Jahresrückblick 2012Frau Boateng interessiert das Betreuungsgeld nicht

März 2012: Der Streit ums Betreuungsgeld eskaliert. Kritiker sagen: Es hält Migranten davon ab, ihre Kinder in die Krippe zu schicken. Nachgefragt bei Afriye Akua Boateng von 

"Betreuungsgeld? Meinen Sie das Elterngeld?" Unter Betreuungsgeld kann sich Afriye Akua Boateng erst einmal gar nichts vorstellen. Sie weiß nicht, wie leidenschaftlich die Deutschen über die 100 Euro diskutiert haben , die Eltern ab August 2013 bekommen sollen, die ihre kleinen Kinder nicht in die Krippe schicken. Frau Boateng hat auch nicht verfolgt, dass im März 23 CDU-Abgeordnete gegen das Betreuungsgeld aufbegehrten , und dass es im November aller Widerstände zum Trotz beschossen wurde . In ihrem Wohnzimmer hängen große Familienfotos an den Wänden; auf dem großen Flachbildfernseher läuft CNN . Nachrichten schaut sie lieber auf Englisch, sagt die Ghanaerin, das fällt ihr leichter.

Afriye Akua Boateng
Afriye Akua Boateng

Afriye Akua Boateng ist 33 Jahre alt. 2001 wurde ihr Mann von der Freikirche, für die er als Pastor arbeitet, aus Ghana nach Deutschland geschickt – und sie ging mit. Ihre drei Kinder sind in Deutschland geboren.

Wie das deutsche Schulsystem, wie Krippen und Kindergärten funktionieren, weiß Afriye Akua Boateng allerdings genau. Nicht nur, weil sie selbst drei Kinder hat: Alberteene, die älteste, ist sechs und geht zur Schule, der vierjährige Albert in den Kindergarten und der kleinste, Adelbert, ist zwei und spielt seit Oktober in der Krippe um die Ecke. Sie weiß es auch deshalb, weil sie vor Kurzem eine Ausbildung zur Stadtteilmutter gemacht hat. Ab Januar will sie anwenden, was sie gelernt hat und anderen Familien aus Ghana erklären, wie das läuft mit der Anmeldung im Kindergarten, den Untersuchungen beim Kinderarzt oder dem Antrag auf Elterngeld. Sie weiß auch, wo sich Mütter und Väter Hilfe holen können, deren Kinder sich schlecht ernähren, die diskriminiert werden oder Drogen nehmen.

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2001, als sie mit ihrem Mann, einem Pastor, nach Deutschland kam, sprach sie noch kein Wort Deutsch. Peinlich fand sie das, sagt sie. Immer musste ihr jemand helfen. Seit sie den Integrationskurs bestanden hat, fühlt sie sich viel wohler hier. Als nächstes möchte sie sich um einen Ausbildungsplatz bewerben: vielleicht als Erzieherin, vielleicht auch beim Zollamt.

Jahresrückblick 2012

Zwölf Monate, zwölf Protagonisten: ZEIT ONLINE erzählt das Jahr 2012 aus der Sicht von Beobachtern und Menschen, die dabei waren, ohne im Scheinwerferlicht zu stehen. Jeden Tag veröffentlichen wir zwei neue Folgen.

Alle Geschichten im Überblick:

  • Januar: Spurensicherung im Wrack der Costa Concordia
  • Februar: "Wulff war unser täglich Brot"
  • März: Frau Boateng und das Betreuungsgeld
  • April: Der Gastherr von Anders Behring Breivik
  • Mai: Deutsch-griechische Entfremdung
  • Juni: Der Mann, der Balotelli fotografierte
  • Juli: Als das Netz auf die Straße ging
  • August: Curiosity und sein Alter Ego @SarcasticRover
  • September: Draghi packt die Bazooka aus
  • Oktober: Der nahe, ferne Syrien-Krieg
  • November: Als Sandy den Wahlkampf beendete
  • Dezember: Die Zukunft auf der Nase
Was im März noch geschah

Joachim Gauck wird zum Bundespräsidenten gewählt.

Griechenlands erster Schuldenschnitt: Private Gläubiger verzichten auf ihre Ansprüche, Athen reduziert Schuldenlast um rund 107 Milliarden Euro.

Wladimir Putin wird das dritte Mal zum Präsidenten Russlands gewählt.

Nach der Landtagswahl im Saarland geht Wahlsiegerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) eine große Koalition mit der SPD ein.

Der DFB wählt den bisherigen Generalsekretär Wolfgang Niersbach zum Nachfolger von Theo Zwanziger als Verbandspräsidenten.

In der Debatte ums Betreuungsgeld ging es auch um Leute wie sie. Zu Hause sprechen die Boatengs Twi, ihre Sprache aus Ghana. Sie haben nicht viel Geld, leben zu fünft in zweieinhalb Zimmern in Hamburg-Altona an der Grenze zu St. Pauli , wo viele Migranten leben. Politiker, Arbeitgeber, auch viele CDU-Frauen befürchten, dass das Betreuungsgeld zum einen arme und ungebildete Menschen, zum anderen Migranten wie die Boatengs davon abhalten könnte, ihre Kinder in die Krippe zu schicken. Die würden dann von früher Bildung und vom Deutschlernen abgehalten werden. Sie fürchten auch, dass gut ausgebildete Frauen nicht arbeiten gehen, obwohl sie gebraucht werden.

Wäre das Betreuungsgeld also etwas für sie? Afriye Akua Boateng muss gar nicht darüber nachdenken. "Nein", sagt sie, "ich will, dass meine Kinder im Kindergarten Deutsch lernen." Es gefällt ihr auch gut, dass sie dort Musik machen und dass Adelbert gerade alle Farben lernt. Und außerdem: "Wenn ich immer nur zu Hause bin, ist mir das zu langweilig. Ich will auch etwas anderes tun. Danach freue ich mich wieder viel mehr auf meine Kinder."

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  • Serie Jahresrückblick 2012
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte CNN | Musik | Arbeitgeber | Ausbildungsplatz | Betreuungsgeld | Droge
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