FamilienglückKleiderklau im Kindergarten

Die brandneuen rosa Hausschuhe sind weg. Hat die Kindergarten-Bande wieder zugeschlagen? Mark Spörrle geht auf die Suche. von 

Es war im Kindergarten kurz vor dem Morgenkreis und ich hatte es noch eiliger als sonst, denn ich war gleich im Büro mit einem wichtigen Gesprächspartner verabredet. Schnell eskortierte ich meine Tochter zu ihrem Kleiderfach, half ihr beim Stiefelausziehen, gab ihr ein Abschiedsküsschen und bat sie, ja die Hausschuhe anzuziehen.

Und Luise sagte: "Die sind weg!"

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Ich erstarrte. Ich hatte Luise am Abend zuvor abgeholt und dabei ihre rosa Hausschuhe definitiv in ihr Fach gestellt. Wo sie jetzt fehlten. Sehr ungut, weil es im Kindergarten Treppen gibt, auf denen Kinder in Strümpfen ausrutschen können. Weil die Böden fußkalt sind und teils nass von den Stiefeln der Eltern. Last but not least, weil Luise schon leicht schniefte.

Mit hastigen Bewegungen durchwühlte ich Luises Kleiderfach – nichts! Ging vor meiner kichernden Tochter in Liegestützposition und sah unter den Schränken nach – nichts! Ich federte wieder hoch und begann, die benachbarten Kleiderfächer zu durchwühlen, man weiß ja nie. Nichts!

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Ich musste mich sehr zwingen, kinderschädigende Flüche zu unterdrücken, denn es war eben nicht das erste Mal. Meist fehlten Kleider beim Abholen: Das blaue Halstuch, die türkisfarbene Sonnenmütze, die rote Kapuzenjacke. Und jetzt also schon beim Hinbringen.

Selbst wenn ich sehr hastig zur U-Bahn ging: Ich hatte nicht mehr viel Zeit.

Martha, die Erzieherin, schritt vorbei. In der Hand schon die Glocke, mit der sie gleich zum Morgenkreis läuten würde. "Martha", rief ich, "entschuldigen Sie…" Huldvoll hob sie die Hand. Und wollte weiter.

"Haben Sie vielleicht Luises rosa Hausschuhe gesehen?", rief ich ihr hinterher. Martha zuckte die Schultern. Riet mir dann aber doch, in der Kiste mit den Fundsachen zu suchen, "aber bitte ganz schnell". Ich hastete zur Kiste und es ging wirklich ganz schnell: Abgesehen von einem skalpierten und beinamputierten Playmobil-Männchen war die Kiste leer.

Ich warf einen schnellen Blick in den Rollenspielraum. Keine Spur von den Hausschuhen, dafür stolperte ich über Leonies Vater. Er lag in seinem Sakko auf dem Bauch und kramte im Backofen der Spielzeugküche.

"Hast du Leonies Sportzeug gesehen?", fragte er. "Ein blauer alter Jutebeutel!"

"Hintere Schrankreihe links oben hinter den Bällen", erwiderte ich.

Er strahlte und schnellte los.

"Luises Hausschuhe?", rief ich ihm hinterher. "Rosarot?!?"
Er zuckte bedauernd die Schultern. Ich würde zur U-Bahn rennen müssen. Die Glocke läutete. "Morgenkreis!" ertönte Marthas schnarrende Stimme. Die letzten Eltern hasteten durch den Flur. Eine Mutter riss ein Fach nach dem anderen auf und fauchte etwas von einer "verdammten grünen Regenjacke".

"Morgenkreis!", rief Martha mahnend hinter mir.

"Ich suche die Schuhe meiner Tochter!", erinnerte ich.

"Alles findet sich wieder", glaubt die Erzieherin

"Die finden sich wieder. Alles findet sich wieder", erwiderte sie, als spräche sie mit einem Kind. Oder einem Vollidioten.

Ich hatte Zweifel an ihrer Theorie. Luises verschollenen Hausschuhe waren brandneu. Und die Verluste der Vergangenheit hatten gezeigt, dass die Chance, dass ein verschwundenes Stück wieder auftauchte, umso geringer war, je neuer oder schöner es aussah: Die schicke schwedische Mütze, Luises Stoffhandtasche (unwiederbringliches Einzelstück), der leuchtende Sternen-Pullover: weg für immer.

Ganz anders die hässliche blaue Jacke, an der unsere Tochter so hing. Viel zu sehr. Aber obwohl ich sie mehrfach in andere Fächer hängte: sie kam immer zurück. Das konnte kein Zufall sein.

Es sei jammerschade, ätzte Martha, dass manche Eltern immer andere für alles verantwortlich machten.

Sie rief Luise zu sich.

"Könnten Sie meiner Tochter vielleicht andere Hausschuhe leihen", rief ich, "oder in Gottes Namen wenigstens dicke Sock...."

Die Tür des Morgenkreisraumes schlug zu. Ich würde auch die Strecke von der U-Bahn zum Büro rennen müssen.

Leserkommentare
  1. ich hatte ja schon "Elchi", Luises Stofftier verdächtigt... ;-)

    Eine Leserempfehlung
  2. Mein Verdacht viel sofort auf Rosalie, die Spörrlsche Hausspinne, die eigentlich ein Fussel war - wenn ich mich recht erinnere ...?

  3. Wie immer wunderbar!

    Mein Verdacht fiel sofort auf Rosalie, die Spörrlsche Hausspinne, die eigentlich ein Fussel war - wenn ich mich recht erinnere ...?

  4. 4. Schade

    der Schluss hats versaut. Und es sind also so viele Männer in den Kitas unterwegs, die ihre Kinder wegbringen? Soso.

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    ...das ist so ungewöhnlich?

    "Und es sind also so viele Männer in den Kitas unterwegs, die ihre Kinder wegbringen? Soso."

    In einem Erzähluniversum, in der ein Mann im Osterhasenkostüm die Weihnachtsgeschenke bringen soll, ist alles möglich. ;-)

    P.S.: Den Schluss fand ich super.

    In unserer Kita sieht man sowohl beim Bringen als auch Holen Väter, so ungewöhnlich ist das nicht. Gerade wenn man Teilzeit arbeitet, macht es Sinn, dass der Vater, der Luft nach hinten hat, morgens "dran" ist.

    Wie immer ein netter Artikel! Ich freue mich immer über Nachschub. Da unsere Tochter erst 2 ist, erfahre ich in homöopathischen Dosen, was uns in ein paar Jahren erwartet....

    Ps. Unsere echt fies teuren Ticket to Heaven Handschuhe (Eltern werden die kennen) fand ich nach ewigem Suchen eingegraben in der Sandkiste vor der Kita... Und in Gedanken hatte ich bereits eine anklagende "Brandemail" an alle Eltern verfasst!

    • Oakham
    • 16. April 2013 10:32 Uhr

    "....so viele Männer in den Kitas unterwegs, die ihre Kinder wegbringen? "

    Allerdings. Sie - die vielen Männer - bringen die Kinder hin - nämlich in die Kita. Und nicht selten werden die Kinder auch von den Vätern wieder abgeholt. So ist es zumindest in den etwas größeren Städten dieses Landes üblich. Auf dem flachen Land mag das ja anders sein.

    Redaktion

    ... viele Männer unterwegs, die morgens ihre Kinder wegbringen. Zumindest in meinem Kindergarten. Woher nehmen Sie Ihre Zweifel?

    Ich (Vater) treffe beim Bringen der Kinder meist mehr Väter als Mütter. Beim Abholen eher Mütter.
    Manchmal sind es übrigens die Kinder, die schöne Sachen mopsen. Bei uns hat da ein Zettel mit Suchanzeige schon was zurückgebracht, was ein Mädchen bei sich versteckt hatte. In dem Alter ist da manchmal der Wunsch nach selber haben stärker als der anerzogene Respekt vor fremdem Eigentum.

  5. 5. Und...

    ...das ist so ungewöhnlich?

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Schade"
  6. :) das wächst sich aus
    aber mit dem Morgenkreis ist sie pünktlich,die Martha

  7. sind auch so Dinge, für die man im Laufe der Kindergarten- und Schuljahre ein mittelgroßes Vermögen ausgibt. Irgendwo muss es eine geheime Organisation geben, die in haushohen Schränken Brotbüchsen hortet, ordentlich archiviert nach Inhalt und Vorbesitzer. Oder hat der Interessenverband der Brotbüchsenindustrie einen Kunststoff entwickelt, der sich nach einer gewissen Nutzungsdauer spontan in molekulare Bestandteile/zerknitterte Elternzettel/einzelne Sportsocken/kopflose Playmobilmännlein verwandelt?

    8 Leserempfehlungen
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    • sinta
    • 16. April 2013 9:45 Uhr

    Sie haben das schön auf den Punkt gebracht.
    Nachdem ich gestern diesen Artikel und Ihren Kommentar gelesen habe, habe ich mir überlegt, wieviel Zeit ich schon mit 'SUCHEN' verbracht habe. Meine Söhne sind jetzt 23 und 14 und bei dem 14jährigen hat das Suchen auch noch nicht aufgehört. Ein schönes verlängertes Wochenende springt da alllemal raus. Ich gehe gleich mal schauen, wie die Preise für ein Wellness-Wochenende so aussehen. ;)
    (Bei meiner 'Rechnung' habe ich nicht den 'Einen speziellen Legostein' mit einberechnet, den man IMMER suchen muss, wenn man mit seinem Kind die Ritterburg, das Star-Wars-Modell, Piratenschiff oder was auch immer zusammenbaut ...)

  8. "Und es sind also so viele Männer in den Kitas unterwegs, die ihre Kinder wegbringen? Soso."

    In einem Erzähluniversum, in der ein Mann im Osterhasenkostüm die Weihnachtsgeschenke bringen soll, ist alles möglich. ;-)

    P.S.: Den Schluss fand ich super.

    3 Leserempfehlungen
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    • hd74
    • 16. April 2013 11:14 Uhr

    das ist Realtität. Viele Väter bringen ihre Kinder auf dem Weg zur Arbeit in der Kita vorbei. Auch mein Mann macht das und da ist er weiß Gott nicht der einzige.

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  • Schlagworte Eltern | Kindertagesstätte | Mädchen | U-Bahn
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