Leserartikel

AltenpflegeDamit es wertvollen Menschen gut geht

Große Verantwortung, schlechte Bezahlung und eine ältere Dame, die besonderes Einfühlungsvermögen braucht: Leser Markus Thulin erzählt vom Alltag als Altenpfleger. von Markus Thulin

Ich mag es, Menschen zu pflegen. Sie sollen es gut bei mir haben. Eigentlich bin ich Krankenpfleger, aber seit zwölf Monaten verdiene ich meinen Lebensunterhalt mit der Pflege älterer Menschen .

Das Kölner Altenheim, in dem ich arbeite, heißt offiziell Seniorenzentrum. Doch der Begriff Altenheim trifft es besser. Es wurde innerhalb eines Jahres  aus dem Boden gestampft, für 80 Bewohnerinnen und Bewohner.

Anzeige

Während meiner Arbeitszeit bin ich für einige dieser Menschen verantwortlich. Von meinem Gesundheitszustand, meinem Organisationstalent, meinem Wissen und meiner Motivation hängt es ab, ob es den 25 Damen und Herren während der acht Stunden, die wir zusammen verbringen, gut geht. Zehn von ihnen würden ohne mich ihr Zimmer nicht verlassen, sie könnten nicht essen und nicht auf die Toilette gehen. Einige wüssten nicht einmal, dass sie Hilfe bräuchten.

Warum Leserartikel?

Text- und Bildbeiträge unserer Leser bereichern unsere Inhalte um zusätzliche Sichtweisen, Erfahrungsberichte und Meinungen. Sie sind von Menschen, die wissen, wovon sie sprechen, weil sie es selbst erlebt haben oder unmittelbar betroffen sind. Oder weil sie sich in einem bestimmten Thema sehr gut auskennen. Erzählen Sie unseren Lesern die Geschichten, die wir nicht erzählen können. Und zeigen Sie ihnen die Fotos und Videos, die sie sehen sollten. Zur Artikeleingabe

Leserartikel schreiben

Grundsätzlich ist jedes Thema für einen Leserartikel geeignet, solange Sie aus Ihrer eigenen Erfahrung und einem persönlichen Blickwinkel darüber berichten und keine Rechte Dritter verletzen. In unseren Leserartikel-FAQ finden Sie Hinweise für das Verfassen Ihres Artikels für ZEIT ONLINE. Bitte senden Sie uns Ihren Artikel bzw. Links zu Fotos und Videos über unser Leserartikel-Formular.

Der ZEIT-ONLINE-Wald

© BeneA / photocase.com

Als Dankeschön schenken wir Ihnen für jeden veröffentlichten Leserartikel einen Baum. Seit 2011 haben wir in Zusammenarbeit mit iplantatree.org knapp 1500 Bäume gepflanzt und geben diese nach und nach an unsere Leserartikelautoren ab. So wächst in Berlin Friedrichshagen ein ZEIT ONLINE-Wald heran, genährt von unseren schreibenden Lesern. Aktuell rangiert das "Team ZEIT ONLINE" auf Platz 19 der aktivsten Baumpflanzer des Projektes. Dafür danken wir Ihnen.

Manchmal hilft nur Zärtlichkeit

Eine Dame ist mir ans Herz gewachsen. Bei ihr besteht immer die Gefahr, sie zu verunsichern oder zu ängstigen. Das geschieht immer dann, wenn man zu schnell mit ihr redet, oder wenn man sie nicht bei allen Dingen begleitet und regelmäßig nach ihr sieht. Sie braucht Zuneigung. Nicht alle brauchen das in diesem Maße. Andere Damen und Herren wollen nicht, dass man sich länger als fünf Minuten in ihrem Zimmer aufhält. Sie wollen Standard-Smalltalk während des Eincremens und des Anziehens, mehr nicht.

Aber die Dame, von der ich spreche, braucht besondere Zuneigung. Sonst verliert sie physisch und psychisch das Gleichgewicht. Nur Zärtlichkeit kann ihr helfen, nicht ängstlich auf ihrem Bett zu sitzen und zu versuchen, ihre Sachen einzupacken. Zuwendung kann ihr helfen, sich zu den anderen Damen an den Tisch zu setzen. Dann ist Hilfe beim Essen gut, auch wenn sie es eigentlich alleine könnte; aber es ist wichtig, sich mit ihr zu unterhalten und ihr die Hand zu halten.

Wir brauchen Hilfe

Leider ist die Pflege älterer, kranker und schwacher Mitglieder unserer Gesellschaft akut bedroht. Nur wenige Menschen wollen diesen Beruf ausüben . Das liegt nicht nur daran, dass man sich auch um die Ausscheidungen älterer Menschen kümmern muss. Der Job wird sehr schlecht bezahlt: 2.300 Euro brutto im Monat.

Es gibt also zu wenig Personal; und die wenigen Altenpfleger, Pflegeassistenten und Krankenpfleger, die sich Tag und Nacht um diese wertvollen Menschen kümmern, arbeiten am Rande der körperlichen Belastbarkeit.

Auch bei mir wird diese Grenze oft überschritten. Nach einem Frühdienst habe ich Rückenschmerzen, manchmal fehlt einfach die Kraft. Man kann  zu zweit nicht 25 Bewohner gut versorgen. Wir brauchen dringend Hilfe.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. Es freut mich, dass mir (und uns) so viele Menschen ihre Meinung zu diesem Thema mitgeteilt haben.
    Die Zahl der Leistungsbezieher in der sozialen Pflegeversicherung wird bis zum Jahr 2030 im Verhältnis zum Vergleichsjahr 2011 um knapp 40 Prozent auf 3,2 Millionen steigen. Schon jetzt können von 100 als offen gemeldete Stellen nur 37 mit Altenpflegefachkräften besetzt werden (aktuelle Zahlen der Bundesagentur für Arbeit).
    Unsere Gesellschaft braucht einen Bewusstseinswandel. Und dabei geht es nicht nur um höhere Gehälter für die Pfelgenden. Die älteren Mitmenschen brauchen uns und wir brauchen sie. Wir verschenken nicht nur wertvolles Potential, wir verstoßen auch gegen Menschenrechte, wenn wir unsere Grosseltern, Eltern oder Geschwister in das Elend abschieben.

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Mit den alten Menschen zusammenleben, sie begleiten und von ihnen begleitet werden, von ihren Erfahrungen lernen und sie in das Leben integrieren...

    Ja. Ich würde sogar behaupten, dass es gerade für kleine Kinder schön sein kann, mit alten Menschen Zeit zu verbringen - und umgekehrt.

    LB

  2. Es soll Menschen geben, die im Alter und im Sterben - was ohnehin ein Prozess ist, der uns bereits im Leben begleitet - zerbrechliche und schwache Wesen sind. Ja. Habe ich mal gehört. Und gesehen. Diesen alten und sensiblen Menschen wünsche ich ehrlich gesagt Frieden, Zuneigung und Zärtlichkeit und niemanden, der da mit Gewalt etwas herauskitzelt.

    Mit respektvollem Gruß,
    LB

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Lieber Herr Thulin,"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... schlage ich einen katholischen Priester vor. Ich glaube, der hat, was Sie suchen.

  3. Mit den alten Menschen zusammenleben, sie begleiten und von ihnen begleitet werden, von ihren Erfahrungen lernen und sie in das Leben integrieren...

    Ja. Ich würde sogar behaupten, dass es gerade für kleine Kinder schön sein kann, mit alten Menschen Zeit zu verbringen - und umgekehrt.

    LB

  4. ... schlage ich einen katholischen Priester vor. Ich glaube, der hat, was Sie suchen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Der katholische Priester kann allerdings nicht die gesamte Pflege übernehmen.

    Wie wäre es mit einer Diversifikation des Pflegeberufs?

    Diese Frage meine ich durchweg erst. Ich denke schon seit längerem darüber nach, ob Pflege in verschiedene Qualifikationen verstärken kann. Zum Beispiel mit den Ausbildungsschwerpunkten a) körperliche Pflegetätigkeiten (z.B. Waschen) b) medizinisch (z.B. disponierte Patienten) c) rein fürsorglich (z.B. Füttern oder Streicheln) und d) intellektuell (für die wachgebliebenen ein Ansprechpartner)

    ...eine Pflege, in der diese Belange abgedeckt sind - und zwar so, dass genug Personal dafür da ist, und dass das Personal gut dafür entlohnt wird - das würde ich mir wünschen.

  5. Wenn der Pflegeberuf nicht aus Interesse an den Aufgaben gewählt wird, sondern als letzter Anker der Berufsausbildung und dann oft unter wenig guten Bedingungen in den Pflegeheimen aufgrund von mangelhafter Anleitung aus Zeitgründen überlasteten examinierten AnleiterInnen, muß sich niemand wundern, wenn z. B. von 24 Auszubildenden einer Schulklasse nur 13 Auszubildende ihre Prüfung bestehen!

    Vorrangig börsennotierte Heime, die Arbeitsverträge ohne Anbindung an Vertragspartner nutzen, um rein privatrechtliche, befristete Arbeitsverträge unter Tariflohn und eigenwilligen/eigennützigen Bedingungen abschließen, sollten von rechtswegen ein dementsprechendes Gütesigel erhalten. Die Pflegesätze sollten einen menschenwürdigen Arbeitsbetrieb im Sinne der alten Menschen und der sie Betreuenden gewährleisten! Dementsprechend hoch sind die von den Sozialhilfeträgern anerkannten Pflegesätze.

    Wer befristet examinierte Fachkräfte einstellt und sonst Aufstocker u.Teilzeitbeschäftigte ist ausweislich in erster Linie am Profit orientiert. In solchen Häusern sollten Arbeitsbedingungen u. -verträge von den Zulassungsbehörden geprüft werden. Soviel Staat muss sein.

    Sozialeinrichtungen und Lebensmittel sind keine börsengeeigneten Güter!

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "kaum zu retten"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Meinen Sie ernsthaft, in kirchlich geführten Heimen ist irgendwas anders?

    Deren Übertretungen sind nur von höchster Stelle "abgesegnet".

  6. Der katholische Priester kann allerdings nicht die gesamte Pflege übernehmen.

    Wie wäre es mit einer Diversifikation des Pflegeberufs?

    Diese Frage meine ich durchweg erst. Ich denke schon seit längerem darüber nach, ob Pflege in verschiedene Qualifikationen verstärken kann. Zum Beispiel mit den Ausbildungsschwerpunkten a) körperliche Pflegetätigkeiten (z.B. Waschen) b) medizinisch (z.B. disponierte Patienten) c) rein fürsorglich (z.B. Füttern oder Streicheln) und d) intellektuell (für die wachgebliebenen ein Ansprechpartner)

    ...eine Pflege, in der diese Belange abgedeckt sind - und zwar so, dass genug Personal dafür da ist, und dass das Personal gut dafür entlohnt wird - das würde ich mir wünschen.

    Antwort auf "in Ihrem Fall..."
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Sie steuern bei zur Formalisierung einer Sache, die überwiegend von kaum greifbaren charakterlichen, persönlichen Fähigkeiten abhängt. Die fatale Folge solcher Ideen ist - und die Wirtschaft hat es eigentlich schon oft gezeigt -, dass eine ahnungslose Theorie wie ein Elefant im Porzellanladen großen Schaden in der Praxis anrichtet. Es zeigt sich ja schon, dass Sie mir Gewalt vorwarfen oder fehlende Anteilnahme und dergleichen. Einen solchen Kopf wöllte ich mir nicht vorgesetzt wissen, das kann ich Ihnen sagen...

  7. Sie steuern bei zur Formalisierung einer Sache, die überwiegend von kaum greifbaren charakterlichen, persönlichen Fähigkeiten abhängt. Die fatale Folge solcher Ideen ist - und die Wirtschaft hat es eigentlich schon oft gezeigt -, dass eine ahnungslose Theorie wie ein Elefant im Porzellanladen großen Schaden in der Praxis anrichtet. Es zeigt sich ja schon, dass Sie mir Gewalt vorwarfen oder fehlende Anteilnahme und dergleichen. Einen solchen Kopf wöllte ich mir nicht vorgesetzt wissen, das kann ich Ihnen sagen...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Gewaltsam herauskitzeln" wollte ich Ihnen nicht unterstellen! Ich sehe aber, dass das als Unfreundlichkeit gelesen werden kann und bitte dafür um Entschuldigung.

    Mir liegt das Thema sehr am Herzen, denn ich habe dabei Erfahrungen im Kopf, die zu #20 und #21 passen. Konkret solche, die zu aurorix' Schilderung passen: vom Gefühl "Mittäter in einem unmenschlichen Lagersystem zu sein, dass nur darauf bedacht ist, Tatbestände wie unterlassene Hilfeleistung, Freiheitsberaubung und fahrlässige Körperverletzung zu verdunkeln."

    Eine Diversifikation sollte nicht zur Formalisierung beitragen! Lediglich den Weg bereiten, dass mehr Menschen diesen Beruf ausüben können und wollen. Wenn zum Beispiel jemand nicht genug körperliche Kraft hat um einen alten Menschen zu heben, so kann er sich dennoch in anderen Bereichen einbringen, zum Beispiel auf der "weichen" Ebene, und bei allen Tätigkeiten, wo man nicht viel körperliche Kraft braucht. Jemand anderes hat wiederum vielleicht keine Lust, einem alten Menschen etwas vorzulesen, wäre aber durchaus dazu bereit und in der Lage, den alten Menschen im Bett umzudrehen.

    Könnte das nicht dazu beitragen der Allgemeinheit deutlich zu machen, wie viel Wissen und Können ein Altenpfleger hat? (Das sollte sich auch in der Bezahlung niederschlagen.) Denn diese Arbeit ist von höchstem Wert und benötigt dementsprechendes Ansehen! Mehr Menschen für diesen Beruf zu begeistern? Das ist einfach das Motiv für die Idee.

    Was wäre Ihre Idee?

  8. Aurorix und E.Moritz,
    was könnte man Ihrer Meinung nach tun um die Situation zu verbessern?

    "Wissen vom Altwerden" -> Brauchen wir als Gesellschaft generell mehr Bildung in diesem Bereich?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Seit Jahren wird diese Frage beackert und Antworten darauf gesucht. Fusseck ist ein großer Kämpfer. Doch im Großen können die Ideale nicht einfließen. Es mangelt schlicht an Geld und auch an der Anerkennung des Pflegeberufs.
    Seit Einführung von Standards, von MDK-Benotungen und anderen Reformen wird wenigstens die Altenpflege intellektuell besser reflektiert. PflegerInnen wissen heute genauer, was sie eigentlich tun bei der Pflege. All die menschliche Zuwendung, all die Beobachtungen und Beratungen von Angehörigen, die Begleitung des Sterbenden, das Aufarbeiten der Vergangenheiten (von Kriegserlebnissen bei Männern bis schlimmsten Traumata wie Vergewaltigungen und Beraubung von Autonomie durch Fremdbestimmung in Ehe bei Frauen u.a.) reflektieren + dokumentieren Pflegekräfte heute besser als noch vor 10 Jahren.

    Noch heute herrscht dieser Gedanke von "trocken-sauber-satt" - einer Vorstellung, die seinerzeit mal ein Gesundheitsminister namens Blüm in die Welt setzte, total naiv und realitätsignorierend! - in Politik/bei Kassen vor, wenngleich immerhin Frau Schmidt zu ihrer Amtszeit erkannte, dass Leistungen Dementen gegenüber wie Zuwendung und besondere Kommunikationen auch zu bezahlende Leistungen seien. Aber noch sträuben sich die Kassen, solche Leistungen anzuerkennen, weil sie eben nicht mit irgendwelchen Zeitschemata objektivierbar sind.
    Der Pflegeberuf muss gesellschaftlich als eine hochwertige Tätigkeit und Profession endlich anerkannt werden!

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle Leserartikel
  • Schlagworte Arbeitszeit | Essen | Euro | Herz | Personal | Pflege
Service