Förderprogramm Ein Bildungskanon für Kleinkinder nützt Eltern nichts

Ein Bundesprogramm soll Familien für Bildung sensibilisieren. Aber wie erreicht man auch überforderte Eltern? Wir haben die Sozialforscherin Julia Lepperhoff gefragt.

ZEIT ONLINE: Gerade in Deutschland ist der Bildungserfolg eines Kindes stark von der Herkunft abhängig. Im Programm des Bundesfamilienministeriums "Elternchance ist Kinderchance" sollen deshalb Familien für Bildung fit gemacht werden. Was muss eine Familie idealerweise bieten, damit ein Kind gute Chancen in der Schule hat?

Julia Lepperhoff: Das sind auf den ersten Blick ganz einfache Dinge: Kinder brauchen Unterstützung. Eltern sollten sich interessieren für das, was die Kinder machen, und Anregungen geben können. Außerdem sollten die Kinder früh erleben, dass es sich lohnt, etwas zu lernen. Dann können sie später beschwerliche Phasen besser durchstehen. Und schließlich ist es wichtig, dass sie Regeln des Zusammenlebens lernen.

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ZEIT ONLINE: Für viele Eltern ist das selbstverständlich. Manche können aber gerade das nicht leisten.

Julia Lepperhoff
Julia Lepperhoff

Dr. Julia Lepperhoff ist Professorin für Sozialpolitik an der Evangelischen Hochschule Berlin und leitet das  "Kompetenzteam Wissenschaft" des Programms "Elternchance ist Kinderchance – Elternbegleitung der Bildungsverläufe der Kinder" des Bundesfamilienministeriums.

Ziel des seit 2011 existierenden Programms ist es, Eltern stärker in die frühe Förderung ihrer Kinder einzubeziehen. 4.000 Fachkräfte der Familienbildung werden deshalb zu Elternbegleitern qualifiziert. Im Programmbereich "Elternbegleitung Plus" sollen insbesondere bildungsferne Eltern und Eltern mit besonderem Beratungsbedarf angesprochen werden.

Lepperhoff: Das Spektrum, an das sich das Programm richtet, ist tatsächlich riesengroß: Wir haben die extrem ehrgeizigen Eltern – überspitzt gesagt die, die ihre Kinder schon in der Schwangerschaft mit Mozart beschallen. Und wir haben am anderen Ende des Spektrums die überforderten Eltern, die selbst abgeschnitten von Bildungschancen sind. Für deren Kinder sind Dinge wie gemeinsam zu kochen oder ein Bilderbuch anzuschauen schon etwas Besonders.

ZEIT ONLINE: Wie erreichen Sie die Familien?

Lepperhoff: Überall dort, wo Eltern hinkommen, um sich auszutauschen oder ihrem Kind etwas Gutes zu tun: zum Beispiel in Familienbildungsstätten, Familienzentren oder Elterncafés. Die Bildungschancen werden ja sehr früh festgelegt. Deshalb konzentriert sich das Programm auf die Phase vom Babyalter bis zum Ende der Grundschulzeit. Wir qualifizieren die Fachkräfte der Eltern- und Familienbildung zu Elternbegleitern, damit sie nicht nur in sozialen und erzieherischen sondern auch in Bildungsfragen besser beraten können.

ZEIT ONLINE: Wie sensibilisiert man denn Familien für Bildung?

Lepperhoff: Wichtig ist dabei: Das eigene Verhalten zu ändern, ist sehr schwer, auch in der Erziehung. Eine Mutter ändert nicht automatisch ihre Erziehungsmethoden, nachdem sie sich einen Vortrag angehört hat. Ein Bildungskanon für Kleinkinder nützt den Eltern auch nichts. Wir müssen ihnen vor allem die Angst nehmen, dass Bildung nur etwas für gelernte Experten sei. Eltern sind in der frühen Bildungsphase extrem wichtig. Wir wollen ihnen langfristig Kompetenzen vermitteln, wie sie ihr Leben bewältigen, und sie dabei für Bildung öffnen.

ZEIT ONLINE: Aber erreicht man in solchen Elternkursen nicht doch wieder nur die Mittelschichteltern, die sowieso Wert auf Bildung legen?

Lepperhoff: Die Bestandsaufnahmen, die es bisher gibt, zeigen tatsächlich, dass viele Frauen aus der Mittelschicht zu den Kursen gehen. Elternbegleiter setzen daher nicht auf die klassischen Kurse, um Familien zu erreichen.

Leser-Kommentare
  1. ...grundsätzlich einen verpflichtenden "Eltern-Führerschein" geben, mit dem werdene Mütter und Väter nachweisen, dass sie über die notwendigen Qualifikationen verfügen, ein Kind zu erziehen. (Wenn nicht, muss es rechtliche Wege geben, von staatlicher Seite aus eine Zwangsadoption in besser geeignete Hände durchzuführen!)

    Das hat nicht nur etwas mit Bildung zu tun, sondern greift viel weiter. Es ist schade, dass Bildung heute lediglich auf Ausbildung und Wissen reduziert wird und Kinder und Eltern zu Wirtschaftsfaktoren deklassifiziert werden. Nur durch verpflichtende Elternkurse lassen sich auch Kindsmorde verhindern, die schrecklicherweise immer wieder auftreten.

    mit solidarischem Gruß,
    besorgter_mitbuerger

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    wenn in diesen Elternkursen nicht das gelehrt wird, was Sie für richtg halten? WIe können Sie da so ein großes Vertrauen haben?
    Zwangsadoption? Was meinen Sie richtet mehr Schaden an dem Kind an: wenn es von seinen Eltern gewaltsam getrennt wird oder wenn es bei Eltern aufwächst, die vielleicht eine andere Sprache sprechen?
    Und wie können Sie so sicher sein, dass nicht jemand auf die Idee kommen könnte, dass Sie ihr Kind falsch erziehen?
    Wahrscheinlich haben Sie gar keine und sind nur genervt von den ach so frechen Kindern, mit denen Sie nicht umgehen können.

    wenn in diesen Elternkursen nicht das gelehrt wird, was Sie für richtg halten? WIe können Sie da so ein großes Vertrauen haben?
    Zwangsadoption? Was meinen Sie richtet mehr Schaden an dem Kind an: wenn es von seinen Eltern gewaltsam getrennt wird oder wenn es bei Eltern aufwächst, die vielleicht eine andere Sprache sprechen?
    Und wie können Sie so sicher sein, dass nicht jemand auf die Idee kommen könnte, dass Sie ihr Kind falsch erziehen?
    Wahrscheinlich haben Sie gar keine und sind nur genervt von den ach so frechen Kindern, mit denen Sie nicht umgehen können.

  2. im ersten Lebensjahr für alle.

    Durchgängig, nicht an ausgewählten Stellen als Modellprojekte.

    Und wer es dann weiter braucht, mit größeren Abständen auch länger. Nicht so viel reden, sondern zeigen wie es geht: wie regt man ein Kleinkind an, wie spricht man mit kleinen Kindern, was geht in welchem Alter und vor allen Dingen; Fernsehen für kleine Kinder bildet NICHT, sondern macht im schlimmsten Fall bewegungsfaul, sprachlos und gleichzeitig hyperaktiv. Im besten Fall versäumt das Kind eigenen Erfahrungsmöglichkeiten und hat nur einen kleineren Wortschatz.

    Also Alternativen ausfzeigen und klar machen, was die bunten Bilder mit den Hirnen von Säuglingen und Kleinkindern machen ( N.Postman läßt grüssen) .

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  3. Zwangsadoption? Hausbesuche für alle?
    Und mit 10 - ach, was sag ich, mit 6 - dann in die FDJ. Oder lieber die HJ?

    Mensch, Leute, ich dachte eigentlich, es gebe einen gesamtgesellschaftlichen Konsens darüber, dass wir ein freies Land sind und dass das auch das Recht beinhaltet, Dinge falsch zu machen.

    Wir sind ja heute schon so weit, dass man mit regelrechten Vorladungen rechnen muss, wenn man sein Kind anders erzieht, als das die Mehrheit der Kindergartentanten und Grundschullehrerinnen für richtig halten.

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  4. Hm, ist ja alles gut und teils richtig. Nur sollten wir den Eltern durchaus mehr Selbstverantwortung und Autonomie zugestehen und v.a . Erziehung auch zutrauen! Ich habe wenig Hoffung, dass eine Vielzahl von "Helfern" samt großem Aufwand und Kosten allzuviel bewirken. Viele Anregungen und Vorschläge scheinen mir doch sehr theoretisch-wissenschaftlich, einfach etwas verkopft.

    Ich würde dem Staat, bzw öffentlichen Einrichtungen auch nicht zuviel zutrauen. Da wird immer lamentiert, viele Eltern ernähren ihre Kinder ungesund und dann sieht man, dass solche Einrichtungen Mittagessen für 2,4€ incl. Chinaerdbeeren mit Nebenwirkungen anbieten. Und bevor fast jedem Kind Betreuer, Sozialarbeiter, Erzieher und Lehrer zur Seite gestellt werden, würde es sicher nicht schaden, dafür zu sorgen, dass Durchschnittseltern etwas mehr Zeit für die Familie haben und z.B. auch faire Löhne erhalten.

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    • gauss
    • 16.10.2012 um 19:08 Uhr

    Es ist doch völlig irre anzunehmen aus jedem Bürger könnte ein Bildungsbürger werden, der Kant und Goethe in seinem Lesezimmer mit Möbeln aus Teakholz zu stehen hat. Diese Annahme entbehrt schon einmal der Realität. Viel eher sollte man doch Unterschiede zu lassen: es gibt die Schnellen und die Langsamen, die Dicken und die Doofen, die Schlauen und die Dummen, die Reichen und die Armen. Die Politik sollte eher dahin gehen auch für Hauptschüler Bedingungen zu schaffen, dass sie von ihrer Arbeit leben können. Ich ziehe vor jedem den Hut, der sein Handwerk beherrscht. Das wird eh viel zu gering geschätzt. Stattdessen soll aus jedem Unterschichtenkind ein Professor werden. Das sind doch nur Illusionen, nicht als Träumereien.

    3 Leser-Empfehlungen
  5. wenn in diesen Elternkursen nicht das gelehrt wird, was Sie für richtg halten? WIe können Sie da so ein großes Vertrauen haben?
    Zwangsadoption? Was meinen Sie richtet mehr Schaden an dem Kind an: wenn es von seinen Eltern gewaltsam getrennt wird oder wenn es bei Eltern aufwächst, die vielleicht eine andere Sprache sprechen?
    Und wie können Sie so sicher sein, dass nicht jemand auf die Idee kommen könnte, dass Sie ihr Kind falsch erziehen?
    Wahrscheinlich haben Sie gar keine und sind nur genervt von den ach so frechen Kindern, mit denen Sie nicht umgehen können.

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    • TDU
    • 17.10.2012 um 15:31 Uhr

    Nur weiter so argumentieren. Irgendwann werde ich verlangen, dass nur Eltern über die Belange von Eltern bestimmen dürfen.

    Schon schlimm genug, dass mit Hinweis auf die Umwelt, Jeder von Jedem betroffen ist und damit jeder Unbetroffene dem Betroffenen Vorschriften machen kann.

    Mit 16, im Zuammenhang mit Summerhill, war ich auch mal der Meinung, ein Elternführerschein wäre gut. Dann hätten man heute Grundsätze wie vor x Jahren oder alle 5 Jahre müsste man Neues lernen. Wie der Zeitgeist sich eben verändert.

    Und natürlich alles am Raster. Sei schön brav mein Kind, sagt Mutter im Bürgerviertel. Natürlich Mama, ihr passt ja alle auf, und alle sind so nett.

    Sei schön brav mein Kind sagt Mama im Brennpunktviertel. Ne Mama, die Braven kriegen es aufs Maul oder laufen allein rum.

    Also erst mal die Lebensverhältnisse zum Besseren wenden und Pragmatik statt das Predigens in guter Absicht, mit denen man den Alltag und die Umgebung nicht bewältigt. Aber leider gehts bei vielen Initiativen nicht ohne Predigt über die richtige Weltanschauung.

    • TDU
    • 17.10.2012 um 15:31 Uhr

    Nur weiter so argumentieren. Irgendwann werde ich verlangen, dass nur Eltern über die Belange von Eltern bestimmen dürfen.

    Schon schlimm genug, dass mit Hinweis auf die Umwelt, Jeder von Jedem betroffen ist und damit jeder Unbetroffene dem Betroffenen Vorschriften machen kann.

    Mit 16, im Zuammenhang mit Summerhill, war ich auch mal der Meinung, ein Elternführerschein wäre gut. Dann hätten man heute Grundsätze wie vor x Jahren oder alle 5 Jahre müsste man Neues lernen. Wie der Zeitgeist sich eben verändert.

    Und natürlich alles am Raster. Sei schön brav mein Kind, sagt Mutter im Bürgerviertel. Natürlich Mama, ihr passt ja alle auf, und alle sind so nett.

    Sei schön brav mein Kind sagt Mama im Brennpunktviertel. Ne Mama, die Braven kriegen es aufs Maul oder laufen allein rum.

    Also erst mal die Lebensverhältnisse zum Besseren wenden und Pragmatik statt das Predigens in guter Absicht, mit denen man den Alltag und die Umgebung nicht bewältigt. Aber leider gehts bei vielen Initiativen nicht ohne Predigt über die richtige Weltanschauung.

  6. Es ist auf jeden Fall wichtig, dass überforderte Mütter Zugang zu niedrigschwelligen Angeboten haben, wo eben nicht mit dem Zeigefinger gewedelt und nach dem Elternführerschein geschrieen wird, oder die Akademikerin der jungen Frau ohne Abschluß erklärt, wie man richtig Mutter ist. Es kann nur darum gehen, Mütter zu stärken, ihnen ihre Leistung und Fähigkeiten aufzuzeigen und Hilfe anzubieten, wenn sie sie brauchen.
    Unsere überalterte Gesellschaft wird sich damit abfinden müssen, dass es eben nicht nur die "idealen" Eltern sind, die Kinder in die Welt setzen- denn gerade das Streben nach dem Ideal scheint ja Kinderhindernis Nr.1 zu sein. Unsere Gesellschaft wird sich mit den Familien anfreunden müssen, die ihre Kinder nicht maximal fördern können, vielleicht unüberlegt in die Welt gesetzt haben und nur unzureichende Lebensbedingungen bieten können, und diese Kinder nicht als Belastung sondern als Schatz zu begreifen. Denn nur dann werden diese Kinder später für das Funktionieren der Gesellschaft sorgen können.

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  7. und die bayerische Grundschullehrkraft grundsätzlich Migrantenkinder auf die Hauptschule selektiert, hat man nur mit teuerer Privatschule die Chance, diesem Elend zu entgehen

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    • Hamsi
    • 18.10.2012 um 14:49 Uhr

    Ich ging in Russland in eine Klasse für mathematisch begabte Kinder, wurde in Bayern dann allerdings in die Hauptschule gesteckt (weil es die Norm war). Dass sich das nicht geändert zu haben scheint, verstört mich doch sehr...

    • Hamsi
    • 18.10.2012 um 14:49 Uhr

    Ich ging in Russland in eine Klasse für mathematisch begabte Kinder, wurde in Bayern dann allerdings in die Hauptschule gesteckt (weil es die Norm war). Dass sich das nicht geändert zu haben scheint, verstört mich doch sehr...

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