EineBefragung   ergab, dass 40 Prozent der Eltern ihre Kinder ab und zu mal schlagen – es geht weniger um brutale Misshandlung, sondern um den berühmten Klaps auf den Po oder um Ohrfeigen. Unsere Leser haben die Meldung dazu auf ZEIT ONLINE sehr intensiv diskutiert, fast 900 Kommentare gingen ein.

ZEIT ONLINE: Unsere Leser sind gespalten: Zwar rechtfertigt keiner schwere Misshandlungen. Aber eine Gruppe sieht jegliche Art von Schlägen als Skandal an, die andere meint, ein Klaps schadet doch nichts. Wer hat Recht?

Pankofer: Gewalt als legitime Strafe gibt es meiner Ansicht nach nicht. Alles, was es inzwischen an wissenschaftlichen Untersuchungen gibt, zeigt eindeutig: Gewalt führt sehr häufig zu neuer Gewalt. Deshalb sollten Eltern klar Position beziehen und beschließen: Ich schlage gar nicht.

ZEIT ONLINE: Kann denn ein einzelner Klaps traumatisierend sein?

Pankofer: Das halte ich für übertrieben. Eltern machen Fehler und die meisten Menschen können später erstaunlich gut damit leben. Dennoch: Eltern sollten keine Gewalt anwenden. Sie müssen sonst ständig neu entscheiden, welche Gewalt noch o.k. ist und welche nicht. Das wird vor allem in herausfordernden Situationen sehr schwer: Wer ein bisschen Gewalt zulässt, der kann nach und nach die Grenzen weiter öffnen. Letztlich wissen wir nicht, was Kinder als traumatisierend erleben. 

Hohe Ideale sind gefährlich

ZEIT ONLINE: Laut Studie schlagen die wenigsten Eltern aus Überzeugung, sie schlagen aus Hilflosigkeit. Warum sind sie so überfordert?

Pankofer: Eine Ursache ist, dass heute viele bürgerliche Eltern ein sehr hohes Ideal von guter Elternschaft haben. Hohe Ideale sind aber gefährlich, denn es lässt sich leichter über sie reden, als sie durchhalten. Noch dazu sind sie widersprüchlich. Man soll Grenzen setzen und gleichzeitig will man das Kind nicht beschränken. Eltern haben in der Regel außerdem nicht nur hohe Ansprüche an die Erziehung, sondern stehen auch während der Arbeit unter Druck. So wird die Gewalt zum Ventil für vieles andere.

ZEIT ONLINE: Und die anderen Ursachen, die nicht nur bürgerliche Familien betreffen?

Pankofer: Ein weiterer Grund kann die eigene Gewalterfahrung sein. Manche Menschen, die selbst geschlagen wurden, legitimieren die eigene Biografie im Nachhinein, um sich selbst nicht als Opfer sehen zu müssen. Auch einige Kommentatoren auf ZEIT ONLINE relativieren Klapse und Schläge. Sie sagen: "Das hat mir nicht geschadet." Allerdings können auch Kinder ihre Eltern überfordern. Gefährdet sind Kinder, die viel schreien oder sehr agil sind.

ZEIT ONLINE: Sind prügelnde Eltern auch ein Phänomen bestimmter Gesellschaftsschichten und Kulturen?

Pankofer: Ja, eine Studie vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen hat ergeben, dass beispielsweise in vielen serbischen, kroatischen und türkischen Familien Prügel noch als normales Erziehungsmittel gelten. Erziehung dient dann dazu, Hierarchien aufrechtzuerhalten und Männlichkeitsideale weiterzuführen. Aber auch die christliche Kirche hat lange gelehrt, dass man Kinder mit Schlägen abhärten und läutern muss. Das sind Traditionslinien, die man nicht leicht loskriegt.