Seit Jahren wird deutschen Eltern weisgemacht, dass die Franzosen beim Kinderkriegen und Kindererziehen einfach besser dastehen. Die Geburtenrate ist viel höher (Deutschland 2012: 1,36 Kind pro Frau, Frankreich 2012: 2,1 Kind pro Frau), die Kinder erhalten früher einen Krippen- oder Kitaplatz, und die lieben Kleinen wissen sich im Restaurant zu benehmen. Während hier die Medien in einem Fort über "Tyrannenkinder" und "Monsterkinder" berichten. Sicher, in Frankreich gibt es auch den Begriff "enfant roi", das Kind als König, aber er besitzt nicht die gleiche mediale Omnipräsenz.     

Im Frühjahr hat das Buch der amerikanischen Journalistin Pamela Druckerman Bringing Up Bébé: One American Mother Discovers the Wisdom of French Parenting (Warum französische Kinder keine Nervensägen sind: Erziehungsgeheimnisse aus Paris) auch bei uns Wellen geschlagen. In diesem Werk wurden der amerikanische und der französische Erziehungsstil miteinander verglichen. Nicht selten, meinen deutsche Leser, lasse sich das Wort amerikanisch durch deutsch ersetzen. Deutsche Kinder bringen auch mehr Pfunde auf die Waage als französische, haben weniger Geschwister und halten ihre Mütter länger zu Hause am Herd – insbesondere in den alten Bundesländern. Vor allem aber dominieren sie das Familienleben viel stärker als in Frankreich.


Wer sich den Begeisterungsreigen jedoch nicht anschließt, sind nach Frankreich ausgewanderte Deutsche. Zunächst stößt ihnen das darwinistisch anmutende Herausposaunen der hohen Geburtenrate in Frankreich auf. Als Frau kann man sich von solchen Zahlen unter Druck gesetzt fühlen, meinen sie. Nirgendwo – auch nicht in Deutschland – wird von "Kindern pro Vater" gesprochen. Dabei ist bekannt, dass mehr Männer als Frauen grundsätzlich auf Kinder verzichten wollen. Viele Studien haben darauf hingewiesen, dass in Deutschland eher junge Männer als junge Frauen keine Lust auf Nachwuchs haben. 

Frühe Fremdbetreuung

Manche in Frankreich lebende Deutsche fragen sich, warum "mindestens drei Kinder pro Frau" das allseits angestrebte bürgerliche Status-Quo-Modell sein soll (die Wüstenrot-Familie in Deutschland hat zwei Kinder), wenn die Eltern beide derart viel arbeiten, dass ihre Kinder nicht selten ab einem Lebensalter von nur acht Wochen schon ganztägig wegorganisiert werden müssen. Sind Kinder in Frankreich nicht oft einfach nur Etikette, Statussymbol, neben anderen Statussymbolen? Von der Aufgabe des Staates, mehr Krippenplätze in Deutschland zu schaffen, entbindet die Kritik an in Frankreich zum Teil sehr früh fremdbetreuten Kindern jedoch nicht. Schließlich müssen viele Eltern auch in Deutschland voll arbeiten, immer weniger ist dies eine Frage des Wollens, sondern des Müssens.

Druckerman lobt ausdrücklich das Stilbewusstsein der französischen Frauen (dazu sei gesagt, dass sie vornehmlich über Paris schreibt) und ihren eisernen Willen, nach der Geburt eines Kindes möglichst bald wieder eine Topfigur zu haben. Pariserinnen essen nicht viel, heißt es an einer Stelle. Die damalige französische Justizministerin Rachida Dati ging zwei Tage nach Geburt ihrer Tochter wieder auf Stöckelschuhen in den Elysée-Palast.