Familienglück: Zu viel Kinderkunst
Überall stapeln sich Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen. Mark Spörrle möchte gerne ein paar Kunstwerke seiner Tochter entsorgen. Aber wie?
Meine Tochter produziert Kunst. Nicht wie dieses etwa gleichaltrige Mädchen aus Melbourne, dessen Bilder ab 5.000 Dollar verkauft werden. Meine Tochter produziert Kunst am laufenden Band. Und weit mehr als die Zeichnungen, Gemälde, Skulpturen, die meine Liebste und ich stolz aufhängen.
Neulich etwa, als ich in Gedanken ein paar bunte Schnipsel vom Tisch nahm und in den Mülleimer warf, begann Luise zu brüllen. Denn bei den Schnipseln, übrig geblieben beim Ausschneiden einer Krone aus Glanzpapier, handelte es sich nicht um Abfall, sondern um "Prinzessinen-Diamanten". Glücklicherweise konnte ich die meisten Diamanten noch retten: Das Entsorgen von kreativen Schöpfungen im Müll gehört zum Schlimmsten, was Eltern ihren Kindern antun können.
Luise stopfte die Dinger schniefend in ihre Schatzkiste. In die dritte oder vierte Schatzkiste, und auch die war schon prallvoll mit ausgeschnittenen Kronen, Herzen und Igeln unterschiedlichster Vollendung, mit angefangenen Blumen-und-Mädchenbildern und zusammengeklebten Papiergebilden in allen denkbaren Größen. Um ehrlich zu sein: Luises ganzer Schrank war voll. Und ihr Regal. Und ein Regal im Wohnzimmer. Und dann waren überall in der Wohnung diese Stapel.
"Was hast du?", gab sich meine Liebste arglos. "Es ist doch gut, dass sie so gerne malt und bastelt!"
Ich seufzte. Natürlich war es toll, dass Luise an ihrem künstlerischen Talent feilte. Es machte mich auch stolz, dass sie beim Malen schon so früh für ihr Alter die Kopffüßler-Phase hinter sich gelassen hatte.
"Aber", fragte ich, räumte einen Stapel Wasserfarben-Versuche beiseite und ließ mich aufs Sofa fallen, "müssen wir wirklich alles aufheben? Jedes schnelle Gekritzel? Jedes Blatt mit einem Strich? Jeden zusammengeknüllten Fetzen Papier? Weißt du, wie klein unsere Wohnung dadurch wird?"
- Familienglück - die Kolumne
- Mama und Papa gehen arbeiten, die Kleine in den Kindergarten. Das perfekte Familienglück ist nur eine Frage der Organisation, oder? Mark Spörrle schreibt in seiner Kolumne "Familienglück" über die Tücken des Alltags.
© Mark Spörrle
Meine Liebste sagte, wir hätten ja bereits diverse Versuche unternommen, unsere Tochter zum Aussortieren überflüssiger Kunst zu bewegen, jeder vergeblich. Und alles andere sei unpädagogisch. Selbst wenn es sich um das baumstammdicke, hüfthohe, quietschgrüngelbe Gebilde aus verklebten Klorollen handle, das mangels Platz im Kinderzimmer jeden, der unsere Wohnung betrat, schon im Flur empfing. Und so lange fassungslos erstarren ließ, bis wir hastig erklärt hatten, dass es sich um ein Artefakt aus dem Kindergarten handelte. Für das dort leiderleider kein Platz mehr gewesen sei.
"Eine perfide Strategie", sagte ich. "Die Erzieher geben alles, was irgendwie gemalt oder gebastelt aussieht, den Kindern nach Hause mit. Und sparen sich so die Debatte, was man aussortieren und wegwerfen könnte. Und die Kosten für die Papiertonne. Neulich hatte Luise zwei alte Zeitungen dabei."
Meine Liebste sagte, ich rede Unsinn. Dann überschlug sie, dass wir aus Luises Fach im Kindergarten täglich vier bis sechs Bilder zogen, dazu zwei Pappkunstwerke, eine Handvoll Schnipsel, Schnüre und Sonstiges und ein, zwei Objekte unbekannter Herkunft. "Auf alle Kinder hochgerechnet sind das glatt zwei oder drei Papiertonnen", sagte sie verblüfft und ließ sich neben mir auf den Stapel Klebestickerbilder fallen.
"Was machen wir?", fragte ich. "Wenn das so weitergeht landen wir als Messiehaushalt in der BILD-Zeitung. Lass uns die Sachen weiterverschenken. An deine Eltern. Die freuen sich. Und haben im Keller noch Platz."





Tja Vatern, nu ist guter Rat teuer!
Meine Mutter hat das Problem seinerzeit elegant gelöst. Die geklebten, gezeichneten, aus diversen Knetmassen gewurschtelten, kachelbemalten, gegipsten, wäscheklammergeklebten, selbst gedichteten Kunstwerke wurden in Umzugskartons im Keller aufbewahrt.
Als ich zu Hause auszog, wurden mir all diese Kartons in einer Blitzaktion mit den Worten "hab ich neulich im Keller gefunden, da steht dein Name drauf" in die Wohnung gestellt.
Die Kürze der Stippvisite kam mir gleich verdächtig vor, als ich die Kartons öffnete, wurde mir der Grund des erstaunlich schnellen Verschwindens klar! Ich brauchte zwei Tage, um alles zu sortieren und den Müll zu trennen.
Mieten Sie schonmal einen Lagerraum, wenn Sie keinen Keller oder Dachboden haben. Eines Tages kommt der süße, unbezahlbare Moment der Rache. ;)
:-) Ich mache es so ähnlich, nur mit "Fallnetz": Wenn es mal wieder zuviel wird mit den Kunstwerken, oder eines der tausend Billigst-Spielzeuge, die man inzwischen an jeder Ecke "geschenkt" bekommt, dann lege ich das Objekt erst mal heimlich oben auf einen Schrank oder in eine entfernte Schublade. Wenn dann in den nächsten drei Wochen keiner merkt, dass es nicht mehr da ist, dann kann es ganz weg ...
Der Mann sieht es aus der falschen Pespektive. Wenn man die Bilder wegwirft ist das nicht ein Akt der Respektlosigkeit, sondern ein weiterer Weg der Tochter Grenzen aufzuzeigen.
Dieser Text irritiert mich völlig. Die Eltern machen aus jeder Maus einen Elefanten. Diese Hypersensibilität die wir in der Gesellschaft immer mehr registrieren ist genauso schlecht wie die Intoleranz und die harsche Erziehung der letzten Jahrhunderte.
Besinnen Sie sich wieder. Machen sie ihrer Tochter im ernsten Ton klar, dass sie ihr damit nicht schaden wollen und ihr nur Grenzen aufzeigen müssen.
Was mir noch einfällt: Meine Cousine hat mir zwei Bilder geschenkt. Als sie dann wieder zu Besuch war hab ich ihr die Bilder auf Anfrage gezeigt. Inzwischen hab ich die Bilder weggeschmissen, weil das rein rational und besonnen gesehen, Mist ist. Radikal formuliert aber Wahr.
Und Sie haben die Bilder Ihre Cousine tatsächlich in ihrer Anwesenheit kaltlächelnd weggeworfen? Oder erst, also doch sensibel, als sie wieder weg war?
Und Sie haben die Bilder Ihre Cousine tatsächlich in ihrer Anwesenheit kaltlächelnd weggeworfen? Oder erst, also doch sensibel, als sie wieder weg war?
Kinderkunst in den Räumlichkeiten des Kindes stapeln, einige wenige Werke aufhängen, ansonsten darauf verweisen, daß es verschiedene Arbeits- und Lebensbereiche gibt. Bei Fortdauer anfangen, uralte Akten im Kinderzimmer einzulagern.
Bei meinen 3 Kindern hat sich in kurzer Zeit auch immer eine Menge an Kindergartenbasteleien und häuslichen Eigenproduktionen angesammelt. Wir haben diese Werke in einer Kiste gesammelt und in regelmäßigen Abständen gemeinsam mit den Kindern diese durchgesehen. Die Kinder haben dann selbst entschieden, was weggeschmissen werden sollte. Tränen gab es dabei nie, denn auch Kita-Kindern kann man klarmachen, dass eine Wohnung nur begrenzten Platz für diese Dinge hat.
Man kann natürlich auch alles problematisieren...;-)
egal ob Holz, Plastik, Steine oder Metall. Um etwas Neues zu bauen muss Ihre Tochter das Alte wieder auseinandernehmen. Hilft natürlich nicht bei Malereien.
Ansonsten habe ich auch gute Erfahrungen mit gemeinsamem Ausmisten gemacht.
"Meine Liebste sagte, wir hätten ja bereits diverse Versuche unternommen, unsere Tochter zum Aussortieren überflüssiger Kunst zu bewegen, jeder vergeblich. Und alles andere sei unpädagogisch."
Also behält am Ende immer das Kind recht, durch ein schlichtes "Nein!"? Das wäre ja furchtbar! Die bisherigen Kommentatoren haben schon sehr gute Tipps zur Problematik gegebe, und auch ich halte diese Hypersensibilität für übertrieben.
Insofern stimme ich zu: das Kinderzimmer kann gern vollgestopft werden, und was nicht mehr passt, kommt in eine Kiste, die wiederum in den Keller gestellt wird. In der restlichen Wohnung werde nur die Werke aufgehängt bzw. aufgestellt, die auch den Eltern (und ggf. anderen Geschwistern) gefallen. Wenn man das dem Kind gegenüber nachvollziehbar erklärt, ist das sogar sehr pädagogisch.
p.s.:
Ich halte nichts davon, wenn Eltern ihre Individualität, ihre eigenen Wünsche und Vorstellungen, ihr Leben komplett aufgeben und ausschließlich und bedingungslos in den Dienst des Kindes stellen. Man entscheidet sich für das Kind und damit dafür, ihm einen Großteil seiner Zeit und anderer Ressourcen zu wenden. Aber es MUSS Grenzen geben. Spätestens die Selbstaufgabe ist eine.
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