ElterngeldElterngeld macht keine Babys

Die Geburtenrate sinkt, und sofort wird wieder das Elterngeld infrage gestellt. Doch die Debatte führt in die Irre, kommentiert Parvin Sadigh. von 

Wenn die Geburtenrate sinkt, findet sich gleich jemand, der fordert, man solle das Elterngeld  abschaffen. Diesmal ist es ein CDU-Abgeordneter: Thomas Bareiß. Er ist Wirtschaftspolitiker und aus dieser Perspektive kann man so argumentieren. Im vergangenen Jahr wurden laut den vorläufigen Zahlen des statistischen Bundesamts so wenige Babys in Deutschland geboren wie noch nie. 15.000 oder 2,2 Prozent weniger als 2010. Da es ein Ziel des Elterngelds sein sollte, die Geburtenrate zu steigern, kann man es also als Misserfolg deklarieren. Zumal es auch noch ganz schön teuer ist. Im ersten Jahr, also vor gut fünf Jahren, kostete es rund vier Milliarden Euro, dieses Jahr 4,7 Milliarden und 2013 werden 4,9 Milliarden erwartet.

Doch Bareiß folgt einer absurden Rechnung: Es war von vornherein naiv zu glauben, dass Menschen gleich davon schwanger werden, wenn man ihnen Geld bietet. Familienministerin Kristina Schröder wehrt sich deshalb tapfer und verspricht eine nachhaltige Familienpolitik. Sie suggeriert:  Wenn das mit den Krippenplätzen erst mal klappt und die Unternehmen familienfreundlicher werden, wird alles gut.

Anzeige

Tatsächlich wissen wir nicht, wie niedrig die Geburtenrate ohne das Elterngeld wäre. Und Schröder hat Recht damit, dass mehr als die Unterstützung im ersten Lebensjahr dazu gehört, eine Gesellschaft kinder- und elternfreundlich zu machen. Eltern müssen unter anderem das Vertrauen haben, einen Betreuungsplatz für ihr Kind zu finden, der auch so gut ist, dass das Kind keinen Schaden nimmt. Dieses Ziel ist auch 2013 mit dem Rechtsanspruch auf den Krippenplatz mit Sicherheit nicht erreicht.

Die Geburtenrate wird nie wieder Babyboomer-Niveau erreichen

Doch abgesehen davon wird man akzeptieren müssen, dass die Geburtenrate in Deutschland nie wieder enorm steigen wird. Die Babyboomer-Frauen sind durch mit dem Kinderkriegen. Die Frauen-Generation nach dem Pillenknick ist einfach kleiner. Selbst wenn es irgendwann schichtübergreifend in Mode kommt, viele Kinder zu haben, wird die Zahl der Babys nie wieder das Niveau von 1964 erreichen.

Das Elterngeld ist aus anderen Gründen erfolgreich und wichtig – nicht nur, weil es Familien hilft, finanziell über die Runden zu kommen, wenn ein Elternteil nicht verdient. Das Elterngeld hat dabei geholfen, ein neues Familienbild zu verbreiten, das den Bedürfnissen moderner Paare entspricht. Früher richteten sich Frauen oft auf ein langes Zuhausebleiben ein, wenn das erste Kind kam: Vor zehn Jahren galt eine Auszeit von mindestens drei Jahren noch als normal, fast immer auf Kosten der Karriere der Mutter. Das Elterngeld hat hier einen Umdenkprozess in Gang gebracht. Heute gehen deutlich mehr Frauen wieder arbeiten, wenn ihre Kinder zwischen einem und zwei Jahre alt sind. Das hilft ihnen in ihrer Lebensplanung und es hilft der Wirtschaft, die auf sie nicht verzichten kann.

Leserkommentare
    • joG
    • 03. Juli 2012 17:24 Uhr

    ....schlechte Gesetzgebung. Wenn man mit einer Maßnahme etwas erreichen will, so sollte bei Verabschiedung des Gesetzes festgelegt sein, wie man den Erfolg messen kann. Wenn die Indikatoren zeigen, dass das Ziel nicht erreicht wird, sollte das Gesetz sterben. Warum sollte der Steuerzahler für etwas bezahlen, das nicht erreicht, was man versprach?

    6 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Wer würde auch seine Lebensplanung an einem Gesetz mit den üblichen Halbwertszeiten ausrichten können?
    Hierzulande ist es doch üblich, dass die Kanzlerin es bei der nächsten Stimmungsschwankung kassieren könnte. Auch die nächste Regierung wird ihre Streichopfer im Haushalt suchen um ihre Klientel wieder zu beglücken.
    und egal ob SPD, Grüne oder Linke - die Stärkung von Familien wird nicht ihr Ansinnen sein.

  1. "Viele nehmen nur die zwei Monate Elternzeit und gut 65 Prozent von ihnen nur dann, wenn die Mütter auch zu Hause sind. "

    sonst würde ja niemand auf das kind aufpassen.

    die emhrzahl der väter betrachtet die elternzeit doch als von staat gesponserten urlaub.

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...woher hast du dein Wissen?

  2. ... hat Das mit dem Elterngeld funktioniert. Es war einfach eine Erleichterung die uns in unserer Entscheidung bestärkt hat. Was die Geburtenrate angeht... leider müssen sich Frauen in D immer noch entscheiden, Job oder Herd. Der Arbeitsmarkt ist leider alles andere als Kinderfreundlich. Frauen müssen sich in diesem Land ihre Freiheit mit Kinderlosigkeit erkaufen... Gruss an die CSU.

    16 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    anreize für mehr teilzeitstellen wären eine sinnvolle sache, und zwar nicht nur im bereich putzen und verkäuferin.

    zur zeit geht der trend eher dahin, möglichst viele minijobs zu schaffen.

    neulich habe ich sogar ein stellenagebot für eine physiotherapeutin auf 400€ basis gesehen.

    Bei meiner Tochter war das Elterngeld auch ein Anreiz, den Kinderwunsch in die Tat umzusetzen und nicht zu warten, bis der Ehemann befördert wird.

    Meine Tochter hat als Beamtin das höhere Gehalt. Wäre es vollkommen weggefallen, und hätte die Familie nur von dem Gehalt des Mannes leben müssen, dann hätten sie sich sehr einschränken müssen.

    Wenn ich zur Statistik beitragen kann: aufgrund des Elterngeldes 2 Babies mehr in den letzten 3 Jahren.

    Aber für Familien mit zwei geringen Gehältern bringt das Elterngeld doch gar nichts. Die werden dann zu Aufstockern und leben am Existenzminimum.

    Volker Pispers nannte das Elterngeld daher "Akademikerinnen-Wurfprämie".

    @readers_delight, unsere Einwanderer werden uns retten. Laut einer aktuellen Studie bekommen Einwanderer in fast allen europäischen Staaten durchschnittlich mehr Kinder als die einheimische Bevölkerung.
    Laut Statistiken betrifft das besonders Migranten aus Dritte-Welt-Ländern. Die Annahme, dass die zweite und dritte Generation ihre Geburtenneigung dem Durchschnitt anpasst, trifft aber keineswegs immer zu. Das zeigen Studien in englischsprachigen Ländern.
    Auffallend ist dabei, dass auch unter den Zuwanderern große Unterschiede je nach Herkunft bestehen. So zeigen in Großbritannien einige Gruppen sogar eine niedrigere Geburtenrate als die "einheimische" Bevölkerung. Zum Beispiel wiesen um das Jahr 2000 aus China stammende Frauen deutlich weniger Kinder als Britinnen auf. Erstaunlicherweise waren auch die aus der Karibik und aus Indien stammenden Frauen vergleichsweise kinderarm.
    Ganz anders das Verhalten von Frauen aus Schwarzafrika, Pakistan und Bangladesh (siehe Grafik). Hier war gerade die erste Generation der Zuwanderer besonders kinderreich – bei in Somalia geborenen Frauen beträgt die Geburtenrate sogar 4,66. Doch auch die in Großbritannien geborenen Kinder der Zuwanderer wiesen noch immer eine um 50 Prozent höhere Geburtenrate als der nationale Durchschnitt auf.
    (siehe http://www.youtube.com/wa...)

    Und wenn es es ausläuft, das "funktionale" Elterngeld ? Was dann ?
    Du hast den Braten 20 Jahre an den Hacken, was helfen dir da die paar Muck vom Anfang der Elternschaft ?

  3. vergeht einem die Lust auf Kindererzeugen! Das geht nicht mit dem Geld sondern mit der Liebe. Seehofer hat heute wieder gedroht die Koalition zu verlassen!

    4 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...die Konservativen sorgen mit ihrer EU-Sparpolitik und dem unbedingten Willen zum Euro doch für ausreichend Zuwanderung:
    http://www.heise.de/tp/ar...

    Weniger Geburten, mehr Zuwanderung:
    http://www.sueddeutsche.d...

    So ist er, der nachhaltige Kapitalismus.

    • scoty
    • 03. Juli 2012 17:35 Uhr

    Wenn für Kitaplätze bis zu 800 Euro oder mehr bezahlt werden ist es ja auch kein Wunder.

    13 Leserempfehlungen
  4. ...mit allerlei Anreizen bis ins 5.Jahrhundert n.Chr. versucht, der Fortpflanzungsverweigerung römischer Bürger entgegenzuwirken - ohne Erfolg, das Ergebnis ist bekannt.

    4 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • joG
    • 03. Juli 2012 23:02 Uhr

    ...weniger Probleme mit den Römern.

    • Hokan
    • 06. Juli 2012 14:57 Uhr

    Wie auch in unserem Falle war es schon damals überaus schwierig, den Effekt solcher Regelungen zu messen. Nur ein Ansteigen der Geburtenrate hätte eine positive Wirkung nahegelegt. Doch auch das wäre bei genauem Hinsehen eventuell auf "andere Umstände" zurück zu führen.

    Wie man es auch immer dreht und wendet, weder damalige Sanktionsandrohungen noch das heutige Winken mit finanziellen Zuwendungen und Freizeit stärkt offensichtlich das Reproduktionsbedürfnis. Den Kopf als Ansprechpartner können wir in dieser Sache also getrost beiseite legen.

    Die Koalition scheint da eher auf einen chaotischen Verlauf der Energiewende zu setzen. Deren anhaltende Behinderung durch Wirtschaftministerium und Energiewirtschaft wird wohl die Stromnetze an ihre Grenzen bringen und flächendeckend die Fungeneration aus den Clubs treiben. Und mit Ausfall von Heizung und Fernseher bleibt daheim nach dem Stand der Dinge nur noch das Bett.

  5. Wie viele sitzt Parvin Sadigh dem Irrtum auf, Kinder seien finanziell betrachtet so etwas wie ein Konsumgut. Wer mehr Geld verdient, könne sich mehr davon "leisten" als jemand mit weniger Einkommen. Das ist aber nicht so. Ein Blick auf die Geburtenverteilung zeigt, daß gerade die einkommensschwachen Bevölkerungsgruppen sich mehr und vor allem grüher Kinder leisten können als die relativ besserverdienende Mittelschicht. Maßgeblich sind nämlich nicht die Kosten, die ein Kind verursacht, sondern die entgangenen Einnahmen, beruflichen Chancen usw. Das Elterngeld ist deswegen ein Ansatz, der in die richtige Richtung geht. In der Tat ist seine Wirksamkeit schwer zu beurteilen, denn man weiß nicht, wie sehr die Geburtenrate gefallen wäre ohne das Elterngeld. Auch sollte man nicht die gesamte Geburtenrate betrachten sondern nach Bevölkerungs- und Einkommensgruppen differenzieren.

    11 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    die tatsächlich wirksam ist:
    http://de.wikipedia.org/w....

    Man beachte die Beträge, um die es dabei geht und setze sie zu den landesüblichen Durchschnitteinkommen in Beziehung - das sind einfach ganz andere Größenordnungen als das Elterngeld in Deutschland.

    • Falcom
    • 03. Juli 2012 21:34 Uhr

    -Wer geringe berufliche Perspektiven besitzt, sprich wenig Aufstiegschancen zu verlieren hat wird eher das "Risiko" Kind eingehen.

    -Wer schon mit 16 mit seiner Ausbildung fertig ist, hat früher ein Gehalt (sei es Lohn oder staatliche Hilfen) und somit mehr Zeit Kinder in die Welt zu setzen.

    Zusammengefasst: Gering Ausgebildete und Perspektivlose setzen die meisten Kinder in die Welt, Ausnahmen bestätigen natürlich diese Regel.

    Berücksichtigt man nun, wie stark in Deutschland die Zukunft der Kinder vom Status und vom Zustannd des Elternhauses abhängt - was wird die Zukunft bringen und welche Maßnahmen könnten dem entgegensteuern?

    • Medley
    • 04. Juli 2012 8:24 Uhr

    "Wie viele sitzt Parvin Sadigh dem Irrtum auf, Kinder seien finanziell betrachtet so etwas wie ein Konsumgut. Wer mehr Geld verdient, könne sich mehr davon "leisten" als jemand mit weniger Einkommen."

    Wieso? Herr Sadigh hat doch -zumindest aus dem Bauch heraus- recht. Seinen Argumente entsprechen dahingehend doch einer inhärenten Logik, schlussfolgerlich (aus)der Tatsache, dass derjeninge der wohlhabend ist, sich eine große Familie und wer nicht wohlhabend ist, sich nur eine kleine oder garkeine Familie leisten kann. Und so war es ja auch über viele Jahrhunderte in den europäischen Gesellschaftem, dass die Bessergestellten immer mehr Kinder hatten als die Unterpriveligierten.

    "Das ist aber nicht so."

    Wohl wahr. Die reichsten Länder der Erde(zB. Japan, D-land) haben die geringste Geburtenqoute, die ärmsten Länder(zB. Somalia, Burundi) die höchste. Die reichsten und gebildesten Frauen einer Gesellschaft haben idR. die geringste Fertilität aufzuweisen, die ärmsten und ungebildesten Frauen die höchste. Reichtum macht also kinderarm, sowie Armut kinderreich macht, wenn man eine logische Schlussfolgerung aus diesen Tatbeständen ziehen will.

    • Medley
    • 04. Juli 2012 9:10 Uhr

    "Maßgeblich sind nämlich nicht die Kosten, die ein Kind verursacht, sondern die entgangenen Einnahmen, beruflichen Chancen usw."

    Richtig und doch zu kurz gegriffen. Die Japanerinnen sind nun alles andere als im westlichen Sinne emanzipiert. Und doch weisen sie die weltweit geringste Fertilität auf. Und aktuell hat das stockkonservative Iran, so wie ich es in den Medien gelesen habe, sogar noch eine wesentlich geringere Geburtenqoute. An den fortschrittlichen Gesellschaftmodellen( viele "selbstbewusste Frauen die eigenständig sind und berufliche Karriere machen) dieser Länder kann es also nicht liegen. Und daher auch nicht an dem Konflikt von Mutterschaft und Berufstätigkeit. Und warum sind die Frauen zB. in Deutschland nicht schon lange vor dem Jahr 1964 in den Gebärstreik getreten? Warum dann aber so abrupt danach? Was ist eigentlich im Zeitraum 1964/1965 passiert? Wussten sie übrigens, das seit ein paar Jahren im Iran, als einem der wenigen islamische Länder, die sogenannte "Anti-Baby"-Pille erlaubt ist?

    • Raig
    • 03. Juli 2012 17:48 Uhr
    8. [...]

    Entfernt. Da kein konstruktiver Kommentar. Die Redaktion/kvk

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Kristina Schröder | Elterngeld | Baby | Eltern | Familienpolitik | Geburt
Service