FamilieWenn die kleine Schwester behindert ist

Geschwister von Kindern mit einer Behinderung oder schweren Krankheit übernehmen oft früh Verantwortung. Damit das nicht zum Problem wird, gibt es besondere Angebote für sie. von 

Während ihre vier Geschwister um sie herumtoben, sitzt Paula seelenruhig am Tisch. Als sie zweieinhalb war, wurde ihre Schwester Fritzi mit Down-Syndrom geboren. Am Anfang war Fritzi sehr krank und musste lange in der Klinik bleiben. Aus dieser Zeit gibt es ein Bild von den beiden. Fritzi schläft friedlich an Paula gekuschelt. "Paula hatte schon früh eine soziale Ader", sagt ihre Mutter lächelnd. Die kleine Schwester ist inzwischen ein munteres Mädchen mit Brille und buntem Kopftuch.

In mehr als 150.000 Familien in Deutschland lebt ein Kind mit einer Behinderung oder einer chronischen Erkrankung. Viele von ihnen haben gesunde Geschwister, so wie Fritzi Paula hat.

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"Geschwister von behinderten Kindern zeigen für ihr Alter oft viel Verantwortungsbewusstsein und eine hohe Sozialkompetenz. Sie nehmen sich im Alltag zurück und stellen ihre Ansprüche hinten an. Nicht wenige sehen ihre Rolle sogar als Ersatz-Elternteil, und übernehmen eine Verantwortung, die ein Kind natürlich nicht dauerhaft tragen kann", erklärt Jana Hofmann vom Geschwisterkinder-Projekt der Evangelischen Alsterdorf Stiftung in Hamburg. Auch Paulas Mutter hat das beobachtet. "Paula ist super sozial und manchmal übernimmt sie fast zu viele Aufgaben für uns, ganz freiwillig. In diesen Momenten müssen wir sie bremsen, immerhin ist sie das Kind und wir sind die Eltern."

In der zweiten Reihe zu stehen

Auf den ersten Blick mag es positiv wirken, wenn ein Kind die eigenen Bedürfnisse für ein reibungsloseres Familienleben zurückstellen kann. Allerdings kann es für die gesunden Geschwister manchmal zur Belastung werden. Denn die große Verantwortung geht oft einher mit dem Gefühl, in der zweiten Reihe zu stehen. Bei manchen Kindern kann das zu Verhaltensauffälligkeiten wie ADHS oder psychischen Erkrankungen wie Depressionen führen. Auch schulische Leistungen leiden manchmal darunter, denn schlechte Noten können zu einem Mittel werden, die Aufmerksamkeit der Eltern zu bekommen.

Volker Rinne vom Geschwisterkinder-Netzwerk warnt jedoch vor einer Stigmatisierung: "Ohne Frage entstehen außergewöhnliche und familiär sehr unterschiedliche Belastungen. Trotzdem sind die meisten Geschwisterkinder gesund, und wir möchten helfen, dass sie das auch bleiben." Am besten gelinge das, wenn die Familien stark gemacht werden. Rinne geht von knapp zehn Prozent Geschwisterkindern mit therapeutischen Bedarf aus.

Leserkommentare
  1. Wie wäre es einmal mit einer Betreuungsperson von aussen die in der Familie Verantwortung übernimmt für das behinderte Kind.

    Dann würden Geschwisterkinder sehen, dass sie nicht Verantwortung übernehmen muessen, weil es andere in der Gesellschaft tun.

    So wäre dann das Problem weitgehend gelöst. Ganz einfach.

    • persuxa
    • 04. Dezember 2012 18:39 Uhr

    nicht tagaus, tagein die reine Wonne.!
    Die Lebenssituation von Geschwistern behinderter Kinder unterscheidet sich vielfach vom Alltag anderer Kinder und ihrer Familien. Das heißt gewiss nicht, dass eine Familie mit einem behinderten Kind nicht auch eine ganz "normale" Familie ist. Es wäre jedoch falsch, die Probleme zu übersehen, die sich durch die Behinderung ergeben.

    In jeder Familie mit Kindern, auch ohne ein behindertes Kind, können diverse Probleme auftreten. Ein behindertes Kind bedarf notgedrungen mehr Aufmerksamkeit und Pflege seitens der Eltern, wodurch manchmal die Geschwister mehr gefordert sind als ihre gleichaltrigen Freunde. Es ist dann nicht ganz leicht für sie, akzeptieren zu müssen, dass ein behindertes Kind, auch wenn es schon älter ist, mehr Zuwendung von den Eltern erhält. So ist es zweckmäßig, die Geschwister schon frühzeitig darüber aufzuklären, dass und warum der behinderte Bruder/Schwester mehr Zeitaufwand erfordert.

  2. Liebe/r Schneekristalle,

    eine grundsätzlich gute Idee. Leider wird das nicht viel bringen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es nicht viel ändert. Einerseits ist es für Menschen, grade für Kinder, schwer, Verantwortung für nahestehende Mitglieder ihres Alltags "abzugeben". Man WILL helfen, sich einbringen. Andererseits ist die Problematik gar nicht so sehr der Faktor Verantwortung bzw. wie viel Verantwortung ein Kind tragen muss/sich selbst auferlegt. Zitat aus dem Artikel: "Denn die große Verantwortung geht oft einher mit dem Gefühl, in der zweiten Reihe zu stehen." Oftmals rührt das Verantwortungsbewusstsein aus dem Gefühl, in der zweiten Reihe zu stehen, her. Man bringt sich ein, um auch ein Teil des Familienalltags zu sein. Um beachtet zu werden.

    Insofern ist wohl eine weitaus helfendere Lösung die Betreuung und Beratung der Eltern.

  3. auch ist es so dass normale Kinder Verantwortung übernehmen aus was für Gründen auch immer für normale Geschwister und dann schön gelernt haben in der 2. Reihe zu stehen.

    Aber bei behinderten Kindern geht es doch um 1. praktische Hilfe 2. Aufmerksamkeit 3. Spielkameraden

    da fällt soviel an, dass eine Person von aussen, die für das behindere Kind eintritt für die gesamte Familiensituatin entlastend wirken kann.

    Sollte man vielleicht mal in einer grösseren Studie untersuchen, wie sich ein solches Modell auswirkt.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Es geht aber genau NICHT um behinderte Kinder. Es geht um deren Geschwister. Und für die dürfte es eher belastend sein, eine dauernd wechselnde Person im Familienleben zu haben. Denn ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass ein und dieselbe Person das behinderte Kind noch nach 5, nach 10 oder gar nach 15 Jahren betreut. Zu dem muss die Person auch erstmal in die Familie passen. Und gefunden werden, am besten direkt zur Geburt.

    Familie heißt eben zusammen leiden, lieben und leben. Es geht nicht so sehr darum, die Geschwister zu "entlasten" sondern viel mehr darum, sie bei ihrer "Last" zu unterstützen. Da sind die genannten Organisationen/Institutionen genau richtig. Nur fehlt es seitens der Eltern häufig an dem Bewusstsein für die Problematik. Kein Wunder in den meisten Fällen bleibt schlichtweg keine Zeit dafür. Daher muss das Ganze noch einen Schritt weiter vorne ansetzen, die Eltern sollten z.B. vom Arzt auf das Thema hingewiesen werden.

  4. 6. hmmm..

    Es geht aber genau NICHT um behinderte Kinder. Es geht um deren Geschwister. Und für die dürfte es eher belastend sein, eine dauernd wechselnde Person im Familienleben zu haben. Denn ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass ein und dieselbe Person das behinderte Kind noch nach 5, nach 10 oder gar nach 15 Jahren betreut. Zu dem muss die Person auch erstmal in die Familie passen. Und gefunden werden, am besten direkt zur Geburt.

    Familie heißt eben zusammen leiden, lieben und leben. Es geht nicht so sehr darum, die Geschwister zu "entlasten" sondern viel mehr darum, sie bei ihrer "Last" zu unterstützen. Da sind die genannten Organisationen/Institutionen genau richtig. Nur fehlt es seitens der Eltern häufig an dem Bewusstsein für die Problematik. Kein Wunder in den meisten Fällen bleibt schlichtweg keine Zeit dafür. Daher muss das Ganze noch einen Schritt weiter vorne ansetzen, die Eltern sollten z.B. vom Arzt auf das Thema hingewiesen werden.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Mag ja alles sein, "
  5. Gespräche sind immer eine gute Maßnahme. Kann nicht falsch sein und kann oft helfen.

    Vor allem,wenn man mit gleichgesinnten oder gleichbetroffenen sprechen kann.

    Die Eltern tragen schon sehr viel Verantwortung und in den meisten Fällen machen sie sich wohl so ihre Sorgen um ALLE ihre Kinder.

    Kleinfamilie -Großfamilie. Es ist noch gar nicht so lange her, dass es in Großfamilien üblich war Gäste längere Zeit zu Besuch zu haben und mit Fremden unter einem Dach zu wohnen.

    Nicht jeder muss das wollen oder können! Jedoch kann eine Person von aussen zum Beispiel einen gemeinsamen Urlaub ermöglichen und vor allem die Eltern so weit entlasten, daß sie ihre nicht-behinderten Kinder erst gar nicht das Gefühl entwickeln sie würden an 2. Stelle stehen.

    Man sollte mal darüber nachdenken, Gesprächskreise sind gut, jedoch eine sehr kurzfristige und im Grunde "billige" Maßnahme.

  6. Der Artikel kommt mir irgendwie bekqannt vor.
    den gab es doch schon mal vor ein paar Monaten.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Down-Syndrom | Eltern | Familie | Gesundheitssystem | Kopftuch | Prävention
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