FamilienglückVater und Tochter im Schwimmbad

Das Kind macht einen Schwimmkurs. Und Mark Spörrle findet sich in der Damenumkleide und in der Damendusche wieder. von 

Luise macht einen Schwimmkurs. Im Grunde eine hocherfreuliche Sache. Das einzige Problem ist ihr Geschlecht. Oder meins. Beziehungsweise unser beider. Wie auch immer: Es kommt zu Komplikationen, weil wir in unserer Familie eben nicht die konservative Rollenteilung haben, nach der es allein Aufgabe meiner Liebsten wäre, unseren kleinen Schatz morgens zum Seepferdchenkurs zu begleiten. Stattdessen sagte ich ganz arglos: "Na klar teilen wir das auf!"

Ich hatte mir bis zum Tag der ersten Schwimmstunde niemals Gedanken darüber gemacht, dass es in unserem alten Schwimmbad nur Sammelumkleiden für Männer und Frauen gibt. Ich machte mir auch am Tag selber keine Gedanken. Sondern bugsierte, wir hatten nicht mehr allzu viel Zeit, meine Tochter in die für sie passende, nämlich die Frauenumkleide, öffnete ein Schließfach, warf einen Euro ein. Und rief Luise über die Schulter zu, sie solle sich ausziehen, auch den Schlüpfer, und bitte schnell.

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Erst dann bemerkte ich das Schweigen. Um mich herum stand ein halbes Dutzend teilweise bekleidete Frauen und sah mich an. Als sei ich hier falsch. Ganz falsch.

"Entschuldigung", murmelte ich reflexhaft, "meine Tochter muss zum Schwimmkurs..." Keine antwortete.

Ich bin ein feinfühliger Mann. Ich nahm Luise und ihre Kleider und wir gingen in die Sammelumkleide gegenüber.

Halbnackte Männer sind eindeutig toleranter gegenüber dem anderen Geschlecht als halbnackte Frauen. Niemand machte Anstalten, Luise aus dem Raum zu mobben. Andererseits ist es für einen Vater kein optimales Gefühl, seine Tochter in Gegenwart von fünf wildfremden Männern auszuziehen, die ihrerseits die Hosen herunterlassen. Ich war froh, als wir bei den Duschen waren.

Familienglück - die Kolumne

© Mark Spörrle

Mama und Papa gehen arbeiten, die Kleine in den Kindergarten. Das perfekte Familienglück ist nur eine Frage der Organisation, oder? Mark Spörrle schreibt in seiner Kolumne "Familienglück" über die Tücken des Alltags.

Ganz kurz. Denn auch hier hatte niemand damit gerechnet, dass jemals eine Mutter mit kleinem Sohn oder gar ein Vater mit kleiner Tochter zum Schwimmen erscheinen könnte. Es machte die Sache auch nicht leichter, dass ich, Schuhe und Strümpfe ausgenommen, nach wie vor bekleidet war.

Erst wollte ich Luise in die Männerdusche schieben. Allerdings war die sehr voll, die Duschenden waren alle völlig nackt, und ihre Genitalien baumelten genau in Luises Augenhöhe. Also zog ich meine motzende Tochter – "Oh Mann, Papi! Was! Soll! Das!" – schnell wieder heraus und schob sie mit ostentativ abgewandtem Blick in die Damendusche.
"Drück, Luise", rief ich ihr nach, "drück einen Duschknopf!"

"Geht nich!", rief Luise durch das Wasserrauschen.

"Versuch es!", rief ich. "Drück ganz fest, oder hau drauf!"

"Geht nich!", schniefte Luise von drinnen.

"Könnte", rief ich in Richtung der sich im Duschnebel einseifenden weiblichen Schemen, "könnte jemand meiner Tochter bitte mal mit der Dusche helfen? Bitte einmal drücken? Nur einmal kurz?"

Keine Reaktion. Wahrscheinlich handelte es sich um dieselben Frauen, die mich bereits in der Umkleide kennengelernt hatten.

Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Verallgemeinerungen und Spekulationen. Danke. Die Redaktion/kvk

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    bleibt allerdings Ihr Geheimnis.

  2. Redaktion

    Ein ganz normales großstädtisches Schwimmbad in einem Viertel, in dem sehr viele Familien leben - und wie fast alle städtischen Schwimmbäder so geldklamm, dass man froh sein darf, dass es überhaupt noch existiert

  3. An alle, die bereits unanrüchig bedeckt geboren wurden - ihr armen. Nacktheit - auch die männliche - ist etwas natürliches. Wenn ihr nicht wollt, dass eure Kinder eines Tages genauso unnatürlich mit Nacktheit umgehen wie ihr, dann versucht eure Prüderie runterzuschrauben und tut wenigstens so, als wären nackte Körper - egal welchen Alters - nichts eklig-ansteckendes. Manchmal frage ich mich, in welchem Jahrhundert wir leben...

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    • saja
    • 13. August 2012 16:56 Uhr

    Die Lösung ist doch einfach: Nehmen Sie das Kind von Anfang an mit in die Männerkabine, wenn Sie sie begleiten und machen Sie keine Ausnahmen. Was ist denn so schlimm daran für ein kleines Mädchen mit seinem Vater in der Männerumkleide zu sein und (oh Gott!) Penise zu sehen? Die Jungen, die von ihren Müttern gebracht werden, überstehen es doch auch mit erwachsenen Vertretern des anderen Geschlechts unter der Dusche zu stehen.

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    Redaktion

    also auch immer in die Männerdusche? In die Männertoilette?

    "Zu Lösung ist einfach: immer in die Männerumkleide

    also auch immer in die Männerdusche? In die Männertoilette?"

    Hab ich mit meinen Töchtern immer so gemacht, und es ist nichts Schlimmes passiert. Obwohl ja bekannt ist, dass Männer für gewöhnlich Schweine sind, haben sich immer alle unaufgeregt, zügig und diskret umgezogen, und wir auch; und gut war.

    Dagegen finde ich es durchaus taktlos, als, sagen wir mal, über fünfjähriger Mann einfach in die Frauendusche zu gehen. Und wenn man noch so stolz drauf ist, dass man ein fortschrittliches Familienkonzept lebt und als Vater auch mal was mit dem Kind unternimmt.

    Übrigens, wenn es so drastisch war, wie Sie sagen: Ja, wollen Sie denn einem sehr kleinen JUNGEN Penisse zumuten, die ihm vorm Gesicht pendeln? Ist aus meiner Sicht ganz genauso anzüglich.

  4. Probleme machen doch immer nur die Frauen. Also geh ich mit der Tochter in die Männerumkleide. Wenn sie da nackte Männer sähe, wäre das ein Drama? [...] Und sollte tatsächlich in der Männerumkleide einer der raren Pädophilen herumlungern, was soll der Kleinen passieren, wenn Papa danebensteht?

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/ag

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  • Schlagworte Kinder | Schwimmen
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