Familienglück : Danke, Edgar Selge!

Mark Spörrle schaut mit seiner Tochter Rotkäppchen, einen Film ohne Altersbegrenzung. Nun schläft das Kind wieder im Elternbett.

Sie haben es vielleicht schon gemerkt: Wir sind Eltern, die sich bemühen, alles richtig zu machen. Wir haben es beispielsweise geschafft, dass unsere Tochter endlich wieder in ihrem eigenen Zimmer schläft. Auch wenn wir ihr dafür ein teures Hochbett kaufen mussten.

Aber nun hat uns ein Wolf alles vermasselt. Nicht mal ein richtiger Wolf. Sondern der Schauspieler Edgar Selge.

Es fing ganz harmlos an. Im vergangenen Dezember nahmen wir im Fernsehen für unsere Tochter ein paar Märchen auf. Gut gemachte, neu gedrehte ARD-Produktionen, FSK-freigegeben ab null Jahren. Wichtig, denn Luise, fünfeinhalb, sieht wenig fern. Und so dauerte es bis jetzt, bis wir zusammen das erste Märchen anschauten, Frau Holle. Danach kletterte unsere Tochter beschwingt auf ihr neues Hochbett, schüttelte die Bettdecke, dass die Kuscheltiere flogen. Und fragte: "Kann ich morgen das nächste Märchen sehen?"
"Lieber übermorgen."
"Okay", sagte Luise. "Aber dann Rotkäppchen!"
Die Liebste und ich wechselten den großen koordinierenden Elternblick, den wir uns antrainiert haben, damit niemals mehr einer von uns "Ja!" und der andere gleichzeitig "Nein!" sagt.

Rotkäppchen erschien uns nicht als Problem. Luise kannte das Märchen vom Vorlesen in- und auswendig. Sie wusste auch so genau, wie es sich mit der Wirklichkeit verhält, dass sie an den Stellen, wo der Wolf erst die Großmutter und dann Rotkäppchen verschlingt, immer ein breites Grinsen aufsetzte und murmelte: "So ein Quatsch! Diese Dummies wissen gar nicht, dass das gar nicht geht!"

Luise schlief wunderbar unter echten Wölfen

Mehr noch: Vor ein paar Monaten waren wir in einem Wolfcenter. Seitdem weiß unsere Tochter, dass Wölfe aussehen wie Schlittenhunde, die morgens die falschen Kontaktlinsen erwischt haben. Dass sie normalerweise Angst vor Menschen haben und entsprechend viel herumheulen. Wir haben sogar in diesem Wolfcenter übernachtet; Luise schlief wunderbar.

Nur leider wurde der Wolf in der Fernsehfassung von Rotkäppchen nicht von einem echten Wolf gespielt. Sondern eben von dem hervorragenden Schauspieler Edgar Selge.

Zuerst hielten wir das für einen Vorteil. Selge sah keineswegs schrecklich aus. Er trug zwar dicke Augenbrauen und wirres Haar mit Ohren, aber ansonsten wirkte er höchst menschlich. Wie er über sein Schicksal als einsamer Wolf klagte, wie ungeschickt er in seinem Sakko durch den Wald tappte. Die Liebste und ich saßen auf dem Sofa und kicherten mitleidig.

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Kommentare

29 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

Danke, Disney!

Auch eine FSK-Freigabe garantiert keine Sicherheit. Was bei dem einen Kind Ängste auslöst, stellt für das andere kein Problem dar. Natürlich ist so ein Stempel oft hilfreich für die Eltern, aber auch einer, der den Film für alle Altersklassen freigibt, kann unangenehme Folgen mit sich bringen.

Ich muss wohl im selben Alter wie Ihre Tochter gewesen sein, als meine Eltern es für eine gute Idee hielten ins Kino zu gehen, um "Schneewittchen und die sieben Zwerge" von Walt Disney zu schauen. Kinderfilm, Disney - was soll da schon schiefgehen? Die schrumplige Hexe mit den großen Augen hatte mir damals enorme Angst eingejagt, allein durch ihre Erscheinung. Jahrelange Alpträume waren die Folge, und selbst heute, bald zwanzig Jahre später, läuft mir noch ein Schauer über den Rücken, wenn ich mir ein Bild oder Video dieser alten und hässlichen Schachtel anschaue.

Netter Artikel, aus dem Leben

Ich suche und finde daher auch keine "Moral des Artikels". Er ist einfach gut geschrieben und nett zu lesen. Kinder können sich an Filmen erschrecken, wichtig ist aus meiner Sicht, dass in diesen Momenten die Eltern dann für das Kind da sind und, wenn auch nicht gerade zufrieden, ein Bett für das Kind im eigenen Zimmer aufstellen oder vielleicht auch das Kind zwischen sich übernachten lassen (was vielleicht weniger aufwendig ist). Hauptsache das Kind wird nicht allein gelassen mit seiner Angst.
Auch unsere damals 4-, heute 5- jährige Tochter hat bei einigen Szenen von Disneys Rapunzel (den ich einen der besten Filme überhaupt nennen würde für seine sehr gut gemachte Ausführung darüber, was "Liebe", "Egoismus" und "böse" eigentlich bedeuten) geheult, aber da wir für sie da waren, ist es einer ihrer Lieblingsfilme geworden und sie hat keinerlei Probleme oder Alpträume.