Familienglück : Gehen Sie in den Seuchenraum und stecken sich an!

Das Wartezimmer ist voll wie eine U-Bahn zur Rushhour. Mark Spörrle geht mit seiner Tochter zur Kinderärztin und versucht, sich nicht anzustecken.

Als ich mit Luise ins Taxi stieg, war mir schlecht. Dann bekam ich noch einen Niesanfall. Und schließlich musste ich die Scheibe herunterlassen, um Luft zu bekommen.

"Was haben Sie?", fragte der Taxifahrer beunruhigt.

"Nichts", keuchte ich, "aber meine Tochter hat Punkte im Hals und Fieber...."

"Sie fahren zur Kinderärztin?" Der Taxifahrer seufzte mitleidig. "Sie Armer!...."

Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Unsere Kinderärztin ist wunderbar. Sie kann etwas, sie kann gut mit Kindern, und sie verliert nicht die Nerven, wenn die Praxis überfüllt ist. Das ist wichtig, denn Kinderarztpraxen sind immer überfüllt und kranke Kinder sind Keimschleudern erster Güte. Ich war in der schrecklichen Lage, trotzdem diesen Ort aufsuchen zu müssen. Denn ich benötigte ein Attest, dass meine Tochter tatsächlich krank war. Nach unserer Rückkehr vom Kinderarzt würde sie es vermutlich erst recht sein. Und ich dazu.

Aber ich bin grenzenloser Optimist. Ein Mann, der kämpft. Ich hatte eine hohe Dosis Vitamin C und eine Ibuprofen genommen, mein Desinfektionsspray für Zugreisen einstecken und Einmalhandschuhe dabei. Die ich vorerst nicht brauchte; die Tür der Praxis ließ sich auch mit dem Fuß aufdrücken.

Kind mit Ausschlag, Mutter mit hoffnungslosem Blick

Der Lärm war höllisch. Eine Frau, offenbar eine Mutter, schleppte ein brüllendes Kind, offenbar ihres, durch den Flur in Richtung Toilette, einen Plastikbecher zwischen den Zähnen. Ein Kleinkind im Schlafanzug krabbelte hustend aus der Tür des Wartezimmers auf ein zweites Kleinkind zu, das streuselartigen Ausschlag um den Mund hatte. Vor uns stand eine Mutter mit hoffnungslosem Blick, Kinderwagen und Kleinstkind; all drei schnieften so sehr, dass die Frau es offenbar für sinnlos hielt, Taschentücher zu verwenden.

Ich zog Luise in schnellen Schlangenlinien zur Anmeldung. Die Sprechstundenhilfe, sie trug unfassbarerweise keinen Mundschutz, erledigte mit einer Kollegin routiniert den Abstrich. Dann, ich hatte es befürchtet, reichte sie mir einen Plastikbecher und bat um Testurin von Luise.

Den Weg zur Toilette versperrte das Kind mit dem Ausschlag, beide Arme ausgebreitet wie ein hungriger Minivampir. Ich nahm meine Tochter auf den Arm, täuschte die rechte Flurseite an, und als der Kleine kichernd in unsere Richtung steuerte, wich ich mit zwei, drei Sprüngen auf die andere aus, erreichte die Toilettentür und wollte sie mit dem Ellenbogen öffnen.

Sie war verschlossen. Von innen ertönte Gebrüll. Luise kicherte und zeigte auf den kleinen Streusel, der uns mit teuflischem Lächeln folgte.

Bisher hatte ich noch immer die leise Hoffnung, morgen doch arbeiten zu können und nicht mit Pocken-Hand-Mund-Fuß oder akuter Mundfäule daniederliegen zu müssen. Die schrumpfte nun rapide, da es den Eltern des kleinen Teufels anscheinend völlig wurscht war, ob ihr Sproß die wenigen verbliebenen Gesunden hier ansteckte – oder waren die Eltern nicht mehr in der Lage dazu?

Ich überlegte, ob es lächerlich wirken könnte, um Hilfe zu rufen – ja! – und ob es zu brutal wirken könnte, wenn ich versuchte, den Jungen mit ausgestrecktem Fuß auf Abstand zu halten.

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Kommentare

56 Kommentare Seite 1 von 8 Kommentieren

auch wenn es eigentlich

ein ernstes Thema ist, konnte mir das Lachen nicht verkneifen.

Jedoch die Frage die dahinter steckt mit der Ansteckungsgefahr in Wartezimmern ist sehr ernst.

Manche Ärzte verfügen über ein Management der Terminvorgabe das je nach Fachrichtung nicht so häufig durch Notfälle unterbrochen wird.

sgsdgwaegwae

"Manche Ärzte verfügen über ein Management der Terminvorgabe das je nach Fachrichtung nicht so häufig durch Notfälle unterbrochen wird."

bei einer infektionswelle kommt es vor, dass 80% der "termine" spontan stattfinden ;-)

der artikel spricht mir aus der seele, ein genuss sind diese besuche wirklich nicht. doch auch dies trainiert das immunsystem.

wobei unsere kinderärztin die wartenden patienten auseinanderzieht, in dem sie schon vor den behandliungszimmern platziert werden und säuglinge werden sowieso von der bazillenwolke ferngehalten.

Tja nu, Lebensrisiko

würde ich da mal sagen. Und ohne Training kann das Immungsystem nicht stark werden.
Obwohl natürlich auch hier vernünftiges Verhalten sehr viel mehr hilft, als nervöes Desinfizieren.
Denn ein schnell aufgespraytes, meist für die Haut entwickeltes Hygienespray sorgt nicht wirklich für Sicherheit, meist nur für den "medizinisches Geruch", der den Durchschnittspatienten in der Illusion von Hygiene wiegt.
In der weitaus überwiegenden Mehrzahl aller Fälle gilt sowieso, ruhig bleiben, die Ansteckungsgefahr ist weit weniger schlimm, als man annimmt.

Vielleicht hätten Sie sich besser einen Hund

...angeschafft?

Natürlich sind Kinder Bakterienschleudern, natürlich stecken sie sich gegenseitig an. Schlagen Sie vor, Erzieherinnen sollten in den Streik treten, wenn eines der Schutzbefohlenen anfängt, zu husten?

Die Liste geht noch weiter: Lehrer, Busfahrer, Bäckereiverkäufer, Hausmeister usw. usw...

Sicher kein Zufall, dass Mr. Monk Detektiv geworden ist!

Verstehen Sie

keine Satire, Selbstironie und keinen Humor oder warum eschofieren Sie sich dermaßen gegenüber dem Autor?
Ich fand diesen "Leidensbericht" äußerst amüsant.
Und er zeigt auch auf, wo noch dringender Aufholbedarf besteht (Kinderarztpraxen).

Und nebenbei: Nur wer sein kind liebt, geht auch damit zum Arzt (und setzt sich der "Seuchenstation" aus ;-D).Und nur wer sich selbst nicht zu ernst nimmt, schafft es, solche Selbstironie in den Artikel zu packen.
Ich fand den Artikel schön. Wir waren alle mal Kinder...unsere Eltern haben das also mitunter auch "durchgemacht". Bitte mehr davon!

Mfg

K-F

Kann nur den Kopf schütteln...

Also meine Mutter hat mich nicht wegen jeden "Rotz" zum Arzt geschleppt! Ich lag mit meiner siebenwöchigen Lungenentzündung auch nicht im Krankenhaus! Hab sogar die Medikamente verweigert! Danach hatte ich, nach Jahren, mal ne heftige Angina und meine Mandeln immer noch! Achja, ne Magen-Darm Krippe hatte ich als kleine Mädchen mal! Am nächsten Tag hab ich mich mit Negerküssen bzw. Mohrenköpfen.. wie heisst noch mal das politisch korrekte Wort?.. vollgestopft! Ich kann mich nicht mal mehr erinnern wann ich das letzte Mal was hatte, außer den früher gängigen Kinderkrankheiten! Meine Güte, die Kinder von heute werden so dermaßen verhätschelt! Kein Wunder das die immer krank sind!

Wie Hr. Spörrle schon geschrieben hat,

muss das Kind zum Arzt, damit die Eltern eine Krankschreibung beim AG vorlegen können.
Die Eltern würden nicht wegen jedem "Rotz" zum Arzt gehen, wenn der AG ihnen vertrauen würde, wenn sie sagen, dass das Kind krank ist.

Komischerweise wurden Sie auch krank und das, obwohl sie nicht "verhätschelt" wurden. Wie erklären Sie sich das?

Überlegen Sie mal, wie lange sie die Lungenentzündung gehabt hätten, wenn Sie die Medikamente eingenommen hätten...

Zwangsuntersuchung

Schön ist auch, wenn Sie mit einem gesunden Kind zu einer dieser Zwangsuntersuchungen, auch Kindervorsorgeuntersuchungen genannt, müssen. An 365 Tagen im Jahr, mehrere Jahre lang dürfen Eltern den Gesundheitszustand ihres Kindes selbst beurteilen und kriegen dies in der Regel ja auch wunderbar hin, aber an 9 festgelegten Terminen muss der Arzt das tun!

Wenn das Kind dann Tage nach dem Arztbesuch krank ist, dann ist klar wieso - der Seuchenraum.

Aber Sie tragen nicht wirklich Einmalhandschuhe - oder?

Kindervorsorgeuntersuchung...

..halte ich persönlich bei jedem Kind für sinnvoll, denn nicht alle Kinder wachsen in einem kuschelweich behüteten Elternhaus wie beim Kommentator "Dischbutthannes" auf. In einigen Bundesländern sind Gesetze in Kraft getreten, die durch Datenübermittlungen der Meldebehörden und der Kinder- und Jugendärzte die Teilnahme an den Vorsorgeuntersuchungen sicherstellen sollen. Diese Untersuchungen dienen nicht nur der Gesundheit der Neugeborenen und Kinder, sondern auch ... und weiteres kommentieren erspare ich mir jetzt, weil dann könnte ich auch das traurige Märchen vom "Mädchen mit den Schwefelhölzchen" erzählen.
Es kann jedenfalls durch die Untersuchungen viel Elend verhindert werden - auch wenn's heißt alle paar Jahre ins "Seuchenkammerl".