Familienglück"Bei uns isst sie alles!"

Luise isst kein Gemüse. Zu Hause. Oma und Opa haben die richtigen Tricks. Mark Spörrle versucht es, ihnen nachzumachen. von 

Gemüse einkaufen macht noch Spaß.

Gemüse einkaufen macht noch Spaß.  |  © Joern Pollex/Getty Images

"Das verstehe ich nicht", sagte die Oma kopfschüttelnd. Die Liebste hatte ihr soeben erzählt, dass unsere Luise kein Gemüse mochte. "Das verstehe ich nicht: Bei uns isst sie alles!"

"Alles?", fragte die Liebste entgeistert zurück.

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"Alles!", sagte ihre Mutter.

Egal, mit welchen Wohllauten wir vor Luises genervten Augen Sauerkraut, Erbsen und Rosenkohl in uns hineinstopfen, egal, wie oft wir ihr sagten, dass man die Pflanzenstoffe benötigt, um groß und stark zu werden: Sie wollte nicht.

Zumindest nicht bei uns.

Aber Luise verbrachte ein paar Spätnachmittage und Frühabende pro Woche bei ihren Großeltern, die sie heiß und innig liebte. Und wie es schien verwandelte sie sich dabei in ein komplett anderes Mädchen. Das von alleine die Schuhe auszog, die Jacke ordentlich aufhängte, dem man nichts 35 mal sagen musste. Und das sogar Gemüse aß.

"Broccoli?", fragte die Liebste ihre Mutter.

"Natürlich!"

"Blumenkohl?"

"Aber klar!"

"Bohnen?"

"Besonders gerne!"

Familienglück - die Kolumne

© Mark Spörrle

Mama und Papa gehen arbeiten, die Kleine in den Kindergarten. Das perfekte Familienglück ist nur eine Frage der Organisation, oder? Mark Spörrle schreibt in seiner Kolumne "Familienglück" über die Tücken des Alltags.

"Was machen wir nur falsch?", fragte die Liebste, als wir abends im Bett lagen. Wir überlegten und kamen schließlich zum Ergebnis: nichts. Wir kauften frisches, leckeres Gemüse. Wir schnitten es in appetitliche Stückchen. Wir bereiteten es butterweich zu und aßen vor Luises Augen raue Mengen davon. Selbst mit den Paprika, die gar nicht mein Fall sind, hatte ich eine Technik entwickelt, sie unauffällig in meinen Backen zu sammeln und später im Bad zu entsorgen.

Ich hatte auch schon psychologisch geschickt versucht, unsere Tochter im Gemüseladen einfach aussuchen zu lassen, was sie haben wollte. Ihr Interesse an dem großen, schillernd gelben Kürbis aber erlosch sofort, kaum hatten wir bezahlt. Gut, das wäre wahrscheinlich spätestens dann passiert, als ich mir beim Zerteilen daheim das Messer in den Finger hackte.

Doch auch bei weniger belastetem Gemüse halfen weder Bitten, noch Drohungen oder Horrorszenarien. Kein Stückchen gelangte über Luises versiegelte Lippen.

"Wie macht ihr das?", fragte die Liebste ihre Mutter. "Wie macht ihr das nur?"

"Ach Kind, ganz normal halt", sagte ihre Mutter.
"Wie genau?", insistierte die Liebste.

"Naja, wenn es mal wirklich nötig ist muss man sich ein bisschen was einfallen lassen. Aber das weißt du ja."

"Anscheinend nicht!", sagte meine Liebste. "Was lasst ihr euch denn einfallen?"

"Naja", sagte ihre Mutter. "Wir machen beim Essen ab und zu so kleine Spiele. Der Blumenkohl spaziert dann von alleine in Luises Mund. Und so weiter. Was man halt so macht."

"Habt ihr das früher mit mir auch gemacht?", fragte die Liebste.

"Nein, wir hatten dafür keine Zeit. Und du hast das auch so gegessen..."

Als es das nächste Mal Gemüse gab, versuchten wir also, die Bohnen fast von ganz alleine in Luises Mund spazieren zu lassen. Luise fand das lustig, bis die Bohnen im Mund waren. Dann spuckte sie sie aus und sagte, so etwas äße sie nicht, niemals, auch nicht bei Oma und Opa.

"Ach Kind, ich weiß auch nicht, warum das nicht hilft", sagte die Oma. "Bei uns isst sie..."

"Was macht ihr denn noch?", unterbrach die Liebste.

"Eigentlich nichts!"

"Bitte denk noch mal nach!"

Leserkommentare
  1. Ich vermute mal, dass Ihre Tochter das Gemüse bei den Großeltern isst, da diese es auch kochen. Sie werden daheim, vermutlich, eher selten zusammen kochen und essen. Immerhin ist die Mama ja berufstätig und die Kleine hat garkeine Geschwister. Da entsteht natürlich auch keine gesellige Runde und auch keine gemeinsame Esskultur.
    Außerdem machen Kinder ihren Eltern immer recht viel nach. Wenn Mama und Papa kein Gemüse essen, dann will die Kleine das auch nicht.

    Schade für das Kind.

  2. Sorry aber die Eltern im Artikel machen einen reichlich bescheuerten Eindruck auf mich.

    4 Leserempfehlungen
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    Redaktion

    Tatsächlich?

  3. 43. Hallo

    Ein Troll! Wie allerliebst. :)

    Antwort auf "[...]"
  4. mmmmhh, bei uns wurde gegessen, was auf den Tisch kam, nach dem Krieg, da gabe viele Hunger und wenig Auswahl.....
    Aber, was ich in meiner Arbeit als Leiterin eines Mutter-Kind-Kurhauses erlebte, hat mich sehr erschreckt...
    Mütter sind, wie alle Erwachsenen, Vorbilder. Wenn Mama igitt und wie ecklig sagt, darf es nicht wundern, wenn das Kind dies auch in Anspruch nimmt....
    Aber, und da komme ich zu der nett geschriebenen Geschichte, die Kinder durften 2x wö. Kochen und Backen und ganz plötzlich schmeckte, auch den Kleinen, was es im Kinderbereich gab, denn sie haben teils alle mitgeholfen und es war "ihr Essen"...
    Gurkensalat gab es mit Apfel und süßer Soße, ebenso Chicoree mit Obst und süßer Soße usw und Vollkornkuchen oder Plätzchen wurden nach der Selbstmachaktion plötzlich gefuttert.....
    und der Hammer war eine Freundin, Kohlrabi verkaufte sie ihrer Tochte als "gekochte Pommes", die sie mit Begeisterung mochte, nur kein Kohlrabi halt..;-)))

    Eine Leserempfehlung
    • sauce
    • 25. Januar 2013 12:03 Uhr

    Jedes Kind hat mal so eine Verweigerungsphase - die Zwerge sind ja nicht blöd und merken schnell welche Macht sie mit Essensverweigerung auf einmal haben. Ist es nicht großartig, wenn die allmächtigen Erwachsenen dann winselnd und bettelnd um einen herumwuseln und man mit einem Bissen (oder eben keinem Bissen) über ihr Wohl oder Wehe bestimmt? Das Gefühl ist unbezahlbar!

    Eigentlich hilft nur Gelassenheit - solange das Kind sich ansonsten ausgewogen ernährt und vielleicht sogar Obst zu sich nimmt, braucht man sich nicht zu sorgen.
    Ich habe eine Komplett-Obst-Verweigerin groß gezogen ... mit 10 Monaten hörte sie von einem Tag auf den anderen auf Obst in egal welcher Form zu essen. Man konnte das auch nicht irgendwo (z.B. in einen Kuchen)druntermogeln. Gar nix. Das hat sie bis heute (25Jahre) beibehalten, sie probiert es immer mal wieder weil sie die Einschränkungenz.B. bei Einladungen selber bedauert aber sie bekommt es einfach nicht runter. Auch keine Marmeladen oder sonstige Süßspeisen mit Fruchtanteil.
    Als dieses Kind dann auch noch in die altersentsprechende Gemüseverweigerung kam, gabs ganz oft Nudeln mit roter Sauce. Da wurde alles an Gemüse reinpüriert was ging. Hat sie gegessen und diese Phase erwartungsgemäß überwunden. Sie ist groß, gesund und kocht selber sehr gut und gesund.

    • drusus
    • 25. Januar 2013 14:16 Uhr

    Ich muss auch immer über Spörrles Satire (?) herzlich lachen. Aber nicht wegen Luise, das ist eher langweilig, sondern wegen der total bescheurten Eltern. Z.B. hat Luises Mutter wegen der Gemüseverweigerung Tränen in den Augen. Und vor allem, ich glaube das...

    Mein Enkel, zwei Jahre, isst am liebsten Bockwurst ohne Pelle, Pommes ohne Gabel, Milchreis mit weißem Zucker zum Frühstück, Berliner zum Kaffee.... Er schläft seit seinem 4.Lebensmonat 12 Stunden durch! Und hier wird nicht geheult!

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Oha..."
  5. Ich meine die im Artikel erwähnten Gemüse-Stäbchen.

    • Felefon
    • 25. Januar 2013 23:01 Uhr

    .. und meine Meinung:

    Veralbern, Lächerlichmachen, Bloßstellen und Veröffentlichen kindlicher Verhaltensweisen sind ein Vertrauensbruch

    und journalistische Schamlosigkeit.

    nocheinmal zur Diskussion stellen zu wollen.
    mfG
    Felefon

    Antwort auf "[...]"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • drusus
    • 26. Januar 2013 10:47 Uhr

    Es wird doch ständig gegen die Persönlichkeitsrechte des Kindes verstossen. Das geht damit los, dass Babybilder ins Internet gestellt werden und hört nicht damit auf, dass die Privstsphäre eines Kindes für Profilierung der Eltern herhalten muss. Im Zweifelkönnen Eltern die größte Gefahr für ihr Kind sein.

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  • Serie Familienglück
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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Eltern | Essen | Schach | Drohung
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