Gewaltstudie"Seelische Gewalt ist stärker verbreitet als körperliche"

Vor allem arme Kinder werden laut einer Studie oft geschlagen oder beleidigt. Studienleiter Holger Ziegler spricht über stille Opfer, Lehrer und verbale Missachtung. von 

Eine Ohrfeige, ein Klaps oder Prügel: Kinder und Jugendliche aus Deutschland sind häufig Gewalt von Erwachsenen ausgesetzt. Am häufigsten werden Kinder aus sozial benachteiligten Schichten geschlagen. Das sind die Ergebnisse der aktuellen Gewaltstudie. Der Erziehungswissenschaftler Holger Ziegler ist der Studienleiter.    

ZEIT ONLINE: Herr Ziegler, in dieser Studie wurden erstmals die Gewalterfahrungen von Kindern in Zusammenhang mit der sozialen Schicht, in der sie leben, untersucht. Heranwachsende aus unterprivilegierten Milieus sind häufiger von Gewalt betroffen. War das nicht vorhersehbar?

Anzeige

Holger Ziegler: Eigentlich nicht. Gewalt ist in allen Schichten weiter verbreitet, als ich vermutet habe. Kinder in prekären Lebenslagen sind zwar häufiger davon betroffen, aber es betrifft nicht nur sie. 

Holger Ziegler
Holger Ziegler

Holger Ziegler ist seit 2009 Erziehungswissenschaftler an der Universität Bielefeld. Er erforscht die Lebensrealität von Kindern und Jugendlichen und soziale Ungleichheit.

ZEIT ONLINE: Sie untersuchten einerseits Sechs- bis Elfjährige, andererseits 12- bis 16-Jährige. Wie unterscheiden sich die Gewalterfahrungen von Kindern und Jugendlichen?

Ziegler: Kinder sind eher Opfer von körperlicher Gewalt. Jugendliche werden häufiger verbal missachtet. Sie werden etwa als faul oder dumm bezeichnet. Seelische Gewalt ist stärker verbreitet als körperliche.

Wir brauchen einen breiteren Gewaltdiskurs für Heranwachsende, denn verbale Nötigung wirkt sich noch stärker auf das seelische Wohlbefinden und das Selbstbewusstsein aus als körperliche. 

ZEIT ONLINE: Gewalt ist ein weit gefasster Begriff. Welche Formen haben Sie in der Studie untersucht?

Ziegler: Wir untersuchten Mobbing- und Gewalterfahrungen von Heranwachsenden untereinander und durch Erwachsene. Außerdem wollten wir wissen, inwieweit sie sich von Lehrern und Pädagogen ungerecht behandelt fühlten.

ZEIT ONLINE: Vom eigenen Lehrer fühlt man sich schnell falsch behandelt...

Ziegler: Klar. Wenn Kinder Lehrer als unfair empfinden, heißt das nicht, dass sie es auch sind. Es ist aber erstaunlich: Je niedriger die soziale Schichtung, und je häufiger die Kinder mit Gewalt zu tun haben, umso unfairer nehmen sie die Lehrer wahr. Jugendliche haben übrigens weniger Probleme mit Pädagogen.

ZEIT ONLINE: Wie kommt das?



Ziegler: Ich kann es nicht nachweisen und es ist sehr spekulativ, aber ich glaube, es hängt mit dem dreigliedrigen Schulsystem zusammen. Dass sich Kinder unfair behandelt fühlen, ergibt sich oft aus dem sozialen Vergleich. Jugendliche sind jedoch in den Klassen sozial geschichtet. Die Schichten bleiben sozusagen unter sich; deshalb nehmen sie diese Form der Ungerechtigkeit nicht mehr wahr.

ZEIT ONLINE: Heranwachsende nach Gewalterfahrungen zu befragen, ist sicher nicht einfach. Wie sind Sie und Ihr Team vorgegangen? 


Ziegler: Wir führten die Interviews in den vier Wänden der Familien und sprachen mit Kindern und Eltern. Wir befragten Eltern zu ihrem Erziehungsstil und ihren eigenen Problemen. Wir fragten sie aber auch konkret, ob sie ihr Kind vergangene Woche geohrfeigt haben.

ZEIT ONLINE: Antworten Eltern ehrlich auf solche Fragen?



Ziegler: In den Familien aus der Unterschicht deckten sich die Antworten von Eltern und Kindern. In der Mittel- und Oberschicht passen die Aussagen oft nicht zusammen. Diese Eltern wissen, dass Gewalt an Kindern gesellschaftlich verpönt ist. Die Kinder aber antworten ehrlich. 

Leserkommentare
    • loboc
    • 04. Juni 2013 17:59 Uhr
    1. […]

    Entfernt. Kein konstruktiver Beitrag. Danke, die Redaktion/jp

    Eine Leserempfehlung
    • zackhh
    • 04. Juni 2013 19:07 Uhr

    seelische gewalt ist leider auch in beziehungen jeder art präsent. stimmt. gut der ein gesundes elternhaus hatte und einem ein gutes selbstwertgefühl gegeben hat. diese menschen wissen sich besser zu helfen als andere.

    6 Leserempfehlungen
    • Herr-M
    • 04. Juni 2013 19:23 Uhr

    „…dass Kinder und Jugendliche auf Gewalt entweder selbst mit Gewalt reagieren, oder still leiden…“

    Ich möchte das ergänzen bzw. präzisieren: …entweder selbst mit Gewalt gegen andere oder mit Gewalt gegen sich selbst reagieren. Wobei letztes sehr sublim ablaufen kann und Formen haben, die nicht gleich als „Gewalt gegen sich selbst“ von anderen wahr genommen werden. Im extremsten Fall ist das der Suizid – und auf der anderen Seite der Amoklauf.
    Es ist gut und überfällig, die Folgen verbaler Gewalt gesellschaftlich zu thematisieren, denn sie richten vergleichbaren Schaden an wie körperliche Verletzungen.
    Nur – man sieht sie nicht so leicht und so schnell. Deswegen sind sie ja auch so „beliebt“ und verbreitet.
    Und dazu noch sind Opfer, die an der Seele Schaden nehmen, dem Stigma ausgesetzt, „Weicheier“ zu sein, wenn sie ihre seelische Verletztheit zeigen.
    „Gewalt an den eigenen Kindern ist eine Form von Hilflosigkeit“
    Oh nein, so einfach ist das nicht. Es ist nicht immer so, dass Vaters oder Mutters Hand aus reiner Hilflosigkeit eben mal ausrutscht, weil das Kind sich trotz gutem Zuredens mal wieder bockig anstellt.
    Da hat Vater sich über seinen Chef geärgert und da kommt der Filius gerade recht, seine Aggression an ihm auszulassen. „Besser“, als den Chef anzubrüllen und eine zu klatschen. An den eigenen Kindern können Aggressionspotentiale und – ja – auch manchmal reiner Sadismus am Ungestörtesten und (noch immer) relativ ungefährlich ausgelebt werden.

    13 Leserempfehlungen
  1. "Jugendliche werden häufiger verbal missachtet. Sie werden etwa als faul oder dumm bezeichnet."

    Kinder und Jugendliche sind manchmal faul oder verhalten sich manchmal dumm. Eltern die dazu kein Feedback geben, machen was falsch.

    Wenn das in dieser Studie als seelische Gewalt gewertet wurde, kann ich die leider nicht ernst nehmen, obwohl ich das Thema "seelische Gewalt" sehr wohl als ernstes Problem ansehe.

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    die aussage dumm und faul ist aber unkonstruktiv.
    das kann man besser machen.

    "Kinder und Jugendliche sind manchmal faul oder verhalten sich manchmal dumm. Eltern die dazu kein Feedback geben, machen was falsch."

    Man darf Kindern niemals sagen, sie seien faul oder dumm. Die glauben das nämlich. Erwachsene gestatten sich diverse Faul- und Dummheiten und halten es für ihr Grundrecht, gestehen ihren Kindern dieses Recht aber nicht zu. Schon komisch.

    Leute, wenn eine Blüte sich entfaltet, muss man nicht noch an den Blättern reißen. Freut euch doch einfach.

    frage, wie dämlich sie eigentlich sind, bzw. von welchem Baum sie gefallen sind, so eine Meinung zu vertreten greift sofort ein Moderator ein um sie zu beschützen

    Und das, obwohl es zwischen uns kein Abhängigkeitsverhältnis gibt, und ihnen meine Meinung deshalb vollkommen egal sein könnte.

    Wenn Ihnen sowas allerdings ihr Chef um die Ohren Knallt, weil ihm Ihr letzter Einwand nicht gefällt, vermute ich, würde sie sich extrem verletzt fühlen und gedemütigt fühlen. Wenn sie die berufliche Möglichkeit hätten würde sie sich vermutlich umgehend einen motivierenderen Vorgesetzten suchen. Kinder haben diese Möglichkeit nicht. Glauben sie deshalb, daß sie sich deshalb besser fühlen als sie, wenn man ihnen solch (doch immer sehr relativen) Wahrheiten an den Kopf knallt?

    Insofern ist es vollkommen legitim solche Aussagen als seelische Gewalt zu geisseln. Aber wie der Text ja auch sagt: Es gibt auch noch reichlich Eltern die einen Klapps oder eine Ohrfeige für pädagogisch wertvoll halten.

    Es gibt einfach motivierendere Arten damit umzugehen, wenn die Kinder die eigenen schlechten Angewohnheiten übernommen haben.

    Wenn man jemandem ein Feedback geben will, weil man dessen Taten für dumm o. ä. hält, dann ist es sinnvoller, ihm zu sagen, was an seinem Verhalten verbesserungswürdig war, warum und wie man es besser machen könnte. Dann gibt man demjenigen eine Chance es besser zu machen. Und nie sollte man die Person desjenigen (als dumm oder auch irgendetwas anderes) verurteilen. Es geht um das konkrete Verhalten, nicht gleich um die gesamte Person. Es geht, wie sie ja auch selbst sagen, darum demjenigen zu helfen, nicht darum ihn fertig zu machen. Wie schon von anderen Kommentatoren erwähnt, glaubt ein Kind so etwas schnell und dann wird das Ganze auch ziemlich schnell eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.

    Und letzten Endes ist es eine Frage des grundlegen Respekts, den die meisten ja auch umgekehrt von den Kindern einfordern.

    • Herr-M
    • 05. Juni 2013 16:31 Uhr

    Dumm und faul sind abwertende Bezeichnungen, damit sollte man sehr vorsichtig sein. Leider sind das manche Eltern oder - auch Lehrer – nicht. Denn manchmal sieht ein Verhalten nur so aus, es stecken aber andere Gründe dahinter. Machen wir uns doch nichts vor, in sehr vielen Familien müssen Kinder „funktionieren“ und manchmal nicht stören.
    (Im Laufe meines schon längeren Lebens konnte ich mich bei manchen Eltern, die ich bei der Erziehung ihrer Kinder beobachten konnte, ob sie nicht Kindererziehung mit Hundedressur verwechseln):
    Da wird nicht groß nachgefragt, keine großen Gespräche geführt (höchstens Ansagen gemacht).
    Dann liegt die Gewalt in der Unfairness und Ungerechtigkeit durch diese abwertende Bezeichnung „faul“.
    Kinder sind nie dumm. Niemand hat dumme Kinder, könnte ja auf die Eltern zurückfallen.
    Kinder stellen sich höchstens blöd oder dumm an, nicht wahr.
    Dem Kind wird damit unterstellt, sich dümmer zu stellen als es ist. Auch da trifft das gleiche zu wie oben gesagt.

    wenn ich jemanden als dumm bezeichne beurteile ich damit die gesamte Person und strafe kein spezielles Verhalten ab. Selbstverständlich müssen Eltern Kinder darauf hinweisen, wenn sie sich falsch verhalten (zu bequem bzw. faul sind ihre HA zu machen oder unüberlegt gehandelt haben), aber das wird mit ganz anderen Worten ausgedrückt. Sein eigenes Kind als dumm und faul zu bezeichnen ist seelische Misshandlung. Eltern sind die wichtigsten Vertrauenspersonen eines Kindes und jedes Wort von ihnen wirkt sich auf sein Selbstbewusstsein aus. Mit solchen Worten vermitteln sie ihrem Kind das Gefühl, dass es nichts wert ist. Jetzt verstanden?

    einen minderbemittelten Meinungsmüll, dass man sich fragt wieso man Menschen wie ihnen nicht das Recht zur Veröffentlichung der eigenen Meinung entziehen darf.

    Oh Tschuldigung hat sie verletzt? ist vielleicht nur meine Subjektive Meinung, die man doch ihnen nicht so offen um die Ohren Knallen darf?

    Dann haben sie gerade die Antwort dafür gefunden, ob es verletzend anderen seine subjektive Meinung anderen Menschen und vor allem Schutzbefohlenen um die Ohren zu hauen. Und der Irrglaube, dass das objektiv und gerechtfertigt ist, wird leider meist gerade von den dümmsten Mitmenschen vertreten.

    Und wenn sie sich fragen wie verantwortungsvolle Eltern mit den Fehlern ihrer Kinder umgehen: sehr unterschiedlich, aber wenn sie ihre Kinder lieben, sicherlich nicht so despektierlich, dass sie ihnen wegen eines Fehlers einen Generaldefekt die "Dummheit" unterstellen, denn wenn sie ihren Kindern regelmäßig solche "Wahrheit" ins Gesicht schleudern, dann werden sie es auch irgendwann glauben.

  2. 5. kdfbsd

    die aussage dumm und faul ist aber unkonstruktiv.
    das kann man besser machen.

    4 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...positiv formulieren. So könnte vielleicht ein Zebra zum Löwen sagen: "Ich freue mich, wenn ich dir gut schmecken werde!

    • Kanzel
    • 04. Juni 2013 20:18 Uhr

    Die wissenschaftlich-sachlichen Antworten waren ein Wohltat hier bei ZON, dass Frau Gamperl mehrfach nach der "Unterschicht" gefragt hat, war etwas irritierend.
    Hier ist ein großes Problem in Deutschland, schließlich ist jedes 4. bis 5. Kind von Gewalt betroffen, auf dessen Lösung sich die Politik geradezu stürzen sollte.
    Konkret sollte hier der Schwerpunkt im Familienministeriums liegen, dass dafür das Geld einsetzen sollte, was bisher Millionenfach für Gender-Anliegen (nachweislich unwissenschaftlich) vergeudet wird.

    4 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • FoTu2
    • 04. Juni 2013 22:15 Uhr

    Bitte diskutieren Sie das Artikelthema und verzichten Sie auf polemische Wortwahl. Danke, die Redaktion/fk.

    • TSHR
    • 04. Juni 2013 21:22 Uhr

    .....in die Wunde zu stecken. Sie leider auch nicht, da Ihre Analyse zu kurz greift. Das Problem wird bleiben. Leider.

    3 Leserempfehlungen
    • FoTu2
    • 04. Juni 2013 22:15 Uhr
    8. [...]

    Bitte diskutieren Sie das Artikelthema und verzichten Sie auf polemische Wortwahl. Danke, die Redaktion/fk.

    Eine Leserempfehlung

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Eltern | Erwachsene | Familie | Jugendliche | Lehrer | Nötigung
Service