Sex unter Geschwistern, das geht irgendwie nicht. So ist es fest in unser Denken eingebrannt. Aber warum denken wir so? Wirken hier veraltete Moralvorstellungen oder ist es ein berechtigtes Tabu, das uns zurückschrecken lässt?

Fremdgehen, schwul oder lesbisch sein, Sex zu dritt oder allein: All das ist inzwischen Privatsache und legal, glücklicherweise. Abgesehen von schweren Verbrechen wie beispielsweise Kindesmissbrauch oder Frauenhandel gibt es nur noch dieses eine sexuelle Tabu. Der Geschlechtsverkehr unter direkten Verwandten wird in Deutschland sogar bestraft. In Europa verbieten einige Länder Inzest, andere jedoch nicht. An diesem Donnerstag hat nun der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte entschieden, dass das deutsche Inzestverbot die Menschenrechte nicht verletzt.

Geklagt hatte Patrick S., der seine Schwester erst kennenlernte, als er erwachsen war . Denn er kam als Kind ins Heim und wuchs dann in einer Adoptivfamilie auf. Patrick S. und Susann K. verliebten sich und bekamen vier Kinder. Patrick wurde deshalb mehrfach verurteilt und war insgesamt drei Jahre im Gefängnis.

Was spricht für ein Inzestverbot?

Die Begründung, die uns als erstes einfällt, sind die behinderten Kinder, die aus einer solchen Beziehung eventuell hervorgehen könnten. Auch zwei der Kinder des Klägerpaares sind behindert. Aber diese Begründung trägt nicht. Denn Menschen mit Behinderungen können sich ebenfalls entscheiden, Kinder zu bekommen, selbst wenn zu erwarten steht, dass sie ihre Krankheit weiter vererben. Wir wären zu Recht empört, wenn sie dafür eingesperrt würden. Gleiches gilt für Mütter, die während der Schwangerschaft rauchen und trinken. Wir versuchen, sie davon zu überzeugen, es zu lassen – aber niemand steckt sie deshalb ins Gefängnis.

Als weiteren Grund könnte man nennen, dass die Aufhebung des Verbots den Missbrauch an Kindern legitimieren würde. Doch auch das lässt sich nicht halten. Schließlich steht Missbrauch auch ohne Inzestverbot unter Strafe, ganz gleich, ob der Bruder, der Lehrer oder der Nachbar der Täter ist.

Ein weiteres Argument heißt: Das Gesetz gegen Inzest soll die Familie schützen. So sollen Verwirrungen vermieden werden, wer denn jetzt Vater, Großvater, Bruder oder Liebespartner ist. Ein recht fragwürdiger Gedanke. Denn erstens verbietet die Regel gar nicht die romantische Liebe oder wildes Knutschen unter Geschwistern und anderen nahen Verwandten, sondern nur den Beischlaf.