TrauerDisko statt Friedhof

Wenn in einer jungen Familie ein Elternteil stirbt, trauern Partner und Kinder oft unterschiedlich. Austausch mit anderen Betroffenen kann helfen – und Ablenkung. von Lena Bayer-Eynck

"Es war, als würde die Welt stehen bleiben. Oder als wenn sie eigentlich stehen bleiben müsste", erinnert sich Andrea S. an jenen Moment, als sie erfuhr, dass ihr Mann den Magenkrebs nicht besiegen würde. Ihr Sohn Noah war sechs, als er starb, sie selbst 45. Wie Andrea S. geht es ungefähr 500.000 Menschen in Deutschland. Sie sind jünger als 50 Jahre und schon verwitwet, viele von ihnen haben Kinder. Schätzungsweise 700.000 Minderjährige in Deutschland haben wie Noah nur noch ein Elternteil, weil Vater oder Mutter gestorben ist.

Die Psychologin Jutta Rust-Kensa vom Institut für Trauerarbeit hat schon viele trauernde Familien begleitet. "So ein Tod zerstört das bisherige Familiensystem. Er stellt Gegenwart und Zukunft infrage." Die Beziehungen innerhalb der Familie als auch zu Außenstehenden verändern sich, das ist ein schwieriger Prozess. Normalerweise würden Verwandte und Freunde in Krisensituationen helfen, sagt Rust-Kensa, aber bei dem Verlust eines Angehörigen seien oft auch sie persönlich betroffen. Daher findet die Psychologin Hilfe von außen wichtig.

Anzeige

Kontakt zu anderen Betroffenen hilft – online und offline

Andrea S. hat eine Trauergruppe geholfen. "Ich hätte es alleine nicht geschafft, ich brauchte die Gleichgesinnten. Ich habe alles versucht, Leute zu treffen, die mit ähnlichen Schicksalen leben müssen." Sie fand sie im Internet, unter verwitwet.de . Hier treffen sich vor allem junge Angehörige von Verstorbenen und tauschen sich im Chat und in Foren aus: über Alltägliches und Trauriges, über Finanzielles und Emotionales.

In den ersten Monaten nach dem Tod ihres Mannes, wenn sie ihren Sohn ins Bett gebracht hatte und es in ihrem Reihenhaus still wurde, ging Andrea S. online, um zu chatten: "Ich war nie jemand, der in der virtuellen Welt zu Hause war. Ich kannte das bis dahin auch gar nicht." Aus dem Internetportal ist vor zehn Jahren der Verein verwitwet.de entstanden, der 35 Ortsgruppen in ganz Deutschland hat. Er wendet sich besonders an unter 55-Jährige. Kinder sind bei den Treffen ausdrücklich willkommen.

Ein ganz normales Frühstück, aber doch anders

Für Andrea S. ist das Ortsgruppentreffen in Köln seit zwei Jahren der Höhepunkt des Monats. Jeden ersten Sonntag trifft sie hier andere jung verwitwete Familien.  Auf den ersten Blick ist es ein ganz normales Frühstück unter Freunden: Es werden Brötchentüten, Kaffeekannen und Orangensaft herumgereicht; die Gespräche drehen sich um Bio-Eier aus dem Discounter, die Kinder toben und es wird gefragt, wie es jedem geht. Aber hier schämt sich niemand, Gefühle zu zeigen – ausgelassenes Lachen gehört bei diesem Treffen genauso dazu wie heftiges Weinen. Beides, so berichtet Andrea S., löst im normalen Umfeld Irritationen aus. "Selbst wenn hier jemand sitzt, der fünf Jahre nach dem Tod noch Tränen in den Augen hat und weint – da würde jeder im normalen Leben sagen: Das ist ja schon fünf Jahre her! Das passiert einem hier nicht. Hier wird man behandelt, als wenn es gestern gewesen ist und jeder weiß, wie man sich fühlt."

Leserkommentare
  1. Das wichtigste ist den Tod nicht zu ignorieren und ihn als Teil des Lebens zu aktzeptieren. Ich kenne Menschen die aus allen Wolken gefallen sind, als deren 99-jährige Familienmitglieder gestorben sind. Der Tod ist immer etwas tragisches, deswegen ignorieren ihn sehr viele Menschen. Umso schlimmer ist dann die Situation, wenn er eintritt. Weil mir bewusst war, das meine Großmutter nicht ewig leben wird, habe ich versucht mit ihr soviel Zeit wie möglich, in ihren letzten Jahren zu verbringen. Ihr Tod war für mich trotzdem nicht leicht. Zumindestens bleibt die Erinnerung an die gemeinsamen schönen Stunden. Die Situation ist natürliche eine andere, wenn Freunde und Familienmitglieder plötzlich und zu früh aus dem Leben scheiden. Im Enddeffekt sehe ich aber trotzdem den Unterschied, ob man den Tod als unausweichlich aktzeptiert oder beständig ignoriert und so tut als ob man ewig leben würde.

    Eine Leserempfehlung
  2. Wenn wir über den eigenen Tod nachdenken, sollten wir uns klar machen, dass wir nach dem sterben nicht tot sind. Den eigenen Tod können wir nicht "erleben". Also brauchen wir ihn nicht zu fürchten. Auch vor dem Sterben müssen wir uns nicht fürchten, denn wir werden uns nicht daran erinnern gestorben zu sein. Auch wenn wir vor dem erlösenden Tod Schmerzen erleiden, werden wir uns daran nicht erinnern können. Je intensiver und länger wir uns damit beschäftigen, um so weniger fürchten wir uns vor dem eigenen Tod.
    Anders ist es mit dem Tod eines Menschen, mit dem wir unser Leben und unsere Zukunft teilten. Unsere Zukunft ist auch nach dem Tod noch immer noch mit dem Menschen verbunden, der nicht mehr da ist. Deshalb haben wir nicht nur den Verlust des Menschen zu verkraften, sondern auch die Mühe, ein neues Zukunftsbild aufzubauen. Der seelische Zustand eines Menschen, der das zu verarbeiten hat, ähnelt dem eines "Verrückten". Deshalb sollten wir uns nicht scheuen diesen Zustand auch auszuleben. Vielleicht sollten wir lernen zu tanzen, wie Alexis Sorbas. Und wir sollten uns nicht schämen, wenn wir schreien, weinen und toben bis wir trauern können. Und unsere Mitmenschen sollten lernen, es zu akzeptieren. Jeden Verlust des Partners, auch wenn er mit einem anderen Menschen weiterlebt, erleben wir als "kleinen Tod". Wir sollten auch lernen anzuerkennen, welche Verlust- Zukunftsängste und Trauer diese Verlassenen zu verkraften haben.

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Auch vor dem Sterben müssen wir uns nicht fürchten, denn wir werden uns nicht daran erinnern gestorben zu sein. Auch wenn wir vor dem erlösenden Tod Schmerzen erleiden, werden wir uns daran nicht erinnern können. "
    -----------------------------
    Das blöde ist, dass wir uns auch an die schönen Dinge nicht erinnern werden. Wie denn auch? Tot ist tot.

  3. "Auch vor dem Sterben müssen wir uns nicht fürchten, denn wir werden uns nicht daran erinnern gestorben zu sein. Auch wenn wir vor dem erlösenden Tod Schmerzen erleiden, werden wir uns daran nicht erinnern können. "
    -----------------------------
    Das blöde ist, dass wir uns auch an die schönen Dinge nicht erinnern werden. Wie denn auch? Tot ist tot.

    Antwort auf "Wir sind niemals tot"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    gibt es ein Weiterleben. Wir gehen nur in eine andere Welt, vielleicht auf eine andere Ebene. Aber tot sind wir nicht.

    Aus diesem Denken erwächst uns eine große Gelassenheit dem Tod gegenüber, wir können ihn besser annehmen und ertragen!

  4. gibt es ein Weiterleben. Wir gehen nur in eine andere Welt, vielleicht auf eine andere Ebene. Aber tot sind wir nicht.

    Aus diesem Denken erwächst uns eine große Gelassenheit dem Tod gegenüber, wir können ihn besser annehmen und ertragen!

    Antwort auf "Wie denn auch?"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    genau so ist es! Wir kommen alle in eine Welt, die voll mit Biervulkanen und Stripperinnen-Fabriken ist.

    ... die Bibel sagt:
    (Prediger 9:5) Denn die Lebenden sind sich bewußt, daß sie sterben werden; was aber die Toten betrifft, sie sind sich nicht des geringsten bewußt,...

  5. 5. genau

    genau so ist es! Wir kommen alle in eine Welt, die voll mit Biervulkanen und Stripperinnen-Fabriken ist.

    Antwort auf "Nein, nach dem, Tod "
  6. ... die Bibel sagt:
    (Prediger 9:5) Denn die Lebenden sind sich bewußt, daß sie sterben werden; was aber die Toten betrifft, sie sind sich nicht des geringsten bewußt,...

    Antwort auf "Nein, nach dem, Tod "

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Chat | Discounter | Eltern | Erwachsene | Familie | Forum
Service