KinderbetreuungNur mit gutem Gefühl in die Krippe

Deutschland braucht mehr Krippenplätze – und zwar gute. Ob und wann Eltern ihre Kleinkinder abgeben, sollte aber nicht nur von Argumenten abhängen, sondern von Emotionen. von 

Inzwischen herrscht Konsens in Deutschland: Familien brauchen mehr Krippenplätze . Eltern wollen oder müssen arbeiten. Die Politik wiederum hofft auf mehr Geburten und darauf, dass im alternden Deutschland, qualifizierte Frauen (und immer mehr Männer) nicht zu lange zu Hause bleiben. Zudem haben Kinder aus bildungsarmen und nicht Deutsch sprechenden Familien bessere Chancen, wenn sie so früh wie möglich mit Bildung in Berührung kommen.

Hat also eine gesunde Entwicklung hin zu mehr Rationalität in der Betreuungsfrage stattgefunden? Nur vordergründig. Denn viele Mütter, aber auch einige Väter, geraten vor lauter guten Argumenten mit ihren Gefühlen in Konflikt.

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Die Psychoanalytikerin Ann Kathrin Scheerer sagt, die Krippen seien zu einem Multifunktionsheilmittel geworden, das man kaum noch anzweifeln dürfe. Das Angebot, das sie eigentlich sein sollten, würden viele Eltern inzwischen als eine Aufforderung verstehen. Sie trauen sich nicht mehr, auf ihr eigenes Gefühl zu hören, was für sie und ihr Kind am besten ist. Scheerer arbeitet mit vielen Patienten mit Krippenerfahrung. Sie beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Auswirkungen früher Trennungen von Mutter und Kind auf die Persönlichkeitsentwicklung.

Mütter sind laut Scheerer aber unbedingt auf ihr Gefühl angewiesen, um verstehen zu können, was ihr Baby oder Kleinkind wirklich braucht. Denn es handelt körperlich und ist über Sprache und Rationalität nicht zu erreichen.

Alte Ängste kommen mit der Geburt des Kindes hoch

Das Gefühl ist aber eben ein Gefühl – leicht zu trügen und zu verunsichern. Scheerer sagt: "Die eigene frühe Kindheit berührt unsere tiefsten emotionalen Schichten, die bewusst oft gar nicht zugänglich sind". Aber Ängste und seelische Schmerzen, die in dieser Zeit entstanden sind, wirken ins erwachsene Leben hinein. Jeder hat seine eigene Erfahrung, sei es mit einer schlechten Krippe oder mit einer frustrierten Nur-Hausfrau als Mutter. Scheerer sagt: "Wird man Mutter oder Vater, kommt man wieder in Kontakt mit dem alten Trennungsschmerz, dem je eigenen Schicksal der frühkindlichen Bedürfnisse."

Hinzu kommen die widersprüchlichen Gefühle aus dem Elternalltag. Vermisst man sein altes unabhängiges Leben und fühlt sich dem Kind ausgeliefert, nimmt man sich selbst schnell als Rabenvater oder Mutter wahr.

Viele Eltern wollen dieser Konfusion der Gefühle entgehen und sich an Faktenwissen festhalten. Eine Rationalisierung der eigenen Ängste sei höchst willkommen, sagt Scheerer. Manche Eltern neigten deshalb zur Zeit dazu, sich das Krippenleben schön zu reden, denn es passe in den Zeitgeist: Sie beteuern zum Beispiel, Krippenkinder seien später durchsetzungsfähiger und selbstständiger und könnten ihre Gefühle besser kontrollieren.

Die Psychologin Scheerer bezweifelt jedoch, ob diese Tugenden wirklich erstrebenswert seien, da sie zu Lasten der emotionalen Entwicklung gehen können. Überspitzt: Wollen wir lauter gestresste Entscheider, die aber nicht mehr in der Lage sind, glückliche Beziehungen einzugehen? Denn diese Gefahr sieht sie für die Kinder, die zu früh und zu lange betreut werden.

Leserkommentare
  1. Genau hinzuschauen ist ein guter Rat. Kinder im Krippenalter sind weder in der Lage, Zeit richtig einzuschätzen - und da kann es endlos sein, bis Mama/Papa zum Abholen kommt-, noch können sie differenziert von unliebsamen Ereignissen berichten. Während die Hippie- bzw. Post-Hippiegeneration selbst Krabbelkinder im Tragetuch herumschleppte, um es Naturvölkern gleichzutun, bei denen das Kind im ersten Lebensjahr ständigen Körperkontakt zur Mutter hat, hatte ich zuletzt das Gefühl, dass junge Mütter sich rechtfertigen müssen, wenn sie ihr Kind nicht in eine Krippe geben ("da wird das Kind doch gar nicht sozialisiert"). Wenn es statt Krippen-Hype eine differenzierte Debatte gäbe, wäre das schon gut. Politik und Wirtschaft müssen aber auch das Ihre beitragen. 18 Monate Elternzeit und vor allem flexiblere Arbeitszeiten würden das Leben vieler Eltern mit Kindern, aber auch die Entscheidung junger berufstätiger Frauen FÜR ein Kind leichter machen.

  2. Zitat:

    "Und vielleicht muss sich eine junge Familie auch eingestehen: Kind und Karriere sind für eine Weile eben doch nicht zu vereinbaren. Denn das Baby braucht die enge Bindung zu den Eltern. Und die Zeit mit ihm läuft anders, zirkulär, geprägt von Wiederholungen, während Arbeitszeit immer zielgerichtet ist."

    Genau so ist es. Vielen Dank für diesen wohltuend undogmatischen Artikel. :-)

  3. Mein Mann und ich gingen beide im Alter von 2-3 schon voll in die Krippe und haben beide noch Freunde, die wir damals in der Krippe kennengelernt haben. Einen Schaden haben wir nicht und wir sind auch nicht beziehungsunfähig... An das Krippenpersonal kann ich mich gar nicht mehr erinnern, an die Spielkameraden und die Spiele/Lieder jedoch schon noch. Hierzu muss man aber auch sagen, dass wir in der Schweiz in die Krippe gingen, wo auf 2 Kinder 1 Betreuungsperson kommt (bei den Kindern bis 3, danach ist es 1 Betreuerin pro 3 Kinder). In der Schweiz gibt es nur 3 Monate Mutterschaftsurlaub und keinen Vaterschaftsurlaub. Deshalb gehen die meisten Kinder heute mit 3-6 Monaten spätestens in die Krippe, manche sogar direkt nach der Geburt schon, wenn es beruflich für die Eltern nicht anders geht. Was mir bei den Krippenkindern in meinem Umfeld (was ca. 30 Kinder sind) auffällt ist, dass sie wesentlich besser erzogen, liebevoller, verantwortungsvoller, respektvoller gegenüber Schwächeren und generell empathischer sind, als Nicht-Krippenkinder. In der Schweiz ist es auch so, dass bildungsferne Menschen ihre Kinder zuhause behalten und Akademiker die Kinder in die Krippe geben, die dann schon einen Schulvorsprung haben. Unser Sohn kommt - für uns ein Luxus - erst im Alter von 4 Monaten in die Krippe. Wir haben ihn aber schon seit der Geburt in Spiel- und Krabbelgruppen langsam auf die Trennung vorbereitet. Er ist aber auch ein sehr sozialer Typ, der andere Kinder und viel Trubel mag.

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    Ihr Sohn kommt mit 4 Monaten bereits VORBEREITET auf die Trennung in die Krippe? weiß er, dass er vorbereitet ist?

    Der Bericht ist gut - und ich sehe die Probleme fast ganz genauso.

    Daher glaube ich, dass für Sie der Teil passt: " ... Manche Eltern neigten deshalb zur Zeit dazu, sich das Krippenleben schön zu reden, denn es passe in den Zeitgeist: Sie beteuern zum Beispiel, Krippenkinder seien später durchsetzungsfähiger und selbstständiger und könnten ihre Gefühle besser kontrollieren. ..."

    der Schaden, den Ihr Kind nehmen kann, ist später nicht wieder gut zu machen. Und Schweizer Verhältnisse mit Betreuungsschlüsseln von 1 zu 3 gibt es in Deutschland kaum, die Betreuungsschlüssel liegen im Durchschnitt in den alten Bundesländern bei 1 zu 5, in den neuen bei 1 zu 6,5, in Brandenburg sogar bei 1 zu 7,5, und die Gruppengröße, der entscheidendste Einflußfaktor für den Stresspegel, sollte maximal 8 Kinder betragen, in der Realität sind es aber bis zu 15.

    ihre Kinder zuhause behalten und Akademiker die Kinder in die Krippe geben, die dann schon einen Schulvorsprung haben."
    Welchen Schulvorsprung haben die Kinder? Werden sie zusätzlich zur Trennung von den Eltern im frühkindlichen Alter damit konfrontiert, dass die Erzieher(inn)en angehalten sind, nicht ihre Muttersprache zu sprechen - ein Modell, dass sich auch in D zunehmender Beliebtheit erfreut? Für Sie ist es ein Luxus, dass das Kind erst (!) mit 4 Monaten in die Krippe geht? Arme reiche Schweiz!

    Hut ab, die Schweizer Säuglinge sind ja tatsächlich ganz weit vorn. Also mein Kind spielt noch überhaupt nicht mit anderen und krabbeln hat es vor wenigen Tagen erst gelernt. Es ist heute neun Monate alt geworden und ich bezweifle, daß es mir mit einem Baby-Trainee-Programm gelingen würde, es emotional auf die Krippe vorzubereiten. Es wäre so oder so schockiert, wenn ich einfach wegginge. Und die heulenden Einjährigen, die mir jeden Morgen im Kindergarten meiner großen Tochter begegnen, scheinen die Vorteile der frühkindlichen Fremdbetreuung auch nicht wirklich zu schätzen. Ich frage mich, wann reiche Zivilisationen wie unsere endlich erkennen, daß wahrer Luxus u.A. darin besteht, seine eigenen Kinder in den ersten Lebensjahren selbst zu betreuen.

    Mit neun Monaten erst gekrappelt? Nanu? Jeder sollte die Bedürnisse seines Kindes erspühren, aber vielleicht gibt es bereits Defizite.

  4. Ihr Sohn kommt mit 4 Monaten bereits VORBEREITET auf die Trennung in die Krippe? weiß er, dass er vorbereitet ist?

    Der Bericht ist gut - und ich sehe die Probleme fast ganz genauso.

    Daher glaube ich, dass für Sie der Teil passt: " ... Manche Eltern neigten deshalb zur Zeit dazu, sich das Krippenleben schön zu reden, denn es passe in den Zeitgeist: Sie beteuern zum Beispiel, Krippenkinder seien später durchsetzungsfähiger und selbstständiger und könnten ihre Gefühle besser kontrollieren. ..."

    Antwort auf "Krippenkind"
  5. Die Verfügbarkeit von Krippen hat in der Schweiz übrigens dazu geführt, dass wir wieder eine Fertilität unter den Schweizerinnen haben wie vor dem Pillenknick, da sowohl junge, wie auch ältere Berufsfrauen in der Lage sind durch den kurzen Mutterschaftsurlaub weiterzuarbeiten und einem der Entscheid fürs Kind somit wesentlich einfacher fällt. Dieser Babyboom zwingt die Arbeitgeber zum Handeln, welche den Müttern Teilzeitarbeit anbieten müssen (auch ich werde nach der Geburt nur 60% als Wissenschaftlerin arbeiten und mein Kind 3 Tage in die Krippe geben, mein Mann reduziert auf 80%), Zeit zum Stillen zur Verfügung stellen müssen und wo Kinderkrippen in Laufdistanz (oder direkt im Bürogebäude) verfügbar sind (wo man kurz mal vorbeigehen kann zum Stillen oder Baden). Mein Arbeitgeber ist sogar so flexibel, dass ich das Baby sogar ab und zu mit ins Büro nehmen kann. http://www.tagesanzeiger....

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    weil die Gehaelter in der Schweiz so grosszuegig ausfallen, dass man von 2 Teilzeitstellen als Familie leben kann.

  6. Ich kann einfach das Gewese der deutschen Eltern nicht verstehen. Wieso ist es für die Schweizer, Franzosen, Engländer, Amerikaner, Inder, Chinesen gar kein Problem ihre Kinder sehr früh in die Krippe zu geben, aber in Deutschland wird gleich ein Riesendrama daraus gemacht. Aus den französischen, schweizer oder den indischen Kindern werden auch keine Monster, auch wenn sie schon früh schon in die Krippe gingen. Kein Wunder hat niemand in Deutschland mehr Lust Kinder zu kriegen.

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    und rudern seit Jahren zurück, zahlen den Eltern, die ihre Kinder nicht in eine Krippe abgeben, ein Erziehungsgeld, in Norwegen knapp 500 €, und auch in Schweden seit 2008 etwa 300 €. Dort gibt man Kinder nur noch in Ausnahmefällen im Alter von einem Jahr in die Krippe, selten unter eineinhalb Jahren. Und das hat die Wissenschaft auch als das Alter herausgefunden, in dem Kinder besonders empfindlich auf zu hohe Stresspegel reagieren, sich also das kindliche Hirn unter zu hohen Cortisolspiegeln schlechter entwickelt und sogar nachhaltig Schaden nehmen kann. Wir sollten aus den Fehlern der skandinavischen Länder lernen, bevor es zu spät ist.

    der über Jahrzehnte die Entwicklung von Kindern evaluiert hat. Er würde ihnen in allen Punkten widersprechen.
    Ob ein Kind sozial ist oder nicht, läßt sich noch nicht mit 4 Monaten erkennen, ebenso nicht, ob es eine gute Bindung aufgebaut hat. Was sind bitte verantwortungsvolle Krippenkinder? Für mich hört sich das eher nach traumatisierten Kindern an, die später mal zu gehorsamen Eidgenossen werden. In Frankreich, dort hat man schon jahrelange Erfahrungen mit der ecole maternelle vollzieht sich derzeit ein gegensätzlicher Trend: Mütter reduzieren ihre Arbeitszeit wieder. Darüber hinaus hat Frankreich ein regides Bildungssystem, es würde ein Aufschrei durch Deutschland gehen, wenn Methoden-, Medien- und Lernmaterialvielfalt wieder durch Frontalunterricht ersetzt würde. Schlussendlich frage ich mich: wenn das schweizer System doch so erfolgreich ist, warum gehen so viele deutsche Akademiker in die Schweiz, warum gibt es dort denn nicht genug Ärzte, BWLer, Ingenieure?

    Ganze Wissenschaftszweige beschäftigen sich mit der Wichtigkeit einer guten Mutter-Kind-Bindung in den ersten Lebensjahren. Das ist ja offenbar an Ihnen vorbeigegangen und ich habe jetzt ehrlich gesagt auch keine Lust meine Perlen vor die Säue zu werfen. Wer sich für das Thema interessiert, kann jederzeit bei John Bolwby einsteigen und von mir aus bei Steve Biddulph wieder aufhören. Mütter sind für Babys die wichtigste Bezugsperson und elterliche Liebe, Zeit und Zuwendung kann durch Verkrippung nicht ersetzt werden. Der Rest ist gesellschaftspolitische Propaganda.

  7. eine deutsche Mutter mit ihren Gefühlen von einem Kind einer anderen Nation, in der das Problem "Kind geht in Krippe" weder so hoch gehängt wird noch zu solchen vorausgesagten Schäden von Bindung bis hin zu Langzeittherapie im Erwachsenenalter wegen Krippenbesuch führen?

    Auch dieser Artikel appelliert erneut an etwas, das kaum zu diskutieren ist - Muttergefühle und die scheinen in Deutschland durch das Kümmern allein ohne fremde Personen zu befriedigen zu sein. Wenn ich dagegen in anderen Ländern war oder bin oder mit Kollegen oder Kolleginnen aus anderen Ländern zu tun habe, so ist es eine Selbstverständlichkeit, dass die Kinder in Krippen, Ganztagskita und sehr früh in Schulen ganztags gehen, ohne dass dabei mütterliche oder kindliche Gefühle verletzt werden oder auch nur in Gefahr sind.

    Was ist hier anders?

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  8. In dem Artikel wird doch die Krippe gar nicht verteufelt. Es wird im Gegenteil um bessere Krippen geworben. Und was ist daran verwerflich, es den Eltern freizustellen, ob und/oder ab welchem Alter sie ihr Kind in eine Krippe geben? Es gibt tatsächlich Eltern, die ihr Kind in den ersten Lebensjahren lieber selbst betreuen - und das sind mitnichten ausschließlich bildungsferne Eltern! Wozu also die Aufregung? Eltern sollten frei von gesellschaftlichen Erwartungszwängen entscheiden können, sei es für oder gegen Krippenbetreuung.

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  • Schlagworte Kinderbetreuung | Baby | Depression | Elternzeit | Bildung | Geburt
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