Es klingt verrückt, jetzt noch davon zu sprechen. Aber wir hatten noch nie so einen schönen Weihnachtsbaum. Kerzengerade, exakt fünf Zentimeter niedriger als die Zimmerdecke. "Und die Zweig-Ebenen", schwärmte meine Liebste immer, "sie lassen exakt den richtigen Platz für die Kugeln! Hast du je einen Baum mit so wundervollen Zweig-Ebenen gesehen?"

Hatte ich nicht. Wir haben diverse Weihnachtsbaumformen erlebt, von "Kuno dem Kahlen", dem wir zugekaufte Zweige implantierten, bis zu "Shaun, dem Schaf", so dicht bezweigt, dass wir die Baumkugeln ins Dickicht klemmten, statt sie zu hängen. Aber eine solche Musternordmanntanne hatten wir noch nie. Wie gemalt. Ein Traum.

Auch Luise liebte unseren Baum. Als Weihnachten längst vorbei war, sang sie immer noch Kling Glöckchen und Stille Nacht , wenn wir abends die Lichterkette einsteckten. Wir sangen mit. Man muss seinen Kindern schöne Erlebnisse bieten, wenn es draußen dauerregnet und die Finanzkrise schwelt.

Also, wir brachten es nicht übers Herz, die Pracht von Baum zu entsorgen.

In unserem Haus waren wir damit schnell die letzten. Der erste Nachbar, er arbeitet für so etwas wie einen Hedgefonds, schleppte seine arme Fichte schon am zweiten Feiertag zur Abholung an den Straßenrand. Die Bäume der anderen folgten bis Silvester. Eine gläubige Nachzüglerin wartete, bis die Heiligen Drei Könige vorbei waren. Und schon sie musste sich von einer anderen Nachbarin mit viel Tagesfreizeit die kaum sichtbaren Tannennadelspuren von ihrer Wohnungstür bis zur Haustür vorhalten lassen.

Meine Liebste und ich stellten erleichtert fest, dass bei unserem Baum derzeit keine erhöhte Nadelgefahr bestand, wir uns also noch Zeit lassen konnten. Unvorsichtigerweise erzählte ich einem Arbeitskollegen davon. Er grinste und sagte, es gebe eine Satire von Heinrich Böll mit der gleichen Thematik. Ich erwiderte, nein, in Bölls Satire werde jeden Tag Weihnachten gefeiert, bis die Beteiligten wahnsinnig würden, und das sei bei uns nicht so. Er lächelte seltsam.

Ich beschloss, künftig in Gegenwart Fremder nicht mehr über unseren Baum zu sprechen. Denn das tat schon meine Tochter. Irgendwann, als wir beim Abendessen wie immer die Baumbeleuchtung anknipsten, fragte Luise: "Paaapi, wann kommt der Baum wieder weg?"