Geburtenrate : Deutsche finden Kinder nervig

Die niedrige Geburtenrate in Deutschland hat nichts mit fehlenden Kitaplätzen zu tun, sondern mit fehlender Toleranz.
In einer Pariser Brasserie scherzt ein Kellner mit einem Kind. ©Fred Dufour/AFP/Getty Images

Regelmäßig lese ich Artikel über die Familienpolitik in Deutschland. Da werden mehr Kitaplätze gefordert, mehr Kindergeld – anscheinend hofft man, die Geburtenrate mit finanziellen Anreizen ankurbeln zu können. Die Geburtenrate liegt in Deutschland bei 1,36 Kindern pro Frau.

In Frankreich liegt die Geburtenrate bei 2,03 Kindern pro Frau. Ich selbst lebe in Frankreich, bin Mutter eines Sohnes und habe oft das Gefühl, das eigentliche Problem des Kindermangels in Deutschland ist kein finanzielles oder politisches. Vor einigen Tagen habe ich das auf schmerzhafte Weise erfahren müssen.

Um 6.30 Uhr steige ich mit meinem zweieinhalbjährigen Sohn in Mannheim in den ICE nach München. Schwere Unwetter hatten zu massiven Verspätungen geführt, wir sind seit 35 Stunden unterwegs. Im Zug sitzen vor allem Geschäftsreisende, wir passen hier ganz eindeutig nicht ins Bild. Bei all meiner Müdigkeit nach 35 Stunden auf der Reise respektiere ich die schlafenden oder arbeitenden Menschen, so gut es mit einem Kleinkind geht.

Nach Ulm beginnt es hinter mir zu zischeln, ich höre ein recht laut gestöhntes "Sooo nervig". Wir verlassen den Großraumwagen, damit wir auch mal etwas lauter werden können. Durch die Glastür beobachte ich, wie die Männer, die auf den Plätzen hinter unseren sitzen, den vorbeikommenden Schaffner aufhalten. Sie zeigen mit dem Finger auf mich, obwohl ich sie direkt ansehe, und fordern vom Zugpersonal, mich aus dem Abteil zu entfernen.

So offen wird mir also gezeigt, dass ich als Mutter mit Kleinkind unerwünscht bin. Die Reisenden halten einen respektvollen Umgang mit mir offensichtlich nicht für notwendig. Obwohl man annehmen darf, dass sie über einen hohen Bildungsgrad und gute Manieren verfügen, sind sie nicht in der Lage, mich direkt anzusprechen und zu versuchen, gemeinsam eine Lösung zu finden. Stattdessen tuscheln sie hinter meinem Rücken, so dass ich es hören kann, zeigen mit dem Finger auf mich, so dass ich es sehen kann, und bitten den Schaffner, die unangenehme Sache in die Hand zu nehmen. Dafür wird er ja schließlich bezahlt.

Der Schaffner drückt es so aus: "Da gibt es Herren, die fühlen sich auf den Schlips getreten." Es war nicht meine Absicht, auf dem Schlips von irgendeinem Herrn herumzutreten. Andersherum, wer trampelt denn hier auf wem herum? Wir werden in ein sogenanntes Kinderabteil umgesiedelt, von dessen Existenz ich nicht wusste und welches vollständig von Bahnmitarbeitern besetzt ist, die uns dann aber Platz machen. Und dort geht es uns auch wirklich besser. Das heißt, meinem Sohn geht es besser, er ist erleichtert, der eisigen Atmosphäre entkommen zu sein. Mir selbst steigen Tränen der Erniedrigung und der Wut in die Augen.

Solange in Deutschland Kinder und somit auch deren Mütter bei einem Großteil der Bevölkerung nicht willkommen sind und vom sozialen Leben ausgeschlossen werden, wird die Geburtenrate nicht ansteigen.

In Frankreich fahren wir oft mit dem Zug. Einmal saß neben uns ein in seine Arbeit vertiefter Geschäftsmann. Als mein Kind zu quengeln begann, zog er einen Keks aus der Aktentasche und überreichte ihn meinem Sohn mit breitem Lächeln. Problemlösung auf andere Art.

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Kommentare

486 Kommentare Seite 1 von 50 Kommentieren

Kinder später bekommen wirkt sich auf die Zahl aus

Die Kennzahl der Fertilitätsrate drückt aus wieviel Kinder die Frauen bekommen wenn sie so viele bekämen wie im Moment. Wenn viele Frauen das aufschieben, dann verringert sich die Zahl.

Wieviele Kinder eine Generation von Frauen bekommen hat, kann man erst feststellen wenn die Übergroße mehrheit keine Kinder mehr bekommen kann. diese Größe heißt dann Kohortenfertilitätsrate.

Ruhewas?

Meinst du etwa die Ruhebereiche, die nun wirklich jeder Mitfahrer nach Belieben ignoriert, weil es ihm passt und der Zugbegleiter letztlich keinerlei Rüge aussprechen darf?

Ach so, die. Ja, wenn da mal eine Kleinkind ... äh. Ein durchschnittliches zweieinhalbjähriges Kleinkind macht meist nicht viel, es weint vor allem kaum (was man, trotzdem man es einem Säugling nicht vorwerfen kann, durchaus unterträglich finden kann). Es wird mal etwas lauter, übersteigt aber selten die Lautstärke von einem der vielzähligen Handygespräche in besagten 'Ruhebereichen'.

Mord- und Selbstmordrate in Frankreich u Schweden sind höher

als in Deutschland. Frankreich ist sogar das suizidalste Land der westeuropäischen Länder und hatte in 2011 mehr absolute Fälle von Selbstmord als Deutschland, obwohl dort 17 Millionen Menschen weniger leben. Das ist signifikant, wie ich meine. Nach jüngeren Forschungen weisen Suizidopfer eine bis zu dreimal so hohe Traumatisierungsrate in der Kindheit auf, wie die Durchschnittsbevölkerung. http://www.fabtext.de/mag...

Definitionsfrage

"....Und ein sensibles, liebevolles Elternhaus kann schon dreimal nicht durch Ganztagskrippenbetreuung ersetzt...."

Was heißt denn "sensibel" und "liebevoll" für Sie? Warum kann eine Kindergärtnerin nicht senmsibel oder liebevoll sein? Kennen Sie überhaupt Ganztagsbetreuung und/oder Kindergärten oder war es für Sie immer schon klar, daß das ganz, ganz schlimm wäre für Ihr Kind?

Methodologisch Mumpitz (@ 254, bergstroem)

""Je mehr Stunden die Fremdbetreuung umfasste, umso häufiger wurde [..] ermittelt, dass die Mütter weniger sensibel mit dem [...] Kind spielten und sich häufiger negativ [...] verhielten."

Wie misst man denn, wie sensibel jemand mit einem Kind spielt? Und was genau konstituiert "negatives" Verhalten?

""Die Untersuchungen [...] ergaben, dass früher beginnende Betreuungsverhältnisse mit besseren Ergebnissen bei kognitiven und Sprachtests in Bezug standen, aber auch laut den Betreuer/innen mit mehr problematischen und weniger prosozialen Verhaltensweisen. Eine von der Stundenzahl her längere Fremdbetreuung führte zu mehr Verhaltensauffälligkeiten und Konflikten."

""Laut den Betreuer/innen" also - ja, da sklingt nach beinharter Objektivität. Und was genau sind "problematische" bzw. "prosoziale Verhaltensweisen? Obliegt die efinition auch den Beteruer/innen? Und was die Konflikte angeht: Vielleicht sind fremdbetreute Kinder ja einfach ein bisschen unabhängiger und nicht ganz so gefügig. Das kann man dann schon mal als "problematisch" sehen.

"Die Behauptung, ein vernachlässigendes Elternhaus könne durch eine hochwertige Krippenbetreuung korrigiert werden, ist mithin unrichtig."

Diese Behauptung ist mit den genannten Details aus der Studie leider weder zu bestätigen noch zu widerlegen, weil die methodologisch so problematisch sind, dass man sie in die Tonne kloppen kann.

Aber was macht's, wenn man sie verwenden kann, um die eigenen Vorurteile bestätigt zu sehen, gelle?

Wenn Sie den Wissenschaftlern der Studie "Mumpitz" vorwerfen

möchten, dann lesen Sie vorher die Studie im Original. Ich habe nur auf den Link eines Forenteilnehmers reagiert, wo eine zusammenfassende, sicher nicht vollständige Darstellung der Studie abgebildet war. Gerne können Sie ihre Mumpitz-Kritik in einschlägigen Fachjournalen zum Besten geben. Bis Ihre sicher vielbeachtete Meinung veröffentlicht wird, halte ich mich einstweilen an die vorläufigen Untersuchungsergebnisse.

Problematisches Verhalten (@ 371, bergstroem)

Liebe(r) bergstroem, wir kennen die Details der Studie beide nicht. Die in der Zusammenfassung dargestellten Details lassen allerdings keine "Untersuchungsergebnisse" zu, nicht mal vorläufige, weil die verwendeten Kategorien zu ungenau sind. Daraus kann man keine Schlussfolgerungen ziehen, auch wenn man es noch so gerne möchte. Darauf habe ich hingewiesen. Aber Sie können mir ja gerne erklären, wie man beurteilt, ob ein Elter "sensibel" mit einem Kind spielt, und wo "problematisches" Verhalten anfängt.

Die Suizidrate der Schweiz ist nicht signifikant anders als

die in Deutschland, also viel niedriger als die in Frankreich. Falls Sie sich auf das bei Wikipedia abgebildete Jahr 2005 beziehen, dann unterläuft Ihnen ein Irrtum. Als Suizid wurde in der Schweiz bis 2009 nämlich auch jeder Fall von Sterbehilfe gewertet, was die Statistik völlig verfälscht hat. Zumal ja gerade Auländer dorthin fahren, um Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen, es sich also gar nicht um Schweizer handelt. Seit 2009 wurde die Schweizer Statistik um die Sterbehilfefälle bereinigt, was die Suizidrate gleich mal um 20% sinken ließ.
http://www.srf.ch/news/sc...
Mit gesellschaftlichen Phänomenen Polens kenne ich mich nicht aus und kann daher auch nichts dazu sagen.

Schwammig

"....seine Bedürfnisse wahrzunehmen und adequat und geduldig darauf zu reagieren..."

Was ist adäquat?

"....das Kind (...) zu Trösten, wenn es des Trostes bedarf"

Darüber, wann das sein muss, dürfte es durchaus unterschiedliche Ansichten geben. Ich halte es ebenfalls für ganz gut, manchmal eben NICHT sofort zu trösten - etwa nach einem Streit mit einem anderen Kind. Da hielte ich es z.B. für angebracht, das Kind erstmal zu fragen, was es denn selbst vielleicht getan hat.

"....mit ihm zu interagieren, ohne es zu überfordern, ihm die nötige körperliche Zuwendung zu geben und den Schutz vor der Welt, den es noch braucht etc..."

All das sind völlig undefinierte Begriffe. Wann ist ein Kind überfordert? Wieviel Zuwendung ist nötig? Welche Art Schutz? Vor "der Welt"? Wie genau?