FamilienglückBesuch von Rosalie

Das Kind soll ein unverkrampftes Verhältnis zu Spinnen haben. Auch wenn die Mutter sich dafür zusammenreißen muss. Von Mark Spörrle von 

"Ich wollte nur mal anrufen", sagte meine Liebste.

Sie hatte einen freien Tag und war mit unserer Tochter daheim. Ich merkte sofort, dass etwas nicht stimmte. Ihre Stimme klang anders. Gepresst.

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"Was ist los?", fragte ich alarmiert. "Kannst du sprechen?" "Ja", sagte sie. "Wie geht es Luise?" "Gut", sagte sie. "Wie geht es Dir?"

"Eigentlich gut..." Ihre Stimme versagte.

Durch meinen Kopf jagten diverse Bedrohungsszenarien. Luise rief fröhlich ins Telefon: "Papa, wir haben Besuch von Rosalie!"

Ich wusste nicht, ob ich das beruhigend finden sollte.

"Wer ist das? Was will sie?" "Sicher zu essen!", rief Luise. "Aber bei uns gibt es keine Fliegen!" Aufatmend sank ich auf meinen Stuhl zurück. "Ein Frosch?" "Eine Minispinne!"

Hellauf erleichtert sagte ich zu meiner Liebsten, dass sie wahnsinnig sei und nicht viel gefehlt hätte und ich mit dem SEK zu Hause aufgetaucht wäre.

"Das tut mir leid", sagte sie. "Ich wollte nur mal mit dir reden. Über die – süße Rosalie." Diese Worte über eine Spinne aus dem Mund meiner Liebsten waren schon ziemlich erstaunlich.

"Wie groß ist sie", fragte ich.

"Mindestens einen Zentimeter, inklusive Beinen."

Gewöhnlich verließ sie bei diesen Ausmaßen türenknallend das Zimmer oder griff zu etwas, das sich als Waffe eignete. Nein, Spinnen und ähnliches Getier gehören nicht zu den Lieblingen meiner Liebsten. Die Belegschaft eines Berliner Restaurants wird sicher nicht so schnell den Tag vergessen, an dem man ihr zum Salat versehentlich eine Schnecke servierte. Die meine Liebste samt Salat im Affekt zurück in die Küche pfefferte.

"Wo ist denn die kleine Spinne", fragte ich.

"Im Wohnzimmer. Vor der Balkontür", sagte sie. "Und sie guckt so seltsam", flüsterte sie. "Geh ruhig näher ran und schau dir die süße kleine Rosalie an, Luise", sagte sie laut.

Allein diese Worte mussten sie große Überwindung kosten.

"Ich habe angerufen, weil ich etwas vorhabe", flüsterte die Liebste. "Ich werde mich jetzt weiter unheimlich beherrschen. Und dann werde ich diese Spinne auf die Terrasse setzen, wo sie ihre Fliegen fangen kann."

Ich lachte erst, denn ich dachte, sie mache einen Witz. Vor allem: Um eine Spinne irgendwohin zu setzen, muss man ihr viel näher kommen als auf Lexikonwurfweite.

"Ich werde das tun", sagte meine Liebste leise und tapfer. "Ich möchte nicht, dass Luise sich später mal so anstellt wie ich, verstehst du? Sie soll ein ganz unverkrampftes, unbelastetes Verhältnis zu diesen furchtbaren Tieren haben."

Leserkommentare
  1. 1. Super!

    ziemlich gelacht! :-)

    4 Leserempfehlungen
    • Zora01
    • 04. März 2013 15:10 Uhr

    Eine Bekannte erlebt ähnliches mit ihrem Mann. Sie musste ein Regal von der Wand abschrauben, hinter das eine Spinne gekrabbelt war, weil er in der Wohnung nicht hätte schlafen können, solange das Tierchen sich auf freiem Fuß befindet.

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  2. 3. Geil!

    Sehr geil.

    Ich erinnere mich noch wie ich zu meiner Damaligen in die Wohnung kam und die Küchentüre, die IMMER offen war versperrt fand. Die Türe habe sie bis zu meinem Erscheinen geschlossen, da sich (zittrige Stimme) darin ein UNTIER befände - eine RIE-SI-GE Spinne.

    Ich wollte dann die Küche betreten, durfte aber erst nicht, da sie im Moment meines Eintretens ja in den Rest der Wohnung hätte entfleuchen können. Musste also mit flottem "Tür einen Spalt auf, reinschlüpfen, Tür zuknallen" in die Küche um der Situation Herr zu werden.

    Naja, dann lief es so wie es immer läuft:

    Ich fing die Spinne ganz unsentimental mit einem Zewa und zerdrückte sie, dann ab in den Mülleimer. Doch als ich, meinen triumphalen Empfang erwartend, die Küchentür öffnete und das Ende der Bedrohung verkündete, da machte die Damalige sich plötzlich große Sorgen: "Hast du sie auch vorsichtig aus dem Fenster gesetzt? Du hast sie doch nicht ermordet?"

    Ich gestand meine Tat ein und sie wurde aufgewogen mit der Widereroberung der Küche. So dass ich ohne weitere Schelte, aber mit dem Gelöbnis fortan nur noch Postkarten und Gläser zur Spinnenverbringung zu nutzen aus der Situation rauskam...

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    Warum haben Sie nicht das nützliche Tier, das Ihnen nichts getan hat, einfach ins Freie gesetzt? Hätte Ihr Karma sicherlich verbessert, im Gegensatz zu ihrer Untat.

    Tip aus eigener Erfahrung: dieser Lebendfänger hier ist, im Gegensatz zu anderen Modellen, wirklich praxistauglich auch für große Viecher, und der Phobiker kann weit genug wegbleiben

    http://www.amazon.de/dp/B003VJTJMC/ref=asc_df_B003VJTJMC12192198?smid=A3...

  3. 4. [...]

    Entfernt. Bitte formulieren Sie Ihre Kritik sachlich. Die Redaktion/ls

    2 Leserempfehlungen
  4. Wohnung im Grünen mit nahezu ständigen Spinnenbesuchen jeder Art (also auch die größeren a la Winkelspinne und Zitterspinne).
    Da wird das schon mit der Phobie.

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  5. der Spinne passt, verliert man tatsächlich die Furcht vor diesen harmlosen Tieren.

  6. ...neues Drama.

    4 Leserempfehlungen
    • Chrina
    • 04. März 2013 16:06 Uhr

    ... aber ich kann mir nicht helfen: die Protagonisten dieser Serie sind mir mit jedem Text unheimlicher. Kann man das Kind nicht einfach ein bisschen weniger hysterisch in Ruhe aufwachsen lassen?! Es wird sich schon nicht jede Dummheit der Eltern abgucken, das tut es bei den Klugheiten ja sicher auch nicht.

    Meine Mutter hat panische Angst vor Wespen und das auch immer sehr deutlich gezeigt - ich fand das als Kind eher seltsam und hab ihr bis heute nicht nachgeeeifert. Meine Eltern haben früher beide geraucht, und ich hab bis heute keine Zigarette im Mund gehabt. Bitte mehr Entspannung, liebe Spörrles.

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    • Mari o
    • 04. März 2013 16:24 Uhr

    doch doch. Kinder lernen von ihren Eltern;und auch Sachen auf die sie von selbst garnicht gekommen wären.muss das wirklich noch gesagt werden

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Spinne | Tollwut | Glas | Glück | Restaurant | Ski
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