Es soll nun um ein Drama gehen, das sich so oder ähnlich allmorgendlich bei uns wiederholt. Das Drama heißt: "Ich will das nicht anziehen, sondern das!" Diesmal hieß es: "Ich will das gelbe Blümchenkleid anziehen oder gar nix!"

Meine Liebste rollte die Augen, sie hatte unserer Tochter eben geeignete Kleidung für den Tag bereitgelegt: Unterhose, Strümpfe, Unterhemd, Jeans. Und das rote langärmelige Shirt mit den Möwen, das Luise normalerweise so gerne mochte.

Aber morgens ist nicht normalerweise. Und Luise stand nackt und mit trotzig verschränkten Armen vor der Kleiderauswahl.

"Luise", sagte meine Liebste gefasst. "Kleiner Schatz, es ist nicht mehr Sommer. Das gelbe Blümchenkleid ist schön, aber viel zu dünn! Es wird dir zu kalt werden!" Dabei schloss sie routiniert das Fenster, der Nachbarn wegen. Keine Sekunde zu früh.

"Neeeiiin!", explodierte Luise und schleuderte das rote Möwenshirt in die Ecke. "Das ist mir doch egal!"

"Hör mal", versuchte es die Liebste, "warum ziehst du nicht das schöne Mickymaus-Shirt an? Oder das tolle Eulen-Shirt, guck mal...". Pädagogen raten dazu, dem Kind Alternativen zu bieten. Pädagogen raten auch zum Zweischranksystem: Ein Schrank, in den man morgens schnell alle Kleidung räumt, die für das jeweilige Wetter nicht geeignet ist. Und ein zweiter (!) Schrank, aus dem das Kind dann in aller Ruhe aussuchen darf. Pädagogen gehen offenbar davon aus, dass Eltern massenhaft Schränke und keine anderweitigen Verpflichtungen haben.

Luise rannte zur Handtuchschublade, riss sie auf und das dort versteckte gelbe Kleid heraus und hielt es sich vor die Brust. Wie gesagt, das Kleid war hauchdünn, in der naiven Hoffnung auf heiße Sommertage gekauft.

"Luise", sagte ich, kauerte mich vor unsere Tochter und nahm sie in den Arm, "in deinem Schrank ist doch noch die grüne Kapuzenjacke von Amelie, die du eigentlich erst anziehen darfst, wenn du richtig groß bist..." Amelie ist ein 12-jähriges Mädchen aus unserem Haus, die Luise ganz toll findet.

"Nein!", sagte unsere Tochter. "Das geht nicht. Die Kapuze hüpft immer, wenn ich hüpfe! Das will ich nicht!"

"Du darfst", ich kam mir fast vor wie ein Staubsaugervertreter, "dazu auch ausnahmsweise den furchtbaren Hello-Kitty-Haarreif..." Meine Liebste stieß einen Seufzer aus.

"Papi", schrie Luise ungeduldig, "ICH! WILL! DAS! KLEID! HAST DU MICH ENDLICH VERSTANDEN, MANNOVERDAMMT NOCHMAL?"

Bei Kindern in Luises Alter geht es um weit mehr, als eigene Kleidervorlieben zu entwickeln. Es geht darum, auszudrücken, wer und was man sein will. Der Wunsch unserer Tochter bestand darin, als geblümter Kanarienvogel durch den Kindergarten zu flattern und sich zu erkälten. Wie ihre Freundin Leonie, die im letzten Winter darauf bestanden hatte, nur mit einem Fahrradhelm bekleidet im Kindergarten zu erscheinen.