FamilienglückHochbett und Wahn

Anna in Luises Gruppe hat ein Bett, das bis unter die Decke ragt. Die anderen Kindergartenkinder sind fasziniert – und erpressen ihre Eltern, mit Erfolg. von 

Im Kindergarten sprachen alle nur noch über eins: Annas neues Hochbett. Es war aus Holz, weiß, hatte eine Leiter, eine Rutsche, eine Spielebene mit Kuschelecke und ganz unten einen Schrank. Eigentlich eine komplette Kinderzimmereinrichtung.

Aber vor allem war es hoch. Sehr hoch. Angeblich reichte es fast bis an die Decke der Altbauwohnung von Annas Eltern.

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Genaueres war schwer zu erfahren, denn die Kindergartenkinder rissen sich so darum, das Bett besichtigen zu dürfen, dass Annas Mutter einen Besuchsplan aufstellen musste. Luise war erst in elfeinhalb Tagen dran. Aber sie gehörte zu den wenigen Glücklichen, die vorab exklusiv ein Foto des Bettes sehen durften. Und sie wusste bereits, was sie wollte: "Mama, Papa, kann ich auch ein Hochbett haben? Eins genauso wie Anna! Bitte!!!"

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Ehrlich gesagt: Luises altes Bett wurde sowieso zu klein, weswegen ich mir schon seit einiger Zeit Gedanken machte – man kennt ja die Fotos von Menschen mit flachem Hinterkopf, die als Kind in zu kleinen harten Schubladen schlafen gelegt wurden. Also schlugen die Liebste und ich im Internet nach. Wir erfuhren, dass es in den USA jedes Jahr Zigtausende Hochbett-Unfälle gibt. Und dass sich Kinder in Städten wie Berlin, um ins Krankenhaus zu kommen, nicht mehr von Zäunen oder Bäumen stürzten, sondern gleich von ihrem Hochbett.

Die Liebste telefonierte sehr behutsam mit Annas Mutter.

"Gefährlich?", lachte die. "Oben ist doch ein Geländer drum."

"Ein hohes?"

"So 10, 20 Zentimeter…"

"Da kommt Anna doch locker drüber, oder? Habt Ihr nicht Dielenboden?…"

"Da haben wir noch nicht drüber nachgedacht", sagte Annas Mutter.

"Sie haben drei Kinder", beruhigte ich die fassungslose Liebste später. "Wenn einem etwas passiert, sind immer noch zwei übrig, versteht du?"

Die Liebste schärfte unserer Tochter ein, ein Besuch bei Annas Familie sei ab sofort nur noch in Begleitung vertrauenswürdiger Erwachsener gestattet.

"Wann kriege ich mein Hochbett?", erwiderte Luise. Zum geschätzt hundertsten Mal. Das sei normal, sagte Martha, die Erzieherin, alle Kinder im Kindergarten sagten das gerade, aber das sei sofort wieder vorbei, wenn die Sache mit den Ponys losgehe.

Nachts der Refrain: "Hi-, Ha-, Hochbett"

Auch das Verhalten unserer Tochter hatte sich geändert. Früher, wenn wir sie aus dem Kindergarten abgeholt hatten, spielte sie fröhlich mit ihren Freundinnen. Jetzt saßen die Mädchen, Anna erhöht in ihrer Mitte, mit ernsten Mienen zusammen, als bereiteten sie eine Schlacht vor. Und wenn Eltern auftauchten, hielten sie sich gegenseitig den Mund zu. 

Sicherheitshalber nahm ich Luise beiseite und machte ihr klar, dass Hochbetten des Teufels seien, ein Machwerk gewissenloser Möbelbauer, Krankenhausärzte und Bestatter. 

Unsere Tochter tobte nur kurz, das war verdächtig. Spätabends stand sie dann vor unserem Bett und wollte rein.

"Ich schlafe jetzt immer bei euch", kündigte sie an. "Morgen, übermorgen, immer! Bis ich ein Hochbett bekomme!"

"Jede Wette, das haben sie im Kindergarten besprochen", flüsterte die Liebste.

Ich trug die Erpresserin zurück in ihr eigenes Bett. Eine Stunde später kam sie wieder an, und schluchzte, sie habe große Angst vor den "Monstern" in ihrem Zimmer.

Leserkommentare
  1. Also ich habe von meinem neunten bis zu meinem zwanzigsten Lebensjahr in einem Hochbett geschlafen. Unfallfrei.
    Ein Eigenbau meines Vaters, stabil genug, um Erdbeben und Belagerungen mit schwerem Gerät (oder durch jüngere Geschwister) zu überstehen. In den wirren Jahren des Heranwachsens war es ein wichtiger Ort des Rückzugs und der Selbstbesinnung. Ich denke gern daran zurück.
    Erpressung hin, vermeintliche Gefahren her - Sie haben Ihrer Tochter etwas Gutes getan.

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    Redaktion

    Sie sind wirklich sicher?

  2. Hatte früher auch ein Hochbett und noch gute Erinnerungen daran, rausgefallen bin ich nie. Leider war es ein Model ohne Rutsche. In vielen Studenten-WGs sieht man heute immer noch Hochbetten. Damit kann man leicht den Platz in einem Zimmer verdoppeln wenn das Bett direkt unter der Decke ist.

    6 Leserempfehlungen
  3. Um ins Bett zu gehen braucht man überdimensionale Oberarmmuskeln um den Leiteraufstieg bis in Koje zu schaffen.

    Man kann aber, wenn man das nötige Kleingeld hat, sich mit dem Helikopter hoch fliegen lassen.

    Vom Bett aus hat man eine atemberaubende Aussicht über die Wolken und die Stadt.

    Wenn man aus dem Bett fällt, ist man wach.

    Wenn man zur Toilette muss, pinkelt man einfach über den Bettenrand in den Abgrund.

    :-)

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    Redaktion

    darf Luise keinesfalls lesen...!

    muss ich mich wohl um eine anständigere Wortwahl bemühen, oder?
    :-)

    ...

    [gek. Bitte bemühen Sie sich um einen kindgerechten Ton! / die Redaktion ms]

    • Hagmar
    • 07. Mai 2013 21:02 Uhr

    ... in meiner Familie gibt es ein Mädchen mit Hochbett, Fall aus diesem samt Armbruch beim Herumtoben mit Freundinnen, UND einem Haflinger... (läuft das noch unter "Pony"?) Machen Sie sich auf was gefasst :=)

    4 Leserempfehlungen
  4. Herr Spörrle, ich mag Ihre Berichte.

    Aber ungelogen JEDES MAL stolpere ich über dieses Unwort "Liebste", das sie Ihrer Frau/Freundin geben und auch noch gefühlte 20 Mal pro Mini-Arikel verwenden...

    Womöglich haben Sie das Wort bewusst gewählt, weil es künstlerisch und individuell und anders wirkt und Ihnen in jenem Moment wohl auch gerade passend vorkam.

    Aber, ehrlich, als Dauerbezeichnung ist das sowas von nervig.... dass ich mittlerweile genauestens abwäge, ob ich mir Ihre (wie gesagt eigentlich amüsanten) Artikel durchlese, weil es mir jedes einzelne Mal wieder aufstößt... und ich meine, aus vergangenen Kommentaren schließen zu dürfen, dass ich hierbei nicht die Einzige bin....

    Gibt es denn wirklich absolut und gar kein andere Wort, dass Sie zur Abwechslung mal dafür nehmen können und das im Lesefluss nicht so furchtbar aufgesetzt klingt???

    2 Leserempfehlungen
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    Schon unter der letzten Kolumne hat jemand gemeckert wg. der Verwendung von "Liebste" (waren Sie das etwa damals schon ;-) ?).

    Also, ich verstehe überhaupt nicht, was an der Bezeichnung schlimm ist - ich finde das sehr charmant. Wie schon mal geschrieben, sagt mein 44 Jahre alter Nachbar das auch, wenn er seine Lebensgefährtin (unverheiratet, zwei gemeinsame Kinder) meint, das finde ich immer süß.

    Die ganze Kolumne würde doch den Bach runtergehen, wenn dort "meine Ehefrau" stünde.

    Und "meine Partnerin" klingt so 90er Jahre retro.

    Bitte, Herr Spörrle, lassen Sie alles beim Alten. Wir haben uns doch so an die Namen gewöhnt. Demnächst fangen die Leser/innen sonst noch an, darüber abzustimmen, ob "Luise" in "Lara" oder "Lillifee" umbenannt werden sollte.... ;-)

    mir fällt es auch auf, jedoch sehr positiv. Mag sein, dass es manche als nervig empfinden, aber deswegen die Kolumne nicht lesen... naja.

    Besser als "die Alte" oder so ist das allemal. Und so kitschig wie Hasilein oder Herzelchen ist es auch nicht.

    das erinnert doch so schön an kishons beste ehefrau von allen ;-)

  5. Redaktion

    Sie sind wirklich sicher?

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  6. Redaktion

    darf Luise keinesfalls lesen...!

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    Antwort auf "Das HOCHbett..."
  7. muss ich mich wohl um eine anständigere Wortwahl bemühen, oder?
    :-)

    ...

    [gek. Bitte bemühen Sie sich um einen kindgerechten Ton! / die Redaktion ms]

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  • Schlagworte Altbauwohnung | Kindergarten | USA | Berlin
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