Familienstreit : Wenn Eltern "Ich will" sagen

Lilly will ohne ihre Mutter nicht einschlafen. Aber die Mutter braucht am Abend Zeit für sich. Jetzt lernt sie, den Konflikt mit ihrer Tochter auszutragen.

Lilly* muss endlich alleine einschlafen. Denn schon beim Zähneputzen hat Andrea* Angst davor, was gleich kommt. Mindestens eine dreiviertel Stunde liegt sie Abend für Abend neben ihrer fünfjährigen Tochter im Bett. "Das macht mich ganz rappelig. Ich brauche dringend ein wenig Zeit für mich, ohne Kind." Das Rappelige wird manchmal zu Wut. "Neulich hab ich mit der Faust aufs Kissen geschlagen, so sauer war ich. Lilly hat geweint. Ich will so nicht sein", sagt Andrea.

Einigkeit kann zu einer Zeitbombe werden, schreibt der Familientherapeut Jesper Juul. Er hat familylab gegründet, eine Seminarreihe für Eltern. Heute geht es um Streitkultur und Familienkonflikte. Außer Andrea und ihrem Mann Gunter* sind noch drei andere Mütter in die Praxis der Elternberater Wolfgang Bergmann und Britta Kolbe in Bielefeld gekommen. Auch sie kennen diese verzweifelten Versuche, endlich vom Bett des Kindes wegzukommen: Schlaf jetzt! Oder noch besser: Wenn du nicht sofort einschläfst, dann passiert aber was!

"Wer nicht mindestens 25 Konflikte am Tag hat, hat keine bedeutungsvollen Beziehungen." Dieses Zitat von Juul steht auf einer der Tafeln, die Bergmann für den Abend vorbereitet hat. Mit diesem Satz will er den Müttern und Vätern im Raum vermitteln, dass sie Eltern mit bedeutenden Beziehungen sind. Dabei waren sie doch hergekommen mit Sätzen im Kopf wie: Ich darf meine Kinder nicht anschreien. Oder: Ich darf nicht egoistisch sein.

Elternberater

Wolfgang Bergmann führt gemeinsam mit Britta Kolbe die Praxis LeichtSinn in Bielefeld. Als Coach und familylab-Trainer begleiten sie Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Paare, Familien und Organisationen. Ihr Motto ist es, Konflikte als Chancen zu erkennen.

Ich muss, ich darf nicht... Juul schlägt Eltern vor, einfach "Ich will" zu sagen. Und dafür auch die Verantwortung zu übernehmen. Mit Lilly könnte Andrea etwa so verhandeln: Ich verstehe, dass du gerne mit mir einschläfst, ich kuschele auch gerne mit dir. Aber ich will das jetzt ändern, weil ich Zeit für mich brauche.

Was viele Eltern stattdessen gerne sagen, sind Sätze wie: Kinder in deinem Alter müssen alleine einschlafen können. Oder: Fernsehen schadet Kindern. Du weißt genau, dass jetzt aufgeräumt wird. Wenn du keine Jacke anziehst, erkältest du dich.

Mehr Streit aber weniger Machtkämpfe

Das klingt sachlich und höflich, ist aber viel zu unpersönlich, meint Juul. Wer sagt: Ich will es so!, steht zu seinen eigenen Bedürfnissen und Grenzen und eröffnet den Dialog. Die Kinder werden sich ein Beispiel nehmen und antworten: Ich will es aber anders. Es wird also viel mehr Streit geben als vorher. Aber dafür weniger Nörgeleien und Machtkämpfe.

Andrea wirkt eloquent und einfühlsam. Sie lacht über sich selbst und schaut den anderen im Raum in die Augen. Es fällt ihr auch nicht schwer, einzufordern, dass jetzt ihr Problem drankommen soll. Schwer vorzustellen, wie diese souveräne Frau zu Hause ins Kopfkissen boxt.

Doch im Alltag mit Kindern ist es nicht leicht, den passenden Weg für sich selbst zu finden. "Bilderbuchdialoge" nennt deshalb Meike, eine andere Teilnehmerin, Bergmanns Empfehlungen. Sie sagt: "Es klingt alles so richtig hier im Raum, aber zu Hause klappt es überhaupt nicht."

Andrea geht es genauso. Sie hat nämlich schon mit ihrer Tochter geredet und ihr ein neues Ritual vorgeschlagen: Lesen, kuscheln – und ich gehe. Lilly hat versprochen: "Wenn ich fünf bin, dann machen wir es so!" Seit zwei Wochen ist Lilly fünf. Doch jetzt hat sie Angst vor Monstern. Mama muss bei ihr bleiben. Ist das eine Masche oder hat das Mädchen wirklich Angst? Solange sie es nicht versteht, kann Andrea nicht nein sagen. 

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Kommentare

136 Kommentare Seite 1 von 10 Kommentieren

Wie haben es nur unsere Großeltern geschafft

Wie haben es nur meine Großeltern nach dem Krieg, Flucht und Vertreibung geschafft, meine Mutter und meinen Vater zu erziehen. Und das ganz ohne irgend welche Regale voll Erziehungsratgeber und Horden an sonnlosen Beratern.

Der Fehler den Eltern in meinem Umfeld immer wieder machen ist, mit kleinen Kindern alles ausdiskutieren zu wollen und diese als vollwertige Gesprächspartner zu betrachten. Zwischen Eltern und Kindern muß aber m.E. zwingend ein natürliches Über-/ Unterordnungsverhältnis bestehen. Eltern sagt, Kind macht. Natürlich kommt irgend wann das Alter, in dem man bestimmte Dinge auch ausführlicher erklärt. Aber da reden wir dann beim Alter vom zweistelligen Jahresbereich. Und auch da gilt dann noch: Das was die Eltern sagen gilt.

Aber ich vergaß, wir machen ja heute alle einen auf Kuschelpädagogik. Das Ergebnis sieht mann dann ja allenthalben in der Praxis. Vollkommen verhätschelte und lebensuntüchtige junge Menschen, die mit Konfliken nicht umgehen können und in klaren Strukturen wie einem straff geführten Unternehmen scheitern. Danke, liebe Erziehungsberater...

Vielleicht

"Aber ich vergaß, wir machen ja heute alle einen auf Kuschelpädagogik. Das Ergebnis sieht mann dann ja allenthalben in der Praxis. Vollkommen verhätschelte und lebensuntüchtige junge Menschen, die mit Konfliken nicht umgehen können und in klaren Strukturen wie einem straff geführten Unternehmen scheitern. Danke, liebe Erziehungsberater..."

Ja, tatsächlich. Das sieht man ja wirklich überall! Mercedes musste schon die Produktion einstellen, weil die ganzen verhätschelten Kuschelkinder am Band keine Schraube diskriminieren wollten und versucht haben alles gleichzeitig festzuschrauben. Ganz schrecklich!

Andere Zeiten, andere Perspektiven

natürlich hatten unsere Großeltern wirklich andere Sorgen als das Abwägen von Erziehungsmodellen, schließlich hat sich das gesamte Umfeld geändert und das Erstrebeswerte von damals gilt heute als überholt.

Keine Oma hat sich über das Thema Nachhaltigkeit oder Co2-Emissionen Gedanken machen müssen, sie musste weder mit Supernannys noch mit PC-Spielen konkurrieren, es gab keine elektronischen Miterzieher, keine ständige Erreichbarkeit und Kommunikationsmöglichkeit....
Da ist doch sonnenklar, dass Erziehungsmodelle heute anders sein müssen und es ist gut, wenn man konstruktiv darüber reden kann!Ob man bei der Erziehung erfolgreich war, kann man ohnehin nur durch die Augen anderer sehen.

Diese Art von Sarkasmus

vergeht im Alltag.
Natürlich ist es deutlich zu merken, dass bestimmte Tugenden heute anders betrachtet werden.
Da kommen etliche junge Leute aus einr rosa Wattewelt in der Realität an und kein Meister oder Gruppenleiter diskutiert noch irgendwelche Anforderungen mit ihnen.
Man setzt voraus, dass sie was gelernt haben (haben sie aber oft nicht, sondern sich unter viel Verständnis weggewunden) und dass sie machen, was ihnen gesagt wird.
Das wird für viele dann doppelt hart.

Die Empfehlung, einem kleinen Kind zu sagen "Ich will nicht, ich brauche mehr Zeit für mich", die kann verdammt nach hinten los gehen.

Rosa Wattewelt

Welche rosa Wattewelt denn? Ich bin mit ständigen Ermahnungen aufgewachsen, dass man ohne Bildung und einen guten Abschluss sich sozusagen sofort selbst einsargen kann.
Seit ich auf der Welt bin hat man in Deutschland fast ununterbrochen den kommen Zusammenbruch und die Angst davor zelebriert.

Es ist wahrscheinlich natürlicher jugendlicher Freude am Leben geschuldet wenn man über solche angeblichen Zukunftsaussichten nicht verzweifelt.
Und ich komme aus einem relativ wohlhabenden Akademikerhaushalt.

Für Kinder aus wirklich schlechten Verhältnissen muss sich die Lage von vornherein als vollkommen aussichtslos erscheinen. Aus meiner Zeit als Soziologiestudent, als ich unter anderem auch Umfragen in Jugendzentren in eher "schlechten" Gegenden durchgeführt habe, scheint mir, dass solche Jugendlichen nicht per se faul und unwillig sind. Sie verschwenden ihre Zeit nicht vor Playstation, Computer und Fernseher weil sie keinen Bock haben zu arbeiten. Sondern weil sie in dem Bewusstsein aufgewachsen sind, dass es für sie ohnehin keine Chance gibt.

Dieses Bild wird vom öffentlichen Diskurs meist verstärkt. Wir sollten öffentlich und deutlich wahrnehmbar darüber diskutieren wie diese Situation ändern kann.

Ich habe die Hoffnung, dass die, im Ausdiskutieren erfahrenen, "Kuschelthorbens" darin besser sind als die Nachkriegshardliner.

Gewöhnung und Zeit, Familie und Arbeitsorganisation

1. Gewöhnung
man war andere Arbeitszeiten gewöhnt, vor dem Krieg bisweilen 10-12 h täglich. Deshalb war, wenn man ein Kind bekam, die Hürde kleiner.

2. Zeit
Heute sind wir an X Stellen vom Leben abgelenkt, elektronische Medien, Nachrichten, Fernsehen, Veranstaltungen. Davon gab es früher nur einen Bruchteil. Man hatte also quasi mehr Zeit für Kinder.

3. Familie
Jeder, der selbst Kinder hat, kann einschätzen, wie hilfreich Oma und Opa sein können, wenn man selbst mal Zeit für sich braucht. Früher waren diese in den allermeisten Fällen im selben Haus oder in der näheren Nachbarschaft zu finden. Heute findet man sie nicht selten mehr als 100km entfernt. Es fehlen also Personen, denen man sein Kind anvertraut, und somit verbringt man zwangsweise mehr Zeit mit dem Kind. Resultat: man wird bisweilen dünnhäutig.

4. Arbeitsorganisation
In Zeiten, in denen die Landwirtschaft den Hauptbeschäftigungszweig ausmacht, und "Betriebe" die Größe von 10-15 Leuten nicht überschreiten, lassen sich viele Dinge einfach viel flexibler gestalten, als das heute möglich wäre. Jeder kennt jeden, und man entwickelt selbst zu denen, die nicht aus der eigenen Familie kommen, Vertrauensverhältnisse. In unserer heutigen anonymen Gesellschaft sind Kinder leider mehr eine Last geworden, als sich das Menschen damals vorstellen konnten.

Trotzdem: ohne Kinder gehts nicht. Deshalb braucht man hin und wieder auch ein paar gute Tipps von Außenstehenden

@15 Bugiarda: Trotz, nicht wegen Erziehung

Sie schreiben: "natürlich hatten unsere Großeltern wirklich andere Sorgen als das Abwägen von Erziehungsmodellen,.."

... aber sie hatten genau dieselben Erziehungsprobleme. Wer sich die Mühe macht nachzulesen, stößt seit Jahrhunderten auf dies gleichen Klagen, im Gegenteil: Das Fehlverhalten von Kindern und Jugendlichen war sehr sehr viel schlimmer als heute. Ein Beispiel:

"Am 13. 08.1956 randalieren in Hannover stundenlang mehrere hundert
Jugendliche: Mehrere hundert Jugendliche randalieren stundenlang: ein alte Frau wird vom Fahrrad gerissen, Fahrräder auf die Straße geworfen, vorbeifahrende Autos beschädigt, Fahrer von Motorrollern heruntergerissen, Zigaretten in der Kleidung von Passanten ausgedrückt, Polizisten mit Steinen beworfen, eine Angehöriger des Bundesgrenzschutzes verprügelt, eine Funkstreife mit einem Steinhagel empfangen und in ihrem Wagen eingeschlossen, bis
Wasserwerfereinsatz die Krawalle beendet"

Das waren die ach so 'gut' erzogenen Kinder und Jugendliche früher.
Ließe sich beliebig durch Jahrzehnte und Jahrhunderte fortsetzen.

Wenn aus denen ordentliche Erwachsene geworden sind, dann nicht wegen, sonder trotz der 'Erziehung', die sie 'genossen' haben. Egal, welche Erziehungsmode gerade herrscht, normalerweise wollen Menschen im Leben erfolgreich sein. Das ist der Grund, warum aus ihnen was wird - Erziehung hin oder her.

Früher war alles besser...

Die beruhigende Nachricht vorneweg: Auch heute werden Kinder groß gezogen...
"Wie haben es nur meine Großeltern nach dem Krieg, Flucht und Vertreibung geschafft..."

Ein sinnloser Vergleich, da andere Lebensumstände andere Maßnahmen erfordern. Oder wollen Sie damit andeuten, dass uns ein kleiner Weltkrieg erziehungsmethodisch nach vorne bringt?

"Der Fehler den Eltern in meinem Umfeld immer wieder machen ist,... "

Der Fehler beim Kritisieren liegt oftmals darin, dass man seine eigene Meinung überschätzt und dadurch unkonstruktiv wird.
Sie geben eine Anleitung, wie man Menschen möglichst stressfrei großzieht, aber ob sie damit glücklich werden, interessiert sicher nur am Rande.
9-jährige Kinder verstehen übrigens alles, was man Ihnen erklärt, also sollte man es ihnen auch erklären

"Aber ich vergaß, wir machen ja heute alle einen auf Kuschelpädagogik.... ...lebensuntüchtige junge Menschen, die mit Konfliken nicht umgehen können und in klaren Strukturen wie einem straff geführten Unternehmen scheitern."

Uhhh, welch schlimme, mit Vorurteilen gespickte Polemik. Und wenn Sie schon straff organisierte Unternehmen ansprechen (die übrigens immer mehr von dem straffen abkommen, weil das weniger leistungsfähig ist, als das partnerschaftliche, gruppendynamische Führungsmodell), so würde ich mich freuen, wenn meine beiden Kleinen sich gegen eine Tätigkeit in einemebendiesen entschieden.
DANN hätte ich in meinen Augen viel richtig gemacht, beim Erziehen.

Kausaler Zusammenhang

"Oder wollen Sie damit andeuten, dass uns ein kleiner Weltkrieg erziehungsmethodisch nach vorne bringt?"

Kann kann sich den kausalen Zusammenhang auch so drehen, wie man ihn gerne hätte. Ich gehe davon aus, der TE erwähnt den Krieg lediglich als zeitliche Einordnung und hätte genauso von den 40er/50er sprechen können.

"Der Fehler beim Kritisieren liegt oftmals darin, dass man seine eigene Meinung überschätzt und dadurch unkonstruktiv wird."

Also ich stelle fest, dass die heranwachsende Generation - mittlerweile im Teenager-Alter angekommen - respektloser ist. Was diese "Meinung" angeht, können Sie dazu gern ein paar Lehrer konsultieren, die schon ein paar Jahrzehnte im Geschäft sind. Diese Charaktereigenschaft ist durchaus auf fehlende Autorität in der Erziehung zurückzuführen.

"9-jährige Kinder verstehen übrigens alles, was man Ihnen erklärt, also sollte man es ihnen auch erklären"

Dann erklären Sie dem 9jährigen, für die Klassenarbeit zu lernen, da diese wichtiger ist für seine Zukunft anstatt die Gaming-Session am PC. Nach wenigen Tagen werden Sie einsehen, dass Erklärungen ins Leere laufen und eher eine "klare Ansage" angebracht ist.

Lesen hilft beim Verstehen

Sie hätten sich auch einfach die Mühe machen und kurz nachlesen können, das der TE von seinen Großeltern sprach, die auf der Flucht auch Kinder groß gezogen haben...
Aber klar, das war polemisch und provokativ von mir. Allerdings ganz bewusst und sicher nicht Ernst gemeint, sondern sollte nur überspitzt verdeutlichen, dass ich den Vergleich generell für hinkend empfand;-)

Die einen sagen respektloser, die anderen selbsbewusster. Ob die von Ihnen angesprochene Respektlosigkeit allerdings nur auf die Jugend beschränkt ist, sei einmal dahingestellt.
In unserer kapitalistischen Gesellschaft ist der Ellebogen mittlerweile ein sehr beliebtes Körperteil, was sich natürlich auch auf unsere Kinder (also manche) überträgt, was aber sicher nicht einzig in antiautoritärer Erziehung begründet ist. Eine strenge Erziehung, wie hier von einigen gefordert, wird hier sicher eher kontraproduktiv sein.

Und zu 9-jährigen: Mein Neffe ist 9 und natürlich versteht er, warum er für eine Arbeit lernen muss. Und natürlich gibt es Situationen, in denen er keine Lust dazu hat und man ihn sanft zwingen muss. Aber doch bitte schön nicht ohne Begründung oder Erklärung.
Das eine schließt das andere nämlich nicht aus. Allerdings sollte das eine - die Erklärung - immer vor dem anderen - dem Zwang - kommen!

Noch etwas vergessen...

Ach ja, ich hatte noch vergessen zu erwähnen, dass einer meiner besten Freunde Lehrer ist und er durchaus der Meinung ist, dass es Verbesserungsbedarf bei der Erziehung von Kindern/Jugendlichen geben sollte.
Allerdings ist das Hauptproblem mangelnde Zeit der Eltern. Auf der einen Seite gibt es die sehr autoritäre Erziehung von Familien in der sozialem Hintergrund, aber fast genau so schlimm ist seiner Meinung nach die "Wohlstandsverwahrlosung" in gut situierten Familien, in denen Erziehung mit Konsum gleichgesetzt wird.
Alles auf antiautoritäre Erziehung zu schieben (die ja auch verschiedenste Facetten haben kann), wäre genau so falsch, wenn man den Nationalsozialismus ausschließlich mit den Auswüchsen der autoritären Erziehung erklären wollte.

Jetzt widersprechen Sie sich aber im ursprünglichen Sinne

"Und natürlich gibt es Situationen, in denen er keine Lust dazu hat und man ihn sanft zwingen muss. Aber doch bitte schön nicht ohne Begründung oder Erklärung.
Das eine schließt das andere nämlich nicht aus. Allerdings sollte das eine - die Erklärung - immer vor dem anderen - dem Zwang - kommen!"

In Ihrer ursprünglichen Aussage geben Sie zu vermuten, Sie stehen grundsätlich ablehnend dem "Machtwort" gegenüber. Nun relativieren Sie. Keine Sorge, kein vernünftiger Eltern-Part spricht ein Machtwort nur der Macht halber. In der Regel läuft es so ab, wie Sie es beschreiben, aber das ist nun mal nicht demokratisch, um mal wieder den Bogen zur Eingangsdiskussion zu kriegen.

"Die einen sagen respektloser, die anderen selbsbewusster."

Mir fällt es schwer, diese beiden Worte zu vergleichen oder gar gleichzusetzen, ohne das Wort "Schönrederei" in den Raum zu werfen. Die Respektlosigkeit zeichnet sich im überforderten Umgang vor allen mit Erwachsenen ausserhalb des Elternhauses ab. Das kann man auch mit schönen Worten nicht als Selbstbewusstsein verkaufen, allein schon von der Definition her, zumal Selbstbewusstsein eine Perspektive voraussetzt.

Ich denke

dass Sie meinen Post falsch verstanden haben, da Sie wohl den Ursprungspost nicht gelesen haben.
Ich schreibe nirgendwo, dass ich ein Machtwort ablehne. Wobei ich es eher als "Grenzen setzen" in Verbindung mit kausalen Konsequenzen bezeichnen würde (zumindest bei meinem größeren Sohn - 4 Jahre).
Aber wenn mein Kleiner (2 Jahre) z. B. über die Straße laufen will, dann muss ich ein Machtwort sprechen. Aber danach erkläre ich es ihm.
Klare Grenzen zu setzen, aber trotzdem respektvoll und liebevoll mit Kindern umzugehen, das ist mein Ziel.

Ich glaube, wir liegen vielleicht gar nicht so weit auseinander...

Wie haben es nur unsere Großeltern geschafft?

Eben auf Ihre Art. Mein Großvater väterlicherseits hatte Erziehungsmethoden die heute als Kindesmisshandlung anzusehen sind. Sie wissen schon Schläge, Schläge und nochmals Schläge. Die selbe Erziehung wollte er bei seinen eigenen Kindern durchführen (bis auf wenige Ausnahmen schaffte es meine Mutter dies aber zu verhindern), den schliesslich haben die Schläge ihn angeblich zu einem besseren Menschen gemacht.
Den Erfolg solcher Erziehungsmethoden kann ich bei jeden familiären Besuch erkennen, mein Großvater war ein depressiver, cholerischer Mann und mein Vater ist es auch. Aber hauptsache lebenstüchtige Menschen, die in einem straff geführten Unternehmen arbeiten können.

Oh mann

Haben Sie sich mal überlegt, dass die Großeltrn ebenso versagt haben könnten und grade den Grundstein gelegt haben? Natürlich nicht bewusst! Und ich möchte auch gar nicht Wissen, was für schwerste Traumata in den Kriegs- und Nachkriegsjahre bei den Menschen ausgelöst haben! Glauben sie nicht, dass das alles an deren Kinder weitergegeben wurden?
Also ich bin mir sicher! In den Haushalten meiner Großeltern wurde nicht viel thematisiert...vieles wurde abgebügelt und totgeschwiegen. Meine Eltern haben dieses Kriegstrauma definitiv mit in unser Haus gebracht.
Wenn man nicht redet über Probleme, verschwinden sie aber nicht. Und wenn man nie gelernt hat in Dialog zu gehen, Weite zu geben...ja wie soll man das bitte seinen eigenen Kindern mitgeben!?
Ich bin froh(!), dass wir langsam merken, dass irgendetwas "falsch" läuft und uns unserer Kinder wegen redlich Mühe geben, es besser zu machen!

@114 Triebien: Kinder der Kriegskinder

Sie schreiben: "Meine Eltern haben dieses Kriegstrauma definitiv mit in unser Haus gebracht."

Das ist inzwischen unbestritten und Gegenstand der Traumaforschung.

Buch dazu:
Anne-Eve Ustorf: "Wir Kinder der Kriegskinder: Die Generation im Schatten des Zweiten Weltkriegs" Herder spectrum 6212

Link:
http://www2.evangelisch.d...

und viele andere.
http://www.dradio.de/dlf/...

Funktionieren in straff geführten Unternehmen???

Ja viele in der Großelterngeneration wurden unempathisch erzogen - und haben oft später Jahrelang nicht mit den Eltern geredet bis sie nach jahrelanger Therapie verzeihen konnten. Nein, dahin sollte es nicht zurück gehen. Und straff geführte Unternehmen scheitern auch immer häufiger, weil die Welt einfach zu komplex geworden ist. Wir brauchen Unternehmen in denen viel mehr lösungsorientiert kommuniziert wird- leider haben das die meisten Chefs nicht gelernt und haben sehr viel Angst davor.
Wenn Männer ihre autoritäre Erziehung als funktional erleben konnten, dann meistens deshalb, weil daneben eine empathische Frau sich um den emotionalen Rückhalt des Kindes gekümmert hat. Wir brauchen neue Wege, und das kinder früh lernen, das ihre Eltern nicht nur Vater und Mutter, sondern auch eigene Menschen mit eigenen Bedürfnissen sind, scheint mir erstrebenswert. - auch für die Empathiefähigkeit des Kindes.

@132 Simt: Kulturrevolution?

Sie schreiben: "Wir brauchen Unternehmen in denen viel mehr lösungsorientiert kommuniziert wird- leider haben das die meisten Chefs nicht gelernt und haben sehr viel Angst davor."

Wir alle haben das nicht gelernt - nicht nur die Chefs. Nach-Lernen ist sehr schwierig, arbeitsaufwendig, risikobehaftet. Da es sich um Neuland handelt, sind Irrwege und Fehler unvermeidlich.

Außerdem setzt jeder, der sich das traut, in Widerspruch zum geltenden Zeitgeist zu argumentieren, Anpöbeleien aus wie den folgenden

"Es grenzt schon fast an Unverschämtheit ...Ist Ihnen eigentlich bewusst, wie arrogant das rüberkommt? ... dass sie sich ausschließlich in der grauen (oder in ihrem Falle rosaroten) Theorie bewegen ...",

wobei diese noch zu der 'zarteren' Art gehören.

Das ist durchaus verständlich. Die Aussage "Das Kind will" statt "Das Kind muss" stellt Glaubensfundamente und Biographien in Frage und gleicht durchaus einer Kulturrevolution.

Wenn wir das allerdings nicht lernen, wird das nichts mit "lösungsorientierten Strategien". Dann bleiben wir im alltäglichen Machtkampf in Familie, Schule, Wirtschaft und Gesellschaft hängen, in dem dann halt die kräftigsten Ellenbogen entscheiden. Leider werden die nur selten von einem gleichermaßen leistungsfähigen Gehirn koordiniert.

@132 Simt: Wer lernt wie von wem?

Sie schreiben: " Wir brauchen neue Wege, und das kinder früh lernen, das ihre Eltern nicht nur Vater und Mutter, sondern auch eigene Menschen mit eigenen Bedürfnissen sind, scheint mir erstrebenswert. - auch für die Empathiefähigkeit des Kindes."

Ebenso sind Kinder nicht nur Sohn oder Tochter, sondern Menschen mit eigenen Bedürfnissen.

Wenn nur die Kinder lernen sollen, wird das nichts mit der Empathiefähigkeit.

Empathie in der Kindererziehung

@ lonetal
Da stimme ich Ihnen vollkommen zu.
Gerade in der Kindererziehung werden wir so unbedingt mit der anderen Persönlichkeit des Kindes konfrontiert, dass sich eine ganz neue Form der Empathiefähigkeit ergeben kann- und meistens sich ja auch entwickelt.

Da ist es recht schade, dass heute viele Menschen erst so spät Kinder kriegen-ist aber ja gesellschaftlich-ökonomisch so gewollt.

Sie können ja gerne mal nachrechnen

Das sind weniger Kriege als jemals zuvor. Ganz besonders gemessen an der Menge Menschen die auf der Erde leben. Es ging nie zuvor einem so großen Teil der Menschheit so gut. Gerade in der westlichen Welt leben wir in fantastischem Überfluss und Wohlstand.

Dieses ewige Gemeckere, Besserwissen und Schwarzsehen wird langsam wirklich unerträglich.

[...] Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich und verzichten Sie auf Pauschalisierungen. Danke. Die Redaktion/kvk

@vorredner:

ich stimme euch in sofern zu, dass man sich heute kaum noch auf seinen "instinkt" verlässt, wie man mit den kids umgehen sollte. die unzähligen ratgeber und supernannys machen diese verdrossenheit noch schlimmer.

allerdings möchte ich etwas gegen das "unsere großeltern haben es trotz krieg auch geschafft" - argument sagen. wenn man der jungen generation vorwerfen muss, dass sie lebensuntüchtig und verhätschelt ist, müssen sich im gegenzug die kinder dieser kriegsgroßeltern gefallen lassen, dass man ihnen rückständigkeit, soziale inkompetenz, mangel an empathie und vor allem ein irrationales verhältnis zu äußeren zwängen nachsagt. das alles ist auch teil dieser erziehung, auf die man sich in so einem kontext gern beruft, nur eben im anderen extrem. wenn ich erlebe, wie sich 40-50 jährige menschen in die eigene psychose treiben, weil ihnen ihre eltern beigebracht haben, dass der äußere schein alles ist, das man auf keinen fall jobs oder ehen aufgeben darf, wenn man nicht gerade etwas richtig schlimmes darin auszustehen hat usw usw. "burnout" und dieser ganze mist sind nach meiner meinung nicht nur ergebnis einer bescheurten leistungs-gesellschaft sondern eben auch der erziehung dieser kriegsgeneration, für die soziale absicherung (logischerweise) alles war und persönliche belangen ganz weit hinten anstanden.

ergänzung

ich denke, wie immer liegt die wahrheit irgendwo in der mitte. im konkreten fall ist eine ewige "kuschelpädagogik" weder vor tochter noch für ihre mutter zielführend. aber umgekehrt das kind zusammen zu rüffeln und vielleicht in seinem zimmer einzuschließen (meine großmutter ;) ) kann auch nicht die lösung für kindliche ängste sein.
just my 2 cents.