Es war im Kindergarten kurz vor dem Morgenkreis und ich hatte es noch eiliger als sonst, denn ich war gleich im Büro mit einem wichtigen Gesprächspartner verabredet. Schnell eskortierte ich meine Tochter zu ihrem Kleiderfach, half ihr beim Stiefelausziehen, gab ihr ein Abschiedsküsschen und bat sie, ja die Hausschuhe anzuziehen.

Und Luise sagte: "Die sind weg!"

Ich erstarrte. Ich hatte Luise am Abend zuvor abgeholt und dabei ihre rosa Hausschuhe definitiv in ihr Fach gestellt. Wo sie jetzt fehlten. Sehr ungut, weil es im Kindergarten Treppen gibt, auf denen Kinder in Strümpfen ausrutschen können. Weil die Böden fußkalt sind und teils nass von den Stiefeln der Eltern. Last but not least, weil Luise schon leicht schniefte.

Mit hastigen Bewegungen durchwühlte ich Luises Kleiderfach – nichts! Ging vor meiner kichernden Tochter in Liegestützposition und sah unter den Schränken nach – nichts! Ich federte wieder hoch und begann, die benachbarten Kleiderfächer zu durchwühlen, man weiß ja nie. Nichts!

Ich musste mich sehr zwingen, kinderschädigende Flüche zu unterdrücken, denn es war eben nicht das erste Mal. Meist fehlten Kleider beim Abholen: Das blaue Halstuch, die türkisfarbene Sonnenmütze, die rote Kapuzenjacke. Und jetzt also schon beim Hinbringen.

Selbst wenn ich sehr hastig zur U-Bahn ging: Ich hatte nicht mehr viel Zeit.

Martha, die Erzieherin, schritt vorbei. In der Hand schon die Glocke, mit der sie gleich zum Morgenkreis läuten würde. "Martha", rief ich, "entschuldigen Sie…" Huldvoll hob sie die Hand. Und wollte weiter.

"Haben Sie vielleicht Luises rosa Hausschuhe gesehen?", rief ich ihr hinterher. Martha zuckte die Schultern. Riet mir dann aber doch, in der Kiste mit den Fundsachen zu suchen, "aber bitte ganz schnell". Ich hastete zur Kiste und es ging wirklich ganz schnell: Abgesehen von einem skalpierten und beinamputierten Playmobil-Männchen war die Kiste leer.

Ich warf einen schnellen Blick in den Rollenspielraum. Keine Spur von den Hausschuhen, dafür stolperte ich über Leonies Vater. Er lag in seinem Sakko auf dem Bauch und kramte im Backofen der Spielzeugküche.

"Hast du Leonies Sportzeug gesehen?", fragte er. "Ein blauer alter Jutebeutel!"

"Hintere Schrankreihe links oben hinter den Bällen", erwiderte ich.

Er strahlte und schnellte los.

"Luises Hausschuhe?", rief ich ihm hinterher. "Rosarot?!?"
Er zuckte bedauernd die Schultern. Ich würde zur U-Bahn rennen müssen. Die Glocke läutete. "Morgenkreis!" ertönte Marthas schnarrende Stimme. Die letzten Eltern hasteten durch den Flur. Eine Mutter riss ein Fach nach dem anderen auf und fauchte etwas von einer "verdammten grünen Regenjacke".

"Morgenkreis!", rief Martha mahnend hinter mir.

"Ich suche die Schuhe meiner Tochter!", erinnerte ich.

"Alles findet sich wieder", glaubt die Erzieherin

"Die finden sich wieder. Alles findet sich wieder", erwiderte sie, als spräche sie mit einem Kind. Oder einem Vollidioten.

Ich hatte Zweifel an ihrer Theorie. Luises verschollenen Hausschuhe waren brandneu. Und die Verluste der Vergangenheit hatten gezeigt, dass die Chance, dass ein verschwundenes Stück wieder auftauchte, umso geringer war, je neuer oder schöner es aussah: Die schicke schwedische Mütze, Luises Stoffhandtasche (unwiederbringliches Einzelstück), der leuchtende Sternen-Pullover: weg für immer.

Ganz anders die hässliche blaue Jacke, an der unsere Tochter so hing. Viel zu sehr. Aber obwohl ich sie mehrfach in andere Fächer hängte: sie kam immer zurück. Das konnte kein Zufall sein.

Es sei jammerschade, ätzte Martha, dass manche Eltern immer andere für alles verantwortlich machten.

Sie rief Luise zu sich.

"Könnten Sie meiner Tochter vielleicht andere Hausschuhe leihen", rief ich, "oder in Gottes Namen wenigstens dicke Sock...."

Die Tür des Morgenkreisraumes schlug zu. Ich würde auch die Strecke von der U-Bahn zum Büro rennen müssen.