ZEIT ONLINE: Frau Karakaşoğlu, laut dem aktuellen Integrationsbericht geht es voran mit der Integration. Vor allem die Bildungssituation von Einwandererkindern verbessert sich: Krippen und Kindergärten werden häufiger genutzt, es gibt weniger Schulabbrecher und mehr Studenten. Ist in den vergangenen zwei Jahren etwas besonderes geschehen?

Yasemin Karakaşoğlu: Ja, die Entwicklung insgesamt ist erfreulich und entspricht keinesfalls der populären Wahrnehmung, im Bildungsbereich würde die Integration nicht voranschreiten. Im Bericht werden nun allerdings Befunde herausgehoben, die gar nicht so neu sind. Zum Beispiel die steigende Zahl der Einwandererkinder in Kindergärten. Sie steigt seit Langem kontinuierlich und liegt trotzdem noch immer unterhalb der Quote der Kinder ohne Migrationshintergrund. Dass sich viele Migranten aus niedrigeren sozialen Schichten eine hohe Bildung für ihre Kinder wünschen, wird im Bericht hervorgehoben, ist uns aber schon seit Ende der 1980er Jahre bekannt. Oder dass Jungen und Mädchen in Migrantenfamilien gleichermaßen unterstützt werden.

ZEIT ONLINE: War es also nur eine Frage der Zeit, dass Kinder von Migranten aufsteigen?

Karakaşoğlu: In gewisser Weise schon, wobei das kein Selbstläufer ist. Zum einen hat sich die Zusammensetzung der Einwanderer geändert. Es gibt immer weniger neue Zuwanderer mit geringen Bildungsvoraussetzungen aus den ehemaligen Gastarbeiterländern. Mehr Menschen mit höherem Bildungsstand kommen nach Deutschland. Selbst diejenigen, deren Ausbildung bislang nicht anerkannt wurde beziehungsweise die arbeitslos sind, motivieren ihre Kinder zu höheren Bildungsabschlüssen. Und die ehemaligen Gastarbeiter sind inzwischen in der zweiten und dritten Generation hier. Ihre Kinder und Enkel sind vertrauter mit dem Bildungssystem und sprechen meist Deutsch. Der Lernprozess steigert sich von Generation zu Generation, bis dann die erste Studentin in der Familie ist. Man könnte hier von einer Art Booster-Effekt sprechen. Der Drang, mehr zu erreichen, wenn sich die ersten Erfolge einstellen, ist groß. Deshalb wollen auch mehr Abiturienten mit Migrationshintergrund studieren als solche ohne Migrationshintergrund.

ZEIT ONLINE: Haben denn die vielen Schulreformen, Integrations- und Sprachkurse oder die Diskussion um den Krippenausbau auch wichtige Weichen gestellt?

Karakaşoğlu: Ja, wir denken, dass in der Summe die vielen Maßnahmen zu wirken beginnen, die seit der ersten Pisa-Studie ergriffen wurden. Welche genau und wie sie zusammenwirken, kann man nur in Einzelfällen sagen. Es ist schwierig, diese Effekte zu evaluieren. Wir wissen zum Beispiel, dass Ganztagsschulen Kindern aus bildungsfernen Familien (mit und ohne Migrationshintergrund) helfen, wenn sie ein hochwertiges Programm anbieten, das das pädagogische Vormittags- und den Nachmittagsangebot konzeptionell verbindet.

Viel bewirkt hat auch, dass die Bildungsaufgaben der Kindergärten und Schulen seit einiger Zeit öffentlich intensiv diskutiert werden. Die Pädagogen sind aufmerksamer geworden. Viele Lehrer sehen es inzwischen als ihre Aufgabe an, auch in anderen Fächern als in Deutsch, Sprachkenntnisse zu fördern. Zunehmend werden additive Maßnahmen, beispielsweise der Förderunterricht, der einzeln oder in kleinen Gruppen erteilt wird, ersetzt oder ergänzt durch integrative Maßnahmen: Der Stoff wird dann jedem Kind individuell im Klassenverband vermittelt. Die Diskussionen wirken auch in den Familien. Bis in die 1990er Jahre sahen viele Migranten wenig Sinn darin, ihre Kinder in die Kita zu schicken. Sie wollten eine Institution, die auf die Schule vorbereitet und eine Deutschförderung und standen dem Erziehungsanspruch der Kita eher kritisch gegenüber. Inzwischen wird der Bildungsauftrag öffentlich stärker betont, deshalb wächst auch die Akzeptanz.