Unser Kind kam per Kaiserschnitt zur Welt. Der Eingriff musste wegen Geburtsstillstands vorgenommen werden. Es hat viele überrascht, dass ich nicht mit mir hadere, weil die Geburt nicht ihren natürlichen Verlauf nahm: "Das hattest du dir doch sicher anders vorgestellt." Enttäuscht bin ich nicht, sondern dankbar, dass es die Möglichkeit gab, unser Kind auf anderem Weg zu befreien.

Der Ablauf einer Geburt ist nur zu einem kleinen Teil durch die Gebärdende beeinflussbar. Deshalb verstehe ich nicht, dass viele Mütter enttäuscht sind, wenn der eigene Körper nicht nach Plan funktioniert hat. Wenn sie es nicht geschafft haben, natürlich zu gebären.

Kaiserschnitt nach Wunsch und Termin sollte nicht zum Standard werden. Es ist gut, dass insbesondere Hebammen werdende Mütter ermutigen, sich die natürliche Geburt angstfrei zuzutrauen. Davon sollte aber keine Schwangere ein Anspruchsdenken an den eigenen Körper ableiten. Eine Geburt ist nicht nur dann beglückend, wenn sie ihren natürlichen Lauf nimmt, am besten ohne Schmerzmittel.

Wird dieses Szenario als das einzig Wahre definiert, empfinden es viele Frauen als Versagen, wenn der Körper die Leistung verweigert. Dann sitzen sie einem Irrglauben auf, von dem sich emanzipierte Frauen losgesagt haben: dem Ideal einer Frau, die in allen Bereichen zu funktionieren hat.

Überhöhte Ideale setzen Frauen unter Druck

Bücher wie Kaiserschnitt: Wie Narben an Bauch und Seele heilen können suggerieren schon durch ihren Titel, dass die Entbindung per Schnitt naturgemäß einen Knacks hinterlassen muss. Sie befördern die Meinung, dass der Kaiserschnitt stets die schlechtere Alternative ist. Im schlimmsten Fall erzeugen Bücher wie diese einen Druck, der in die persönliche Krise Schwangerer führt, wenn die Geburt nicht plangemäß verläuft.

Die natürliche Geburt ist der wünschenswerte Weg hinein ins Leben. Sie sollte aber nicht zum einzig erfüllenden Ideal überhöht werden. Wo sie nicht möglich ist, sollten Ermutigung und Bestärkung im Vordergrund stehen und zwar möglichst schon in den Geburtsvorbereitungskursen.

Auch ein überstandener Kaiserschnitt ist eine seelische und körperliche Leistung, die Anerkennung verdient. Nach einer Knie-OP erfahren Patienten Beistand und Zuspruch. Wenn eine Mutter per Kaiserschnitt entbindet, erntet sie oft Betroffenheit. Hier läuft etwas schief.

Der menschliche Körper ist keine getaktete Maschine. Jede schwangere Frau tut gut daran, sich dies gerade vor einer körperlichen Herausforderung wie der Geburt bewusst zu machen. Wenn es auf natürlichem Wege klappt: Wunderbar. Wenn nicht: Gut, dass es einen Weg gibt, die Geburt trotzdem gesund durchzustehen.