Leserartikel

GeburtenrateDeutsche finden Kinder nervig

Die niedrige Geburtenrate in Deutschland hat nichts mit fehlenden Kitaplätzen zu tun, sondern mit fehlender Toleranz. Ein Leserartikel von Sigrid Gassler

In einer Pariser Brasserie spielt ein Kellner mit einem Kind.

In einer Pariser Brasserie scherzt ein Kellner mit einem Kind.  |  ©Fred Dufour/AFP/Getty Images

Regelmäßig lese ich Artikel über die Familienpolitik in Deutschland. Da werden mehr Kitaplätze gefordert, mehr Kindergeld – anscheinend hofft man, die Geburtenrate mit finanziellen Anreizen ankurbeln zu können. Die Geburtenrate liegt in Deutschland bei 1,36 Kindern pro Frau.

In Frankreich liegt die Geburtenrate bei 2,03 Kindern pro Frau. Ich selbst lebe in Frankreich, bin Mutter eines Sohnes und habe oft das Gefühl, das eigentliche Problem des Kindermangels in Deutschland ist kein finanzielles oder politisches. Vor einigen Tagen habe ich das auf schmerzhafte Weise erfahren müssen.

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Um 6.30 Uhr steige ich mit meinem zweieinhalbjährigen Sohn in Mannheim in den ICE nach München. Schwere Unwetter hatten zu massiven Verspätungen geführt, wir sind seit 35 Stunden unterwegs. Im Zug sitzen vor allem Geschäftsreisende, wir passen hier ganz eindeutig nicht ins Bild. Bei all meiner Müdigkeit nach 35 Stunden auf der Reise respektiere ich die schlafenden oder arbeitenden Menschen, so gut es mit einem Kleinkind geht.

Nach Ulm beginnt es hinter mir zu zischeln, ich höre ein recht laut gestöhntes "Sooo nervig". Wir verlassen den Großraumwagen, damit wir auch mal etwas lauter werden können. Durch die Glastür beobachte ich, wie die Männer, die auf den Plätzen hinter unseren sitzen, den vorbeikommenden Schaffner aufhalten. Sie zeigen mit dem Finger auf mich, obwohl ich sie direkt ansehe, und fordern vom Zugpersonal, mich aus dem Abteil zu entfernen.

So offen wird mir also gezeigt, dass ich als Mutter mit Kleinkind unerwünscht bin. Die Reisenden halten einen respektvollen Umgang mit mir offensichtlich nicht für notwendig. Obwohl man annehmen darf, dass sie über einen hohen Bildungsgrad und gute Manieren verfügen, sind sie nicht in der Lage, mich direkt anzusprechen und zu versuchen, gemeinsam eine Lösung zu finden. Stattdessen tuscheln sie hinter meinem Rücken, so dass ich es hören kann, zeigen mit dem Finger auf mich, so dass ich es sehen kann, und bitten den Schaffner, die unangenehme Sache in die Hand zu nehmen. Dafür wird er ja schließlich bezahlt.

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Der Schaffner drückt es so aus: "Da gibt es Herren, die fühlen sich auf den Schlips getreten." Es war nicht meine Absicht, auf dem Schlips von irgendeinem Herrn herumzutreten. Andersherum, wer trampelt denn hier auf wem herum? Wir werden in ein sogenanntes Kinderabteil umgesiedelt, von dessen Existenz ich nicht wusste und welches vollständig von Bahnmitarbeitern besetzt ist, die uns dann aber Platz machen. Und dort geht es uns auch wirklich besser. Das heißt, meinem Sohn geht es besser, er ist erleichtert, der eisigen Atmosphäre entkommen zu sein. Mir selbst steigen Tränen der Erniedrigung und der Wut in die Augen.

Solange in Deutschland Kinder und somit auch deren Mütter bei einem Großteil der Bevölkerung nicht willkommen sind und vom sozialen Leben ausgeschlossen werden, wird die Geburtenrate nicht ansteigen.

In Frankreich fahren wir oft mit dem Zug. Einmal saß neben uns ein in seine Arbeit vertiefter Geschäftsmann. Als mein Kind zu quengeln begann, zog er einen Keks aus der Aktentasche und überreichte ihn meinem Sohn mit breitem Lächeln. Problemlösung auf andere Art.

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Leserkommentare
  1. Ach so, die zwei Typen im Zug sind also Deutschland. Sie, Frau Gassler, sind ja eine richtige Rassistin!

    Anm. d. Red.: Werter Carthaus, zu dieser Einschätzung kommen Sie selbst, nicht die Autorin. Bitte bleiben Sie respektvoll und sachlich. Weitere Kommentare dieser Art werden von der Moderation entfernt. Die Redaktion/at

    14 Leserempfehlungen
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    und Herr Carthaus liegt falsch.
    Es ist der deutsche Spiessbürger und seine Arbeitgeber, die normalen Menschen die Liebe zu Kindern madig macht.

    wenn nicht so ein unglaublicher hype um jeden Sprössling gemacht würde. Ernst nehmen, aber nicht verwöhnen. Aber die jetzige Generation aggressiver, alleinerziehender selbstverwirklicher zieht eine Generation groß, die an Egozentrik und Versorgungsanspruch kaum zu überbieten sein wird.

    Ich als Deutscher schäme mich fpr diese beiden Deutschen sowie den Herrn Carthaus der sich offenbar mit den beiden Unholden identifiziert. Ich sage: "offenbar". Auf die Mutter des Kindes bin ich allerdings stolz.

    Die Redaktion hat hier m.E. viel Fingerspitzengefühl bewiesen.

    Natürlich ist der Kommentar an Borniertheit und Unverschämtheit kaum zu überbieten. Allerdings ist er dermaßen borniert, dass der Schreiber nicht die Angesprochene bloßstellt, sondern ganz allein sich selbst.

    Vor solcher Selbstentblößung muss die Redaktion niemanden schützen - deshalb sollen solche Kommentare ruhig stehenbleiben.

    Gruß,
    Tezcatlipoca

    Um ein Kind zur erzeugen und grosszuziehen braucht man 2 Personen die mindestens 18 Jahre leben bzw. sich vertragen können. Da geht heute nicht mehr. Die Beziehungen gehen schnell zu Ende. Diese Tatsache führt dazu dass viele Menschen Angst haben, allein da Kind zur Erziehen.
    Dieser Grund ist sogar noch wichtiger als "Kinderfeindlichkeit" in der Bevölkerung.

    die Überschrift, die Leute zu solchen Fehlurteilen kommen lässt.

    • cheesy
    • 22. August 2013 0:29 Uhr

    Die Autorin schildert ein Einzelerlebnis und schließt daraus Rückschlüsse auf die Deutschen allgemein. Sorry, liebe Redaktion, aber so etwas ist unseriös und spielt mit nationalen Klisches.

    Ich hatte auch mal in Paris einen unfreundlichen Kellner, jedoch habe ich die geistige Reife, nicht den Schluss zu ziehen, alle Franzosen seien unfreundlich. In diesem Stil hat jedoch die Autorin gearbeitet.

    Entfernt. Bitte formulieren Sie Ihre Kritik sachlich. Danke. Die Redaktion/kvk

    der Hauptansatz wurde leider entfernt. Was ist unsachlich wenn man Geld- und Geschäftsleute aus eigenen Erfahrungen beschreibt. Geld- und Geschäftsleute wollen eben auch spielen und sie möchten bei diesem Spiel ungestört bleiben. Sie pflegen eben einen anderen Lebensstil, weil sie meinen auf diese Art und Weise der marktkonformen Gesellschaft am besten dienen zu können. Mütter und Väter mit Kindern haben in diesem Spiel bei den unmittelbaren Spielern nichts zu suchen. Wer je diese aufgeblasene Arroganz der Geld- und Geschäftsleute unmittelbar erleben durfte, erlebt gerade in Deutschland die gesteigerte Form. In anderen Ländern, außer in London ist es nicht ganz so kraß. Werter Carthaus, sie sind der Rassist nicht die Frau, die es wagte in die Vorstufe wirklichen Geschäftswelt einzudringen.
    So etwas habe ich noch nicht einmal in Chicago, oder New York erlebt.

  2. "Die Geburtenrate liegt in Deutschland bei 1,63 Kindern pro Frau."

    Die Geburtenrate in Deutschland liegt bei 1,36 und nicht wie im Text behauptet bei 1,63. Zahlendreher nehme ich an. Das ist jedenfalls ein noch größerer Unterschied zu Frankreich.

    7 Leserempfehlungen
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    Redaktion

    Vielen Dank für den Hinweis, Sie haben natürlich recht, die Geburtenrate liegt bei 1,36, nicht 1,63. Wir haben den Fehler korrigiert. Die Redaktion/at

    • Running
    • 21. August 2013 18:26 Uhr

    wo beschrieben wurde, warum die eigentliche Geburtenrate höher ist, als 1,36.

    Das ganze wurde damit begründet und auch belegt, dass die Frauen die Kinder einfach nur später bekommen.

    Die eigentliche Geburtenrate ist bei 1,60 näher angesiedelt, als bei den 1,36. Zumindest wenn man den von mir genannten Beitrag zu rate zieht.

  3. .. Untermauert ja eigentlich nur die These im Artikel. Die Mutter ist also nicht nur unerwünscht sondern gleich eine Rassistin.... ich hätte dem Kind Geld angeboten wenn es wie zufällig einem der unsäglichen Zuggäste wie zufällig den Kaffee über die Hose schubst.

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    • Simon_M
    • 21. August 2013 19:22 Uhr

    Sie kennen doch gar nicht die (realen oder neutralen) Umstände und sehen die zwei Anderen gleich als Täter.

    Im ICE gibt es im Wagen 2 und 4 (der 2. Klasse) Ruhebereiche. Vielleicht saß die Frau darin? Das wäre dann eine (Gesellschafts-)Regel, an die sich eigentlich jeder halten sollte. Egal ob die Fahrt von Mannheim nach München 4 oder 6 h dauert.

    Nur als Beispiel (wie ich finde), warum man die Mitfahrer nicht mit Kaffee verbrühen müsste.

    "ich hätte dem Kind Geld angeboten wenn es wie zufällig einem der unsäglichen Zuggäste wie zufällig den Kaffee über die Hose schubst."

    Das wäre Verführung zu einer kriminellen Handlung nämlich Körperverletzung.

    • MCBuhl
    • 21. August 2013 23:21 Uhr

    Warum nicht selbst den Kaffee versehnetlich aus den Händen gleiten lassen sondern ein Kind dazu anstiften?

    Der Kaffee muss ja nicht mehr heiß sein, aber mit Milch und Zucker ^^

    Terror mit Terror zu beantworten!

  4. gab es hier im Forum eine Diskussion über einen Artikel, wo sich die Autorin und ein Teil der Foristen damit brüsteten, (ohne Not!) 3 Monate alte Säuglinge erfolgreich in die Kita abgeschoben zu haben, damit man endlich wieder der Selbstverwirklichung fröhnen darf....

    Und ich teile die Einschätzung der Verfasserin hier: in Deutschland sind Kinder nicht willkommen.

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    • Hagmar
    • 21. August 2013 17:37 Uhr

    ...werter Mitforist, Gerade in Frankreich ist frühe aushäusige Kinderbetreuung sehr üblich. Kürzlich bei Freunden in Frankreich: Der Sohn mit Ehefrau und gerade 1-jährigem, frühgeborenen Kind nebst erst einige Tage altem zweiten Baby sprachen ganz selbstverständlich von Arbeitswiederaufnahme der jungen Mutter in 3 Monaten. Der junge Papa arbeitet sowieso Vollzeit. Bei anderen Kindern von Freunden dort das gleiche Bild. Keiner käme auf die Idee, die jungen Eltern der "Selbstverwirklichung" zu bezichtigen, denn Sie meinen das ja abschätzig.
    Von Ausdrücken wie abschieben wollen wir erst gar nicht anfangen.

    Ich meine nicht, dass dieses Modell das alleinseligmachende ist, aber Wahlfreiheit sollte möglich sein und für welche Entscheidung auch immer nicht geächtet werden auch,

    Dass es ausreichende und einigermassen gute Fremdbetreuung gibt, ist übrigens der Hauptgrund für die hohe Geburtenrate in F; und natürlich auch, dass das nicht scheel angesehen wird, seine Kleinkinder, von älteren ganz zu schweigen, in Krippen und anderen Tageseinrichtungen unterzubringen. (Ausserdem hat eine Familie ab 3 Kindern etliche Vorteile als sogenannte famille nombreuse.)

    Ich denk mir auch oft: Wenn nicht mal die Eltern ein Gespür für die Bedürfnisse ihrer Kinder haben (z.B. für das Bedürfnis nach körperlicher Zuwendung und Geborgenheit), wie sollten das dann Unbeteiligte haben.

  5. Sie hatten ein (1) Erlebnis in der Bahn. Daraus schließen Sie, dass Mütter mit Kindern bei einem Großteil der Bevölkerung nicht willkommen sind. Mir würden zig Varianten einfallen Ihr Erlebnis anders zu interpretieren.

    Wer bestimmt eigentlich dass eine niedrige Geburtenrate ein Problem ist? Ich jedenfalls habe damit kein Problem und hoffe, dass überall auf der Welt die Geburtenrate sinkt. Ich halte zu hohe Geburtenraten für ein Problem.

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    • Hainuo
    • 21. August 2013 18:29 Uhr

    Ich habe viele Zugfahrten hinter mir. Deutsche mögen Ruhe in der Bahn und Eltern mit Kindern werden nicht selten böse angeschaut. Man raunt hinter ihrem Rücken etc. Darin verborgen steckt der nicht vorhandene Wille, die Kinder als Sonderfall zu betrachten und Nachsicht zu üben...

    • hareck
    • 21. August 2013 20:08 Uhr

    Und außerdem:

    Ein bisschen Empörung über ein kontroverses Thema, und fertig ist der Leserartikel.
    Die Klickraten dürften stimmen, ansonsten belanglos.

    Sehe ich genauso. Die Erde ist übervölkert und Mitteleuropa eine der am dichtesten bevölkerten Regionen. Die Bevölkerung muss langsam und beständig sinken.

    Diejenigen, die hier dafuer sind, das die Geburtenrate in Deutschland noch weiter sinkt, sind dann die gleichen, die sich spaeter beschwerden, mit ein paar hundert Euro Einheitsrente auskommen zu muessen.

    Leute, Leute, denkt doch mal ein bisschen nach... kopfschuettel.

    Diejenigen, die hier dafuer sind, das die Geburtenrate in Deutschland noch weiter sinkt, sind dann die gleichen, die sich spaeter beschwerden, mit ein paar hundert Euro Einheitsrente auskommen zu muessen.

    Leute, Leute, denkt doch mal ein bisschen nach... kopfschuettel.

    • dacapo
    • 20. Oktober 2013 23:09 Uhr

    ........ aber es geht ja erst einmal um Kinderfreundlichkeit oder um das Gegenteil davon. Wer mit Kindern nichts auf dem Hut hat, aber mit der Höhe einer Geburtenrate, wenn sie zu hoch ist, der ist in jedem Falle nicht zu beneiden.

  6. in manchen Gegenden mehr, in manchen weniger. Diese Typen sind dann genau dieselben, die ungeniert und laut ihre Geschäfte am Telefon abwickeln. Es sind rücksichtslose, egoistische Leute. Mag sein, dass es hier vielleicht ein paar mehr davon gibt. Das hat nicht unbedingt mit der Ablehnung von Kindern zu tun. Die hätten sich auch über andere aufgeregt und weil sie so wichtig sind und Schlips tragen, versuchen sie auch,ihren Willen durchzusetzen. Schöner wäre es gewesen, wenn der Schaffner die in ein anderes Abteil verfrachtet hätte. Wenn ich meine Ruhe im Zug oder Flugzeug haben will, stopfe ich mir Ohrhörer rein und dann ist alles gut. Allgemein gesehen kann man aber auch sagen, dass die Akzeptanz von Kindern schon mal größer war, schon allein, weil es früher mehr davon gab.

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    Es sind rücksichtslose, egoistische Leute.

    Tierbesitzer und Eltern teilen einen sehr fatalen Irrtum: Nämlich dass jeder die eigenen Blagen / das Vieh genauso toll finden muss wie sie selbst. Und wenn die eigenen Kinder zu sehr nerven, werden sie rausgeschickt, um anderen Leuten auf die Nerven zu gehen. Außerdem meinen Eltern immer, sie hätten überall Vorrang und wären etwas Besseres.

    Rücksichtslos und egoistisch? - Ja, das sind die Eltern!

    • xila
    • 21. August 2013 16:08 Uhr

    Ich meine: Die niedrige Geburtenrate in Deutschland ausgerechnet mit dem Verhalten von Geschäftsreisenden frühmorgens im Zug in Verbindung zu bringen. Aber um die Sache auf eine etwas allgemeinere Ebene zu bringen: Als ich ein Kind war, wurde man von seinen Eltern noch ganz selbstverständlich dauernd zum Stillsein angehalten, damit sich die Nachbarn nicht beschweren. Wieso war damals dann eigentlich die Geburtenrate so hoch?

    Meinem Eindruck nach ist der positive Teil des Elternverhaltens von damals, nämlich das Bemühen der Eltern, daß ihre Kinder anderen nicht auf den Keks gehen, einem zu selbstverständlichen Anspruch gewichen, daß andere Kinderlärm gefälligst hinzunehmen haben, widrigenfalls sie als Kinderfeinde angeprangert werden.

    Ein bißchen eigenes Bemühen - egal wie gering die Wirkung ausfallen mag - kann dabei eigentlich schon Wunder wirken. Konkreter: Ich hätte beim Buchen wenigstens in einem Sechserabteil reserviert, anstatt gleich einem ganzen Großraumabteil ein unfreiwilliges Unterhaltungsprogramm zu bieten. Da sind alle, die man nervt, so nahe an einem dran, daß die Genervten so wie beschrieben gar nicht reagieren können, und Sie selbst können Ihren guten Willen demonstrieren, indem Sie, wenn der Geräuschpegel auch Ihrem Empfinden nach für andere Anwesende unerträglich wird, kurz mit dem Kind raus.

    Falls Sie diesen guten Willen haben, heißt das. Ihn nicht aufbringen zu wollen, weil man sich nun einmal im Recht fühlt, ist natürlich auch etwas sehr Deutsches.

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    Vielleicht hätten Sie den Artikel aufmerksamer lesen sollen: Morgens um halb sieben, nach massiven Verspätungen und insgesamt 35 Stunden Reise steigt hier eine Mutter mit ihrem Zweieinhalbjährigen in einen Zug, der -- ich kenne den Zug und habe ihn auch schon benutzt -- notorisch voll ist. Eine Reservierung wäre ohnehin hinfällig, die beiden werden froh sein, überhaupt einen Platz gefunden zu haben, und dass die Mutter gereizt und das Kind quengelig ist, finde zumindest ich absolut nachvollziehbar.

    • Selamat
    • 21. August 2013 20:20 Uhr

    Frage an die Autorin: Halten Sie eine so lange Reise mit einem Kleinkind für angemessen? Zugverspätungen hin oder her, aber ich denke, so etwas ist Kindern nicht zuzumuten. Es ist schon Erwachsenen kaum zuzumuten. Eine Reiseunterbrechung wäre wohl angemessen und eher im Sinne des Kindes gewesen als sich über Mitreisende aufzuregen. Es gibt Hotels, manche sind auch nicht so teuer. Ehrlich, ich verstehe Sie nicht. Aber solche "Fälle" sind mir öfter in der Bahn begegnet. Vielleicht sollten wir eher über die Eltern als über die Kinder reden...

    "Als ich ein Kind war, wurde man von seinen Eltern noch ganz selbstverständlich dauernd zum Stillsein angehalten, damit sich die Nachbarn nicht beschweren."

    klar.
    und als du 2 warst hast du auch immer brav ruhe gegeben, gell?

    man annehmen dass sie keine haben.

    Viele scheinbar Erwachsene sind selbst nie erwachsen geworden, da bedeutet ein Kind zu haben Konkurrenz

    ....es gibt immer noch genug Erwachsene, die scheinbar schon erwachsen auf die Welt kamen. Toll. Die sind die ersten, die sich beschweren, dass die Rente gekürzt wird. Wer die Rente finanziert? Ach, die Kinder, die mich jetzt nerven? Meine Güte, bin ich froh, dass mein Sohn schon erwachsen ist. Es hat sich wirklich nichts geändert.
    Man ist als Mutter nicht nur Mutter, sondern Alleinunterhalter, Krankenschwester, Kindergärtnerin. Nachhilfelehrerin etc. Aber wem sag ich das. Und 35 Stunden im Zug ist kein Honigschlecken. Das ist für eine Mutter mit Kleinkind wahrer Stress. Manchmal kann man es sich nicht aussuchen, wie lange man unterwegs ist. Eigentlich sollte man erwarten können, dass hier die Mitreisenden vielleicht ein bisschen Mitgefühl aufbringen. Aber nein, Kinder sind nur Störfaktoren, die sind laut, die machen Dreck. Viel Vergnügen, wenn keiner die Rente mehr zahlt und man bis 75 arbeiten gehen darf.

    ...das Sie mit ihrem Beitrag die Thesen der Autorin bestätigen.

    Und das Sie so viel Zustimmung von den Lesern hier bekommen, bestätigt ebenfalls die Thesen der Autorin.

    • granny
    • 23. August 2013 9:50 Uhr

    Ich sehe es genauso. und ich habe Kinder! sogar zwei Jungs und keine netten kleinen Mädchen. Der Unterschied zwischen deutschen und französischen Eltern ist der, dass französische Eltern eine andere Auffassung von Erziehung haben. weder in Cafés noch in Restaurants sieht man kleine Kinder zwischen den Tischen herumflitzen, sodaß die Bedienung mit den Speisen aufpassen muß, nicht zu stolpern, noch sieht man Kleinkinder eine Mousse au chocolat auf dem Tisch herumschmieren, wie neulich in Frankfurt am Main in einem Café passiert. Leider dürfen sich Kinder in Deutschland zu kleinen Tyrannen entwickeln und das mögen allenfalls die Eltern, die sich auf ihre Laisser-faire-Pädagogik etwas einbilden.

    Zum Thema Stilllsein: Kinder lassen sich nicht wie ein Radio leise drehen. Als wir vor einigen Jahren mit unserem 2jährigen Sohn aus einem Urlaub zurückkehrten, bemühten wir uns redlich, aber vergeblich, ihn zu beruhigen. Die Reaktionen einiger Fluggäste waren ähnlich wie im Artikel beschrieben. Interessant ist auch die selektive Einstellung vieler ruhebedürftiger Mitmenschen zu Thema Lärm: Sie haben kein Problem damit, andere mit Auto- und sonstigem Verkehrslärm zu beschallen. Wie wär's mit Tempo 30 in geschlossenen Ortschaften? Dann wird es schön ruhig. Ich finde es übrigens nicht optimal, Kinder ständig zum Stillsein anzuhalten. Dann entwickeln sie sich womöglich zu ressentimentgeladenen Misanthropen, die anderen das Leben schwermachen.

  7. eher die Eltern mit ihrem ständigen: tu dies nicht, tu das nicht oder wenn du nicht, dann......

    Es sind die Eltern, die nerven, nicht die Kinder.

    22 Leserempfehlungen
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    Wenn mir ein Kind, wie schon geschehen, in der S-Bahn gegen das Schienbein tritt, dann habe ich es ganz gern, wenn die Eltern sagen, dass es das lassen soll. In dem Fall reagierte es allerdings erst, als ich es ernsthaft darauf hinwies, dass ich beim nächsten Mal zurücktreten würde. Insofern hat er auf mich besser gehört, als auf seine Erzeuger, wahrscheinlich deshalb, weil es mir die Konsequenzen abnahm. Aber manchmal ist es wirklich so, dass 42 Mal die Aufforderung der Eltern an das Kind kommt, dass es etwas machen oder nicht machen soll und es reagiert gar nicht.

    • ruder
    • 22. August 2013 0:15 Uhr

    ... Kindergeschrei, nervende Spielchen, Fußball Spielen der Kinder ... ich nehme das kaum wahr, eher freut es mich das sich zwischen hupenden und röhrenden kraftwagen (ich wohne in München Schwabing) etwas natürliches tut ...
    Es sind wirklich und ausschließlich die hysterischen und neurotischen, sogenannten Eltern die es unmöglich machen, dieses hingebungsvolle, voll gesteuerte und absurde Familien Idyll akzeptieren zu können.

    • dasoe
    • 22. August 2013 9:47 Uhr

    Ich schließe mich an. Ich liebe Kinder und freue mich wenn sie spielen. Selbst wenn ein Kind mal Grenzen überschreitet, wo ist das Problem? Wenn die Eltern sich nicht darum kümmern, dass mich ein Kind schlägt etwa, rede ich einfach mit dem Kind und setze meine Grenze selbst (nur: ob ich dann auch Kinderfeind bin?). Aber dass das nötig ist, kommt sehr, sehr selten vor.
    Es gibt auch Menschen, die glauben sie haben inmitten anderer Menschen ein Recht auf Ruhe. Die anderen sind lästig und besser wäre es, es gäbe sie nicht. Das ist ein Grundproblem unserer Gesellschaft. Aber: das ist nicht auf Kinder beschränkt. Überprüft hier alle mal die eigene Nase.
    Wie oft nehmen sich Eltern furchtbar wichtig, beziehen alles auf sich. Und erwarten, dass sich alles um sie zu drehen hat, weil sie Kinder haben. Mütter, die so mit Ihrem Kind sprechen, dass man es 30m weiter hört, um zu zeigen, was für eine tolle Mutter sie sind. Väter, die ihren Kinderwagen im schlauchförmigen Steh-Café parken wollen, wo für jeden erkennbar kein Platz ist. Wenn der Besitzer sie bittet ihn draußen abzustellen, behaupten sie, Deutschland sei kinderfeindlich(!). Kinderwagen und schwer bepackter Sackkarren: wer weicht selbstverständlich nie aus? Usw.
    Die These, dass die Leute (hier) Kinder lästig finden ist vor allem: Eine falsche Behauptung, in die Welt gesetzt von Eltern, die glauben, sie und Ihre Bedürfnisse seien wichtiger als alle anderen. Kinder werden benutzt - für ein nützliches Totschlagargument.

    wie es im Artikel beschrieben wird, waren es die Erwachsenen, die gequengelt haben.

    Fuer mich Deutsche Bahn ist ein Greuel! Jedesmal wenn ich mit meinen Kindern meinen Deutschlandbesuch von Italien antrete, und in Muenchen den italienischen Zug verlasse, verlasse ich auch die italiensche Gelassenheit.

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  • Quelle Leserartikel
  • Schlagworte Bevölkerung | Geburtenrate | Atmosphäre | Familienpolitik | Frankreich | ICE
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