FamilienglückDie Trennung vom Weihnachtszauber fällt schwer

Der Januar ist verregnet, immerhin machen die Lichter am Baum das Leben schöner. Mark Spörrle will sich nicht vom Weihnachtsbaum trennen. von 

Es klingt verrückt, jetzt noch davon zu sprechen. Aber wir hatten noch nie so einen schönen Weihnachtsbaum. Kerzengerade, exakt fünf Zentimeter niedriger als die Zimmerdecke. "Und die Zweig-Ebenen", schwärmte meine Liebste immer, "sie lassen exakt den richtigen Platz für die Kugeln! Hast du je einen Baum mit so wundervollen Zweig-Ebenen gesehen?"

Hatte ich nicht. Wir haben diverse Weihnachtsbaumformen erlebt, von "Kuno dem Kahlen", dem wir zugekaufte Zweige implantierten, bis zu "Shaun, dem Schaf", so dicht bezweigt, dass wir die Baumkugeln ins Dickicht klemmten, statt sie zu hängen. Aber eine solche Musternordmanntanne hatten wir noch nie. Wie gemalt. Ein Traum.

Anzeige

Auch Luise liebte unseren Baum. Als Weihnachten längst vorbei war, sang sie immer noch Kling Glöckchen und Stille Nacht , wenn wir abends die Lichterkette einsteckten. Wir sangen mit. Man muss seinen Kindern schöne Erlebnisse bieten, wenn es draußen dauerregnet und die Finanzkrise schwelt.

Familienglück - die Kolumne

© Mark Spörrle

Mama und Papa gehen arbeiten, die Kleine in den Kindergarten. Das perfekte Familienglück ist nur eine Frage der Organisation, oder? Mark Spörrle schreibt in seiner Kolumne "Familienglück" über die Tücken des Alltags.

Also, wir brachten es nicht übers Herz, die Pracht von Baum zu entsorgen.

In unserem Haus waren wir damit schnell die letzten. Der erste Nachbar, er arbeitet für so etwas wie einen Hedgefonds, schleppte seine arme Fichte schon am zweiten Feiertag zur Abholung an den Straßenrand. Die Bäume der anderen folgten bis Silvester. Eine gläubige Nachzüglerin wartete, bis die Heiligen Drei Könige vorbei waren. Und schon sie musste sich von einer anderen Nachbarin mit viel Tagesfreizeit die kaum sichtbaren Tannennadelspuren von ihrer Wohnungstür bis zur Haustür vorhalten lassen.

Meine Liebste und ich stellten erleichtert fest, dass bei unserem Baum derzeit keine erhöhte Nadelgefahr bestand, wir uns also noch Zeit lassen konnten. Unvorsichtigerweise erzählte ich einem Arbeitskollegen davon. Er grinste und sagte, es gebe eine Satire von Heinrich Böll mit der gleichen Thematik. Ich erwiderte, nein, in Bölls Satire werde jeden Tag Weihnachten gefeiert, bis die Beteiligten wahnsinnig würden, und das sei bei uns nicht so. Er lächelte seltsam.

Ich beschloss, künftig in Gegenwart Fremder nicht mehr über unseren Baum zu sprechen. Denn das tat schon meine Tochter. Irgendwann, als wir beim Abendessen wie immer die Baumbeleuchtung anknipsten, fragte Luise: "Paaapi, wann kommt der Baum wieder weg?"

"Zum Glück noch länger nicht, mein Schatz", sagte ich. "Wollen wir singen?"

"Schade", sagte Luise.

"Warum schade?", fragte ich entsetzt.

"Weil der Baum bei all meinen Freundinnen schon weg ist!", sagte Luise.

Unglaublich, worüber sich so kleine Kinder schon austauschen! Wir sangen diesmal nicht.

In den darauf folgenden Tagen verfestigte sich der Eindruck, dass unsere Tochter Weihnachten zu Ende genossen hatte. Sie fragte sogar einmal, ob es schwer sei, den Baum wegzubringen.

Um ehrlich zu sein: Es wurde zunehmend schwerer, denn mittlerweile nadelte auch unser Baum. Ihn nach draußen zu schleppen ohne es sich mit der ordnungsliebenden Nachbarin zu verderben hätte nachträgliches Nadelwegkehren von geschätzten zweieinhalb Stunden bedeutet, Tendenz stündlich steigend. Mit Abschmücken locker fünf Stunden. Das macht man nicht schnell mal nebenbei, wenn man als Berufstätiger abends froh ist, ins Bett zu kommen.

Meine Liebste gab sich Mühe, Luise das auseinanderzusetzen.

"Mia hat gesagt, ihr Papa hat gesagt, dass Papi immer alles zu viel ist", sagte Luise nachdenklich. "Stimmt das, Papi?"

Ich lachte laut, wie über einen Witz, griff zum Telefon und rief bei Mias Eltern an, aber es lief nur der Anrufbeantworter und ich wollte keinen Fehler machen.

Wir brachten Luise früh ins Bett. Um halb elf hatten wir den Baum abgeschmückt und die Kugeln bruchsicher verstaut, um viertel vor elf schleifte ich ihn nach draußen, gegen zwei Uhr morgens waren alle Nadeln beseitigt. Als ich endlich im Bett lag, hatte ich die Gewissheit, dass unsere Tochter keinen Grund mehr hatte, zu zweifeln.

Am nächsten Morgen, die Rückenschmerzen vom Kehren waren höllisch, fragte ich Luise stolz und mehrfach, ob ihr denn nicht auffiele, dass etwas fehle.

"Was denn, Papi?", fragte sie.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. "Mark Spörrle will sich nicht vom Weihnachtsbaum trennen."
    .
    Meine Frau auch nicht. Sie ist Russin und feiert Weihnachten mehrmals, zuletzt am 14/15. Januar.
    .
    Komm_ ich jetzt in die Zeitung?

  2. Dann darf der Weihnachtsschmuck gerne bis zum 2. Februar stehen bleiben.
    Bei den Protestanten ist leider am 6. Januar schon Schluss. Ansonsten guckt man sich bei Orthodoxen oder so um.
    Aber im großen und Ganzen ist der Weihnachtsbaum, wie das Weihnachtsfest eh' heidnisch und zu welcher Jahreszeit Jesus wirklich geboren wurde weiß auch niemand so richtig.
    Also Liebe Leute bleibt locker und genießt das Fest, wie es euch behagt. Bei uns steht der Baum auch noch 1A, nur die Schokokringel sind schon abgenagt :-)

  3. ... beim Schmücken viel Mühe gegeben. Und der Baum ist schön anzusehen. Wenn ich auch elektrische Kerzen hasse: Ab der zweiten Januarwoche werden keine echten mehr angezündet. Und gegen Ende Januar, kann man ihn - eventuell - in den Garten stellen. Abgeschmückt natürlich.

  4. Lieber Herr Spörrle,

    Recht haben Sie! Ein Baum sollte so lange stehen bleiben, wie's für den eigenen (oder kindlichen) Seelenhaushalt passt. Und nicht, wie's der Abfuhrkalender der Müllabfuhr diktiert! Bbei uns -- in einem erzprotestantischen Haushalt -- bleibt er auch bis Februar stehen. Im Übrigen gehört zum "korrekten" Gebrauch des Weihnachtsbaumes auch, dass man ihn nicht schon zum 1. Advent aufstellt, gerade dann, wenn Kinder da sind.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    wird am 23. Dezember geschmückt, also braucht man ihn auch nicht mehr als ein, zwei Tage vorher zu kaufen.

    • Paula48
    • 16. Januar 2012 14:55 Uhr

    wenn ich morgens aufstehe, mache ich als erstes den Weihnachtsbaum an und freue mich darüber. Er wird wahrscheinlich noch bis zum 24.1. stehen, dann hat mein Mann Geburtstag und etwas neues positives kann beginnen.

  5. Unser Baum ist auf dem Balkon und sieht noch super aus. Er ist jetzt offiziell und seit dem 6.1. zum Sichtschutz deklariert worden. Unter uns ist er natuerlich stillschsweigend, und fuer die naechsten Wochen denke ich, immer noch unser Weihnachtsbaum.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service