Kinderlose sollen zahlen. Die Idee wird immer wieder mal aufgewärmt und ist betörend. Denn nur Menschen, die Kinder kriegen, sorgen für die Renten und Steuern der Zukunft. Da aber zu wenige Erwachsene Eltern werden, wird die Rente knapp. Familien mit mehreren Kindern und Alleinerziehende riskieren zudem, am Nachwuchs arm zu werden. Das ist ungerecht. Also sollen doch bitte die mal zahlen, die sich ungestört von Babygeschrei dem Geldverdienen widmen und für die demografische Katastrophe verantwortlich sind – die Kinderlosen.

Am liebsten noch in dieser Legislaturperiode wollen junge Unionsabgeordnete die Verfassung dahingehend verändern . Konkret schlägt Marco Wanderwitz, Sprecher der Jungen Gruppe in der CDU /CSU-Bundestagsfraktion in der Mitteldeutschen Zeitung vor, Kinderlose ab 25 Jahren mit einem Prozent ihres Einkommens zur Kasse zu bitten. Sie sollen voll zahlen, während Eltern mit einem Kind die Hälfte und Eltern mit mehreren Kindern gar nichts geben müssen. Das Geld soll in die Sozialversicherung fließen, aber auch in Infrastruktur und Bildung. Auch CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe findet den Gedanken angemessen.

Aber mal angenommen, es käme so weit. Welches Signal würde von einer solchen Strafabgabe ausgehen? Eltern machen sich für die Gesellschaft krumm, Kinderlose sind quasi kriminell.

Sind Eltern aber wirklich diese selbstlosen Typen, die der Demografie wegen die Bürde des Kinderhabens auf sich nehmen? Nein, sie tun es, weil die Kinder ihr eigenes Leben schöner machen. Und die, die wir bestrafen würden, sind oft gar nicht so weit von ihnen entfernt. Zum Beispiel Menschen, die ihren Kinderwunsch verschieben bis es zu spät ist. Oder Menschen, die keine Kinder bekommen können. Oder Menschen, die den richtigen Partner nicht finden. Oder, oder... Das Kinderkriegen ist verdammt privat.

Manchen von diesen ungewollt kinderlosen Menschen könnte die Gesellschaft dennoch helfen, indem sie ihnen Mut macht. Mit einer kinderfreundlichen Infrastruktur, mit guten Kitas und Schulen, mit weiteren Steuervorteilen und Ermäßigungen. Mit einer Arbeitsmoral, die noch Raum und Energie zum Mutter- und Vatersein lässt. Ein sinnvolles Signal wäre es also, die Gesellschaft familienfreundlicher zu machen, Familien noch mehr Vorteile zu verschaffen und den Kinderlosen unangemessene Privilegien zu nehmen – aber nicht sie zu strafen.

Wie? Indem man zum Beispiel kinderlose Paare mit dem Ehegattensplitting nicht mehr fördert , sondern diese Vorteile allein den Familien zukommen lässt. Statt am Erfolgsmodell Elterngeld herumzunörgeln, sollte das unsinnige Betreuungsgeld nicht eingeführt werden, von dem sowieso keine Mutter oder kein Vater zu Hause beim Kind bleiben kann.

Das Geld könnte man effektiver nutzen. In den Kindergärten und Schulen zum Beispiel. Wir beklagen uns über zu wenige Kinder, entlassen aber viele davon mit holprigem Deutsch oder ohne Schulabschluss in die Welt. Die Verantwortlichen müssten sich nur an ihre Versprechungen halten, nicht an den Bildungsausgaben zu kürzen.

Auch das hilft den Renten der Zukunft, rettet sie aber noch nicht. Aber auch hierfür gibt es bereits viele gute Vorschläge. Beispielsweise sollte nicht nur Lohnarbeit rentenpflichtig sein, sondern alle Einkommensarten. Das sorgt gleichzeitig für mehr Gerechtigkeit für Familien, die meist weniger Eigentum anhäufen können als Kinderlose. Ideen gibt es genug, man muss sich nur der Realität stellen und die richtigen Prioritäten setzen.

Selbst wenn unsere Gesellschaft in Zukunft den vielen Zaudernden mehr Mut zu Kindern machen sollte und den ungewollt Kinderlosen medizinisch besser helfen kann, wird es Menschen geben, die ihr Leben ohne Kinder oder nur mit einem Kind leben wollen. Sie entscheiden, was für ihr persönliches Leben richtig ist und sollten auch weiterhin dafür nicht diskriminiert werden.

Kurz nach Veröffentlichung dieses Kommentars hat Kanzlerin und CDU-Chefin Angela Merkel die Diskussion gestoppt: Sie wies den Vorstoß der jungen Unionsabgeordneten für eine Kinderlosenabgabe zurück. (kh)