BundestagsbeschlussDas neue Sorgerecht ist nur ein Kompromiss

Unverheiratete Väter sind künftig nicht mehr Willkür ausgesetzt, wenn sie für ihre Kinder sorgen wollen. Das neue Sorgerecht aber hat Schwächen, kommentiert P. Sadigh. von 

Auf den ersten Blick ist jetzt alles in Butter. Endlich wird auch Recht, was längst Praxis ist: Unverheiratete Väter kümmern sich heute meist intensiver und liebevoller um ihre Kinder als es der klassische Fünfziger-Jahre-Ehemann tat. Dazu brauchen sie keinen Trauschein.

Bisher waren die Ledigen von der Zustimmung der Mütter abhängig, wenn sie auch das Sorgerecht für ihre Kinder bekommen wollten. Mit dem Beschluss des Bundestages können es unverheiratete Väter nun auch gegen den Willen der Mutter erhalten. Es sei denn, die Mutter weist nach, dass der Vater dem Kind schadet.

Anzeige

Der Bundestag musste handeln: Sowohl der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte als auch das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe hatten verlangt, dass Deutschland das Sorgerecht neu formuliert. 

Dem Gesetzgeber geht es dabei vor allem um die Kinder. Denn sie haben ein Recht auf beide Eltern. Dennoch ist die Neuregelung nicht unproblematisch und eher ein Kompromiss:

  • Väterorganisationen kritisieren, dass Männer nicht automatisch mit der Anerkennung der Vaterschaft auch das Sorgerecht erhalten, Mütter und verheiratete Väter bekämen das schließlich auch. Nach dem neuen Recht aber hat die Mutter einige Wochen Zeit, um dem Antrag des Vaters zu widersprechen. Dafür reicht allerdings nicht, dass sie angibt, keine Lust auf den Kontakt mit ihrem Ex zu haben. Sie muss belegen, dass ein Sorgerecht des Vaters dem Kind Schaden zufügen könnte.
  • Wenn die Mutter nicht die Widerspruchsfrist nicht einhält oder einhalten kann, entscheidet ein Gericht im Schnellverfahren. Die Richter müssen Vater, Mutter und Jugendamt dazu nicht anhören. Damit kann es künftig im Extremfall über den Kopf der Frau hinweg entscheiden, ungeachtet des Kindeswohls.
  • Ihre Rechte zu wahren, ist für eine unverheiratete Mutter schwierig. Denn kurz nach einer Geburt dürfte sie, womöglich im Streit mit dem Vater des Kindes physisch und psychisch angeschlagen, kaum die Kraft haben, rechtzeitig zu intervenieren – oder überhaupt zu überblicken, was auf sie zukommt.

Außerdem werden Paare, die zusammenleben und -erziehen, es möglicherweise gar nicht wichtig finden, das gemeinsame Sorgerecht zu beantragen. Statt in harmonischen Zeiten zu beschließen, dauerhaft gemeinsam für das Kind einzustehen, müssen sie sich dann erst im Falle einer Trennung damit befassen – möglicherweise im Streit. Im härtesten Fall werden sie am Kind zerren.

Hilfe vom Jugendamt

Fair und übersichtlich wäre, beide Eltern direkt nach der Geburt entscheiden zu lassen, wie sie das Sorgerecht wahrnehmen wollen – gemeinsam oder allein. Das könnte schon mit der standesamtlichen Anmeldung des Kindes geschehen. So bekommt keiner ein Sorgerecht, das er gar nicht möchte.

Die gemeinsame Sorge wäre bei diesem Verfahren das Ziel. Wenn es keinen Streit darüber gibt, dann ist es unbürokratisch aufgeteilt. Wenn doch, dann müssen die Eltern Hilfe erhalten: vom Jugendamt, einem Mediator und erst dann von einem Gericht. Immer mit dem Ziel, dass Vater und Mutter – aber vor allem das Kind –  damit leben können. Das Mindeste ist jedoch, dass alle beteiligt sind.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. Zitat: Es sei denn, die Mutter weist nach, dass der Vater dem Kind schadet.

    Den Beweis erbringen Sie einmal. Viel Spaß dabei!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • gkh
    • 01. Februar 2013 9:16 Uhr

    Dem Kind geschieht schon Unrecht, wenn es nicht in eine Ehe hineingeboren wird.

    Deswegen:
    Wenn Väter Rechte wollen, dann sollen Sie auch ihre Pflichten erfüllen und die Frau heiraten, bevor sie Kinder in die Welt setzen.

    Dem Kind geschieht schon Unrecht, wenn es in eine getrennte (nicht: unverheiratete) Familie hineingeboren wird.
    Deswegen:
    Wenn Mütter Rechte wollen, dann sollen Sie auch ihre Pflichten erfüllen und den Mann heiraten, bevor sie Kinder in die Welt setzen.

    Ich hoffe, durch meine leichte Polemik wird klar, was hier wieder für ein Hintergrund herrscht. Der Mann hat die Verantwortung, die (arme) Frau das Leid der Geburt und die nachträgliche Aufzugspflicht.
    Ein von vorneherein gemeinsames Sorgerecht, das dann - im Streitfall - mit Mediation oder sogar einem Gericht aufgeteilt wird, ist weit sinnvoller. Und zwar weil es *beiden* Elternteilen sowohl die Verantwortung als auch die Pflicht für das Kind zuschreibt. Von Geburt an.

    Dieses unreflektierte "Zusprechen" des Kindes an die Mutter fixiert Gesellschaftszustände weit über unverheiratete Paare hinaus.

  2. die automatisierte Bevorzugung der Mütter nicht.

    Ich kenne sehr gute Mütter, ich kenne sehr schlechte Mütter. Ich kenne sehr gute Väter, ich kenne sehr schlechte Väter. Ein schlechtes Elternteil ist nicht in der Lage, einem guten dessen Qualitäten zuzugestehen.

    Dass die Mutter automatisch IMMER das Sorgerecht hat, der Vater aber vom Nicht-Einspruch der Mutter abhängig bleibt, halte ich für enen Skandal. Warum nicht umgekehrt?

    (Ich fände umgekehrt übrigens genauso schlecht.)

    Übrigens: Etwas beweisen ist so eine Sache. Jemandem etwas anhängen gerade aus einer intimen Beziehung heraus, das ist nicht schwer. Meist können die Richter nicht nach Beweislage entscheiden, sondern nur nach "Glaubwürdigkeit", sprich nach Sympathie und Schauspielkunst.

    Für ein Kind ist es IMMER besser, wenn es möglichst viele Bezugspersponen hat. Je weniger Menschen, desto enger wird die Welt - desto drückender (übrigens auch für die alleinige einzige Bezugsperson).

    17 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • doof
    • 31. Januar 2013 19:24 Uhr

    schlicht und ergreifend an den biologischen gegebenheiten?
    an denen wird wohl aber nichts zu ändern sein ....

    was ich in diesem zusammenhang kritisch sehe ist: der vater erkennt das kind an - die mutter widerspricht, oder nicht.
    nur: ist der anerkennende mann der vater?

    ...und muss nicht zwingend was mit vernunft zu tun haben. es gibt auch noch genügend männer, die behaupten, dass sie nicht auf ein kleinkind aufpassen könnten - ebenso unsinnig.

    • doof
    • 31. Januar 2013 19:24 Uhr

    schlicht und ergreifend an den biologischen gegebenheiten?
    an denen wird wohl aber nichts zu ändern sein ....

    was ich in diesem zusammenhang kritisch sehe ist: der vater erkennt das kind an - die mutter widerspricht, oder nicht.
    nur: ist der anerkennende mann der vater?

    Antwort auf "Ich verstehe"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    es,. wwenn mehrere Männer das Sorgerecht fordern für dasselbe Kind.

    Einer meiner Söhne meint, man sollte gleich nach der Geburt einen Vaterschaftstexst durchfühen - und zwar IMMER. Für 90% der Fälle wäre das eh egal, aber bei den restlichen 10% könnten einige Probleme von vorneherein verhindert werden.

    • Borian
    • 01. Februar 2013 12:13 Uhr

    Mit biologischen Gegebenheiten zu argumentieren, bringt Sie in gefährliche Fahrwasser.
    Biologisch kann man die gesamte Emanzipation widerlegen.

  3. es,. wwenn mehrere Männer das Sorgerecht fordern für dasselbe Kind.

    Einer meiner Söhne meint, man sollte gleich nach der Geburt einen Vaterschaftstexst durchfühen - und zwar IMMER. Für 90% der Fälle wäre das eh egal, aber bei den restlichen 10% könnten einige Probleme von vorneherein verhindert werden.

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "vielleicht liegt das"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • doof
    • 31. Januar 2013 19:39 Uhr

    würde aber bedeuten, dass es eine gendatenbank der neugeborenen geben wird?
    ist das sinnig?
    und, was wenn von dem mehreren keiner als vater in frage kommt?

    also immer noch ungerecht für die väter - und die kinder.

  4. Wieso soll jemand einen Antrag stellen, damit er der Pflicht nachkommen kann, die als "natürliches Recht" bereits im Grundgesetz steht?

    Wie kann denn ein Kind seine Eltern dazu bringen, dass beide diese Pflicht wahrnehmen?

    Mit diesem faulen Kompromiss wird es dabei bleiben, dass das Leben vieler Kinder durch alltägliche Kooperationsverweigerung und Machtmißbrauch geprägt wird.

    Das sogenannte Kindeswohl (bzw. die Definitionshoheit darüber) bleibt das Machtmittel derjenigen, die es automatisch bekommen.

    Und die Anwälte, usw. verdienen prächtig daran.

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Zora01
    • 31. Januar 2013 19:45 Uhr

    werden nicht nur die Anwälte, sondern vor allem die Therapie-Industrie.

    Es schafft ungemein viele Arbeitsplätze für Pädagoggen, Psychologen etc. die um jeden Preis Kinder zwischen zwei Eltern hin und herreichen, die nicht im geringsten zur Zusammenarbeit fähig sind, weil sie einfach eine Trennung hinter sich haben und nichts miteinander zu tun haben mögen.

    Schon jetzt gibt es viele getrennte Eltern, die von diversen Fachkräften betreut werden, weil normale Absprachen untereinander nicht möglich sind, und Dinge wie "Wechselklamotten werden vollständig zurückgegeben" werden vor Gericht geregelt.

    Wenn sich jetzt jeder Mann, der eigentlich kein besonderes Interesse hat und sich schon in der Schwangerschaft von der Mutter trennte, dazu berufen fühlt, sein RECHT auszuüben, wird sich das ganze weiter verschärfen.

    • joeyyy
    • 31. Januar 2013 19:38 Uhr

    ...bedeutet immer auch Umgang mit der Mutter (wenn das Kind noch nicht selbst entscheiden und durchsetzen kann, ob und wann es zum Vater geht).

    Und wenn der Umgang mit der Mutter nicht funktioniert, funktioniert auch der Umgang mit dem Kind nicht.

    5 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Wieso sollte ein Umgang mit dem Kind immer auch einen Umgang mit der Mutter benötigen? Kinder sind unabhängig von der Mutter, sowie die Nabelschnur durchtrennt ist.

    Übrigens nicht erst seit den medizinischen Errungenschaften des 20. Jahrhunderts. Das ging schon immer.

    • doof
    • 31. Januar 2013 19:39 Uhr

    würde aber bedeuten, dass es eine gendatenbank der neugeborenen geben wird?
    ist das sinnig?
    und, was wenn von dem mehreren keiner als vater in frage kommt?

    also immer noch ungerecht für die väter - und die kinder.

    Antwort auf "Interessant wird"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Zora01
    • 31. Januar 2013 19:48 Uhr

    sich weder meldet noch von der Mutter angegeben wird, ist er eben unbekannt.

    Wenn Zweifel bestehen, lassen sich diese ja durch DNA-Tests recht sicher beseitigen.
    Knifflig würde es nur, wenn zwei nah verwandte (z.B. Brüder) Anspruch auf die Vaaterschaft erheben.

    • Zora01
    • 31. Januar 2013 19:45 Uhr

    werden nicht nur die Anwälte, sondern vor allem die Therapie-Industrie.

    Es schafft ungemein viele Arbeitsplätze für Pädagoggen, Psychologen etc. die um jeden Preis Kinder zwischen zwei Eltern hin und herreichen, die nicht im geringsten zur Zusammenarbeit fähig sind, weil sie einfach eine Trennung hinter sich haben und nichts miteinander zu tun haben mögen.

    Schon jetzt gibt es viele getrennte Eltern, die von diversen Fachkräften betreut werden, weil normale Absprachen untereinander nicht möglich sind, und Dinge wie "Wechselklamotten werden vollständig zurückgegeben" werden vor Gericht geregelt.

    Wenn sich jetzt jeder Mann, der eigentlich kein besonderes Interesse hat und sich schon in der Schwangerschaft von der Mutter trennte, dazu berufen fühlt, sein RECHT auszuüben, wird sich das ganze weiter verschärfen.

    5 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • doof
    • 31. Januar 2013 19:56 Uhr

    zu bedenkenswert ist.

    andersrum aber auch: was wenn der anerkennungswillge leibliche vater keine kenntnis von der schwangerschaft erhält weil die mutter auf ihrem vermeintlichen recht besteht?

    müsste es da nicht eine art karenzzeit für die anerkennung geben?
    ähnlich wie beim auskunftsrecht der kinder, die adoptiert wurden?

    ... eine Neuregelung vollständig abzulehnen, mit Verweis darauf, dass einige Ausnahmefälle u.U. zu größeren Problemen führen, aber ignorierend, wie viel Schaden angerichtet wird, durch die aktuelle Regelung.

    Die Fälle, in denen eigentlich Sorgerechtsunwillige Männer nur aus Macht das Sorgerecht haben wollen, dürfte deutlich kleiner sein, als die Fälle, wo die Mutter einfach nur keine Lust hat, sich mit dem Mann auseinanderzusetzen, von dem sie sich getrennt hat und deshalb das gemeinsame Sorgerecht verweigert. Das spielt besonders deshalb auch eine Rolle, weil Mütter mit Säuglingen durchaus noch gute Chancen haben und spätestens, wenn eine neuer Mann ins Leben tritt der alte nur noch lästig ist.

    Was ist Ihr Vorschlag, wie mit sorgerechtswilligen Vätern umgegangen werden soll, wenn Mütter sich aus Bequemlichkeitm weil sie selbst Macht über den Mann ausüben wollen oder anderen egoistischen Motiven verweigern?

    Und was ist Ihr Vorschlag, wie Kinder, um deren Rechte es auch ganz zentral geht (was man Ihrem Kommentar nicht anmerkt), ihrem Recht auf Sorge BEIDER Eltern Nachdruck verliehen bekommen?

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Jugendamt | Recht | Bundesverfassungsgericht | Eltern | Geburt | Gericht
Service