Mit einem kleinen Kind verschieben sich die Themen, über die man spricht. Körperausscheidungen etwa faszinierten unsere Tochter, seit sie merkte, dass sie ohne Windeln zurecht kam. Damals verbrachten wir einige Tage in einem Ferienclub und saßen abends mit vielen anderen Urlaubern im Restaurant. Als Luise von der Toilette zurückkam und mir durch den ganzen Raum stolz entgegen schrie: "Papi, ich hab ein großes A-a gemacht!"

Meine Antwort ging in allgemeinem Gelächter unter.

Diese anale Phase ist offenbar ungemein wichtig für die kindliche Entwicklung und Experten raten davon ab, sie sofort mit Verboten zu überfrachten. Also haben Kinder auch danach bei gewissen Körperäußerungen noch nicht die Skrupel, die Erwachsene haben.

Neulich flogen wir mit Luise von Hamburg nach München . Warum, das wurde schnell zweitrangig, denn unsere Tochter hatte heftige Blähungen. Als wir die Reiseflughöhe erreicht hatten, es war gerade schön still im Flugzeug, gab unsere Tochter einen lauten, unmissverständlichen Ton von sich.

Die ältere Frau in der Sitzreihe vor uns zuckte zusammen und der Mann links von uns sah von seinem Laptop auf.

Meine Liebste und ich verständigten uns wortlos, das zu tun, was selbst die höflichsten Eltern in solchen Fällen erst einmal tun: so als sei nichts.

Kaum hatten sich die Frau wieder in ihr Klatschblatt vertieft und arbeitete der Laptopmann weiter, tönte es wieder von Luises Fensterplatz. Noch lauter als zuvor. Die Arme! Die Frau von vorn fuhr zusammen, als habe sie etwas gestochen und sah nach hinten. Für den Laptopmann hingegen war die Sache klar. Er sah mich kopfschüttelnd an.

Ich setzte ein väterlich entschuldigendes Lächeln auf und wollte verbindliche Worte folgen lassen: dass meine kleine Tochter ab und zu noch vergesse, dass das geräuschvolle Erleichtern des Darms allein oder in Anwesenheit eines verschwiegenen Elternteils in Ordnung sei. Aber in vollbesetzten Flugzeugen gar nicht gehe.

Da zog mir Luises enorme Geruchswolke in die Nase. Ich versuchte verzweifelt, sie mit Hilfe der Belüftungsdüsen über meinem Kopf zu stoppen, zu zerstreuen oder wenigstens unter Kontrolle zu halten. Zusätzlich setzte ich zwei Bordzeitschriften ein – umsonst. Mister Laptop sog die Luft durch die Nase, verzog angewidert den Mund. Und sagte zu mir: "Können Sie sich nicht beherrschen?"

Wie gesagt: Er sagte es zu mir! Er dachte tatsächlich, dass ich, ein erwachsener Mann, ich trug obendrein Hemd und Sakko ....

"Es tut mir wirklich leid", sagte ich. "Unsere Tochter hat starke Bauchschmerzen. Sie ist noch klein, es war keine böse Absicht..."

Er beugte sich vor, offenbar hatte er Luise noch gar nicht gesehen. Sein Gesicht wurde freundlicher.

"Komm Luise", sagte meine Liebste, "wir gehen auf die Toilette!" Hinter uns erhob sich ein Mann im Anzug, murmelte etwas von "Schnell noch frische Luft schnappen" und lief hastig auf die WC-Kabine zu.

"Komm Luise", wiederholte meine Liebste.

"Nein!", krähte Luise. "Papi hat gepupst!". Laut und mit der glockenhellen Stimme eines unschuldigen Kindes.