Neulich kullerte meine Tochter die Treppen runter. Sie hatte sich an meinem kleinen Finger festgehalten, war mit einem Gummistiefel abgerutscht und dann von Stufe zu Stufe nach unten gerollt. Ihre Schreie waren so laut, dass der Hausmeister neugierig durch die Kellertür gerannt kam.
 
Ich dachte, ihr Hals ist gebrochen. Sie drückte ihren Kopf an meine Brust, weinte und sagte: "Enna nich kaputt".
 
Es heißt, Kinder verändern die Welt. Enna ist nun seit gut drei Jahren der Mittelpunkt meiner. Wir sind zusammen von Pfütze zu Pfütze gesprungen, haben abgeklatscht, als sie das erste Mal ihr Töpfchen richtig gefüllt hatte. Ich habe ihr erzählt , dass Pusteblumen zum Pusten da sind. Sie erklärte mir, dass es donnert, weil die Wolken gegeneinander krachen.
 
Wie das Vatersein meinen Blick auf die Welt verändert hat? Schwer zu sagen. Durch Enna hat sich die ganze Welt geändert. Wenn wir in Berlin zusammen über den Flohmarkt laufen, schenken fremde Menschen meiner Tochter eine Sonnenblume, einen Keks oder eine Gummiente. Einfach so. Ohne Begründung.
 
Enna war kein geplantes Glück. Bevor ich sie das erste Mal in meinem Arm hielt, dachte ich, sie wäre zu diesem Zeitpunkt keine gute Idee. Inzwischen weiß ich, sie war die beste.
 
Manchmal habe ich Angst, dass ich als Vater nicht genug bin . Im vergangenen Sommer war ich fast sechs Wochen in Südafrika . Ich habe viel gearbeitet und viel erlebt. Die Erinnerung, die sich am tiefsten eingeprägt hat, ist, wie sehr ich Enna vermisst habe.
 
Sie hat das Bild, das ich von mir selbst habe, verändert. Ich habe mich gewandelt. Viel mehr als ich es vor der Geburt meiner Tochter erwartet hatte. Mittlerweile kann ich einen Zopf machen. Wenn Enna der gefällt, ist mein Tag ein schöner Tag. Auf nichts bin ich so stolz, wie auf diesen 98-Zentimeter-Zwerg.
 
Paul Watzlawick schrieb einmal: "Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat, sieht in jedem Problem einen Nagel." Ich glaube, seitdem Enna da ist, benutze ich meinen Hammer seltener. Sie hat Verbissenheit genommen und Verantwortung gegeben.
 
Am Abend nach dem Sturz über die Treppen saßen wir in der Badewanne. Enna sah vom Wasser aus durchs Fenster. Ein Kratzer wie ein Treppenstufenabdruck war auf ihrem Bauch. Ein Flugzeug durchzog den spätsommerblauen Himmel. "Papa, das Flugzeug macht Schaum!", sagte meine Tochter. "Nein", antwortete ich. Dann lieferten wir uns eine Schaumschlacht.

Steffen Dobbert, Sportredakteur ZEIT ONLINE