Familienglück"Weihnachtsmann light – ganz easy!"

Als Weihnachtsmann im Osterhasenkostüm, der Sack mit den Geschenken verschwunden, ein Sturz im Treppenhaus: Mark Spörrle verpatzt den wichtigsten Auftritt des Jahres. von 

Weihnachtsmann in Hamburg

Weihnachtsmann in Hamburg  |  © Christian Charisius/ dpa

Ich hatte mir geschworen: Diesmal würde ich bei den Nachbarn nicht den Weihnachtsmann machen. Diesmal nicht. Aber meine Liebste trickste mich aus. "Ich habe mit Susanne und Jens schon alles ausgemacht", sagte sie mit leuchtenden Augen. "Susanne spielt für unsere Luise das Christkind. Und du bei Valentin wieder den Weihnachtsmann. Toll, was?"

"Hm", sagte ich. "Ach komm! Susanne kommt zu uns ins Wohnzimmer, ruft 'Hui-Hui-Hui', spielt auf ihrer Harfe, verstreut Glitzerstaub und muss wieder weg sein, bevor wir erstaunt aus Luises Zimmer kommen. Du musst einfach nur nebenan den Sack vor die Wohnungstür stellen, klopfen, rufen und wieder gehen. Ohne Verkleidung. Ohne Harfe. Weihnachtsmann light – ganz easy!"

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Easy war relativ. Valentin war sieben Jahre alt und ein äußerst skeptischer Junge. Im vergangenen Jahr hatte er die Tür aufgerissen, kaum war ich fertig mit Klopfen und Klingeln. Ich war hastig zurück in unsere Wohnung gestürzt und hatte den Atem angehalten, bis es schellte. Es war Valentin, der stirnrunzelnd fragte, ob ich den Weihnachtsmann gesehen habe, er müsse bei uns in der Wohnung sein.

"Das war letztes Jahr", sagte ich. "Jetzt ist der Junge acht und noch viel misstrauischer. Überhaupt: glaubt er wirklich noch an den Weihnachtsmann? Oder sind es nur die Eltern?" "Du schaffst das!", sagte die Liebste mit eisernem Lächeln. "Und komm bloß nicht auf die Idee, ihn vorher aufzuklären. Denk an deine Tochter und ihr Christkind!"

Ich beschloss, mir zumindest ein Kostüm zuzulegen, falls Valentin die Tür wieder zu früh aufriss, idealerweise ein Weihnachtsmannkostüm. "Da hätten Sie im vorletzten Sommer kommen müssen", kicherte der Kostümverleiher eine Straße weiter. "Alles, was ich noch habe, sind eine Sexy Vroni und ein Zombie. Oder Sie nehmen das alte Osterhasenkostüm aus dem Schaufenster. Ich gebe Ihnen noch einen weißen Bart dazu. Einen Moment …" – er nahm das Telefon ab, redete kurz und legte wieder auf – "… der Zombie ist weg. Also: Sexy Vroni oder Osterhase?"

Ich bin eher groß und das Osterhasenkostüm war eher klein. Ich probierte es in unserem Bad an und rief die Liebste. Nachdem sie längere Zeit geschrien und gejapst hatte, unterbreitete ich ihr meinen Plan, nach dem Türakt bei den Nachbarn nicht zurück zu unserer Wohnung, sondern zum bereits wartenden Fahrstuhl zu laufen, nach unten zu fahren, mich im Wäschekeller des Kostüms zu entledigen und Minuten später mit unschuldigem Blick wieder nach oben zu kommen.

"Gut", sagte die Liebste. "Dein Einsatz ist um Punkt fünf. Die Geschenke stehen eine halbe Treppe tiefer. Und beeil' dich. Denn zu uns kommt das Christkind um Viertel nach fünf."

Am Heiligen Abend erhob ich mich um zwanzig vor fünf vom Kaffeetisch, zwinkerte der Liebsten zu, ging ins Gästebad, legte das Hasenkostüm an und schlüpfte aus der Wohnungstür. Als Erstes rief ich den Fahrstuhl. Als Zweites lauschte ich an der Tür der Nachbarn: Valentin spielte mit den Großeltern Raumschiffkrieg. Als Drittes schlich ich eine halbe Treppe tiefer. Dort stand der Jutesack mit den Geschenken.

Ich hatte noch eine Viertelstunde Zeit. Die nutzte ich, um im Wäschekeller meine Vor-der-Tür-Ansprache für Valentin zu üben. Um drei Minuten vor fünf stand ich wieder auf der Treppe. Dort, wo die Geschenke vorhin noch gewesen waren. Jetzt waren sie weg.

Leserkommentare
  1. dem Arzt recht. Ist das alles tatsächlich so passiert? Kaum zu glauben, aber - eine nette Geschichte.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Hagmar
    • 26. Dezember 2012 21:21 Uhr

    dürfen Sie Herrn Spörrle gar nichts glauben, ausser dass sich fast immer alles fast so zugetragen hat....

    • clair11
    • 26. Dezember 2012 12:27 Uhr

    Lieber Herr Spörrle,

    Ja ja, die Kinder werden größer. Meine Freunde hatten mich dieses Jahr als "Ablenkerin" bestellt, damit die Kinder ihren Vätern nicht nachspionieren. Blöderweise waren bei einer Familie im Sack vom Weihnachtsmann auch Geschenke von Großeltern dabei, welche als solche gekennzeichnet waren...

    Ihnen und Ihrer Familie wünsche ich frohe Weihnachten und ein glückliches neues Jahr - und Silvester ohne Panne ;-)

    • Hagmar
    • 26. Dezember 2012 21:21 Uhr

    dürfen Sie Herrn Spörrle gar nichts glauben, ausser dass sich fast immer alles fast so zugetragen hat....

    Antwort auf "Ich gebe"
    • Slyphia
    • 27. Dezember 2012 0:44 Uhr

    immer wieder witzig und zum Schmunzeln...

  2. wunderbar geschrieben. :-)

    P.S.: Als was gehen Sie denn Ostern? (Jetzt, wo das Osterkostüm zerschniten ist ;-) ).

    Aber den weißen Bart haben Sie ja noch. Der ist zur Tarnung universell einsetzbar.

    • drusus
    • 27. Dezember 2012 20:20 Uhr

    ... oder der Martenstein käme.
    Ersatzweise "Der kleine Erziehungsberater" von Axel Hacke.

  3. Gibt's das tatsächlich, dass sich Leute als Nikolaus verkleiden und am Heiligabend Geschenke bringen? Blöde Idee.

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  • Schlagworte Christkind | Easy | Eltern | Ostern
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