Gemüse einkaufen macht noch Spaß. © Joern Pollex/Getty Images

"Das verstehe ich nicht", sagte die Oma kopfschüttelnd. Die Liebste hatte ihr soeben erzählt, dass unsere Luise kein Gemüse mochte. "Das verstehe ich nicht: Bei uns isst sie alles!"

"Alles?", fragte die Liebste entgeistert zurück.

"Alles!", sagte ihre Mutter.

Egal, mit welchen Wohllauten wir vor Luises genervten Augen Sauerkraut, Erbsen und Rosenkohl in uns hineinstopfen, egal, wie oft wir ihr sagten, dass man die Pflanzenstoffe benötigt, um groß und stark zu werden: Sie wollte nicht.

Zumindest nicht bei uns.

Aber Luise verbrachte ein paar Spätnachmittage und Frühabende pro Woche bei ihren Großeltern, die sie heiß und innig liebte. Und wie es schien verwandelte sie sich dabei in ein komplett anderes Mädchen. Das von alleine die Schuhe auszog, die Jacke ordentlich aufhängte, dem man nichts 35 mal sagen musste. Und das sogar Gemüse aß.

"Broccoli?", fragte die Liebste ihre Mutter.

"Natürlich!"

"Blumenkohl?"

"Aber klar!"

"Bohnen?"

"Besonders gerne!"

"Was machen wir nur falsch?", fragte die Liebste, als wir abends im Bett lagen. Wir überlegten und kamen schließlich zum Ergebnis: nichts. Wir kauften frisches, leckeres Gemüse. Wir schnitten es in appetitliche Stückchen. Wir bereiteten es butterweich zu und aßen vor Luises Augen raue Mengen davon. Selbst mit den Paprika, die gar nicht mein Fall sind, hatte ich eine Technik entwickelt, sie unauffällig in meinen Backen zu sammeln und später im Bad zu entsorgen.

Ich hatte auch schon psychologisch geschickt versucht, unsere Tochter im Gemüseladen einfach aussuchen zu lassen, was sie haben wollte. Ihr Interesse an dem großen, schillernd gelben Kürbis aber erlosch sofort, kaum hatten wir bezahlt. Gut, das wäre wahrscheinlich spätestens dann passiert, als ich mir beim Zerteilen daheim das Messer in den Finger hackte.

Doch auch bei weniger belastetem Gemüse halfen weder Bitten, noch Drohungen oder Horrorszenarien. Kein Stückchen gelangte über Luises versiegelte Lippen.

"Wie macht ihr das?", fragte die Liebste ihre Mutter. "Wie macht ihr das nur?"

"Ach Kind, ganz normal halt", sagte ihre Mutter.
"Wie genau?", insistierte die Liebste.

"Naja, wenn es mal wirklich nötig ist muss man sich ein bisschen was einfallen lassen. Aber das weißt du ja."

"Anscheinend nicht!", sagte meine Liebste. "Was lasst ihr euch denn einfallen?"

"Naja", sagte ihre Mutter. "Wir machen beim Essen ab und zu so kleine Spiele. Der Blumenkohl spaziert dann von alleine in Luises Mund. Und so weiter. Was man halt so macht."

"Habt ihr das früher mit mir auch gemacht?", fragte die Liebste.

"Nein, wir hatten dafür keine Zeit. Und du hast das auch so gegessen..."

Als es das nächste Mal Gemüse gab, versuchten wir also, die Bohnen fast von ganz alleine in Luises Mund spazieren zu lassen. Luise fand das lustig, bis die Bohnen im Mund waren. Dann spuckte sie sie aus und sagte, so etwas äße sie nicht, niemals, auch nicht bei Oma und Opa.

"Ach Kind, ich weiß auch nicht, warum das nicht hilft", sagte die Oma. "Bei uns isst sie..."

"Was macht ihr denn noch?", unterbrach die Liebste.

"Eigentlich nichts!"

"Bitte denk noch mal nach!"

 Opa jongliert mit Salatherzen

"Naja, aber das macht er nur selten: Wenn ihr Opa mit Salatherzen jongliert, findet sie das sehr lustig. Aber ob das was bringt...?"

Ich jonglierte erstaunlich erfolgreich mit den Tomaten, auf die die Liebste lustige bunte Gesichter gemalt hatte. Und Luise lachte sogar schallend. Aber obwohl zum Verzehr nur ein einziges Exemplar übrigblieb, das auch noch mit diversen Stimmen darum flehte, gegessen zu werden: Sie nahm kein einziges Stückchen in den Mund.

"Naja, ich weiß auch nicht mehr weiter", sagte die Schwiegermutter am Telefon. "Bei uns ist sie nie so schwierig. Wenn wir Yengamikodo spielen, legt sie sogar ganz freiwillig die Karotten zur Seite, die sie später essen will..."

"Ihr macht – was?", rief die Liebste.

Ihre Mutter erzählte ihr, dass sie "nur ab und zu, wenn wir viel Zeit haben", vor dem Essen ein Spiel machten, eine Mischung aus Yenga und Mikado. "Luise muss immer alles essen, was sie nicht schafft, herauszuziehen, bevor der Turm einstürzt. Und das macht sie dann auch. Aber ob das mit dem Spiel zusammenhängt – ich weiß nicht..."

Am nächsten Sonntag, als wir viel Zeit hatten, dachten wir uns ein witziges Spiel mit gefrorenem Broccoli aus, das so ähnlich ging wie "Fang den Hut".

Unsere Tochter war begeistert. Und ließ nachher alle Broccoli-Stücke liegen.

"Das verstehe ich nicht", sagte ihre Oma. "Bei uns isst sie alles!"

Die Liebste hatte fast schon Tränen in den Augen.

"Wir sollten aufhören, uns Sorgen zu machen", sagte ich. "Hauptsache, Luise isst Gemüse, ganz egal wo. Wenn sie das unbedingt bei deinen Eltern tun will, weil die Zeit haben, mit jeder Erbse Schach zu spielen – warum nicht?"

Die Liebste nickte langsam. "Wenn ich an die Verzehrempfehlungen für Gemüse denke, sollten wir sie vielleicht einmal mehr in der Woche bei meinen Eltern essen lassen."

Und so brachten wir Luise am nächsten Abend extra zum Essen zu Oma und Opa.

Auf dem Tisch standen Frikadellen, Kartoffeln und kleine dünne Fischstäbchen.

"Kein Gemüse?", fragte ich.
Meine Schwiegermutter lachte und zeigte auf die Fischstäbchen. "Das sind Bohnen. In Semmelbröselpanade und Butter. So liebt Luise sie!"

Die Liebste und ich sahen uns an.

"Und anderes Gemüse", erkundigte sich die Liebste vorsichtig, "paniert ihr auch?"

"Nur wenn das geht. Sonst nehmen wir Sahnesauce, Ketchup und Majo. Und etwas Zucker."

"Zucker?", fragte die Liebste fassungslos.

"Ach Kind, das fällt gar nicht ins Gewicht", lächelte ihre Mutter.

"Zum Nachtisch kriegt Luise doch sowieso immer ein Stück Schokolade für jedes Stück Gemüse!"