Leserartikel

EcuadorSex findet nur heimlich statt

In Ecuador bekommen viele Teenager ungewollt Kinder. Leserin Nina Brandau sieht eine Ursache in der altmodischen Erziehung, die keine Eigenverantwortung zulässt. von Nina Brandau

Kürzlich habe ich hier in Ecuador einen 24-jährigen Mann getroffen, der fünffacher Vater war. Seine Kinder stammen von verschiedenen Frauen. Was für eine Sorglosigkeit!

Ich arbeite in Riobamba in einem Kulturzentrum und lebe in einer Gastfamilie, die zwei Kinder in meinem Alter hat. Der entwicklungspolitische Freiwilligendienst weltwärts hat mich hierher gebracht.

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Die Verantwortungslosigkeit vieler junger Männer hier erschreckt mich. Meine ecuadorianischen Kollegen konnten meine Kritik an dem fünffachen Vater aber gar nicht nachvollziehen. Sie meinen, eine Frau sei schuld, wenn sie schwanger werde, sofern der Mann von ihr verlangt habe, die Pille zu nehmen.

17,2 Prozent der Ecuadorianer bekommen ihr erstes Kind als Teenager im Alter zwischen 15 und 19 Jahren. Das ist die zweithöchste Rate jugendlicher Eltern Lateinamerikas. Oft werden Armut und Bildungsdefizite für die frühen Schwangerschaften verantwortlich gemacht. Doch das trifft nur auf die indigene Bevölkerung auf dem Land zu. Der größten Bevölkerungsgruppe Ecuadors, den Mestizen, fehlt meist weder das Geld noch die Bildung. Die jungen Mestizen wachsen einfach in einem Umfeld auf, das es ihnen nicht ermöglicht, Eigenverantwortung zu lernen.

Von Jugendlichen wird erwartet, dass sie sich intensiv dem Familienleben widmen, egal was sie sonst für Interessen haben. Die Heranwachsenden können sich nicht von den Eltern abnabeln. Selbst als Studenten bleiben sie meist zu Hause wohnen. Mama kocht und wäscht für sie. Bei wichtigen Angelegenheiten betreuen ihre Eltern sie. Ein Uniprojekt organisieren? Nach einem Diebstahl eine neue Bankkarte beantragen? Das wird 21-Jährigen nicht zugetraut.

Verhütung ist kein Thema

Durch den Schutz der Familie lernen die jungen Erwachsenen nicht, selbst Verantwortung zu übernehmen. Nur wenn sie sich an die Regeln der Eltern halten, bekommen sie Unterstützung. So werden ihnen auch nach dem 18. Lebensjahr noch Ausgangssperren gesetzt. Auch ob Freunde zu Besuch kommen dürfen, bestimmen die Eltern.

Sexualität und Verhütung sind Tabuthemen. Zwar wissen die Eltern, dass ihre Kinder nicht jungfräulich in die Ehe gehen, sie behandeln ihren Nachwuchs aber so, als sei er unschuldig. Junge Paare treffen sich oft heimlich. Unter Zeitdruck kommen sie sich schnell näher. Sie nutzen die wenigen Stunden außerhalb familiärer Grenzen, können mit dieser Freiheit aber nicht verantwortungsvoll umgehen. Sie schlafen ohne Kondome miteinander und sind nicht fähig, die Konsequenzen abzuschätzen.

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Deshalb werden viele junge Frauen ungewollt schwanger. Da Abtreibung illegal ist, müssen sie das Kind austragen. Auch wenn die Eltern dann enttäuscht sind, akzeptieren sie den unerwarteten Familienzuwachs. Für die jungen Mütter ist es viel schwieriger, den Vater des Kindes von seiner Verantwortung zu überzeugen. Die Gesellschaft ist vom Machismo geprägt. Dass Männer für ihre Taten gerade stehen sollen, kränkt ihr Ego.

Ein Student, der sich um fünf Kinder kümmern muss, wird seine elterlichen Pflichten kaum erfüllen. Auch Studentinnen können ein Kind nicht ausreichend versorgen. Und so sind wieder einmal die Eltern der jungen Mütter die unterstützende Kraft. Sie übernehmen die Verantwortung für alle Familienmitglieder.

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Leserkommentare
  1. Das Gegenteil davon wäre ja wohl, dass Sex öffentlich statt finden würde. Ist das gewollt?

    Ansonsten frage ich mich (und den, der den Artikel freigegeben hat), was daran so interessant ist, dass er freigegeben wurde.

    3 Leserempfehlungen
  2. Warum schockiert Sie die Verantwortungslosigkeit der jungen Frauen nicht? Wie Sie am Ende ja einräumen, sind es ja die Großeltern und nicht die Mütter, die sich um die Kinder kümmern.

    14 Leserempfehlungen
    • Gibbon
    • 18. März 2013 19:58 Uhr

    Anscheinend sind die Großeltern ja bereit sich um die Enkel zu kümmern. Biologisch gesehen sind die Frauen zwischen 15 und 19 im besten Alter zum Kinderkriegen und wenn das in ihrer Gesellschaft okay ist und die Eltern der Mädchen bereit sind sich um den Nachwuchs zu kümmern - warum nicht?
    Was die im Artikel genannten Gründe angeht, scheint mir das etwas weit hergeholt. Auch hier in Deutschland sind viele junge Menschen im genannten Alter noch sehr von ihren Eltern abhängig, wohnen auch noch bei ihnen und würden bei Problemen auch erstmal die Eltern ansprechen. Das ist doch ganz normal. Ungewollte Schwangerschaften sollte das aber normalerweise nicht begünstigen. Bezieht die Bildung denn eine aufgeklärte Sexualtität mit ein? Denn Bildung ist ja nicht gleich Bildung.

    4 Leserempfehlungen
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    • nina_b
    • 19. März 2013 3:14 Uhr

    Natürlich haben die Mädchen Glück, wenn sie von ihren Eltern unterstützt werden. Doch auch die Eltern müssen oft den ganzen Tag arbeiten, um die Familie zu versorgen. So bleibt oft zu wenig Zeit den Kindern die Aufmerksamkeit zu schenken, die sie benötigen.
    Auch wenn deutsche, junge Erwachsene in den meisten Fällen noch von ihren Eltern abhängig sind, werden sie nicht mehr von ihnen "kontrolliert". Hier in Ecuador kenne ich beispielsweise mehrere Eltern, die ihre Kinder, die nicht mehr zu Hause wohnen 3 mal täglich anrufen. In Deutschland habe ich eher das Gefühl, dass die Kinder zwar in problematischen Situationen auf Unterstützung zählen können, doch die Eltern ihnen sonst ihre Freiheit lassen.
    Wie aufgeklärt die Jugendlichen sind hängt sehr von ihrer Bildung ab. Da ich mich in meinem Artikel hauptsächlich auf die Mittel- und Oberschicht beziehe, die ihren Kinder eine gute Schulbildung finanzieren kann, kann man davon ausgehen, dass die Jugendlichen Sexualunterricht bekommen haben.

  3. zum einen sind viele Familien so konservativ eingestellt, dass die Männer (oder Jungs), die ungewollt jemanden schwängern, die Person auch heiraten müssten - wollen sie nicht das Gesicht verlieren (bzw. den Namen ihrer Familie schaden). Das ist in meinem ecuadorianischen Umfeld ein paar Mal passiert. Ganz der Macho, geht man mit jeder ins Bett, die grob ins Beuteschema passt - und hat nachher nicht keine Wahl, als den One-Night-Stand zu heiraten.
    Zum anderen stimmt schon, dass es Sex nur heimlich stattfindet. Heimlich ist dabei nicht das Gegenteil von öffentlich, sondern von offen, im Sinne von: "hey, Leute, das ist mein Freund/meine Freundin. Mit der/dem schlafe ich auch." Deshalb gibt es jede Menge Stundenhotels, motels genannt, wo man anonym für ein paar Stunden allein sein kann. Das führt -meiner Meinung nach- zu einer Kultur der Lüge, in der es ganz normal wird, der Familie irgendetwas zu erzählen - nur um etwas Freiraum zu gewinnen.
    Drittens. Abtreibung ist illegal und das wird sich im Land so bald nicht ändern. Aber: es gibt sehr viele illegale Möglichkeiten -unterschiedlicher Qualität- die auch rege genutzt werden.

    7 Leserempfehlungen
  4. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man ein schwieriges und verbrecherisches wirtschafltiches Umfeld so beschreibt wie die Autorin. Ich halte es gar fuer radikal rechts, das ist aber ein typisches Migrantenthema, insofern, dass man einfach selektiv Taten nicht verfolgt, die der Elite nutzen gibt es das in Europa notorisch ebenso. Das sich das auf die Kinder abbildet ist etwas, wofer die Eliten und Unternehmen, und die Staatsbediensteten, die das decken um geschmiert zu werden tragen muessen.

    • Fabajo
    • 18. März 2013 20:44 Uhr

    Zwar sind biologisch gesehen gute Jahre für die Fortsetzung, diese ist aber gar nicht gewollt. Ob die Unterstützung auch nicht fehlen würde, heißt noch nicht, dass man es mitgerechnet hat. In der Tat ist die Tabuisierung von Sex und Verhütung schuldig daran, dass die Jugendliche nicht einmal mit ihrem Partnern in Voraus darüber sprechen, sondern dass nach dem Motto "Spontanität und schuldfreie Triebe", sie gar nicht diese Kuriosität und Gefühle reflektieren und die Entscheidung verantwortungsbewusster treffen. Aber man kann diese jetzt gar nicht vom gesellschaftlichen Druck entfesseln, und Eltern wissen auch nicht wie sie damit umgehen können.

    aber man will nicht.

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    3 Leserempfehlungen
  5. ... ist doch, dass sich überhaupt jemand um die Kinder kümmert. Traurig allerdings dass die Jungs nicht mithelfen müssen. Wie kann man so etwas schönes und süßes wie ein kleines Kind freiwillig verpasst. Konnte ich noch nie verstehen, und das schreibe ich als Kerl.

    9 Leserempfehlungen
    • virom
    • 18. März 2013 20:46 Uhr

    Es tut mir leid aber in diesem Artikel steckt viel Mist was aus halbgaren Wissen wohl entstand.

    "Die Verantwortungslosigkeit vieler junger Männer hier erschreckt mich." und was ist mit der junger Frauen? Ich habe ein Jahr in Ecuador gearbeitet und es ist auch andersrum. Das Problem sind aber nicht die Jugendlichen sondern die Eltern.
    Die Jugendlichen nutzen keine Verhütungsmittel, da diese oft mit ihren Eltern in kleinen Wohnungen wohnen oft auch mit den Eltern in einem Zimmer. Diese Situation macht es unmöglich Verhütungsmittel zu benutzen da diese ja irgendwo gelagert werden müssen was die elterliche Vorstellung zerstört dass die Kinder erst nach ihrer Hochzeit Sex haben (die meisten Menschen sind Katholiken). Sind die Jugendlichen dann erst schwanger wird oft schnell geheiratet um dennoch den Schein zu wagen.

    "Der größten Bevölkerungsgruppe Ecuadors, den Mestizen, fehlt meist weder das Geld noch die Bildung"
    Waren Sie schonmal in Guayaquil oder an der Küste Ecuadors? Ich kenne genug Mestizen, die kaum Geld haben noch einen hohen Bildungsstand (gerade das Thema betreffend)

    Natürlich ist der Machismo stark ausgeprägt in Ecuador was aber leider in ganz Südamerika der Fall ist und nicht ein ecuadoriansiches Problem an sich.

    10 Leserempfehlungen
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    • nina_b
    • 19. März 2013 3:34 Uhr

    Dass ich mich in meinem Artikel eher auf die Mittel-und Oberschicht beziehe, kommt leider durch die Kürzung nicht gut zum Vorschein.
    Gerade vor 2 Wochen habe ich an der Küste mit einer Familie mit 12 Kindern gelebt, wo sowohl Geld als auch Bildung gefehlt haben.
    Doch auch in dieser Familie konnte ich sehen, dass der Vater seine Verantwortung nicht sehr ernst nahm. Er lebte nämlich im Nachbarort und ließ seine Frau das Geld verdienen und die Familie versorgen.
    Natürlich ist der Machismo nicht ein ecuadorianisches Problem an sich. Doch ich bin der Meinung, dass er gerade hier zu der hohen Jugendschwangerschaftsrate beiträgt. Und diese ist nunmal höher als in anderen südamerikanischen Ländern.

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  • Quelle Leserartikel
  • Schlagworte Abtreibung | Alter | Armut | Ausgangssperre | Bevölkerungsgruppe | Bildung
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