Luise macht einen Schwimmkurs. Im Grunde eine hocherfreuliche Sache. Das einzige Problem ist ihr Geschlecht. Oder meins. Beziehungsweise unser beider. Wie auch immer: Es kommt zu Komplikationen, weil wir in unserer Familie eben nicht die konservative Rollenteilung haben, nach der es allein Aufgabe meiner Liebsten wäre, unseren kleinen Schatz morgens zum Seepferdchenkurs zu begleiten. Stattdessen sagte ich ganz arglos: "Na klar teilen wir das auf!"

Ich hatte mir bis zum Tag der ersten Schwimmstunde niemals Gedanken darüber gemacht, dass es in unserem alten Schwimmbad nur Sammelumkleiden für Männer und Frauen gibt. Ich machte mir auch am Tag selber keine Gedanken. Sondern bugsierte, wir hatten nicht mehr allzu viel Zeit, meine Tochter in die für sie passende, nämlich die Frauenumkleide, öffnete ein Schließfach, warf einen Euro ein. Und rief Luise über die Schulter zu, sie solle sich ausziehen, auch den Schlüpfer, und bitte schnell.

Erst dann bemerkte ich das Schweigen. Um mich herum stand ein halbes Dutzend teilweise bekleidete Frauen und sah mich an. Als sei ich hier falsch. Ganz falsch.

"Entschuldigung", murmelte ich reflexhaft, "meine Tochter muss zum Schwimmkurs..." Keine antwortete.

Ich bin ein feinfühliger Mann. Ich nahm Luise und ihre Kleider und wir gingen in die Sammelumkleide gegenüber.

Halbnackte Männer sind eindeutig toleranter gegenüber dem anderen Geschlecht als halbnackte Frauen. Niemand machte Anstalten, Luise aus dem Raum zu mobben. Andererseits ist es für einen Vater kein optimales Gefühl, seine Tochter in Gegenwart von fünf wildfremden Männern auszuziehen, die ihrerseits die Hosen herunterlassen. Ich war froh, als wir bei den Duschen waren.

Ganz kurz. Denn auch hier hatte niemand damit gerechnet, dass jemals eine Mutter mit kleinem Sohn oder gar ein Vater mit kleiner Tochter zum Schwimmen erscheinen könnte. Es machte die Sache auch nicht leichter, dass ich, Schuhe und Strümpfe ausgenommen, nach wie vor bekleidet war.

Erst wollte ich Luise in die Männerdusche schieben. Allerdings war die sehr voll, die Duschenden waren alle völlig nackt, und ihre Genitalien baumelten genau in Luises Augenhöhe. Also zog ich meine motzende Tochter – "Oh Mann, Papi! Was! Soll! Das!" – schnell wieder heraus und schob sie mit ostentativ abgewandtem Blick in die Damendusche.
"Drück, Luise", rief ich ihr nach, "drück einen Duschknopf!"

"Geht nich!", rief Luise durch das Wasserrauschen.

"Versuch es!", rief ich. "Drück ganz fest, oder hau drauf!"

"Geht nich!", schniefte Luise von drinnen.

"Könnte", rief ich in Richtung der sich im Duschnebel einseifenden weiblichen Schemen, "könnte jemand meiner Tochter bitte mal mit der Dusche helfen? Bitte einmal drücken? Nur einmal kurz?"

Keine Reaktion. Wahrscheinlich handelte es sich um dieselben Frauen, die mich bereits in der Umkleide kennengelernt hatten.