Eltern werden 2052Was ist ein Baby?

In 40 Jahren werden Eltern vor der Geburt über Aussehen und Gesundheit ihrer Babys entscheiden. Schwangerschaften werden selten sein, Kinder rar. von 

Eine Babypuppe. Sie dient in Eltern- und Kinderkursen als Übeobjekt

Eine Babypuppe. Sie dient in Eltern- und Kinderkursen als Übeobjekt  |  © Michael Danner für ZEIT ONLINE

Die leuchtend gelben Vorhänge strahlen Behaglichkeit aus. Auf dem Boden laden farbenfrohe Gymnastikmatten und Bälle zum Liegen und Sitzen ein. Touchscreens an der Wand zeigen wechselnde Ansichten von Babys in verschiedenen Entwicklungsstadien. Wasser, Saft, Obst und Gemüseschnitze stehen auf einem kleinen Tisch. Alexanders Freundin Milena ist im siebten Monat schwanger.

Geboren 2012 - Die Themenwoche

Wenig fasziniert Menschen so sehr wie die Zukunft. Wie werden wir morgen leben? Wie werden sich unsere Umwelt und unsere Gesellschaft verändern? ZEIT ONLINE wagt den Blick voraus. In zehn Folgen einer Themenwoche fragen wir: Was für ein Leben wird ein Mensch haben, wenn er 2012 geboren wird? Wie wird er lernen, essen, kommunizieren, arbeiten, wie wohnen, lieben, krank werden, regiert werden? Wie wird es schließlich sein, wenn er selbst Kinder bekommt?

Die Antworten, die diese Serie gibt, sind keine allgemeinen. Denn Alexander Geseke, der Held der einzelnen Geschichten, wurde tatsächlich am 3. Februar in Hamburg geboren. Ein echter Mensch also, am Anfang seines Lebens. Geboren 2012 erzählt, was Alexander in seinem Leben begegnen könnte. Allerdings: Alexander ist nicht der richtige Name der Hauptperson. Auch die Namen seiner Eltern wurden geändert, Bilder und Videos der Familie sind nicht mit ihren wirklichen Namen verbunden.

Die Folgen der Serie

Bisher erschienen:

Zukunftsforschung: Warum wir das Unmögliche wagen

Geboren 2012: Alexanders Zukunft beginnt mit 3.690 Gramm

Lernen 2022: Hausaufgaben sind archaischer Unsinn

Politik 2030: Scheitert die Energiewende an einer Eiche?

Essen 2032: Da sagt der Kühlschrank etwas anderes

Kommunizieren 2037: Ein Holo für den Hemdenschneider

Arbeiten 2042: Gleitzeit für immer

Wohnen 2047: Tomaten aus dem Parkhaus

Lieben 2048: Und ewig lockt das Netzwerk

Im Krankenhaus 2050: Alexander wird durchsichtig

Eltern werden 2052: Was ist ein Baby?

Demografie-Rechner: Wo stehen Sie im Gruppenbild unserer Gesellschaft?

ALS E-BOOK

Alle Artikel und Videos der beliebten Serie "Geboren 2012" stehen Ihnen gebündelt in einem E-Book im EPUB- und MOBI-Format zur Verfügung. 

Nach dem Download können Sie jederzeit und überall die Antworten zu den großen Fragen unserer Zukunft entdecken.

Hier finden Sie eine Übersicht unserer E-Books:

www.zeit.de/ebooks

Es ist das Jahr 2052. Das Leben von Milena und Alexander ordnet sich langsam. Ihre Jobs scheinen halbwegs stabil zu sein , das Paar lebt schon seit fünf Jahren gemeinsam in einem hübschen Loft in der Hamburger Innenstadt . Außerdem haben sie gespart. Genug, um sich entscheiden zu können, Eltern zu werden.

Anzeige

Alexanders Mutter hat nur den Kopf geschüttelt, als sie von diesen Plänen hörte. Nicht wegen des Kindes, schließlich hat sie selbst schon vielen Babys auf die Welt geholfen, ein Wunder, jedes Mal. Aber die Begründung: Das Loft. Die Jobs. Das Geld. So rational, so überlegt. Bis Milena auf einmal mit glänzenden Augen vor ihr stand. "Ich habe sein Gesicht gesehen, ganz plastisch. Und diese kleinen Füße!"

Nun nehmen Milena und Alexander also ihren gesetzlich vorgesehen Babyvorbereitungsurlaub. Denn sie müssen einen Kurs für werdende Eltern besuchen. "Den Elternschein machen", nennen sie das. In den kommenden fünf Tagen wird das Paar alles Wesentliche über die Geburt und die Säuglingspflege lernen und erste Tipps für die Nachsorge nach der Geburt bekommen. Verordnet wurde der Kurs vom Staat, sobald sie die Schwangerschaft angemeldet hatten. Gezahlt wird er von der Krankenkasse.

Beim ersten Treffen finden sich Milena und Alexander mit acht weiteren Paaren in einem Raum wieder, der einst als Büro diente. "Seien Sie froh, dass die Firmen uns heute solche Zimmer zur Verfügung stellen", sagt die Kinderkrankenschwester. Früher hätten Kursteilnehmer in Praxen oder Krankenhäuser kommen müssen. "Das war dann entweder ein Geburts- oder ein Säuglingsvorbereitungskurs nach der Arbeit, neben Arztterminen, Schwangerschaftsyoga oder Schwimmen. Stress pur – glauben Sie mir."

Muss ein Baby nachts gewickelt werden?

Die Krankenschwester ist seit dreißig Jahren im Geschäft. Sie hat miterlebt, wie aus den freiwilligen Kursen am Abend und intensiven Schulungen am Wochenende ein Pflichtprogramm samt staatlich vorgesehenem Urlaub für werdende Eltern wurde. Die Grundlagen der Säuglingspflege sind den meisten der Kursteilnehmer völlig fremd. Der Umgang mit Babys ist so selten geworden, dass er geradezu unnatürlich ist.

Wie werden wir morgen leben? Bitte klicken Sie auf das Bild, um zum Schwerpunkt Zukunftsforschung zu gelangen.

Wie werden wir morgen leben? Bitte klicken Sie auf das Bild, um zum Schwerpunkt Zukunftsforschung zu gelangen.  |  © Michael Danner

"Ich hatte noch kein einziges Mal ein Baby auf dem Arm. Keine Ahnung, wie man es richtig hält", gesteht eine junge Frau. Einer der Männer erzählt, er habe gehört, dass Windeln nachts nicht gewechselt werden dürften. Ein anderer fragt, ob beim Neugeborenen nach der Geburt etwas kaputt gehen könne, wenn es nicht direkt an die Brust der Mutter komme.

"Wir haben genug Zeit, alle Ihre Fragen zu beantworten", versichert die Kursleiterin. Es sind seit Jahrzehnten dieselben. Und es wird immer wichtiger, sie gut zu beantworten; die wenigen Kinder der Republik müssen schließlich gepflegt werden. "Deshalb ist es so widersprüchlich, dass immer mehr Leute fordern, das Geld solle in die Altersvorsorge und Seniorenheime fließen und nicht in die Kindergärten", sagt Milena. Der Kampf um die Mittel wird erbittert geführt.

Leserkommentare
  1. "Noch vor ihrer Entscheidung, ein Kind zu bekommen, haben sich Milena und Alexander von ihrem Genetic Counselor auf mehr als 7.000 monogene Erbkrankheiten testen lassen. Ein Tropfen Blut auf einem Biomarker genügte. Das Verfahren ist schnell und einfach und lieferte dem Paar zugleich die Gewissheit, dass sein Baby gesund sein wird. Die beiden hätten es für unverantwortlich gehalten, Nachkommen zu zeugen, wenn wegen schwerwiegender Mutationen das massive Risiko einer Erkrankung bestanden hätte."

    Wie gut dass es da keine Probleme gab. Welch Erleichterung.

    Eine Leserempfehlung
  2. "dann aber beschlossen, das Geld lieber in ein Kindermädchen zu investieren.
    Denn sowohl Alexanders Eltern als auch Milenas Vater und Mutter sind noch einmal voll in den Job eingestiegen. Die fitten Alten haben keine Zeit, sich um ihr Enkelkind zu kümmern."

    ... auf dem Weg in eine Welt voller Erwerbsarbeit.
    Alle Großeltern: erwerbstätig. Vater und Mutter: erwerbstätig. Das Kindermädchen: erwerbstätig.

    Denn auch Kindererziehung ist erwerbsarbeit; aber natürlich nur, solange es nicht das eigene Kind oder der eigene Enkel ist, um den man sich kümmert.

    Eine Leserempfehlung
  3. Meines Wissens ist es auch 2052 unmöglich, bei natürlich gezeugten Kindern diese körperlichen Merkmale vorherzubestimmen.

    Selbst bei künstlicher Befruchtung durch einen "passenden Vater" ist es auch nicht ganz so einfach, wie es hier dargestellt wird, da ja die Gene der Mutter auch noch eine Rolle spielen.

  4. Die können sich so etwas nicht leisten und bekommen Kinder noch auf die seit Jahrtausenden bewährte Methode.
    Wenn wir wohlhabenden uns dann die makellose Nachfolgegeneration herausgezüchtet haben, die dann das auch wieder tut, usw. dann gibt es wahrscheinlich irgendwann normale Menschen in Afrika und mutierte Zombies in Europa.

    3 Leserempfehlungen
  5. Ich glaube, mir wird gleich schlecht. Dann lieber zurück ins Mittelalter.

    4 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Zurück ins Mittelalter, damit an Mutter und Kind schon bei simplen Komplikationen sterben? Oder wo sie eine einfache Grippe umbringen kann, oder ein gebrochenes Bein sie als Krüppel zurücklässt?

    Ich fand diese Zukunftsvision angenehm, auch wenn hier ein sehr wohlhabendes Paar als Beispiel genommen wurde.

    Was passt Ihnen denn nicht, die vorgeburtlichen Tests? Die sind doch heute schon normal, nur halt noch nicht so ausgereift.

  6. Scheinbar ist "Ein Touchscreen überall und Menschen die nichts mehr können, was nicht webbasiert ist" die Zukunftserwartung der Zeit-Autoren.

    Eine Leserempfehlung
  7. Wie haben die so toll beschriebenen Zukunftsinsassen eigentlich das Kind gemacht bekommen?
    Oder geht das Ganze dann gleich via Inkubator im Labor?

  8. So, moment mal. Kinder sind rar, infolgedessen ist die Bevoelkerung geschrumpft? Und die werdenden Eltern werden in staatsverordneten Schwangerschaftsurlaub geschickt? Ja, wer sorgt denn dafuer, dass die Wirtschaft in Schwung bleibt? Und Firmeninhaber moechte ich in 2052 dann auch nicht mehr sein...!

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Serie Geboren 2012
  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Altersvorsorge | Baby | Eltern | Geburt | Gendefekt | Heizung
Service