VäterDas Sorgerecht, ein Bekenntnis zum Kind

Väter sollen endlich ohne Genehmigung der Mütter das Sorgerecht für ihre Kinder bekommen. Dass sie es erst beantragen müssen, ist richtig, kommentiert Parvin Sadigh. von 

Jedes dritte Kind wird heutzutage von einer Mutter geboren, die nicht mit dem leiblichen Vater verheiratet ist. Doch es hat dieselben Chancen, in einer sogenannten intakten Familie aufzuwachsen wie Kinder verheirateter Eltern. Eine Studie hatte sogar ergeben, dass unverheiratete Paare, die zusammenleben, besonders gut kooperieren, wenn sie Kinder erziehen. Aber auch Elternpaare, die nicht zusammenleben, teilen oft die Verantwortung im Sinne ihrer Kinder.

Nur rechtlich war die Situation für die Väter bisher unbefriedigend. Jetzt kommt endlich eine neue Regelung : Väter, die das Sorgerecht wollen, können es unabhängig vom Einverständnis der Mutter beantragen. Die kann nur widersprechen, wenn das Kind Schaden nehmen könnte, nicht aber weil sie persönlich mit dem Mann nichts zu tun haben will. Wenn es Streit um das Kindeswohl gibt, muss ein Familiengericht entscheiden.

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Bis zum Jahr 2010 war es zumindest implizit noch so, dass das Wort Familie nichts anders bezeichnete als ein Ehepaar plus Kind(er). Nur in dieser Form hatte auch der Vater mit der Geburt des Kindes das Sorgerecht. Waren Vater und Mutter nicht verheiratet, bekam sie das Sorgerecht allein. Väter, die bei der Wahl der Schule, einer Operation oder dem Namen auch offiziell mitreden wollten, mussten gemeinsam mit der Mutter zum Jugendamt gehen, die sich schriftlich mit seinem Sorgerecht einverstanden erklären musste.

Das Bundesverfassungsgericht hat diese Regelung zu Recht gekippt. Männer dürfen ebenso wenig aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert werden wie Frauen in anderen Situationen. Nur weil sie unverheiratet sind, darf man ihnen nicht unterstellen, dass sie nicht bereit wären, Verantwortung für ihre Kinder zu übernehmen. Und vor allem ist es im Sinne der Kinder, hier eine neue Regel zu finden. Sie wünschen sich meistens, dass beide Eltern für sie da sind, und sie profitieren davon.

Warum bekommt der Vater das Sorgerecht nicht automatisch?

Kritiker halten den Plan des Bundesjustizministeriums dennoch für einen faulen Kompromiss. Besser wäre es, sagen sie, jeder Mann bekäme automatisch das Sorgerecht, sobald feststeht, dass er der Vater ist. Denn aus diversen Gründen verpassen Eltern manchmal, die gemeinsame Sorge zu beantragen. Kommt es später dann zur Beziehungskrise, entscheidet nicht selten die Mutter wieder allein. Außerdem, so ein weiteres Argument, hätten verheiratete Väter das Sorgerecht ja auch automatisch.

Stimmt. Aber einen Unterschied gibt es doch. Durch das Eheversprechen haben sowohl die Frau als auch der Mann nicht nur ein Bekenntnis zum Partner, sondern auch zu den gemeinsamen Kindern abgelegt. Der unverheiratete Vater nicht. Die Mutter immerhin indirekt, weil sie das Kind austrägt.

Warum sollte ein Mann automatisch das Sorgerecht für ein Kind erhalten, das ihn nicht interessiert? Ihn einmal sagen zu lassen: "Ja, ich will mich um dieses Kind kümmern", ist angemessen. Man könnte den Antrag auf das Sorgerecht also wie ein Bekenntnis betrachten, statt es als diskriminierend abzustempeln – und als feierliches, möglichst unbürokratisches Ritual begehen. Mutter und Vater verpflichten sich, die Sorge zu tragen, genauso wie sie dem Kind einen Namen geben und den offiziell registrieren lassen. Konsequent wäre es allerdings im Sinne der Gleichberechtigung, dass die Mutter ebenfalls offiziell bestätigt, dass sie das Sorgerecht übernehmen will.

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Leserkommentare
  1. Aber einen Unterschied gibt es doch. Durch das Eheversprechen haben sowohl die Frau als auch der Mann nicht nur ein Bekenntnis zum Partner, sondern auch zu den gemeinsamen Kindern abgelegt. Der unverheiratete Vater nicht. Die Mutter immerhin indirekt, weil sie das Kind austrägt.
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    Ein unverheirateter Kollege ist zur Zeit mit seiner Freundin schwanger und freut sich. Einige Überstunden gingen drauf, weil er mit seiner Freundin zum Arzt ging. Geheiratet wird bald - noch während der Schwangerschaft. Ich sehe so ein Verhalten als indirektes Bekenntnis zum Kind/zur Familie an. Es wäre nicht nachvollziehbar, dass er später um ein Sorgerecht kämpfen müsste, wenn die Freundin ihn vor der Hochzeit sitzen ließe.

    Alles in Allem ein gutes Urteil.

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    Mütter dürfen alle Beschwerden und beruflichen Nachteile einer Schwangerschaft und Geburt hinnehmen,aber dann mit sofortiger Wirkung die Einflussnahme des KV ertragen, der an jeder Stelle sabotierend einwirken kann, ohne auch nur einen Fitzel Leistung zu erbringen.

    Man kann unverheirateten Frauen nur raten, sich ihren Kinderwunsch anonym zu erfüllen.
    Eine Beziehung mit einem Nicht-KV bleibt davon ja unbenommen.

    Dieses Vorhaben sorgt wenigstens für Klarheit.

    k.

  2. P. Sadigh hat vergessen zu erwähnen, daß nicht das Urteil des Bundesverfassungsgerichts allein, sondern vor allem das Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte 2009 der Gesetzgeberin Beine gemacht hat.
    Wobei "Beine gemacht" ein falscher Ausdruck ist, wir haben das Jahr 2012.
    P. Sadigh konstruiert einen Unterschied zwischen Mann und Frau:"Aber einen Unterschied gibt es doch. Durch das Eheversprechen haben sowohl die Frau als auch der Mann nicht nur ein Bekenntnis zum Partner, sondern auch zu den gemeinsamen Kindern abgelegt. Der unverheiratete Vater nicht. Die Mutter immerhin indirekt, weil sie das Kind austrägt."
    Was soll man zu einer solchen These sagen ?
    Claudia Vogt schrieb im Dezember 2009 zum Urteil des Europäischen Gerichtshofs, das Fr. Sadigh nicht mal erwähnt: "Es ist vermutlich kein Zufall, dass dieses Urteil am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gesprochen wurde. In anderen europäischen Ländern wie Frankreich und Schweden wird die Erziehung viel einfacher an Kindergärten und Schulen abgegeben.

    Die Mütter spielen dort historisch bedingt nicht die Ausnahmerolle wie in Deutschland. Zeit, dass auch wir uns davon verabschieden." http://www.spiegel.de/pan...
    Es sei noch ergänzend angeführt, was P.Sadigh merkwürdigerweise auch nicht erwähnt: In den meisten Ländern Europas gilt ein gemeinsames Sorgerecht, außer in Deutschland, Schweiz, Österreich und Liechtenstein.

  3. P. Sadigh schreibt: "Das Bundesverfassungsgericht hat diese Regelung zu Recht gekippt."
    Das ist nicht ganz richtig, ich folge der Darstellung des SPIEGEL: "Das Bundesverfassungsgericht hatte 2003 das Veto der Mütter und den Status der Väter mit der Begründung akzeptiert, dass damit ein langwieriger Streit der unverheirateten Eltern um das Sorgerecht vermieden werden könne, der dem Kindeswohl eher schade. Doch die Verfassungsrichter forderten gleichzeitig den Gesetzgeber auf, diesen Zustand zu überprüfen."http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/europaeisches-urteil-zu-sorgerecht-deutschland-darf-ledige-vaeter-nicht-mehr-diskriminieren-a-664931.html
    Überprüfen, wohlgemerkt. Man(n) weiß ja, was daraus geworden ist. Bis 2009 gar nichts. Dann brauchte die Justizministerin weitere 2 Jahre bis zum Gesetzentwurf.
    Es war allein das Urteil des Europäischen Gerichtshofs, der den ledigen Vätern geholfen hat, es war NICHT das Bundesverfassungsgericht. Denn: überprüfen kann man viel.
    "Der Vorsitzende des Interessenverbandes Unterhalt und Familie, Josef Linsler, begrüßte die Entscheidung. Nun müsse der deutsche Gesetzgeber die Konsequenzen ziehen und das Sorgerecht reformieren, sagte Linsler. "Wir erwarten, dass Deutschland das Urteil des Menschrechtsgerichtshofs möglichst schnell umsetzt." (im zitierten SPIEGEL-Artikel)
    Möglichst schnell: es war also nicht das Bundesverfassungsgericht.

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    • ngw16
    • 04. Juli 2012 18:41 Uhr

    Die dieses Thema wohl vorsätzlich liegen ließ.

    Dafür war sie schnell dabei private Vaterschaftstests zu verbieten zu lassen.

    Insgesamt dürft diese Person ihren Amtseid grob verletzt haben.

    ..auf den Druck von Europäischer Seite. Mich hat diese Auslassung im Artikel auch sehr gewundert.

    Umso mehr, als daß "Europa" dieser Zeiten nur mit "Abzockerei Deutschlands" in Verbindung gebracht wird und dabei völlig übersehen wird, daß in Punkten des Verbraucher-/Gesundheitsschutzes und der Gleichstellung/Menschenrechte wichtige Impulse für Korrekturen in Deutschland -entgegen weitverbreiteter Meinung- aus Europa kamen&kommen.
    Man denke nur an Nichtraucherschutzgesetze und transparente Deklarierung von Lebensmitteln (Ampeln), Bereiche, in denen sich von Lobbyisten geschmierte deutsche Politiker noch immer dem Gesundheits-/Verbraucherschutz verweigern.

    Wenn man ganz verträumt idealistisch wäre, könnte man sich sogar vorstellen, daß Herdprämien wie Betreuungsgelder und Ehegattensplitting (ohne Vorhandensein von Kindern !) im CSU-regierten Deutschland irgendwann auf europäischer Ebene gekippt werden würde...

    • ngw16
    • 04. Juli 2012 18:41 Uhr

    Die dieses Thema wohl vorsätzlich liegen ließ.

    Dafür war sie schnell dabei private Vaterschaftstests zu verbieten zu lassen.

    Insgesamt dürft diese Person ihren Amtseid grob verletzt haben.

  4. ..auf den Druck von Europäischer Seite. Mich hat diese Auslassung im Artikel auch sehr gewundert.

    Umso mehr, als daß "Europa" dieser Zeiten nur mit "Abzockerei Deutschlands" in Verbindung gebracht wird und dabei völlig übersehen wird, daß in Punkten des Verbraucher-/Gesundheitsschutzes und der Gleichstellung/Menschenrechte wichtige Impulse für Korrekturen in Deutschland -entgegen weitverbreiteter Meinung- aus Europa kamen&kommen.
    Man denke nur an Nichtraucherschutzgesetze und transparente Deklarierung von Lebensmitteln (Ampeln), Bereiche, in denen sich von Lobbyisten geschmierte deutsche Politiker noch immer dem Gesundheits-/Verbraucherschutz verweigern.

    Wenn man ganz verträumt idealistisch wäre, könnte man sich sogar vorstellen, daß Herdprämien wie Betreuungsgelder und Ehegattensplitting (ohne Vorhandensein von Kindern !) im CSU-regierten Deutschland irgendwann auf europäischer Ebene gekippt werden würde...

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    • ngw16
    • 04. Juli 2012 21:13 Uhr

    Der Europäische Menschengerichtshof in Straßburg hat mit der europäischen Menschenrechtscharta zu tun.
    Und diese ist älter als die EU.
    Sowie umfaßt diese aktuell 48 Signatarstaaten.

    Die EU hat selber noch den EuGH.
    Welcher aber anderweitig zuständig ist.
    Und nur für die 27 EU-Staaten zuständig ist.

  5. Sicher ist das ein längst überfälliger Schritt in die richtige Richtung; nur leider nützt er Kindern wie Vätern in Deutschland herzlich wenig. Denn das "gemeinsame" Sorgerecht ist in Deutschland längst zu einer leeren Menschenrechts-Attrappe verkommen, in allen wesentlichen Belangen ausgehebelt vom Aufenthalts-Bestimmungsrecht, das so einseitig wie automatisch nahezu immer den Müttern zugesprochen wird, ganz egal, ob die Eltern verheiratet waren und ob sie "gemeinsames" Sorgerecht haben.

    Man sollte das "gemeinsame" Sorgerecht in Deutschland genauso in Anführungszeichen setzen wie weiland die "Deutsche Demokratische Republik": denn wenn dieses Sorgerecht gemeinsam ist, dann war die DDR das Musterland der Demokratie.

  6. "Die (Mutter) kann (dem gemeinsamen Sorgerecht) nur widersprechen, wenn das Kind Schaden nehmen könnte".

    Und dies öffnet den wildesten Anschuldigungen Tür und Tor, die vom Gericht in der Regel ernstgenommen werden (müssen), auch wenn sie völlig aus der Luft gegriffen sind.

    Und damit hat sich's dann.

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    die Gerichte akzeptieren heutzutage schon weit weniger Gruselgeschichten von Bindungsintolleranten Müttern. Ich bin oft schon überrascht, wenn ich lede wie einige Gerichte inzwischen auf die Geschichten von Müttern reagieren.

    • ngw16
    • 04. Juli 2012 21:13 Uhr

    Der Europäische Menschengerichtshof in Straßburg hat mit der europäischen Menschenrechtscharta zu tun.
    Und diese ist älter als die EU.
    Sowie umfaßt diese aktuell 48 Signatarstaaten.

    Die EU hat selber noch den EuGH.
    Welcher aber anderweitig zuständig ist.
    Und nur für die 27 EU-Staaten zuständig ist.

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    [Aber einen Unterschied gibt es doch. Durch das Eheversprechen haben sowohl die Frau als auch der Mann nicht nur ein Bekenntnis zum Partner, sondern auch zu den gemeinsamen Kindern abgelegt. Der unverheiratete Vater nicht. Die Mutter immerhin indirekt, weil sie das Kind austrägt.]
    ...

    Weil die Frau das Kind physisch zur Welt bringt, hat sie also eine größere, engere Bindung zum Kind als der Mann? Ich glaube, ich verstehe zwar was sie meinen, dennoch ist der Satz doch etwas unglücklich formuliert. Das ist mir persönlich etwas zu wertend und allgemein gehalten.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Jugendamt | Recht | Bundesverfassungsgericht | Eltern | Gleichberechtigung | Sorgerecht
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