Ehre und Familie"Wenn mein Bruder mich schlägt, härtet mich das ab"

Ein traditioneller Ehrbegriff, Gehorsam und Angst prägen in vielen Migrantenfamilien die Erziehung. Die "Heroes" wollen Jugendliche überzeugen, unabhängiger zu werden. von Ahmad Mansour

Sema ist 15, mitten in der Pubertät, auf der Suche nach sich und ihrem Lebensentwurf. Nur zum Thema Ehe hat sie bereits feste Ansichten. "Mein Mann darf mich schlagen, wenn ich einen Fehler mache", sagt sie. Verheiratet ist sie freilich noch nicht, nein, sie spricht von einer vorbestimmten Zukunft. Lachend fügt sie hinzu: "Und wenn mein Bruder mich schlägt, dann härtet mich das ab." Ihr Lachen klingt gepresst. Diese Gewalt geschieht ihr jetzt.

Wir sind eingeladen in einer 9. Klasse einer Berliner Schule zu einem Workshop. Das Thema heißt "Ehre". Wir, das ist die Organisation Heroes. Die Helden sind junge Männer, die selbst mit einem zweifelhaften Ehrbegriff aufgewachsen sind, aber sich davon unabhängig gemacht haben. Wir sprechen mit Jugendlichen über Gleichberechtigung und über Unterdrückung im Namen der Ehre. Ansichten, wie die von Sema, hören wir oft.

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Dicker, schwarzer Lidstrich und viel Wimperntusche betonen Semas ausdrucksstarke Augen. Sie trägt einen langen Pullover, enge Jeans, High Heels. Wie viele ihrer Klassenkameraden ist Sema Muslima. Als solche will sie in der Gruppe auch geachtet werden.

Der gleichaltrige Fatih pflichtet ihr bei: "Die Ehre eines Mannes", sagt er cool, "steckt zwischen den Beinen einer Frau." Damit zitiert er ein türkisches Sprichwort. "Meine Schwester muss Jungfrau bleiben", erläutert Fatih. Sie dürfe keinen Freund haben, "auch nicht auf Facebook". Und am Abend soll sie sich nicht draußen herumtreiben. "Wenn sie es doch tut, muss ich sie schlagen." Fatih präsentiert sich als einer, der sich seiner Sache sicher ist. Will er nur angeben? Besonders männlich wirken?

Ahmad Mansour
Ahmad Mansour

Der Psychologe Ahmad Mansour (1976) ist als palästinensischer Israeli geboren und lebt seit neun Jahren in Deutschland. Er arbeitet in der Arbeitsstelle Islamismus und Ultranationalismus der Gesellschaft Demokratische Kultur in Berlin. Dort berät in der Beratungsstelle Hayat unter anderem Angehörige von Jugendlichen, die sich radikalen Salafisten anschließen. Seit 2012 ist Mansour Mitglied der Deutschen Islamkonferenz und Berater bei European Foundation for Democracy.

In der Klasse wird Widerspruch laut: "Bin ich froh, dass ich nicht deine Schwester bin", sagt ein Mädchen. Fatih wippt mit den Füßen und rutscht auf seinem Stuhl hin und her. Ist er sich wirklich so sicher?

Manche lernen, spielerisch mit Stereotypen umzugehen

Glücklicherweise finden sich in den Klassen auch immer wieder Jungen wie Mädchen mit Migrationshintergrund, die solche Konzepte der Unterdrückung ablehnen. Zwar kennen fast alle ähnliche Vorstellungen – aber in verschiedener Intensität. Manche haben Lehrer oder Nachbarn, die sie beeinflusst haben, viele haben Eltern, die liberaler denken. Fast alle kennen die hiesigen Medien, erfahren in Serien, Comedy-Shows mit Bülent Ceylan, Kaya Yanar oder Django Asül, dass man spielerischer mit Stereotypien umgehen kann. Mehrere Systeme konkurrieren in ihren Köpfen. Doch meist bietet die eigene Familie das stärkste System.

Wie Sema gehört Fatih zur sogenannten dritten Generation von Immigranten in Deutschland. Seine Großeltern sind vor 40 Jahren aus Anatolien hierher zum Arbeiten gekommen. Fatih lebt mit seinen drei Geschwistern und den Eltern in einer Vier-Zimmerwohnung in Nord-Neukölln. Er ist Deutscher. Aber seine Ehre? Die stammt aus einer anderen Welt.

Die Schüler diskutieren leidenschaftlich. Einer sagt, was er vermutlich von Vater oder Onkel hört: "Lieber fünf kriminelle Söhne als eine verhurte Tochter." Ein anderer behauptet: "Ich würde meine Schwester umbringen, wenn sie Sex vor der Ehe hat." Dort, wo diese Jugendlichen groß werden, gelten Werte wie Selbstbestimmung, Emanzipation der Frauen und Individualität als Auflehnung gegen die Familie.

Die Eltern kennen es nicht anders. Ihr Ziel ist es, die Familie in der Fremde zusammenzuhalten. Sie fühlen sich sicherer, wenn die Hierarchien so klar und eng sind, wie sie es von den eigenen Müttern und Vätern kennen. Alle müssen den Älteren gehorchen. Männer stehen über Frauen, Brüder über Schwestern. Von klein auf hören die Kinder, dies sei die eiserne Ordnung einer Welt, die Allah gefällt.

Leserkommentare
    • Panic
    • 27. Februar 2013 20:17 Uhr

    Ach ja, da kann man eigentlich nur müde mit den Schultern zucken. Wir schreiben das Jahr 2013 und Fatih hat noch immer die Keule in der Hand. Seine Schwester? Eventuell hat sie einfach Angst. Oder aber...ich erspar mir den Rest.

    cheers

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    Die Deutschen sind in vielen Gebieten oft nicht besser und integrieren die 3. Generation nicht. Ich finde es super, dass Fatih über andere Ansichten nachdenkt. Schließlich sind wir alle Deutsche oder vielmehr Europäer und hoffen auf gegenseitige Anerkennung unserer Werte und Geschichte.

    "(...) um effektiv die Erziehung zu unterstützen, müssen Schläge Schmerzen verursachen, aber der größte Schmerz wird an der Oberfläche der nackten Haut gespürt, wo sich die Nerven befinden. Ein Oberflächenbrennen wird genug Schmerz vermitteln ohne Verletzung oder blauen Fleck.

    Wählen Sie Ihr Instrument der Größe des Kindes entsprechend. Für die unter Einjährigen genügt ein kleiner, 20 bis 30 cm langer Ast (...) mit einem halben Zentimeter Durchmesser. Manchmal muss nach Alternativen gesucht werden. Ein 30 cm Lineal wäre eine solche Alternative. Für ein älteres Kind ist ein Gürtel oder ein größerer Ast effektiv."

    "Instrumente der Liebe" aus einem christlich-fundamentalistischen Erziehungsratgeber von 1994.

    http://www.sueddeutsche.de/kultur/erziehung-mit-der-rute-liebe-geht-durc...

  1. ... das einzige was mich wirklich stört, abgesehen von dem absolut nicht tolerierbaren Verhalten der Familien, ist die Unterüberschrift. Indem man schreib "Ein traditioneller Ehrbegriff, Gehorsam und Angst prägen in vielen Migrantenfamilien die Erziehung." unterstellt man das dieses Verhalten, Prozentual gesehen, gleichmäßig unter allen Einwandererfamilien vorkommt.

    Auch wenn es im Artikel dann selbst, durch die Namen und die Berufung auf Allah, sprich im Namen der Religion und antiquierter Ehrbegriffe, klar wird, wers wohl am meisten tut, dieses "Erziehen" mit der harten Hand.

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    kann ich so nicht nachvollziehen "in vielen" heißt eindeutig nicht alle.

    • gorgo
    • 28. Februar 2013 14:14 Uhr

    Ich gebe Ihnen Recht, dass die beschriebenen Verhältnisse krass und nicht hinnehmbar sind.

    Was vielen hier allerdings nicht bewusst ist: Wie wenig Zeit erst vergangen ist, seit wir in Deutschland ganz ähnliche Verhältnisse hatten.

    In den 70ern und 80ern wurden sehr viele Töchter geschlagen und beschimpft, die nicht den richtigen bzw. überhaupt einen Freund hatten (eine schwarzen GI gar - halb totgeprügelt): Meist von Eltern und anderen Verwandten, allerdings haben sich die Brüder in der Regel wenig drum gekümmert, denn für sie galt zwar, dass der Vater das Sagen hatte, aber dennoch weit mehr Freiheit.

    Schwule, Lesben, Transleute etc. wurden damals in einem Gutteil der normalen deutschen Familien totgeschwiegen bzw. psychologisch oder auch gerne mit Prügeln "umerzogen".

    Ehefrauen, die nicht parierten, konnten häufig mit dem Gleichen rechnen. Und was weibliche Berufstätigkeit angeht, in Westdeutschland, brauche ich gar nicht erst anfangen: Noch 1971 - Geburtsdekade der meisten Foristen hier vermutlich - gab es ein Reisenbohei über die erste (!) Nachrichtensprecherin im ZDF (unerhört, die Kinder vergammeln...). WEibliche Berufstätigkeit ohne Erlaubnis des Ehemanns erst 1977 (!) abgeschafft etc.

    Kurz gesagt: Wer vor zwei, drei Jahrzehnten erst heutige Selbstverständlichkeiten eingeleitet hat, sollte etwas nachdenklicher an das Thema rangehen...

    Allen Migrantinnen/Eingeborenen aller Herkünfte, die sich für Veränderungen engagieren: Viel Erfolg - tolle Arbeit!

  2. kann ich so nicht nachvollziehen "in vielen" heißt eindeutig nicht alle.

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    Die Unterüberschrift lautet "Ein traditioneller Ehrbegriff, Gehorsam und Angst prägen in vielen Migrantenfamilien die Erziehung.".

    Im Artikel wird klar das es sich hierbei primär um muslimische Einwanderer handelt! Ich mag nicht ausschließen das es dieses Verhalten auch bei anderen Einwanderern gibt, geschweige denn es ausschließen! Ich kenne aus meiner Kindheit auch deutsche Familien wo der Vater zu solchen Erziehungsmethoden gegegriffen hat, wohl gemerkt der Vater und nicht die ganze männliche Verwandtschaft, was nicht weniger ablehnungswürdig ist. Jedoch, mit dieser Unterüberschrift wird unterstellt das dies ein flächendeckendes Problem wäre, was bei allen Einwandererfamilien in dieser Form zu finden ist, obwohl es klar ist das diese Form der "schlagenden Argumente" unter Einbeziehung der Brüder, eventuell auch noch der Vettern, nahezu ausschließlich bei den moslemischen Einwandererfamilien vorkommt. Sinti und Roma vom Balkan lasse ich mal Außen vor, mit denen habe ich keine Erfahrung, ich kenne nur, tiefer seufzer an dieser Stelle für die Formulierung, deutsche Sinti und da war dies nicht die Norm.

  3. Die Unterüberschrift lautet "Ein traditioneller Ehrbegriff, Gehorsam und Angst prägen in vielen Migrantenfamilien die Erziehung.".

    Im Artikel wird klar das es sich hierbei primär um muslimische Einwanderer handelt! Ich mag nicht ausschließen das es dieses Verhalten auch bei anderen Einwanderern gibt, geschweige denn es ausschließen! Ich kenne aus meiner Kindheit auch deutsche Familien wo der Vater zu solchen Erziehungsmethoden gegegriffen hat, wohl gemerkt der Vater und nicht die ganze männliche Verwandtschaft, was nicht weniger ablehnungswürdig ist. Jedoch, mit dieser Unterüberschrift wird unterstellt das dies ein flächendeckendes Problem wäre, was bei allen Einwandererfamilien in dieser Form zu finden ist, obwohl es klar ist das diese Form der "schlagenden Argumente" unter Einbeziehung der Brüder, eventuell auch noch der Vettern, nahezu ausschließlich bei den moslemischen Einwandererfamilien vorkommt. Sinti und Roma vom Balkan lasse ich mal Außen vor, mit denen habe ich keine Erfahrung, ich kenne nur, tiefer seufzer an dieser Stelle für die Formulierung, deutsche Sinti und da war dies nicht die Norm.

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  4. Wir lassen es geschehen, weil es politisch korrekt ist, darüber nicht zu streiten.

    Gute Nacht Europa.

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    • timego
    • 27. Februar 2013 21:29 Uhr

    es politisch korrekt ist über einen Mangel an individueller Freiheit nicht zu schreiben? Steht der Artikel nicht gerade in einer Zeitung, die gemeinhin auch in die Ecke des "politisch korrekten" gestellt wird? Findet dieser Workshop denn nicht statt? Und dient er nicht gerade dem Zweck, dieser Art von Wertvorstellungen etwas entgegen zu setzen? Die, nebenbei bemerkt, den Boden des Grundgesetzes m.E.n. nie betreten hat. Man könnte sich jetzt noch über die Initiatoren und Finaciers von Heroes unterhalten, aber ich denke nicht, das diese im Umfeld von Pro-sonstwas oder politicalincorrect zu finden sind...

    Natürlich sind derartige Verhältnisse Misstände, die getilgt werden müssen, durch Aufklärung und Bildung. Und, oh Wunder, genau darum geht es in dem Artikel, den Sie hier so lapidar kommentieren. Das Problem wurde also angesprochen und sogar eine Lösungsmöglichkeit präsentiert.

    Keine Ahnung also warum Sie der Auffassung sind irgendein nebulöses Konzept "politischer Korrektheit" würde von der Diskussion darüber abhalten.

    Das Projekt finde ich wirklich sehr gut, gerade weil die Teilnehmer den gleichen Hintergrund haben wie die Schüler, die sie aufklären wollen. Das Problem ist doch, dass viele die Strukturen ihrer Familie kaum in Frage stellen und das ist nicht nur bei Muslimen so, dort aber noch präsenter, weil die Familie in muslimischen Kulturen wesentlich wichtiger als in anderen Kulturen ist.

    Ich glaube man kommt mit so einem Projekt, bei dem sich die Jugendlichen ernst genommen fühlen wesentlich weiter als mit der mantraartigen Wiederholung der Phrase "Die Muslime passen nicht zu uns".

    Weiter so!

    Ein Recht auf gewaltfreie Erziehung existiert in Deutschland seit dem Jahr 2000.

    Herrschte bis 1999 in Deutschland also noch Mittelalter?

    Warum konnte sich das Elternrecht auf Körperverletzung in Deutschland eigentlich so lange halten?

    Ist das in ihren Augen auch die Schuld "des" Islam?

  5. 6. [...]

    Entfernt. Bitte verfassen Sie differenzierte Kommentare. Danke, die Redaktion/au

  6. noch fremdenfeindlich, doch diese Einstellungen müssten schon bei der Einwanderung getilgt werden...durch einen Eid auf das Grungesetz!!! Und mit Androhung der Abschiebung der ganzen Sippe bei Zuwiderhandlung.

    33 Leserempfehlungen
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    Im Artikel hätten Sie lesen können, daß es um die dritte Generation Einwanderer geht - was also möchten Sie wann, wo und bei wem 'getilgt' sehen und wen möchten Sie wohin abschieben? Nicht wenige sind Deutsche.

    • Nibbla
    • 27. Februar 2013 23:25 Uhr

    "Und mit Androhung der Abschiebung der ganzen Sippe bei Zuwiderhandlung." Irgendwas sagt mir das Sippenhaft und Grundgesetz nicht zusammenpassen. Aber nur meine naive Vorstellung ^^

    das schon wieder die Minderwertigkeitskomplexe einen zu Rassistischen Kommentaren bewegt.
    Vor allen dingen wenn mein User Name mit PL endet , sollte ich etwas neutraler sein.

    • timego
    • 27. Februar 2013 21:29 Uhr

    es politisch korrekt ist über einen Mangel an individueller Freiheit nicht zu schreiben? Steht der Artikel nicht gerade in einer Zeitung, die gemeinhin auch in die Ecke des "politisch korrekten" gestellt wird? Findet dieser Workshop denn nicht statt? Und dient er nicht gerade dem Zweck, dieser Art von Wertvorstellungen etwas entgegen zu setzen? Die, nebenbei bemerkt, den Boden des Grundgesetzes m.E.n. nie betreten hat. Man könnte sich jetzt noch über die Initiatoren und Finaciers von Heroes unterhalten, aber ich denke nicht, das diese im Umfeld von Pro-sonstwas oder politicalincorrect zu finden sind...

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Allah | Erziehung | Facebook | Familie | Jugendliche | Mädchen
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