Sema ist 15, mitten in der Pubertät, auf der Suche nach sich und ihrem Lebensentwurf. Nur zum Thema Ehe hat sie bereits feste Ansichten. "Mein Mann darf mich schlagen, wenn ich einen Fehler mache", sagt sie. Verheiratet ist sie freilich noch nicht, nein, sie spricht von einer vorbestimmten Zukunft. Lachend fügt sie hinzu: "Und wenn mein Bruder mich schlägt, dann härtet mich das ab." Ihr Lachen klingt gepresst. Diese Gewalt geschieht ihr jetzt.

Wir sind eingeladen in einer 9. Klasse einer Berliner Schule zu einem Workshop. Das Thema heißt "Ehre". Wir, das ist die Organisation Heroes. Die Helden sind junge Männer, die selbst mit einem zweifelhaften Ehrbegriff aufgewachsen sind, aber sich davon unabhängig gemacht haben. Wir sprechen mit Jugendlichen über Gleichberechtigung und über Unterdrückung im Namen der Ehre. Ansichten, wie die von Sema, hören wir oft.

Dicker, schwarzer Lidstrich und viel Wimperntusche betonen Semas ausdrucksstarke Augen. Sie trägt einen langen Pullover, enge Jeans, High Heels. Wie viele ihrer Klassenkameraden ist Sema Muslima. Als solche will sie in der Gruppe auch geachtet werden.

Der gleichaltrige Fatih pflichtet ihr bei: "Die Ehre eines Mannes", sagt er cool, "steckt zwischen den Beinen einer Frau." Damit zitiert er ein türkisches Sprichwort. "Meine Schwester muss Jungfrau bleiben", erläutert Fatih. Sie dürfe keinen Freund haben, "auch nicht auf Facebook". Und am Abend soll sie sich nicht draußen herumtreiben. "Wenn sie es doch tut, muss ich sie schlagen." Fatih präsentiert sich als einer, der sich seiner Sache sicher ist. Will er nur angeben? Besonders männlich wirken?

In der Klasse wird Widerspruch laut: "Bin ich froh, dass ich nicht deine Schwester bin", sagt ein Mädchen. Fatih wippt mit den Füßen und rutscht auf seinem Stuhl hin und her. Ist er sich wirklich so sicher?

Manche lernen, spielerisch mit Stereotypen umzugehen

Glücklicherweise finden sich in den Klassen auch immer wieder Jungen wie Mädchen mit Migrationshintergrund, die solche Konzepte der Unterdrückung ablehnen. Zwar kennen fast alle ähnliche Vorstellungen – aber in verschiedener Intensität. Manche haben Lehrer oder Nachbarn, die sie beeinflusst haben, viele haben Eltern, die liberaler denken. Fast alle kennen die hiesigen Medien, erfahren in Serien, Comedy-Shows mit Bülent Ceylan, Kaya Yanar oder Django Asül, dass man spielerischer mit Stereotypien umgehen kann. Mehrere Systeme konkurrieren in ihren Köpfen. Doch meist bietet die eigene Familie das stärkste System.

Wie Sema gehört Fatih zur sogenannten dritten Generation von Immigranten in Deutschland. Seine Großeltern sind vor 40 Jahren aus Anatolien hierher zum Arbeiten gekommen. Fatih lebt mit seinen drei Geschwistern und den Eltern in einer Vier-Zimmerwohnung in Nord-Neukölln. Er ist Deutscher. Aber seine Ehre? Die stammt aus einer anderen Welt.

Die Schüler diskutieren leidenschaftlich. Einer sagt, was er vermutlich von Vater oder Onkel hört: "Lieber fünf kriminelle Söhne als eine verhurte Tochter." Ein anderer behauptet: "Ich würde meine Schwester umbringen, wenn sie Sex vor der Ehe hat." Dort, wo diese Jugendlichen groß werden, gelten Werte wie Selbstbestimmung, Emanzipation der Frauen und Individualität als Auflehnung gegen die Familie.

Die Eltern kennen es nicht anders. Ihr Ziel ist es, die Familie in der Fremde zusammenzuhalten. Sie fühlen sich sicherer, wenn die Hierarchien so klar und eng sind, wie sie es von den eigenen Müttern und Vätern kennen. Alle müssen den Älteren gehorchen. Männer stehen über Frauen, Brüder über Schwestern. Von klein auf hören die Kinder, dies sei die eiserne Ordnung einer Welt, die Allah gefällt.

Jedes Familienmitglied muss eine Rolle ausfüllen

Dazu muss jedes Familienmitglied die Rolle einnehmen, die ihn oder sie definiert. "Ich bin der Sohn von Mustafa." "Ich bin Muslim und verteidige unsere Ehre!" Kritische Fragen wie "Vater, warum muss das so sein?" oder "Mutter, findest du das selber richtig?" wirken bedrohlich. Sie rühren an der Struktur, und werden unterdrückt. Und die Strafen wären unerträglich. Wer ausbricht, wird ausgeschlossen: Er oder sie gehört nicht mehr dazu.

Sicher, auch Sema und Fatih sehen überall im Alltag, dass "die anderen", die Deutschen zumal, anders leben, als ihre Familien. Aber das sind eben "die", und wir sind eben wir – so polar stellen manche Eltern und Verwandten die Realität dar. Diese "anderen", die leben in Sünde, hören die Jugendlichen.

"So wie die wollen wir nicht werden", sagt auch Fatih. Vor dem Workshop haben die meisten Schüler diese Polarität noch nie in Frage gestellt. "Bei uns ist das so." Mehr können sie auf die Frage nach dem Warum meist nicht sagen.

Hinter dem Begriff "Respekt" steckt ein System aus Angst und Gehorsam

Die Erziehung baut auf den Begriff "Respekt". Dahinter steht jedoch ein System aus Angst und Gehorsam. Eigene Stärken und Schwächen, geschweige denn die eigene Sexualität entdecken – das darf es in der so genannten traditionellen, muslimischen Erziehung nicht geben. Mit Gewalt wird in die Schranken gewiesen, wer sich geistig, emotional, sexuell, kreativ "anders" verhält. Ein gesundes Selbstbewusstsein kann sich so nicht entwickeln.

Deshalb ist Furcht allgegenwärtig und alles bestimmend. Wenn die Jugendlichen andere Bedürfnisse haben, müssen sie heimlich handeln. "Mein Vater darf nicht wissen, dass ich einen Freund habe!" sagt Semas Nachbarin leise.

Wenn Schüler wie Fatih von ihrer Ehre sprechen, die an der Jungfräulichkeit ihrer Schwestern und Frauen hängt, dann scheint auch die Religion diese Konzepte zu legitimieren: Ruft nicht Allah die Frauen auf, sich Männern unterzuordnen?

Haben solche Jugendlichen zudem noch den Eindruck, dass die Kultur ihrer Familien und ihre Religion hier in Deutschland abgewertet wird, ist es wenig verwunderlich, dass die Strukturen ihrer Eltern für sie attraktiv bleiben. Nur dort finden sie Geborgenheit und die Anerkennung einer Gruppe, auch wenn der Preis, den sie dafür zahlen, ihre Selbstbestimmung ist.

In einem Sketch spielen die Heroes vor, wie ein muslimischer Vater seine Tochter dabei unterstützt, Abitur zu machen und alles gibt, damit sie sich später beruflich verwirklichen kann. Er tut das gegen den Widerstand der Familie, gegen den Rat seines ältesten Bruders. Sema und ihre Klassenkameradinnen staunen. Vorsichtig sprechen sie von Träumen, in denen das Wort "Unabhängigkeit" vorkommt, und schon sind manche Jungen alarmiert. "Es ist doch meine Aufgabe als Mann, meine Familie zu ernähren", gibt einer zu bedenken. "Die Frau, die soll kochen, putzen, Kinder großziehen." Fatih meldet sich erneut: "Ich will doch nicht, dass meine Frau von Arbeitskollegen angemacht wird!" 

Eine unabhängige Frau könnte ihren Mann verlassen

Finanziell unabhängige Ehefrauen, so dämmert den Jungen, müssen sich nicht alles gefallen lassen. Sie sind nicht vom Mann abhängig, sie könnten ihn abweisen oder sogar verlassen. Es braucht Zeit und Geduld, bis sie bereit sind, Strukturen von Kontrolle und Macht in Frage zu stellen.

Kaum eine Mutter aus der Community, in der Sema und Fatih aufwachsen, war je erwerbstätig. Viele der Väter, Onkel und großen Brüder sind schlecht ausgebildet. Semas und Fatihs Eltern haben außerdem Sehnsucht nach einer Heimat. Sie sitzen zwischen allen Stühlen, weder hier in Deutschland noch dort in der Heimat ihrer Eltern gehören sie dazu. Ihr Festklammern an der Tradition sichert nicht nur den Familienzusammenhalt, es gibt ihnen die Illusion, sie wären noch irgendwo zu Hause.

Wenn die Heroes, die selbst ähnlich erzogen worden sind, den Jugendlichen erzählen, dass eine gleichberechtigte Frau keine Bedrohung sein muss, sondern eine solidarische, liebende Partnerin werden kann, hören die Schüler eher zu als wenn diese Ideen von "den Deutschen" kommen. Sie hören sich an, dass die Beziehung zu Schwester und Mutter inniger werden kann, wenn sie nicht auf Angst, sondern auf gegenseitigem Respekt und herzlichem Vertrauen basiert. Dass man seine Kultur und seine Religion nicht verleugnen muss, wenn man sich aus den Leid bringenden Strukturen löst.

Die Mädchen träumen, bei der Klassenreise dabei sein zu dürfen

Mit den kleinen Wünschen beginnt die Unabhängigkeit. Sema und ihre Mitschülerinnen sprechen plötzlich offen von ihrem Traum, zur nächsten Klassenreise mitkommen zu dürfen. Denn die meisten von ihnen müssen zu Hause bleiben, wenn die Klasse losfährt – an einen See im Grünen, oder nach Italien. Denn dort würden ja Mädchen mit Jungen in derselben Jugendherberge übernachten. Sema und ihre Mitschülerinnen würden sich auch gern so kleiden, wie sie wollen. Sie sehnen sich danach, mit ihrem Freund Hand in Hand durch den Park zu schlendern oder ins Kino gehen zu können, ohne sich vor den Brüdern oder Eltern zu fürchten.

Und Fatih? Ihm ist bewusst geworden, dass seine Mutter ihm nicht bei den Hausaufgaben helfen kann, weil sie kaum lesen kann. Dass es schön wäre, wenn sie sich für seine Schule interessieren könnte. Er, der im Workshop noch erbittert auf die "Tradition" gepocht hatte, sagt hinterher: "Toll, das war voll krass. Macht weiter Jungs!"