Familienglück : Eltern kümmern sich um Kuscheltiere

Luises Stofftier Elchi sitzt auf dem Sofa und schaut aus dem Fenster. Aber Luise hat es da gar nicht hingesetzt. Mark Spörrle sorgt sich um seine Frau.

Meine Liebste übertreibt manchmal, wie alle Mütter. Neulich, als wir aufbrachen, hielt sie Elchi in der Hand. "Ach so", sagte sie, als ich sie darauf aufmerksam machte. Ging ins Wohnzimmer zurück und setzte Elchi aufs Sofa. Auf zwei Kissen übereinander. So dass Elchi bequem aus dem Fenster gucken konnte.

Was er natürlich nicht konnte. Denn Elchi ist Luises Stoff-Elch und unsere Tochter war längst im Kindergarten.

"Na und?", fragte die Liebste, als ich sie darauf ansprach. "Soll es Elchi nicht trotzdem gut haben?"

In gewisser Weise kann ich meine Frau sogar verstehen. Luises Kuscheltiere und -puppen gehören längst zu unserer Familie. Etwa 30 sind es insgesamt; zum engeren Kreis gehören Kuschelschaf Mehmeh, die Puppen Lizzy und Rosa, der Teddy, der auch Luise heißt, und der Hund Maja. Bärin Holly darf mit in den Kindergarten. Einhorn Klara sitzt beim Essen auf dem Tisch. Stoffwolf Wölfi darf beim Zähneputzen zuschauen.

Man weiß, wie wichtig Kuscheltiere für die Entwicklung der emotionalen Intelligenz sind. Also machen wir mit verstellten Piepsstimmen mit, wenn Luise dem müden Schäfchen Mehmeh eine Gutenachtgeschichte erzählt, sie die Puppen Lizzy und Rosa ihre Haarspangen vergleichen lässt oder wenn (so heiser war ich noch nie) Wölfi und Maja sich streiten, bis einer von uns Eltern ein Machtwort sprechen muss: "Nein, Wölfi, Luise hat recht, Maja hat das gemalt, und du hast es einfach zerknüllt. Jetzt entschuldige dich!"

Mit zur Arbeit, mit auf Dienstreise

So weit, so gut. Aber dann ließ sich meine Liebste von unserer Tochter überreden, den Bären Puschelohr mit zur Arbeit zu nehmen. Luise fand es lustig, sich vorzustellen, dass Puschelohr sich in Mamas Büro umsah, während sie selber im Kindergarten war. Und abends befragte sie Puschelohr ausführlich, wie es beim Arbeiten gewesen war. Am nächsten Tag war das Häschen Schnuppel dran. Dann das Häschen Zucki.

"Puh", raunte mir die Liebste abends zu. "Fast hätte ich heute vergessen, Zucki aus der Tasche zu nehmen und auf den Schreibtisch zu setzen. Das arme Ding."

"Arm, ach ja?", fragte ich.

"Na, den ganzen Tag in der dunklen Tasche! Würde dir das Spaß machen?"

"Nein", sagte ich, "aber es gibt einen Unterschied zwischen Zucki und mir!"

"Ach so, natürlich!" Die Liebste tat, als erröte sie. "Wie dumm von mir!"

Irgendwie nahm ich ihr das nicht ab. Ich hatte den Verdacht, dass für meine Liebste Luises Stoffgesellen längst den Stellenwert von lebenden Haustieren besaßen. Mindestens.

Gut, auch ich nahm meiner Tochter zuliebe Küken Küki mit auf eine längere Reise. Wenn ich abends mit daheim skypte, ließ ich Küki ein, zwei Sätze piepen und ein irres Hexenlachen von sich geben, woraufhin alle Leute in der Hotellobby zusammenfuhren. Luise freute sich sehr. Aber niemals zog ich Küki in Abwesenheit meiner Tochter ein Nachthemd an und fragte, ob ihm auch nicht zu kalt sei, wie es die Liebste regelmäßig mit Luises Puppen machte.

Wie an jenem Abend, an dem eine Puppe zurückpiepste: "Nein, alles gut, mir ist schön mollig!"

"Mir auch!" piepste eine andere Stimme.

"Dann ist ja gut! Legt euch hin!", sagte meine Liebste, bevor ich ins Kinderzimmer kam.

"Wo ist Luise?", fragte ich erstaunt.

"Putzt sich im Bad noch die Zähne", sagte sie.

Beim Googeln fand ich heraus, dass das Einbeziehen der Puppen und Kuscheltiere in die elterliche Fürsorge kein seltenes Phänomen war. Manche Eltern fühlten sich sogar verpflichtet, sich der einst geliebten Gesellen anzunehmen, die vom Kind plötzlich vernachlässigt wurden. Denn man wolle nicht völlig ausschließen, dass ein Stofftier oder eine Puppe nicht doch etwas Ähnliches empfinden könne wie Einsamkeit und Trauer. Oder auch Freude und Glück. Ein Vater aus Eisenhüttenstadt schwor Stein und Bein, dass der Teddy seines kleinen Kevin-Roy lächeln konnte.

Als Luise nicht da war, erzählte ich meiner Liebsten davon. Sie hörte kaum zu, denn sie war damit beschäftigt, Holly so neben Elchi zu setzen, "dass die beiden sich unterhalten können". Am folgenden Tag legte sie ein geöffnetes Buch vor die beiden, "nur, um zu sehen, ob Luise es merkt".

Luise merkte es nicht. Aber am Abend sah ich – meine Liebste beteuerte, sie habe damit nichts zu tun –, dass das Buch zugeschlagen war.

Ich legte den beiden ein anderes Buch hin.

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