Ganz ohne Frage: Ich liebe meine Tochter Luise.
Ganz ohne Frage: Sie mich auch.
Dumm nur, dass sie sich das auf einmal nicht mehr anmerken ließ. Von einem Tag auf den anderen.
"Mami soll das machen!", rief Luise, wenn ich mit ihr ins Bad zum Zähneputzen gehen wollte, ihr die Haare waschen, sie morgens aus dem Bettchen holen oder abends ins Bettchen verfrachten wollte. "Mami macht das! Lass mich, Papi! Lass mich!"
"Was ist los?", fragte ich. "Tut dir etwas weh?"
"Papi!", Luise verdrehte die Augen. "Ich bin mammrig!"
"Mammrig?", fragte ich.
"Mammrig!", sagt Luise.
"Und wann bist du wieder – papprig?", fragte ich.
"Nach übermorgen!", sagte Luise.

Am nächsten Tag sagte sie dasselbe, am übernächsten auch. Meine Liebste stöhnte auf:
"Warum, Luise? Was hast du mit Papi?"
"Ich bin mammrig", sagte Luise. "Ich möchte Papi gar nicht mehr!"
Und sie blieb dabei. So sehr ich bat, schimpfte, drohte. Und wenn ich sie einfach ins Bad tragen oder aus dem Bett heben wollte, kreischte sie wie im Horrorfilm.

Irgendwann fängt man da selbst als Mann an, sich Gedanken zu machen, was geschehen war. Nämlich nichts. Es hatte keinen Zwischenfall beim Zähneputzen gegeben, keine Probleme beim Kämmen, beim Kuscheln erst recht nicht. "So was habe ich mit meiner Tochter noch nie erlebt", sagte der Vater von Luises Kindergartenfreundin Mia ungläubig. "Sie will immer nur mit mir die Zähne putzen. Und immer nur ich soll ihr den Po abwischen. Aber wir haben halt ein harmonisches Vater-Kind-Verhältnis…"

Liegt es an der Gute-Nacht-Geschichte?

Ich googelte "Kind lehnt Vater ab". Gleich im ersten Baby- und Kleinkindforum schilderte eine Mutter namens Anja einen ähnlichen Fall: Ohne jeden Grund wollte ihre Tochter auf einmal vom Vater nichts mehr wissen. Anja war ratlos. Eine Forumsteilnehmerin vermutete einen Virus. Eine andere schrieb, die clevere Kleine habe früh erkannt, dass die Väter von heute nichts als Schaumschläger seien, die in Wahrheit alle Arbeit den Müttern überließen. Irgendwann fiel Mutter Anja dann ein, dass ihr Mann, statt der Kleinen wie früher immer eine Gute-Nacht-Geschichte vorzulesen, in letzter Zeit häufig spät aus dem Büro kam. Angeblich, weil sein neuer kinder- und gnadenloser Chef das verlangte – wie lächerlich! Und wenn sie sich das recht überlege, wolle sie mit so einem verantwortungslosen, karrierefixierten Typen gar nicht mehr zusammen sein.

Glücklicherweise war mein Gute-Nacht-Geschichten-Verhalten in letzter Zeit in etwa gleich geblieben: Immer wieder schaffte ich es gerade noch rechtzeitig nach Hause, bevor Luise ins Bett musste. Manchmal aber auch nicht. Im Gegenzug wurde meine Liebste beim Abendessen und an freien Tagen von Kollegen angerufen, und wenn sie bei der kranken Luise daheim blieb, musste sie vom Home-Office aus arbeiten. Kurz: Der Ist-Zustand verhielt sich zum Idealzustand so, dass unsere Tochter, wenn schon, uns alle zwei hätte ablehnen müssen.

Gummibärchen dafür, dass Papi die Zähne putzt

An diesem Abend erwischte ich meine Liebste, wie sie nach dem Essen mit Luise flüsterte.
"Nein!", rief Luise, "ich will kein Gummibärchen!"
"Zwei!", bot meine Liebste. "Drei!"
Luises Gesicht wurde nachdenklich.
"Wofür sind die Gummibärchen?", fragte ich, einer Ahnung folgend.
"Dafür, dass ich mit Papi die Zähne putze", grinste Luise.
Ich bat meine Liebste auf Englisch, sofort damit aufzuhören, mich in unwürdigster Weise zu verhökern, ich sei schon verletzt genug. Meine Liebste erwiderte, sie habe es doch nur gut gemeint.