"Betreuungsgeld? Meinen Sie das Elterngeld?" Unter Betreuungsgeld kann sich Afriye Akua Boateng erst einmal gar nichts vorstellen. Sie weiß nicht, wie leidenschaftlich die Deutschen über die 100 Euro diskutiert haben , die Eltern ab August 2013 bekommen sollen, die ihre kleinen Kinder nicht in die Krippe schicken. Frau Boateng hat auch nicht verfolgt, dass im März 23 CDU-Abgeordnete gegen das Betreuungsgeld aufbegehrten , und dass es im November aller Widerstände zum Trotz beschossen wurde . In ihrem Wohnzimmer hängen große Familienfotos an den Wänden; auf dem großen Flachbildfernseher läuft CNN . Nachrichten schaut sie lieber auf Englisch, sagt die Ghanaerin, das fällt ihr leichter.

Wie das deutsche Schulsystem, wie Krippen und Kindergärten funktionieren, weiß Afriye Akua Boateng allerdings genau. Nicht nur, weil sie selbst drei Kinder hat: Alberteene, die älteste, ist sechs und geht zur Schule, der vierjährige Albert in den Kindergarten und der kleinste, Adelbert, ist zwei und spielt seit Oktober in der Krippe um die Ecke. Sie weiß es auch deshalb, weil sie vor Kurzem eine Ausbildung zur Stadtteilmutter gemacht hat. Ab Januar will sie anwenden, was sie gelernt hat und anderen Familien aus Ghana erklären, wie das läuft mit der Anmeldung im Kindergarten, den Untersuchungen beim Kinderarzt oder dem Antrag auf Elterngeld. Sie weiß auch, wo sich Mütter und Väter Hilfe holen können, deren Kinder sich schlecht ernähren, die diskriminiert werden oder Drogen nehmen.

2001, als sie mit ihrem Mann, einem Pastor, nach Deutschland kam, sprach sie noch kein Wort Deutsch. Peinlich fand sie das, sagt sie. Immer musste ihr jemand helfen. Seit sie den Integrationskurs bestanden hat, fühlt sie sich viel wohler hier. Als nächstes möchte sie sich um einen Ausbildungsplatz bewerben: vielleicht als Erzieherin, vielleicht auch beim Zollamt.

In der Debatte ums Betreuungsgeld ging es auch um Leute wie sie. Zu Hause sprechen die Boatengs Twi, ihre Sprache aus Ghana. Sie haben nicht viel Geld, leben zu fünft in zweieinhalb Zimmern in Hamburg-Altona an der Grenze zu St. Pauli , wo viele Migranten leben. Politiker, Arbeitgeber, auch viele CDU-Frauen befürchten, dass das Betreuungsgeld zum einen arme und ungebildete Menschen, zum anderen Migranten wie die Boatengs davon abhalten könnte, ihre Kinder in die Krippe zu schicken. Die würden dann von früher Bildung und vom Deutschlernen abgehalten werden. Sie fürchten auch, dass gut ausgebildete Frauen nicht arbeiten gehen, obwohl sie gebraucht werden.

Wäre das Betreuungsgeld also etwas für sie? Afriye Akua Boateng muss gar nicht darüber nachdenken. "Nein", sagt sie, "ich will, dass meine Kinder im Kindergarten Deutsch lernen." Es gefällt ihr auch gut, dass sie dort Musik machen und dass Adelbert gerade alle Farben lernt. Und außerdem: "Wenn ich immer nur zu Hause bin, ist mir das zu langweilig. Ich will auch etwas anderes tun. Danach freue ich mich wieder viel mehr auf meine Kinder."