Kristina Schröder will in diesem Jahr einen gesetzlichen Rahmen für die sogenannte vertrauliche Geburt schaffen. Babyklappen und anonyme Geburten sind schon lange umstritten und rechtlich in der Grauzone. Die Bundesfamilienministerin will den betroffenen Frauen künftig im Unterschied zur anonymen Geburt nur für zehn Jahre zusichern, dass ihre Daten geheim bleiben. Die Kinder sollen ab einem gewissen Alter erfahren dürfen, wer ihre leiblichen Eltern sind.

Anlass ist eine Studie des Deutschen Jugendinstituts, die im Februar veröffentlicht wird, die Zusammenfassung hat das Institut jedoch schon vorgestellt. Sie bestätigt erstmals mit Zahlen, was der Ethikrat schon lange kritisiert: Babyklappen und anonyme Geburten erfüllen nicht, was man sich von ihnen erhofft hatte. Und die Kinder leiden später darunter, nicht erfahren zu können, wer ihre Eltern sind.

Die Autoren befragten Jugendämter und Träger der Angebote von Babyklappen oder anonymen Geburten. Allerdings beteiligten sich viele der Angeschriebenen nicht. Die Ergebnisse zeigen, dass seit Bestehen der Angebote bis zum Stichtag 31. Mai 2010 m i ndestens 973 Kinder anonym zur Welt kamen oder in Babyklappen abgelegt wurden.

Babyklappen haben ihr Ziel nicht erreicht

Etwa 100 Babyklappen gibt es in Deutschland seit gut 10 Jahren, 130 Kliniken ermöglichen anonyme Geburten. Das vorrangige Ziel war: Leben retten. Die kirchlichen oder gemeinnützigen Einrichtungen hatten gehofft, dass Mütter in Not, ihr Baby nicht aussetzen oder töten würden, wenn sie es anonym zur Welt bringen oder abgeben könnten. Zielgruppe sollten außerdem ganz junge Mädchen, Drogenabhängige und Prostituierte sein. Doch die Befragungen ergaben, dass die Angebote genau diese Frauen oft nicht erreichen.

Adoptionsexperten argumentieren schon lange, dass Frauen, die ihr Kind aussetzen oder töten, nicht mehr in der Lage seien, logisch zu handeln. Aber um eine Babyklappe oder eine Klinik, die anonyme Geburten zulässt, zu finden, müsse man noch rational handeln können. 

Die Zahl der Kindstötungen ist dementsprechend auch nicht zurückgegangen. 16 tote Babys wurden nach einer Auswertung des Kinderhilfswerks Terre des Hommes im vergangenen Jahr gefunden. Neun Kinder wurden in Innenstädten, an Parkplätzen oder vor Kliniken ausgesetzt.

Die Studie des Jugendinstituts ergab außerdem, dass die Qualität der Träger sehr unterschiedlich ist. Alarmierend ist, dass für ein gutes Fünftel der anonym abgegebenen Kinder nicht mehr nachvollzogen werden konnte, wo sie später hingekommen sind.

Das Recht des Kindes und das Wohl der Mütter

Wenn Mütter ihren Namen nicht verraten, wird ein Grundrecht des Kindes verletzt. Denn Kinder haben ein Recht darauf, ihre Herkunft zu kennen. Kinder, die ihre leiblichen Eltern nicht kennenlernen können, haben laut Experten oft Probleme, ihre Identität auszubilden; auch ihr Selbstwertgefühl entwickle sich schwerer, was zu vielen Umwegen im Lebenslauf führen könne. Laut Studie des Kinder- und Jugendinstituts werden von den knapp 1.000 Kindern mit anonymer Herkunft 314 dauerhaft anonym bleiben. Für manche Kinder wäre das vielleicht zu vermeiden gewesen.

Denn die Befragung ergab auch, dass viele Frauen vor allem wollen, dass bestimmte Gruppen – Arbeitgeber, Partner, Behörden – nichts von der Geburt erfahren. Ihr Wunsch bezieht sich nicht unbedingt auf das Kind.

Anonymität bringt außerdem schwere Belastungen für die Mütter mit sich. Die Frauen trauen sich nicht, während der Schwangerschaft zum Arzt zu gehen. Sie sind meist komplett allein. Die Situation, die die Frauen zu ihrer Entscheidung getrieben hat, ändert sich auch nach der Geburt nicht, wenn sie anonym bleiben. Betroffen sind zum Beispiel Frauen, die illegal im Land oder akut mit ihrem Leben überfordert sind. Sie werden weiter allein gelassen. Und müssen zudem mit dem Schmerz leben, ihr Kind zurückgelassen zu haben.

 Kompetente Hilfe wichtiger als Babyklappen

Kritiker der anonymen Geburt sagen auch, dass die Gefahr bestehe, dass Inzest, Vergewaltigungen und Seitensprünge vertuscht werden, obwohl den Frauen geholfen werden könnte.

Die Studie spricht sich trotzdem nicht explizit gegen anonyme Geburten aus. Die Befürworter der Babyklappen sagen, dass manche Frauen einfach zu niemandem mehr Vertrauen haben – und also auf die anonyme Geburt angewiesen seien. In Not waren die Mütter in jedem Fall, als sie ihre Kinder abgaben.

Aufklärung, Verhütung, Beratung und Betreuung

In einem sind sich jedoch Gegner und Befürworter von Babyklappen einig: Am wichtigsten sei, dass Mütter und Väter Hilfe bekommen. Auch die Ethikprofessorin Christiane Woopen, die Mitglied im Ethikrat ist, forderte im Deutschlandradio vor allem mehr Aufklärung, Verhütung, Beratung und Betreuung. Wichtiger als die Schließung der Babyklappen sei, dass Internet- und Telefon-Hotlines mit kompetenten Ansprechpartnern schnell zu finden seien. Und auch die Schwangerenkonfliktberatungsstellen sollten nach ihrer Ansicht ihr Angebot ausbauen.

Ein "Gesetz zur vertraulichen Kindesabgabe mit vorübergehend anonymer Meldung" hat der Ethikrat schon 2009 vorgeschlagen. Es setzt auf Vertraulichkeit und langfristige Beratung. Die Mütter würden nicht allein gelassen, und Kinder können später erfahren, wo sie herkommen. Die Grauzone der anonymen Geburt und Abgabe wird es vielleicht trotzdem noch eine Weile geben.