Der dreijährige Willo hat noch ein paar Fragen. Er kuschelt sich tiefer in den Arm seines Erziehers Sebastian Bever und zeigt in ein Bilderbuch vor ihm: "Was macht der Mann da?" "Der baut eine Mauer. Er schmiert Zement zwischen die Steine. Der wirkt wie Kleber und hält sie zusammen", erklärt Bever, der in der Hamburger Kindertagesstätte Scheplerstraße arbeitet. Willo verstummt zufrieden.

Männliche Erzieher wie Bever sind immer noch eine Seltenheit. Weil das nicht so bleiben soll, wirbt der 27-Jährige in der Kampagne "Vielfalt, Mann!" vom Paritätischen Wohlfahrtsverband Hamburg für seinen Beruf. Sein Bild hängt derzeit auf großen Plakaten an Bushaltestellen und in U-Bahnstationen.

Die Zahl der Männer in deutschen Kitas hat sich seit 1998 zwar auf gut 17.000 verdoppelt, dennoch bilden sie damit nur 3,8 Prozent aller pädagogischen Fachkräfte. Der Psychologe Tim Rohrmann betreut das Programm "Mehr Männer in Kitas". Er koordiniert 16 Modellprojekte mit rund 1.300 beteiligten Kitas in ganz Deutschland. Sie planen Werbekampagnen wie die in Hamburg, Kooperationen mit Schulen und Arbeitsagenturen, Mentoring-Programme für Praktikanten. Der Europäische Sozialfonds und das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend stecken rund 13,5 Millionen Euro in das Programm.

Kitas können nicht auf Männer verzichten

Aus zahlreichen Interview-Studien weiß Rohrmann: Eltern und Erzieherinnen wollen mehr Männer in Kitas. Er begründet das ganz pragmatisch: In der professionellen Kinderbetreuung sollte sich widerspiegeln, dass Erziehung auch Männersache ist. Väter übernähmen in modernen Familien schließlich auch mehr Verantwortung. Außerdem werde Fachpersonal dringend gebraucht. Durch den Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz ab 2013 könnten es sich Kitas nicht leisten, auf Männer zu verzichten.

Eltern und Erzieherinnen nennen gern noch einen anderen Grund: Willos Mutter Carolin Benatzky erzählt, sie habe darauf bestanden, dass ihr Sohn in Bevers Gruppe kommt, weil er dort auch toben und Fußball spielen könne und weil dort ein "klarerer Ton" herrsche. Rohrmann kennt diese Rollen-Klischees. Er will nicht, dass das Erzieherbild darauf reduziert wird, dass Männer gut kicken, werkeln und toben können und den Jungs als Vorbild dienen sollen. Zwar glaubt auch Rohrmann, dass sich Männer anders verhalten als Frauen und die Kinderbetreuung damit bereichern. Er räumt aber ein: "Es ist bisher wissenschaftlich nicht belegt, dass Männer in Kitas tatsächlich einen Unterschied machen."

Das Plakat der Aktion "Männer in Kitas" © Männer in Kitas

Holger Brandes, Professor für Psychologie an der evangelischen Hochschule Dresden, arbeitet derzeit daran, diesen weißen Fleck in der Forschung zu beseitigen. Er hat Erzieherinnen und Erzieher während der Arbeit gefilmt: 20 Tandems aus jeweils einer Frau und einem Mann, als Kontrollgruppe 10 Frau-Frau-Tandems. Was er schon nach dem Sichten der ersten Sequenzen sagen kann: "Es gibt auffällige Unterschiede. Männer machen nichts besser, aber vieles anders als Frauen." So berichtet Brandes etwa davon, dass ein Erzieher beim Bau einer Ritterburg einen Jungen im Flüsterton dazu ermutigte, aus einer Papprolle eine Kanone zu basteln. Eine Erzieherin in einer ähnlichen Situation überging hingegen einen derartigen Vorschlag eines Jungen einfach.

Solche kleinen Hinweise führen Brandes schon jetzt zu der Annahme, dass ein möglichst ausgewogenes Verhältnis von Frauen und Männern gerade in Kindertagesstätten gut für die Kinder wäre. Das ist allerdings gar nicht so einfach herzustellen. Anette Döhl ist seit 17 Jahren Leiterin der Kindertagesstätte Scheplerstraße, in der 24 Pädagogen 130 Kinder betreuen. In dieser Zeit hat die 46-Jährige insgesamt vier Erzieher erlebt.