FamilienglückChor ist nichts für unsere Tochter

Alle anderen Mädchen sind hochbegabt. Aber Luise singt nicht mit. Mark Spörrle geht mit seiner Tochter in die Musikschule. von 

Wir können uns glücklich schätzen, dass unsere Tochter Luise hochbegabte Freundinnen hat. Egal welche Mutter man zum Musikunterricht der Tochter befragt, ob die von Anna, Sophie oder Mia, durch die Bank beginnen sie verzückt zu säuseln: "Es ist fantastisch. Dieses Ton- und Taktgefühl! Die Musiklehrerin ist begeistert! Vielleicht hat sie das ja von uns; wir machen daheim ja ständig Musik ..."

Bei uns daheim dagegen kommt meine Liebste, sie ist berufstätig, nur selten zum Gitarre spielen. Und ich bereue seit gut 35 Jahren, dass meine Eltern mich den Klavierunterricht abbrechen ließen. 

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Doch unsere Luise liebte Musik schon als Baby. Bevor sie laufen konnte, wippte sie fehlerfrei im Takt mit den Füßen dazu, und später sang sie selbst beim Zähneputzen vor sich hin. Dazu kam: Die neue Musikschule hatte erstaunlicherweise noch Plätze frei.

Mütterplausch beim Kinderchor

Wir meldeten Luise beim Kinderchor an. Beim ersten Mal ging ich mit. Im Musikraum waren ein halbes Dutzend Kinder unterschiedlichen Alters samt ihren an der Wand aufgereihten Müttern, die das im Müttercafé begonnene Gespräch zwanglos weiterführten, nur etwas lauter, denn eine von ihnen hatte ein brüllendes Baby dabei. Und dann war da ja noch die Musiklehrerin, die gleichzeitig versuchte, Klavier zu spielen, zu verhindern, dass ein offenbar allein gekommener Vierjähriger ständig mit den Fäusten auf die Tasten schlug, und die Kinder lächelnd-nickend zum Mitsingen zu animieren. Doch kaum eins wollte das.

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Mark Spörrle: »Kommt Oma auf den Kompost, wenn sie tot ist«

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Beim nächsten Mal kam die Musiklehrerin 15 Minuten später, was außer mir niemanden zu stören schien. Ich regte an, ob die Eltern diesmal nicht draußen bleiben sollten, damit die Kinder sich beim Singen weniger befangen fühlten. Eine der Mütter wies mich darauf hin, dass wir spät dran seien, dass die Stunde nun endlich beginnen müsse, und dass ich ja draußen bleiben könne.

Als meine Tochter nachher rauskam, fragte ich sie, ob sie mitgesungen habe. Sie hatte nicht.

Beim übernächsten Mal kam die Musiklehrerin gar nicht. Sie habe gedacht, es seien endlich Schulferien sagte sie, als der Rezeptionist der Musikschule sie anrief, aber sie mache sich jetzt auf den Weg, leider zu Fuß, ihr Rad sei kaputt. Die Mütter sagten, das sei in Ordnung.

Ich sagte der Liebsten, Chor sei nichts für unsere Tochter.

Leserkommentare
  1. Ja, ich erinnere mich noch. Alle Nachbarskinder waren kleine Genies. Bis es dann auf die Schule ging. Dann waren immerhin nur noch diejenigen kleine Genies, die nicht in meiner Klasse waren - da hätte ich nämlich meinen Eltern die Wahrheit verraten können. Nach der Grundschule verringerte sich die Zahl der kleinen Genies nochmal drastisch dank des dreigliedrigen Schulsystems.

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    ist fantastisch. In der Grundschule werden Hellseher und Zauberer eingestellt, die durch die Augen der Kinder, wie durch kleine Fenster, in die Seele hineinschauen können, um herauslesen, ob tief drin ein Handwerker oder ein Wissenschaftler drinsteckt. Im Zweifel erscheint der ägyptische Gott Anubis und legt in die eine Waagschale das Herz des Kindes und in die andere den Geldbeutel der Eltern. Wiegt das Herz schwerer als der Geldbeutel, so kommt das Kind auf die Hauptschule. Ist es leichter, kommt es aufs Gymnasium. Realschule ist auf Kippe.

    einfach amüsant, wie jedes Kind aus der bildungsaffinen Mittelschicht, die sich vermutlich selbst als Oberschicht sieht :D..hochbegabt ist,..
    bei uns gabs das noch gar nicht so..

    insgesamt hatten wir vermutlich echt ne bessere Kindheit und ich bin 26...
    kurz nach meinem Jahrgang fing aber dieser Förderwahnsinn an..

    Schon süß, die modernen Bionadeeltern iwie.

    und großer Respekt an den Autor..als Zeitautor erwartete ich ihn eigentlich als Repräsentatn dieser Schicht..aber es war ja dann anders

  2. ist fantastisch. In der Grundschule werden Hellseher und Zauberer eingestellt, die durch die Augen der Kinder, wie durch kleine Fenster, in die Seele hineinschauen können, um herauslesen, ob tief drin ein Handwerker oder ein Wissenschaftler drinsteckt. Im Zweifel erscheint der ägyptische Gott Anubis und legt in die eine Waagschale das Herz des Kindes und in die andere den Geldbeutel der Eltern. Wiegt das Herz schwerer als der Geldbeutel, so kommt das Kind auf die Hauptschule. Ist es leichter, kommt es aufs Gymnasium. Realschule ist auf Kippe.

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    • wd
    • 18. Juni 2013 19:50 Uhr

    Ach ja mein Kind ist hochbegabt oder ich bin hoch begabt.
    Es oder ich schrieben in Arbeiten nur 4en um den Lehrer zu verwirren.
    Es wird sich später einmal anstrengen und dank seiner Begabung alles mit Leichtigkeit lernen und können.
    Es wird auch irgendwann einmal lernen 10 Minuten einen Arbeitsauftrag zu befolgen.
    Und so weiter und so fort.
    Das hat nichts mit dem Geldbeutel der Eltern zu tun.
    Aber die alte Leier: Es sind immer die Anderen schuldig.
    Doch nun zum Thema
    Wenn es um Musik, Sport, Mathematik, Sprachen und Kunst (naturalistisches Zeichnen) geht, dann sind die Talente sehr unterschiedlich. Das kann man als Vater vieler Kinder schon in der eigenen Familie feststellen.

  3. immer wieder erfrischend,die leidensvollen Geschichten des praktizierenden Vaters Spörrle
    Vater werden ist nicht schwer,Vater sein.......usw.
    mfG

    4 Leserempfehlungen
  4. "Es wurde von der Kinderfrau gebracht, die mich ungläubig ansah, als ich mich als berufstätiger und dennoch praktizierender Vater outete."

    Der Kindergarten meines Sohnes lag fünfzig Meter von meinem Büro entfernt. Ein Betriebskindergarten. Eines Tages verletzte sich der junge Herr und man rief mich an. Worauf ich sagte, "na dann komm ich mal rüber, verarzten und trösten."

    Die Reaktion war irgendwo zwischen ... mhm ... Fassungslosigkeit und Verachtung: "Ja, wenn Sie das so einfach können...".

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    • Panic
    • 18. Juni 2013 17:59 Uhr

    Ging mir auch so. Also, fast. Eher gar nicht. Das Klavier stand bei uns im Wohnzimmer. Eher Deko, da uralt und aus Mahagoni. Ein Brocken von einem Klavier. Gusseisernes innen gerissen, total verstimmt. Hielt mich aber nicht von ab, da jeden Tag zu klimpern und meine Umwelt in den Wahnsinn zu treiben.

    Dann erste Klavierstunden. "Er haut zu sehr auf die Tasten.", so der Lehrer zu meiner Mutter. "Er hat kein Gefühl." Mir egal. Unterricht beendet nach drei Jahren und zu Hause weiter geklimpert. 14 Jahre später. Talenterkennung an der Hochschule für Musik. Meine Lesefähigkeiten für Noten war (gibt es noch ein Geschoss unter dem Keller?), miserabel. Egal, Chopin Etude #12 In C Minor, "Revolutionary" konnte ich auswendig. Kontrollverlust. Voll in die Hosen gegangen. Noch mal ne Chance bekommen. Dann aber mit Valium. Aufgenommen mit Auflagen: Noten + Zweitinstrument. Nach 2 Semestern war ich wieder weg.

    Ich bereue nichts. Doch, jetzt bereue ich es. Denn mein Ausflug in einen anderen Job war Zeitverschwendung. Egal, ich bin Autodidakt und habe Talent und mache jetzt weiter.

    Ich wurde nie gequält und gepiesackt. Ich konnte mich frei entscheiden. Warum glauben Eltern, ihre Kinder in so einen Schwachsinn stecken zu müssen? Lasst sie erst mal Musik hören, damit sie überhaupt ein Gefühl dafür bekommen und entwickeln. Oder kauft ein altes Klavier. Sieht gut aus und wenn es verstimmt ist, hält es trotzdem kein Kind davon ab, darauf rumzuhämmern. Der Rest ergibt sich.

    Salut

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  5. Unter 10 000 kickenden Jungs gibt es vielleicht 1000 talentierte. Und unter denen vielleicht 100, die das Zeug zum Fußballprofi haben. Und unter denen vielleicht einer, der später einmal in der Bundesliga spielt.

    In der Musik ist es nicht anders. Orgendeiner von den vielen wird dann vielleicht einmal die "Revolutions-Etüde" von Chopin auf CD einspielen.

    So ist das Leben, so ist die Natur angelegt: Es müssen sich viele auf den Weg machen, damit einer ein besonderes Ziel erreicht.

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  6. sondern monströs dick und ebenso bösartig.
    Das Resultat eines mütterlichen Verlangens nach Hausmusik waren 8 (in Worten: acht) Jahre Flöten-Unterricht bei einem übellaunigen Wal, gehasst von der ersten bis zur letzten Stunde + gepaart mit dem Schwur, danach nie wieder ein Instrument anzufassen. Habe ich durchgehalten, ich bin Publikum, auch wichtig...;-)...
    Ich staune aber bis heute, WIE brav ich damals war - andere Kinder kamen zu spät oder gar nicht (sie gingen amüsanteren Beschäftigungen nach) oder sie verloren ständig ihre Instrumente. Bloß ich nicht, wie dumm...

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    in erwägung zu ziehen, dass musik lernen spaß machen kann?

    und vor allem heißt es nicht gleich wunderkind züchten sondern die handhabung lernen und damit spaß haben.

    • gooder
    • 18. Juni 2013 19:43 Uhr

    Sie diskriminieren adipöse Menschen, dass finde ich nicht in Ordnung. Wenn ich auch selbst nicht übergewichtig bin finde ich ihre Haltung Dicken gegenüber äusserst grenzwertig. Nicht jeder dicke Mensch ist ein Monster!

    Doch @mcharlie, 'musik lernen' kann ganz bestimmt sogar sehr viel Spaß machen. Nicht aber mit dem für mich falschen Instrument* UND einer bösartigen Lehrerin UND einer überambitionierten Mutter - sind gleich 3 amtliche Spaßbremsen.

    Sie @gooder, sind womöglich von Ihren Deutschlehrern extrem schwer diskriminiert worden? Nehme ich mal zu Ihren Gunsten an, indem Ihnen Lesen->Verstehen auch im hohen Erwachsenenalter Probleme zu bereiten scheint: ich diskriminiere keine adipösen Menschen, sondern wurde als Kind 8 Jahre lang von einer bösen adipösen Frau schikaniert.

    *Was klingt schlimmer als eine Blockflöte?
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    Zwei Blockflöten.

    Es spielt eben leider nicht jede/r wie Frans Brüggen http://www.youtube.com/watch?v=vQatlvFvGdM

  7. in erwägung zu ziehen, dass musik lernen spaß machen kann?

    und vor allem heißt es nicht gleich wunderkind züchten sondern die handhabung lernen und damit spaß haben.

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    Ich sehe das genauso. Aber wie sogar eine der (etwas hämisch) zititeren Lehrerinnen: Man braucht eben schon etwas Disziplin, wenngleich es immer Spaß machen soll. In diesem Artikel wird mir eben nur mit ziemlich krassen Klischeebildern gespielt.
    Für meinen Teil hätte ich mir gerne gewünscht meine Eltern hätten mich damals wenigstens etwas animiert da etwas zu erlernen. Dann habe ich mir irgendwann selbst das Gitarre spielen beigebracht und würde mich nun als fortgeschritten, aber keineswegs als Profi bezeichnen. All die Jahre mehr Übung und das Lesen von Noten usw. - das würde mir im Nachhinein schon gefallen.

    dass Problem ist, dass die Lehrer das auch manchmal nicht in Erwägung ziehen.

    Ich hatte als Kind Blockflöte gelernt mit noch einem Mädchen zusammen und es hat mir viel Spaß gemacht. Irgendwann hörte der Kurs aber auf und meine Eltern befanden mich als zu alt für Blockflöte und ich sollte was anderes lernen. Klavier, was mir gefallen hätte, nicht, weil dann ja das Blockflötespielen "umsonst" (!?) gewesen wäre. Also entschied ich mich für Oboe und zwei Jahre später für Querflöte. Beides mal bin ich auf einen Lehrer getroffen, der viel mehr Ehrgeiz hatte als ich und nicht verstanden hat, dass ich noch ein anderes Leben hab und das eigentlich nur zum Spaß mache. Ich wurde von denen ständig runtergemacht, wie schlecht ich nach so langer Zeit erst spiele usw. Der Spaß hat sich dann "überraschenderweise" auch nicht eingestellt und ich hab erst das Oboe- und dann auch das Querflötelernen wieder aufgegeben. Meine Mutter meinte, ich würde das bereuen. Im Gegenteil! Ich bin jetzt noch froh, dass ich da nicht mehr hin muss.
    Mittlerweile hab ich mich auch wieder an die Musik gewagt und nehme Gesangsunterricht. Den Lehrer hab ich gleich vorgewarnt und wir verstehen uns super und es macht mir Spaß.

    Also meine Meinung letzten Endes: Es muss Spaß machen, sonst hat es keinen Sinn.

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  • Schlagworte Baby | Chor | Eltern | Gitarre | Lehrer | Mia
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