Familienglück : Die Trennung vom Weihnachtszauber fällt schwer

Der Januar ist verregnet, immerhin machen die Lichter am Baum das Leben schöner. Mark Spörrle will sich nicht vom Weihnachtsbaum trennen.

Es klingt verrückt, jetzt noch davon zu sprechen. Aber wir hatten noch nie so einen schönen Weihnachtsbaum. Kerzengerade, exakt fünf Zentimeter niedriger als die Zimmerdecke. "Und die Zweig-Ebenen", schwärmte meine Liebste immer, "sie lassen exakt den richtigen Platz für die Kugeln! Hast du je einen Baum mit so wundervollen Zweig-Ebenen gesehen?"

Hatte ich nicht. Wir haben diverse Weihnachtsbaumformen erlebt, von "Kuno dem Kahlen", dem wir zugekaufte Zweige implantierten, bis zu "Shaun, dem Schaf", so dicht bezweigt, dass wir die Baumkugeln ins Dickicht klemmten, statt sie zu hängen. Aber eine solche Musternordmanntanne hatten wir noch nie. Wie gemalt. Ein Traum.

Auch Luise liebte unseren Baum. Als Weihnachten längst vorbei war, sang sie immer noch Kling Glöckchen und Stille Nacht , wenn wir abends die Lichterkette einsteckten. Wir sangen mit. Man muss seinen Kindern schöne Erlebnisse bieten, wenn es draußen dauerregnet und die Finanzkrise schwelt.

Also, wir brachten es nicht übers Herz, die Pracht von Baum zu entsorgen.

In unserem Haus waren wir damit schnell die letzten. Der erste Nachbar, er arbeitet für so etwas wie einen Hedgefonds, schleppte seine arme Fichte schon am zweiten Feiertag zur Abholung an den Straßenrand. Die Bäume der anderen folgten bis Silvester. Eine gläubige Nachzüglerin wartete, bis die Heiligen Drei Könige vorbei waren. Und schon sie musste sich von einer anderen Nachbarin mit viel Tagesfreizeit die kaum sichtbaren Tannennadelspuren von ihrer Wohnungstür bis zur Haustür vorhalten lassen.

Meine Liebste und ich stellten erleichtert fest, dass bei unserem Baum derzeit keine erhöhte Nadelgefahr bestand, wir uns also noch Zeit lassen konnten. Unvorsichtigerweise erzählte ich einem Arbeitskollegen davon. Er grinste und sagte, es gebe eine Satire von Heinrich Böll mit der gleichen Thematik. Ich erwiderte, nein, in Bölls Satire werde jeden Tag Weihnachten gefeiert, bis die Beteiligten wahnsinnig würden, und das sei bei uns nicht so. Er lächelte seltsam.

Ich beschloss, künftig in Gegenwart Fremder nicht mehr über unseren Baum zu sprechen. Denn das tat schon meine Tochter. Irgendwann, als wir beim Abendessen wie immer die Baumbeleuchtung anknipsten, fragte Luise: "Paaapi, wann kommt der Baum wieder weg?"

 Unsere Tochter hatte Weihnachten zu Ende genossen

"Zum Glück noch länger nicht, mein Schatz", sagte ich. "Wollen wir singen?"

"Schade", sagte Luise.

"Warum schade?", fragte ich entsetzt.

"Weil der Baum bei all meinen Freundinnen schon weg ist!", sagte Luise.

Unglaublich, worüber sich so kleine Kinder schon austauschen! Wir sangen diesmal nicht.

In den darauf folgenden Tagen verfestigte sich der Eindruck, dass unsere Tochter Weihnachten zu Ende genossen hatte. Sie fragte sogar einmal, ob es schwer sei, den Baum wegzubringen.

Um ehrlich zu sein: Es wurde zunehmend schwerer, denn mittlerweile nadelte auch unser Baum. Ihn nach draußen zu schleppen ohne es sich mit der ordnungsliebenden Nachbarin zu verderben hätte nachträgliches Nadelwegkehren von geschätzten zweieinhalb Stunden bedeutet, Tendenz stündlich steigend. Mit Abschmücken locker fünf Stunden. Das macht man nicht schnell mal nebenbei, wenn man als Berufstätiger abends froh ist, ins Bett zu kommen.

Meine Liebste gab sich Mühe, Luise das auseinanderzusetzen.

"Mia hat gesagt, ihr Papa hat gesagt, dass Papi immer alles zu viel ist", sagte Luise nachdenklich. "Stimmt das, Papi?"

Ich lachte laut, wie über einen Witz, griff zum Telefon und rief bei Mias Eltern an, aber es lief nur der Anrufbeantworter und ich wollte keinen Fehler machen.

Wir brachten Luise früh ins Bett. Um halb elf hatten wir den Baum abgeschmückt und die Kugeln bruchsicher verstaut, um viertel vor elf schleifte ich ihn nach draußen, gegen zwei Uhr morgens waren alle Nadeln beseitigt. Als ich endlich im Bett lag, hatte ich die Gewissheit, dass unsere Tochter keinen Grund mehr hatte, zu zweifeln.

Am nächsten Morgen, die Rückenschmerzen vom Kehren waren höllisch, fragte ich Luise stolz und mehrfach, ob ihr denn nicht auffiele, dass etwas fehle.

"Was denn, Papi?", fragte sie.

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Kommentare

26 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

Sind Sie katholisch?

Dann darf der Weihnachtsschmuck gerne bis zum 2. Februar stehen bleiben.
Bei den Protestanten ist leider am 6. Januar schon Schluss. Ansonsten guckt man sich bei Orthodoxen oder so um.
Aber im großen und Ganzen ist der Weihnachtsbaum, wie das Weihnachtsfest eh' heidnisch und zu welcher Jahreszeit Jesus wirklich geboren wurde weiß auch niemand so richtig.
Also Liebe Leute bleibt locker und genießt das Fest, wie es euch behagt. Bei uns steht der Baum auch noch 1A, nur die Schokokringel sind schon abgenagt :-)