FamilienglückDas Grauen an der Supermarktkasse

Kinderpsychologen empfehlen, konsequent zu sein. Mark Spörrle versucht seine Tochter an Haarspangen, Schokoriegeln und Pixibüchern vorbeizulotsen. von 

Ich bin ein sensibler Mensch, aber als Vater muss man manchmal ein knallharter Hund sein. Ein Fels. Eine Festung.

Zum Beispiel, wenn man mit der Tochter einkaufen geht.

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"Luise, Süße", sagte ich vor dem Supermarkt. "Wir müssen schnell noch Milch und Haferflocken kaufen. Ich möchte aber nicht, dass wir zwei dabei Ärger bekommen, verstehst du?"

Luise nickte.

"Wenn du gut mitmachst, darfst du dir einen leckeren Vanillequark aussuchen", fuhr ich mit sanfter, aber stählerner Stimme fort. "Oder einen Joghurt. Aber nur eins von beiden. Nichts anderes. Und nichts Süßes, davon hast du heute schon genug gehabt. Abgemacht?"

"Gut", sagte mein kleiner Schatz.

Hinter der Schiebetür griff sich Luise einen dieser bunten, niedlichen Kindereinkaufswagen, die Kinder animieren sollen, in ihnen überflüssige Dinge aufzuhäufen. Damit das ganz leicht geht, ist jeder Supermarkt so gestaltet, dass sich Milch und Haferflocken möglichst weit weg vom Eingang befinden. Und man auf dem Weg dorthin an jeder Menge Benjamin-Blümchen-DVDs vorbei muss, an Glitzershirts, Fillipferd-Heften und Stofftieren aus China.

Bei den Haarspangen blieb Luise stehen.

"Papa", sagte sie, "kann ich bitte diese Marienkäferhaarspange? Bitte!"

Die Haarspange war mindestens so süß wie all die anderen Marienkäferhaarspangen, die Luise daheim hatte, aber ich musste darauf bestehen, dass Haarspangen weder Quark noch Joghurt waren.

"Menno Papa!", rief Luise. "Ausnahmsweise!"

Es war schwer. Aber Kinderpsychologen warnen, in solchen Situationen auch nur eine Handbreit nachzugeben, außer man möchte Haarspangenvorräte für einen ganzen Kindergarten anlegen.

Luise ging grummelnd weiter, suchte sich beleidigt einen Vanillequark aus und stoppte dann wieder beim Pixibuch-Stand. Ein prall gefüllter Plastikkelch, den die Supermarktstrategen jede Woche woanders platzieren, damit einkaufende Eltern keine Chance haben, ihn zu meiden.

"Dann will ich wenigstens ein Buch!", rief Luise.

"Luise!", mahnte ich. Ich liebe Bücher, selbst Pixibücher. Aber Kinderpsychologen warnen erst recht davor, beim zweiten Mal nachzugeben: Das Kind könnte glauben, es habe sich erfolgreich durchgesetzt, würde fortan immer unmäßiger und schließlich Hedgefonds-Verwalterin oder griechische Staatspräsidentin.

"Ein einziges!", forderte Luise. "Ich habe gar keins mehr! Das Buch mit den Mäusen, Papa!"

Ich erinnerte sie daran, was sie vor der Tür versprochen hatte und bat sie, weiterzugehen.

"Oh Menno", rief Luise. "Das ist ungerecht!"

Ich muss nicht groß erwähnen, was Kinderpsychologen Furchtbares für den Fall prophezeien, dass man beim dritten Mal nachgibt.

Leserkommentare
  1. Super, genau so!! :-)))

    9 Leserempfehlungen
  2. ...und ich glaube, selbst das ansonsten liebste Kind auf der Welt macht so etwas gelegentlich. Das ist hier sehr treffend und lebendig beschrieben!
    Eine große Verführung für Kinder ist auch die Wursttheke, meistens gibt es eine Scheibe zum Probieren und wenn man besonders niedlich guckt auch mehr... Als Elternteil dem Kind zu erklären, dass ständig Essen zu schnorren nicht unbedingt höflich ist, ist da ganz schön schwierig.
    "Nett" ist auch, wenn Kinder beschließen, zwischen den Regalen Versteck spielen zu wollen, während man gerade etwas sucht, vor allem wenn der Laden voll ist und das Kind mit einer Leichtigkeit zwischen den anderen Kunden hindurchflitzt, hinter der ein Erwachsener kaum ncoh her kommt. - Einkaufen mit Kind kann wirklich anstrengend sein, allerdings...

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    Dies ist natürlich eine total bewusste Bösartigkeit des Kindes. Vielleicht sollten Sie sich einmal Gedanken darüber machen, wie Sie den Einkauf mit Ihrem Kind besser vorbereiten und Ihr Kind einbeziehen.
    Wenn überhaupt, dann ist das der Fehler der Industrie.
    Und wenn mir jemand Wurst schenkt, dann ist da nix unhöflich dran, wenn ich die annehme.

  3. 4. Zucker

    Ich will ja nicht unken, aber in Vanillequark oder Fruchtjoghurt ist üblicherweise auch ziemlich viel Zucker drin, im Zweifelsfalle sogar mehr als in einem Eis.
    Deshalb lotse ich mein Kind zusätzlich auch am Joghurtkühlregal vorbei.

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    Milchprodukte sind für Kinder allerdings immer noch gesünder als reine Fettbomben wie z.B. ein Schokoriegel.

    • sauce
    • 22. Februar 2013 11:20 Uhr
    5. Lolli

    :D
    Und Glückwunsch...Sie haben trotzdem gewonnen!
    Luise hat nichts von IHNEN gekauft bekommen. Der Lolli ist ärgerlich - aber nicht so schlimm.
    Glücklicherweise muß man dies Kämpfe ja nicht oft ausfechten ... die Zwerge lernen schnell und wissen dann genau wann NEIN auch so gemeint ist - und daß man sich an getroffene Vereinbarungen halten muß.
    Noch 3-4 Mal wirklich standhaft bleiben .... dann ist es geschafft!

    9 Leserempfehlungen
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    Redaktion

    Hm, ich habe gelesen, bis ein Kind etwas wirklich gelernt hat, sagen die Eltern bis zu 30mal (dreißigmal!) nein.... ;-)

  4. Milchprodukte sind für Kinder allerdings immer noch gesünder als reine Fettbomben wie z.B. ein Schokoriegel.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Zucker"
    • Norian
    • 22. Februar 2013 11:32 Uhr

    Der wichtigste Punkt ist doch, dass Sie selbst konsequent geblieben sind und mit ihrer Tochter sprechen. Das macht einen als Elternteil vll. im Auge der Kinder nicht liebenswerter, aber lehrt wichtige Lektionen im Leben. Und inkonsequent sein wäre noch schlimmer, weil was soll das Kind daraus lesen?
    Und Großeltern und andere Faktoren wie Kassiererinnen sind dann dazu da, zu zeigen, dass Unvernunft mindestens genauso wichtig im Leben ist. :>

    6 Leserempfehlungen
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    "Konsequent bleiben" wird uns eingeredet - ja, was lernen Kinder daraus, wenn Eltern inkonsequent sind? Z.B. dass Eltern auch Menschen sind, die unterschiedliche Tagesform haben und unterschiedlich reagieren. Diese "Pflicht" zur Konsequenz macht Eltern das Leben schwer.
    Meine Kinder haben irgendwann mal, als sie die Pubertät schon hinter sich gebracht hatten, Listen gemacht, in welchen Fällen ihre Mutter mal wieder inkonsequent gewesen war (soweit ihre Erinnerung zurückreichte). Das war eine lange Liste!
    Trotzdem gehören zu unserer Familie jetzt 4 wohlgeratene erwachsene Kinder, mit denen wir imer noch herzlich über das ein oder andere Erlebnis (übrigens auch im Supermarkt) lachen können (obwohl ich da meist -aber nicht immer- auch stur geblieben bin, auch auf die strafenden Blicke der anderen Käufer hin).

  5. Unsere Tochter (4 1/2) legt alles, was sie unaufgefordert in den Wagen gelegt hat, ohne grossen Widerspruch zurueck. Meist reicht ein "nein, das brauchen wir nicht" aus. Einfach konsequent bleiben, egal was alle um einen herum denken - nach dem dritten Mal werden sich alle ueber das gut erzogene Kind freuen.

    Und Kind natuerlich beim Einkaufen miteinbeziehen - Einkaufszettel "lesen", Sachen in den Einkaufswagen legen oder auf's Kassenband legen - dann geht es fuer alle Seiten in entspannter. Und nach dem Einkauf geht es auf den Spielplatz!

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