Familienglück Zu spät im Kindergarten

Der Morgenkreis im Kindergarten beginnt um 9 Uhr. Mark Spörrle sammelt Tipps von Kollegen und Nachbarn, um endlich mal pünktlich zu sein.

Wir kommen oft zu spät in den Kindergarten. Jedenfalls an den Tagen, an denen der Morgenkreis pünktlich um 9 Uhr beginnt. Es gibt auch Tage, da kommen wir pünktlich, und prompt findet der Morgenkreis später statt. Weil eine Betreuerin krank und für Ersatz kein Geld da ist. Oder weil die Betreuerinnen darüber schimpfen, dass für Ersatz kein Geld da ist. Sie schimpfen so lange, bis ich atemlos mit Luise eintreffe. Also zu spät.

Neulich lief fast alles gut: Wir betraten den Kindergarten geduckt, das kann Luise trotz ihrer vier Jahre schon hervorragend, huschten den Flur entlang zu den Kleiderfächern, und noch im Laufen riss ich Luise Fahrradhelm, Jacke und Schuhe herunter. Gerade wollte ich die Tür öffnen, hinter der die anderen Kinder sangen, und meine Tochter in den Raum schieben. Da stand ein Schatten vor uns. Martha, die Erzieherin. Ich richtete mich hastig auf.

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Familienglück - die Kolumne

Mama und Papa gehen arbeiten, die Kleine in den Kindergarten. Das perfekte Familienglück ist nur eine Frage der Organisation, oder? Mark Spörrle schreibt in seiner Kolumne "Familienglück" über die Tücken des Alltags.

"Können Sie nicht ein einziges Mal früher kommen?" Keine Frage. Ein Vorwurf.

"Doch", wollte ich die Sache abtun, "leider klappt es nicht immer."

"Warum nicht?", beharrte sie.

"Ich würde ja gerne", wand ich mich, "aber Luise..."

Ihr Blick glich dem einer Lehrerin, der man erzählt, das Heft mit den Matheaufgaben sei eben einer unerklärlichen Selbstentzündung zum Opfer gefallen.

"Warum", sie betonte jedes Wort, "gehen Sie nicht einmal früher los? Ihrem Kind zuliebe?"

Ich schwieg. Erstens glaube ich, dass Erzieherinnen wissen sollten, dass Erwachsene wissen, dass man pünktlich sein sollte. Dass Erwachsene also nur zu spät kommen, wenn es nicht anders geht und sei es jeden Tag. Zweitens, und das war peinlich, hatte sie recht.

Ein paar Tage nach dem ersten Vorfall rief mich Martha an und fragte, ob ich nur den Morgenkreis boykottieren wolle oder in einer persönlichen Krise sei.

"Es liegt an Luise", sagte ich, sonst rede ich natürlich nie so über meine Tochter. "Am Wochenende, in den Ferien steht sie alleine früh um halb sieben auf und weckt uns. An Morgenkreis-Tagen denkt sie nicht daran."

Martha lachte, offenbar dachte sie, ich mache einen Witz.

"Sie denkt auch nicht daran, ins Bad zu gehen oder sich anzuziehen", fuhr ich fort. "Sie trödelt. Egal, ob wir sie bitten, schmeicheln, kuscheln, ob wir sie ermahnen, ihr drohen ..."

"Kein Wunder", rief Martha. "Ihr dürft nicht drängen. Drängen provoziert unselbständiges Verhalten. Euer Kind braucht Zeit. Ihr müsst mehr Zeit einplanen."

Am nächsten Morgen planten wir mehr Zeit ein und stellten den Wecker eine Stunde früher. Wir kamen über eine Stunde zu spät. Marthas Blick war vernichtend.

In der Mittagspause bat ich erfahrene Väter um Hilfe. "Wir machen immer einen Wettbewerb aus dem Angeziehe", verriet ein Kollege, der offenbar ganz erfolgreich vier Kinder mit mehreren Frauen hat. "Und wenn das nicht klappt: Zieh dich einfach an und tue, als ob du gehst. Was meinst du, wie schnell deine Kleine hinterhergelaufen kommt."

Leser-Kommentare
  1. Luise möchte gerne mit ihren Eltern zusammen sein. Ihr wirkungsvoll solides Programm, um ihre Eltern in die Spur zu kriegen, ist das Trödeln. Sie haben eine schlaue zielstrebige Tochter, das muß ich sagen ;-))

  2. Dann ist es vermutlich auch die Schuld der kleinen Luise, dass ihr Papa lediglich wenig unterhaltsame Alltagslapalien zum Besten geben kann.

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    Entfernt. Bitte äußern Sie Kritik sachlich. Die Redaktion/wg

    Entfernt. Bitte äußern Sie Kritik sachlich. Die Redaktion/wg

    • ludna
    • 10.10.2011 um 18:01 Uhr

    also ich habe es immer genossen, meine Tochter erst um elf (wenn es ging) in den Kindergarten zu bringen, und die Vorwürfe der Erzieher haben mich immer darin bestärkt.

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    ...wenn man es sich beruflich leisten kann, dann sollte man sich Zeit lassen und experimentieren. Ich lasse den Kleinen manchmal auch ganz zu Hause, wenn nichts Wichtiges ansteht und er zu Hause bleiben will, und ich gebe zu: manchmal ist es purer Egoismus, weil der Vormittag einfach die schönste Zeit ist, in der das Kind am aufnahmefähigsten ist.

    Redaktion

    Ich werde es weiterhin üben, auch wenn es noch kein Genuss ist.

    ...wenn man es sich beruflich leisten kann, dann sollte man sich Zeit lassen und experimentieren. Ich lasse den Kleinen manchmal auch ganz zu Hause, wenn nichts Wichtiges ansteht und er zu Hause bleiben will, und ich gebe zu: manchmal ist es purer Egoismus, weil der Vormittag einfach die schönste Zeit ist, in der das Kind am aufnahmefähigsten ist.

    Redaktion

    Ich werde es weiterhin üben, auch wenn es noch kein Genuss ist.

  3. Ich kenne das. Schlimmer ist es jedoch, wenn man beim Abholen zu spät kommt. Chef und Kollegen sind ungehalten, weil man pünktlich gehen möchte. Die S-Bahn hat Verspätung, oder ein Stau auf der Straße und schon ist man trotzdem man aus Parkplatznot in zweiter Reihe parkt, zu spät im Kindergarten. Die Erzieherin wollte pünktlich gehen und ist stinksauer. Man muss unterschreiben, dass sie 7 Überminuten gemacht hat, damit sie diese abfeiern kann. Während man selbst sich zu Hause nach Kind abfüttern, waschen, in den Schlaf lesen, auf den Rechner stürzt um zu lesen was man im Büro versäumt hat. Einmal wurde mir wegen 20-Stau-Minuten sogar angedroht, mein Kind würde aus dem städtischen Hort geworfen. Diese Zeit war für mich von Dauerhetze. "ich mache es immer irgendwem nicht recht" und vielen Bußgeldbescheiden bestimmt.

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    ...kannst du die Nach-Kiga-Betreuung mit anderen Eltern abstimmen, vielleicht abwechselnd? Ich habe schon einige Male für andere gestresste Eltern die Kinder eine Weile aufgenommen. Auf dem Dorf, wo man sich mit Namen kennt, ist das aber vermutlich einfacher.

    ...kannst du die Nach-Kiga-Betreuung mit anderen Eltern abstimmen, vielleicht abwechselnd? Ich habe schon einige Male für andere gestresste Eltern die Kinder eine Weile aufgenommen. Auf dem Dorf, wo man sich mit Namen kennt, ist das aber vermutlich einfacher.

  4. beim Anziehen morgens, bisher habe ich es aber immer geschafft sie pünktlich in den Kindergarten zu bringen.

    Sicherlich, die Bringzeit variiert je nach Tageslaune zwischen 8:15 Uhr und 8:45 Uhr, aber in diesem Zeitraum funktioniert es immer.

    Was mir anders machen?

    Keine Ahnung, aber vielleicht fängt die Erziehung ja schon früher an, sodaß solche Probleme bei uns gar nicht erst auftreten?

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    ...einfach sehr unterschiedlich, auch Kindergärten. Kinder die weniger gerne hingehen, trödeln tendenziell mehr.

    Kinder bei denen sich die Eltern abwechseln, vermutlich auch, denn dann ändert sich jedesmal, und sei es nur marginal, der morgendliche Ablauf und gibt dem Kind damit Spielraum den es ausreizt.

    Desweiteren gibt es eine typische Aufsummierkette, wer mit seinen Kinder frühstückt geht ein Risiko ein, wer mit seinen Kindern zum Kindergarten läuft, statt fährt, geht ein Risiko ein. Und wenn ich besonders pünktlich sein will, setzt der Kleine sich aufs Klo und braucht nochmal eine Viertelstunde länger, dann klemmt der Reißverschluß der Jacke, den er aber unbedingt selbst schliessen möchte usw.

    Wer sich Zeit für das Kind nimmt und sich auf dessen Tempo, Schlafbedürfnis und Lernwillen einstellt, kommt halt gelegentlich zu spät. Ist das schlechte Erziehung? Imho eher das Gegenteil.

    vielleicht will manches Kind gar nicht in den Kindergarten?

    ...einfach sehr unterschiedlich, auch Kindergärten. Kinder die weniger gerne hingehen, trödeln tendenziell mehr.

    Kinder bei denen sich die Eltern abwechseln, vermutlich auch, denn dann ändert sich jedesmal, und sei es nur marginal, der morgendliche Ablauf und gibt dem Kind damit Spielraum den es ausreizt.

    Desweiteren gibt es eine typische Aufsummierkette, wer mit seinen Kinder frühstückt geht ein Risiko ein, wer mit seinen Kindern zum Kindergarten läuft, statt fährt, geht ein Risiko ein. Und wenn ich besonders pünktlich sein will, setzt der Kleine sich aufs Klo und braucht nochmal eine Viertelstunde länger, dann klemmt der Reißverschluß der Jacke, den er aber unbedingt selbst schliessen möchte usw.

    Wer sich Zeit für das Kind nimmt und sich auf dessen Tempo, Schlafbedürfnis und Lernwillen einstellt, kommt halt gelegentlich zu spät. Ist das schlechte Erziehung? Imho eher das Gegenteil.

    vielleicht will manches Kind gar nicht in den Kindergarten?

  5. aufrichtiges Beileid, Sie sind zu bemitleiden...

    *Pruuuusssttt*

    Was für Lappalien heute Eltern - insbesondere in der Medienbranche - ausbreiten müssen, um sich wichtig zu machen oder zu zeigen, dass Sie auch Kinder haben...

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    • Suryo
    • 12.10.2011 um 10:15 Uhr

    Beim Nachnamen des Autors und dem Vornamen der Tochter dachte ich sofort: aha, Schwabe vom Prenzlauer Berg.

    Wie schaffen es eigentlich Eltern, die selbst um acht bei der Arbeit sein müssen, ihre Gören pünktlich beim Kindergarten abzuliefern?

    Über konstruktive Kritik würden wir uns freuen. Danke, die Redaktion/mk

    • Suryo
    • 12.10.2011 um 10:15 Uhr

    Beim Nachnamen des Autors und dem Vornamen der Tochter dachte ich sofort: aha, Schwabe vom Prenzlauer Berg.

    Wie schaffen es eigentlich Eltern, die selbst um acht bei der Arbeit sein müssen, ihre Gören pünktlich beim Kindergarten abzuliefern?

    Über konstruktive Kritik würden wir uns freuen. Danke, die Redaktion/mk

  6. Ich sehe das genauso wie Schaumberger.
    Kleiner Tipp:
    Die eigenen Termine so legen, das man vor dem Morgenkreis im Büro sein muss(!!). Klappt sehr zuverlässig; und gilt sowieso für die meisten Eltern. Hier werden (Journalisten-)Minderheitenprobleme diskutiert - wie meistens, wenn ZEIT-Redakteure über den Alltag an sich schreiben. Sie merken anscheinend gar nicht, dass der Rest der Welt anders lebt als sie.

  7. Und was soll jetzt aus eurem geliebten Kind werden, wenn sie von Euch lernt, dass ihre Eltern zwar keine Zeit für sie haben, weil sie wichtige Dinge (also wichtigere als ihre Kinder) zu erledigen haben, aber vor dem Kindergartendragoner kuschen?

    Ich verstehe Eure Tochter. Euch nicht.

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    Wir haben genügend Zeit für unsere Tochter. Doch Kinder wollen oftmals noch mehr ;-)

    Spielen Sie mal 5h mit Ihrem Kind und sagen ihm dann, dass es ins Bett soll... Da werden sie kaum Unterschiede bemerken, ob Sie vorher 1h oder 5h gespielt haben.

    Wir haben genügend Zeit für unsere Tochter. Doch Kinder wollen oftmals noch mehr ;-)

    Spielen Sie mal 5h mit Ihrem Kind und sagen ihm dann, dass es ins Bett soll... Da werden sie kaum Unterschiede bemerken, ob Sie vorher 1h oder 5h gespielt haben.

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