch schon aus, die Stereoanlage eines lautstarken Querulanten zu konfiszieren. Viele Gründe für Zwangseinweisungen werden wegen Ordnungswidrigkeiten wie Lärm oder Dreck vorgenommen. Das geht dann den Nachbarn, Vermietern oder Angehörigen auf die Nerven.

ZEIT ONLINE: Der Betreuer ist verpflichtet, im Auftrag des Betreuten zu handeln, da sollten die genervten Nachbarn keine Rolle spielen.

Seibt: Aber natürlich tun sie das. Denn auch für den Betreuer ist es immer einfacher, sich auf die Seite des Stärkeren zu schlagen und zum Beispiel den Kündigungsgrund des Vermieters zu bejahen. Menschen, die seelisch leiden, sind lästig. Jemand, der sich in seiner eigenen Wohnung auf bizarre Weise selbst verwirklicht, nervt vielleicht die Nachbarn. Aber das ist zivilrechtlich zu klären. Wenn jemand gewalttätig wird, ist das mit dem ganz normalen Strafrecht zu lösen. Nur für die seelisch Kranken wird hier ein nahezu unbeachtetes System aufgebaut.

ZEIT ONLINE: Warum ist das so?

Seibt: Es wurde mehrfach untersucht und befunden, dass psychisch Kranke nicht häufiger Verbrechen begehen als Gesunde. Aber vor ihnen wird Angst aufgebaut, die dabei hilft, sich abzugrenzen: Seht her, der Nachbar ist verrückt geworden und musste eingesperrt werden, das kann mir ja zum Glück nicht passieren. In Wirklichkeit kann jeder in persönlichen Krisen in die Lage kommen, aufzufallen, betreut zu werden und dann in der Psychiatrie zu landen. Aber die Angst vor dem Verrücktsein und den Verrückten ist der Motor für alle diese Abschiebegesetze.

ZEIT ONLINE: Wie würden Sie die Zahl der Zwangseinweisungen begrenzen?

Seibt: Jeder Mensch sollte in einer Patientenverfügung verbriefen, wer als Bevollmächtigter die Rolle des Vormunds übernehmen soll. Und das am besten sofort und nicht erst im höheren Alter. Außerdem sollten die Betreuer höchstens zwanzig Personen betreuen dürfen – manche von ihnen kümmern sich heute um mehr als vierzig Menschen, das kann nicht gut gehen. Generell müssen Betreuer über die lebensverkürzende Wirkung von Psychopharmaka aufgeklärt werden, davon verstehen sie meist gar nichts. Und der Betroffene muss mich gegen diesen Weg entscheiden können. Das menschenrechtswidrige Einsperren in die Psychiatrie müssen aufhören.