Lilly* muss endlich alleine einschlafen. Denn schon beim Zähneputzen hat Andrea* Angst davor, was gleich kommt. Mindestens eine dreiviertel Stunde liegt sie Abend für Abend neben ihrer fünfjährigen Tochter im Bett. "Das macht mich ganz rappelig. Ich brauche dringend ein wenig Zeit für mich, ohne Kind." Das Rappelige wird manchmal zu Wut. "Neulich hab ich mit der Faust aufs Kissen geschlagen, so sauer war ich. Lilly hat geweint. Ich will so nicht sein", sagt Andrea.

Einigkeit kann zu einer Zeitbombe werden, schreibt der Familientherapeut Jesper Juul. Er hat familylab gegründet, eine Seminarreihe für Eltern. Heute geht es um Streitkultur und Familienkonflikte. Außer Andrea und ihrem Mann Gunter* sind noch drei andere Mütter in die Praxis der Elternberater Wolfgang Bergmann und Britta Kolbe in Bielefeld gekommen. Auch sie kennen diese verzweifelten Versuche, endlich vom Bett des Kindes wegzukommen: Schlaf jetzt! Oder noch besser: Wenn du nicht sofort einschläfst, dann passiert aber was!

"Wer nicht mindestens 25 Konflikte am Tag hat, hat keine bedeutungsvollen Beziehungen." Dieses Zitat von Juul steht auf einer der Tafeln, die Bergmann für den Abend vorbereitet hat. Mit diesem Satz will er den Müttern und Vätern im Raum vermitteln, dass sie Eltern mit bedeutenden Beziehungen sind. Dabei waren sie doch hergekommen mit Sätzen im Kopf wie: Ich darf meine Kinder nicht anschreien. Oder: Ich darf nicht egoistisch sein.

Ich muss, ich darf nicht... Juul schlägt Eltern vor, einfach "Ich will" zu sagen. Und dafür auch die Verantwortung zu übernehmen. Mit Lilly könnte Andrea etwa so verhandeln: Ich verstehe, dass du gerne mit mir einschläfst, ich kuschele auch gerne mit dir. Aber ich will das jetzt ändern, weil ich Zeit für mich brauche.

Was viele Eltern stattdessen gerne sagen, sind Sätze wie: Kinder in deinem Alter müssen alleine einschlafen können. Oder: Fernsehen schadet Kindern. Du weißt genau, dass jetzt aufgeräumt wird. Wenn du keine Jacke anziehst, erkältest du dich.

Mehr Streit aber weniger Machtkämpfe

Das klingt sachlich und höflich, ist aber viel zu unpersönlich, meint Juul. Wer sagt: Ich will es so!, steht zu seinen eigenen Bedürfnissen und Grenzen und eröffnet den Dialog. Die Kinder werden sich ein Beispiel nehmen und antworten: Ich will es aber anders. Es wird also viel mehr Streit geben als vorher. Aber dafür weniger Nörgeleien und Machtkämpfe.

Andrea wirkt eloquent und einfühlsam. Sie lacht über sich selbst und schaut den anderen im Raum in die Augen. Es fällt ihr auch nicht schwer, einzufordern, dass jetzt ihr Problem drankommen soll. Schwer vorzustellen, wie diese souveräne Frau zu Hause ins Kopfkissen boxt.

Doch im Alltag mit Kindern ist es nicht leicht, den passenden Weg für sich selbst zu finden. "Bilderbuchdialoge" nennt deshalb Meike, eine andere Teilnehmerin, Bergmanns Empfehlungen. Sie sagt: "Es klingt alles so richtig hier im Raum, aber zu Hause klappt es überhaupt nicht."

Andrea geht es genauso. Sie hat nämlich schon mit ihrer Tochter geredet und ihr ein neues Ritual vorgeschlagen: Lesen, kuscheln – und ich gehe. Lilly hat versprochen: "Wenn ich fünf bin, dann machen wir es so!" Seit zwei Wochen ist Lilly fünf. Doch jetzt hat sie Angst vor Monstern. Mama muss bei ihr bleiben. Ist das eine Masche oder hat das Mädchen wirklich Angst? Solange sie es nicht versteht, kann Andrea nicht nein sagen.