Familienglück : Das gelbe Blümchenkleid – sonst gar nix

Drama am Morgen. Mark Spörrle versucht es mit guten Argumenten, Schnee zum Beispiel. Aber in Kleiderfragen lassen sich fünfjährige Mädchen nicht gerne beraten.

Es soll nun um ein Drama gehen, das sich so oder ähnlich allmorgendlich bei uns wiederholt. Das Drama heißt: "Ich will das nicht anziehen, sondern das!" Diesmal hieß es: "Ich will das gelbe Blümchenkleid anziehen oder gar nix!"

Meine Liebste rollte die Augen, sie hatte unserer Tochter eben geeignete Kleidung für den Tag bereitgelegt: Unterhose, Strümpfe, Unterhemd, Jeans. Und das rote langärmelige Shirt mit den Möwen, das Luise normalerweise so gerne mochte.

Aber morgens ist nicht normalerweise. Und Luise stand nackt und mit trotzig verschränkten Armen vor der Kleiderauswahl.

"Luise", sagte meine Liebste gefasst. "Kleiner Schatz, es ist nicht mehr Sommer. Das gelbe Blümchenkleid ist schön, aber viel zu dünn! Es wird dir zu kalt werden!" Dabei schloss sie routiniert das Fenster, der Nachbarn wegen. Keine Sekunde zu früh.

"Neeeiiin!", explodierte Luise und schleuderte das rote Möwenshirt in die Ecke. "Das ist mir doch egal!"

"Hör mal", versuchte es die Liebste, "warum ziehst du nicht das schöne Mickymaus-Shirt an? Oder das tolle Eulen-Shirt, guck mal...". Pädagogen raten dazu, dem Kind Alternativen zu bieten. Pädagogen raten auch zum Zweischranksystem: Ein Schrank, in den man morgens schnell alle Kleidung räumt, die für das jeweilige Wetter nicht geeignet ist. Und ein zweiter (!) Schrank, aus dem das Kind dann in aller Ruhe aussuchen darf. Pädagogen gehen offenbar davon aus, dass Eltern massenhaft Schränke und keine anderweitigen Verpflichtungen haben.

Luise rannte zur Handtuchschublade, riss sie auf und das dort versteckte gelbe Kleid heraus und hielt es sich vor die Brust. Wie gesagt, das Kleid war hauchdünn, in der naiven Hoffnung auf heiße Sommertage gekauft.

"Luise", sagte ich, kauerte mich vor unsere Tochter und nahm sie in den Arm, "in deinem Schrank ist doch noch die grüne Kapuzenjacke von Amelie, die du eigentlich erst anziehen darfst, wenn du richtig groß bist..." Amelie ist ein 12-jähriges Mädchen aus unserem Haus, die Luise ganz toll findet.

"Nein!", sagte unsere Tochter. "Das geht nicht. Die Kapuze hüpft immer, wenn ich hüpfe! Das will ich nicht!"

"Du darfst", ich kam mir fast vor wie ein Staubsaugervertreter, "dazu auch ausnahmsweise den furchtbaren Hello-Kitty-Haarreif..." Meine Liebste stieß einen Seufzer aus.

"Papi", schrie Luise ungeduldig, "ICH! WILL! DAS! KLEID! HAST DU MICH ENDLICH VERSTANDEN, MANNOVERDAMMT NOCHMAL?"

Bei Kindern in Luises Alter geht es um weit mehr, als eigene Kleidervorlieben zu entwickeln. Es geht darum, auszudrücken, wer und was man sein will. Der Wunsch unserer Tochter bestand darin, als geblümter Kanarienvogel durch den Kindergarten zu flattern und sich zu erkälten. Wie ihre Freundin Leonie, die im letzten Winter darauf bestanden hatte, nur mit einem Fahrradhelm bekleidet im Kindergarten zu erscheinen.

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Kommentare

38 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

Es geht noch schlimmer

Diese Manöver kenne ich auch von meiner dreijährigen Enkelin, die ebenfalls sehr individuelle und wetterunabhängige Modevorstellungen hat. Die Eltern, auch beide berufstätig, müssen sehr viel Geduld aufbringen, um nicht zu explodieren, wenn Emilia das morgendliche Anziehen mit Schreien und Schrank ausräumen auf eine halbe Stunde oder länger ausdehnt.

Nun hat sie die Nachtkollektion als strittiges Objekt entdeckt.

Letzte Woche steht sie mitten in der Nacht vor dem elterlichen Bett und jammert:"Ich habe gerade festgestellt, dass mir mein Schlafanzug nicht steht. Die Farbe gefällt mir auch nicht mehr."

Eltern: "Dann such Dir einen anderen Schlafanzug aus und gehe wieder ins Bett."

Emilia wühlt 10 Minuten in ihrem Schrank, dann steht sie in Unterhose wieder vor dem Elternbett: "Den Schlafanzug, den ich anziehen möchte, den mit dem lila Vogel, finde ich nicht.

Mutter: "Dann ist er wohl in der Schmutzwäsche. Suche Dir einen anderen aus."

Emilia, mit einem lauten Organ gesegnet, bricht in Weinen, eher Schreien aus. Die jüngere Schwester ist mittlerweile aufgewacht und schreit aus schwesterlicher Solidarität mit.

Dann schluchzt Emilia leise und versöhnlich: "Mama, wärst Du so lieb und gehst in den Keller und wäschst meinen Schlafanzug, den mit dem lila Vogel?"

Nein, die Mutter ist nicht mitten in der Nacht in den Keller gegangen und hat gewaschen. Dafür musste sie aber noch eine Zeitlang Emilias Geschrei und Getrampel ertragen.

"Großelternzeit" werde ich nicht nehmen.:-)

Danke TSHR

für den Link. Ich werde mir das Video anschauen.

Der Konflikt meiner Tochter mit ihrer Tochter resultiert, denke ich, z.T daraus, dass beide ein ziemliches Dominanzverhalten haben. Sie konkurrieren miteinander.

Hinzu kommt, dass Emilias Mutter Sonderschulpädagogin ist. Ich finde manchmal, dass meine Tochter ihre Pädagogik der "Regeln" zu sehr in ihren familiären Bereich einbringt.

Dann fällt mir der Satz ein, ich glaube, er stammt von Mark Twain:

Erziehung ist der organisierte Widerstand der Älteren gegen die Jüngeren.:-)

Ich wundere mich immer wieder...

... über die weitgehende Humorresistenz vieler ZEIT-Leser. Da schildert jemand in nettem Ton die alltäglichen Situationen im Leben mit Kindern. Er stellt sie überspitzt dar, es ist offensichtlich, dass das keine Tatsachenberichte sind; aber was tut die liebe Gemeinde: Sie nimmt alles bierernst und belehrt den Herrn Spörrle mit einer selbstzufriedenen Penetranz, die kaum zu glauben ist.

Leute, lest mal ein bisschen Kishon, damit Ihr das Genre kennenlernt.

Autorität?

Mich erstaunt es ehrlich gesagt, dass Eltern dabei an einer rationalen Lösung arbeiten, frei nach dem Motto "wir überzeugen dich jetzt davon, dass die Hose besser ist".
Kleine Mädchen können fürchterliche Zicken sein (kleine Jungs ebenso), ohne jeden Zweifel.
Aber ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, wie in der morgendlichen Frühstück-Schule-Arbeit-Hektik noch Zeit für Diskussionen ist. Muss da nicht einfach mal die Autorität greifen?

Selbst entscheiden

Kinder können wenig genug selbst entscheiden. Warum nicht wenigstens, was sie gern anziehen wollen? Warum sich Erwachsene immer einbilden, besser als das Kind zu wissen, wie es ihm geht /gehen wird (Du frierst, es ist kalt, setzt die Mütze auf, nimm' die Mütze ab, es ist zu warm, zieh' das aus...) ist mir ein Rätsel...soll es doch bitte selber merken wie kalt/warm es ihm ist: Vor/beim Anziehen auf den Balkon (oder Fenster weit auf) und dann entscheiden lassen (Zusatzklamotten halt mit, wenn man es so einschätzt...). So bekommen die Kinder wenigstens auch das Gefühl dafür, wann was zu kalt/zu warm ist. Wie sollten sie's sonst lernen?