Familienglück : Vorsicht vor Astrid Lindgren!

Die schwedische Göre flucht und Mark Spörrles Tochter flucht gleich mit. Unser Autor warnt vor Lindgrens Heldin Lotta.
Kinderbuchautorin Astrid Lindgren © Bjoern Larsson/Scanpix/Reuters

Vielleicht ließ ich schon durchblicken, dass die Umgangsformen meiner Tochter nicht immer die besten sind. Jetzt weiß ich auch, an wem es liegt: An Astrid Lindgren .

Die schrieb unter anderem ein Buch über ein vierjähriges Mädchen namens Lotta. Na gut, das Kind ist eigensinnig und mit dem Vater muss man Mitleid haben, denn er kann weder Ostereier noch Weihnachtsbäume auftreiben. Aber die Geschichte spielt in den fünfziger Jahren in einem idyllischen kleinen Örtchen mit netten Menschen, bunten Holzhäusern und kaum Autos. Und den Film zum Buch gibt es auch auf DVD, in Episoden von kindgerechter Länge.

Eine harmlose Sache, mit der man die Tochter, die unbedingt auch mal Fernsehen gucken will, ruhig ein paar Minuten alleine lassen kann.

Dachten wir.

Als die Fernsehzeit vorbei war, empfing uns Luise mit den Worten: "Ich will sofort weitergucken, zum Teufel!".

Erst versuchten wir, das zu überhören. Dann fragten wir, ob sie wisse, was "zum Teufel" bedeute. Ich sagte, ich fände solche Ausdrücke nicht so gut.

"Oberdoofer Papi!", schrie Luise. "Zum Teufel!" Sie stapfte mit gerunzelter Stirn in ihr Zimmer, knallte die Tür zu und legte eine Prinzessin-Lillifee-CD ein.

"War es ein Fehler, dass sie die DVD alleine sehen durfte?", fragte ich.

Die Liebste erwiderte, die Lotta -Verfilmung gehe in Kritiken als das Harmloseste seit Erfindung der Teletubbies durch.

"Na und?", sagte ich. "Wissen wir denn, wie allein schon diese Teletubbies herumfluchen? ..."

Beim nächsten Mal also guckten wir mit Lotta mit. Die Kameraeinstellungen waren so lang, dass ich nachsah, ob unser DVD-Recorder klemmte. Aber dann sprach Lotta, dieses scheinbar süße Mädchen. Was heißt sprach. Sie schrie.

"Zum Teufel", schrie sie. "Oberdoofe Mama!" Dann trotzte sie mit gerunzelter Stirn in ihrem Zimmer herum. Hätte es die damals schon gegeben, sie hätte eine Lillifee-CD gehört, hundertprozentig. So aber beschloss sie, noch mehr Ärger zu machen und zur Nachbarin zu ziehen, und die oberdoofe Mama konnte das nur deshalb so gelassen nehmen, weil sie nicht pünktlich ins Büro musste, sondern bloß zum Einkaufen.

Nichts gegen Astrid Lindgren , die sich immer für selbstbewusste und eigenständige Kinder stark machte. Auch nichts gegen ihre Bücher. Aber manchmal schien sich ihr Werk in Filmform eher negativ auszuwirken. "Wir sollten sie erst wieder gucken lassen, wenn sie die pädagogische Moral der Geschichte versteht", sagte ich später. "Astrid Lindgren wollte Kinder ja schließlich nicht gegen ihre Eltern aufhetzen – oder doch?"

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Kommentare

32 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

Für ein bald vierjähriges Monster

kaufe ich regelmäßig Kinderbücher.
Heimatliche Märchen mit Illustrationen nicht im Comic Style.
Langsam werden dann Volkssagen folgen.
Etwas von Lindgren kommt mir nur in's Haus, wenn die Kleine es sich selbst aussucht.
Anläßlich Weihnachten gehen wir das erste Mal gemeinsam in die Buchhandlung. Ich vertraue auf ihren guten Geschmack.

Wobei sich deren Bücher gut als Drohmittel eignen.

Wenn du weiter so viel fluchst, dann ... ;-)

Zur Belohnung für Kinder ab 7-8 Jahren eignet sich - hingegen nicht für alle Eltern - die Geschichte vom Rotkäppchen in der Fassung von Kuttel Dadelldu alias Joachim Ringelnatz. Politisch inkorrekt 'bis zum geht nicht mehr' sorgt sie für viele Lacher und noch mehr Fragen. Diesen Abend werden Sie nie vergessen. Garantiert.

Gegen Ringelnatz ist nie etwas einzuwenden

Aber als Kind mochte ich gerade die grausamen Aspekte der Märchen. Hans im Glück fand ich zum Beispiel eher langweilig. Kinder sind diesbezüglich gar nicht so empfindlich wie es ihnen besorgte Kuschelpädagogen gern einreden wollen. Gegen die wahre kindliche Phantasie sind die Grimmschen Märchen schon harmlos. Kinder lieben Monster, Hexen, böse Stiefmütter und die ursprünglichen Märchen sind noch viel grausamer als die entschärften Versionen der Grimms.

Luises Papa kann glücklich sein, daß sich seine Tochter noch Vorbilder aus Kinderbüchern sucht. Wenn sie erst einmal in die Schule kommt und mit Vokabular konfrontiert wird das sie von älteren Kindern hört (und das aus HipHop-Texten stammt, z.B. F-Wörter...

Moralintriefende Gesinnungsgemetzel

Aaaaaah, da bin ich also nicht der Einzige, dem Pausewangs handgeschriebene Alpträume einen gehörigen Teil der Jugend versaut haben. Wobei ich nicht sicher bin, ob es sich bei ihr um politische Korrektheit handelt. Ich glaube eher, dass Pausewangs Bücher das Ergebnis von guten Ambitionen mit leider schlechtem Schreibstil und armer Fantasie sind, was zu den schaurigen, moralintriefenden Gesinnungsgemetzeleien in dampfenden Postpunksteam-Welten führt.

Da würde ich Kinder eher mit Astrid Lindgren allein lassen, auch auf die Gefahr hin, dass sie auf den Boden stampfen oder die Wände bemalen. Oder Tonke Dragt, die hat mich früher immer auf viele fantastische Reisen eingeladen... selbst wenn das Buch schon zu Ende gewesen ist.

Eine zeitlose Diskussion.

Ich und wahrscheinlich Astrid Lindgren, wenn sie noch leben würde, finden solche Diskussion herzerfrischend, weil sich die Eltern kaum verändert haben. Als Lindgren ihre Bücher veröffentlichte brach Entsetzen bei Eltern und Pädagogen aus. Heute hat man sich zwar an Lindgrens Bücher "gewöhnt", aber es gibt immer noch dieselben Reflexe der Eltern. Vielleicht liegt es daran, dass die heutigen Eltern in den kleinen Helden der Bücher selbst erkennen und selbst ihre Eltern als "doofer Paps" und/oder "doofe Mummy" bezeichneten als sei neun Jahre alt waren. Natürlich möchte man das nicht eingestehen und die Kinder besser erziehen als sie erzogen wurden. Oberflächlich betrachtet sind die Absichten ehrenwert, bei genauerer Betrachtung sind diese Absichten zum Scheitern verurteilt. Ich stelle damit nicht die Sinnhaftigkeit einer guten und strengen Erziehung in Frage, die ist notwendig. Sie funktioniert aber nur, wenn man selbst ein gutes Beispiel abgibt und wenn man über die eigenen Eltern (die Großeltern der Kinder) in Gegenwart der Kinder schlecht redet. Zudem glaube ich, dass es gar nicht verkehrt sein kann, wenn ein neunjähriges Mädchen mal Dampf ablässt. Auf alle Fälle wird man über Astrid Lindgrens Bücher noch in fünfzig Jahren streiten und das spricht sehr für die Autorin.

Mein Vater

hat mir und meinem Bruder immer aus den Epen Homers vorgelesen, und dabei verstaendlicherweisel die Familienbaeume rausgelassen. Oder auch von Wilhelm Busch, mein liebstes war die Drossel. Pipi Langstrumpf und Michel haben wir auch schon vor der Wende schauen duerfen. Kann mich nicht entsinnen, daß ich mehr als andere Kinder in dem Alter geflucht habe. Es gab wie beim Autor dann verschiedene Versuche dieses Verhalten einzudaemmen. Wer flucht, kriegt keinen Nachtisch, oder muß Rosenkohl mitessen :D

Verdammte Scheiße!

Muss nicht auch der Umgang mit Schimpfwörtern erlernt werden? Gehören diese etwa nicht zu einer jeden Kultur und Sprache? Wo steht denn geschrieben, dass diese die Entwicklung unserer Kinder behindern würden? Was, mit wem und in welcher Situation "geht" und was eben "nicht geht" muss doch erlernt werden! Wer wollte denn ernsthaft das Schimpfen aus der Sprache verbannen?

Und noch etwas: ich bin kein Pädagoge, aber ist nicht das "Sich-gegen-seine-Eltern-auflehnen" eventuell ein wichtiger Bestandteil des erwachsen Werdens? Brave Kinder mögen weniger anstrengend für ihre Eltern sein, ob diese Eigenschaft jedoch für die Entwicklung der Kinder von Vorteil ist wage ich in Zweifel zu ziehen.

Ich habe meiner Tochter die Lindgren-Geschichten mit großer Freude vorgelesen und würde es auf jeden Fall wieder tun.