Eine Suppe wie aus der Restaurantküche. Tieforange, drei Tröpfchen Crema Balsamico, in der Mitte ein Klecks Sahne. Während die Familie mit Begeisterung auf das kleine Kunstwerk des Vaters reagiert, zittert Célines Hand, als sie den Löffel zum Mund führt. "Ist nur ganz wenig Sahne drin", sagt Oliver Berger* aufmunternd.

Fünf Minuten beobachten er und seine Frau, wie ihre Tochter mit der Kürbissuppe kämpft. Dann greift Saskia Berger* ein: "Iss jetzt!", sagt sie bestimmt. Céline nölt, meint, sie hätte heute morgen ein halbes Brötchen mit Margarine gegessen, das hätte genug Fett für den ganzen Tag. Doch sie beugt sich dem elterlichen Druck und löffelt ihre Suppe aus.

Die 15-Jährige ist magersüchtig. Ihr Blick ist fahrig, die Arme knochig. "Sie hätten mich mal vor einem halben Jahr sehen sollen", sagt sie selbst. Oliver Berger erzählt, anfangs hätten sie kaum Veränderungen wahrgenommen. Die Tochter hätte sehr auf ihr Gewicht geachtet, das schon. Und öfter gemeckert, wenn der Vater die Saucen mit kalter Butter abgebunden hätte. Saskia Berger gibt zu, dass sie das eigentlich gut fand.  Sie ist selbst sehr schlank, perfekt manikürte Nägel. "Ich esse zwar gerne und viel, aber ich treibe schon ziemlich oft Sport", sagt sie. Mutter und Tochter sind im örtlichen Sportverein in der Leichtathletiksparte aktiv.

Und so fiel den Bergers sehr spät auf, dass ihre Tochter die Grenze zwischen sportlich schlank und erschreckend dünn längst überschritten hat. "Sie hat immer weniger gegessen, am Ende nur noch Salat ohne Dressing", erinnert sich der Vater. Und Saskia Berger ergänzt: "Am Anfang dachten wir, das ist nur ein Spleen, das gibt sich wieder." Heute wissen beide, dass das ein Fehler war.

Ein Fehler, den viele Eltern machen. Corinna Jacobi ist Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der TU Dresden und hat zusammen mit ihrem Team ein Interventionsprogramm für Eltern von magersüchtigen Mädchen entwickelt. Auf der Suche nach Teilnehmern verteilten sie 6.000 Fragebögen an 45 Schulen in Dresden. Aber gerade einmal 25 Prozent der Fragebögen kamen zurück. Sie waren überrascht, denn der Aufwand war nicht groß.

"Für so 'nen Scheiß hab ich keine Zeit"

Als das Forscherteam die eingegangen Fragebögen ausgewertet und die Eltern der 148 sogenannten Risikomädchen angerufen hat, der Mädchen also, die schon anorektisch sind oder gefährdet, eine Magersucht zu entwickeln , wurden sie oft abgewimmelt. Corinna Jacobi sagt: "Es überrascht mich nicht, dass Eltern sagen: "Wir kennen unser Kind besser als irgendein Wissenschaftler das beurteilen kann." Aber manche Reaktionen erschütterten die Psychotherapeuten. Sie hörten: "Für so 'nen Scheiß hab´ ich keine Zeit", oder: "Das verwächst sich schon wieder."

In der Öffentlichkeit wird zwar viel über Essstörungen berichtet. Es gibt Kampagnen von Gesundheitsministerien und Vereinen, auch an den  Schulen. Aber  Eltern verharmlosen die Erkrankung ihrer Kinder noch immer. Das stellten nicht nur die Dresdner Wissenschaftler fest. Heike Hölling hat für den Kinder- und Jugendgesundheitssurvey des Robert-Koch-Instituts 17.641 Kinder bundesweit zum Thema befragt. Danach litten rund 20 Prozent aller 11- bis 17-Jährigen unter einer Essstörung. Bei den 14- bis 17-Jährigen gab es schon für jedes dritte Mädchen einen Hinweis darauf, unter den Jungen waren 13,5 Prozent auffällig. Hölling meint: "Man kann nicht sagen, dass die Eltern sich nicht sorgen. Aber sie erkennen ein Gesundheitsproblem manchmal nicht rechtzeitig."

Dabei fallen Magersüchtige eigentlich auf, im Gegensatz zu Jugendlichen, die unter Bulimie (Ess-Brech-Sucht) leiden und meist normalgewichtig sind. Corinna Jacobi benennt drei Risikomerkmale, die allesamt auf eine Magersucht hindeuten. Einen drastischen Gewichtsverlust oder ein niedrigeres Gewicht als 90 Prozent der anderen Mädchen in der Altersgruppe, ständige Sorgen um die Figur und ein ausgeprägter Hang zum Perfektionismus.